Abendlicht, Sonnenuntergang: Motiv und Metapher

By norberto42

Bei Christa Wolf: Kassandra (Edition SZ, 2007, S. 150) ist mir erstmals aufgefallen, wie das genannte Motiv literarisch ausgeschlachtet wird. Kassandra sitzt also auf dem Wagen und erlebt, wie sie auf das Abendlicht wartet, das sie so oft mit Aineias gesehen hat: „Das Licht der Stunde, eh die Sonne untergeht. Wenn jeder Gegenstand aus sich heraus zu leuchten anfängt und die Farbe, die ihm eigen ist, hervorbringt. Aineias sagte: Um sich vor der Nacht noch einmal zu behaupten. Ich sagte: Um den Rest von Licht und Wärme zu verströmen und dann Dunkelheit und Kälte in sich aufzunehmen. (…) So lebten wir, in der Stunde vor der Dunkelheit. Der Krieg… lag schwer und matt, ein wunder Drachen, über unsrer Stadt.“ Dieses Licht hat sie auch beim Abschied von Aineias gesehen (S. 154), ebenso beim Abschied von Myrine (S. 8).

   Hier wird mit dem Abendlicht zweifach gespielt: Einmal ist es ein Licht besonderer Klarheit, anderseits ist es das Licht vor der Finsternis der Nacht; der Sonnenuntergang wird zur Metapher des Untergangs überhaupt.

   Die gleiche Doppeldeutigkeit begegnet in W. Grossmans großem Roman „Leben und Schicksal“ (2007). Lehnard fährt zum Stab der eingekesselten 6. Armee: „Und plötzlich beleuchtete die untergehende Sonne die Straße, das tote Haus. Die ausgebrannten Augenhöhlen der Häuser füllten sich mit eisigem Blut…

Das abendliche Licht besitzt die Eigenschaft, den Kern des Geschehens aufzudecken und den visuellen Eindruck in ein Bild zu verwandeln – in eine Geschichte, in ein Gefühl, in ein Schicksal. (…)

Es war ein Bild wie aus Urzeiten. Die Grenadiere, der Stolz der Nation, die Erbauer Großdeutschlands, warem vom Siegespfad gestoßen worden.

Als er diese in Lumpen gehüllten Männer betrachtete, erkannte Lehnard mit dem Feingefühl des Dichters: Da ging die Sonne unter, verlosch, und mit ihr ein Traum.“ (S. 883, die ganze Seite ist bedeutsam; das Motiv taucht dann S. 886 noch einmal kurz auf.)

   Ich habe im Internet nicht viel gefunden:

http://www.angelfire.com/d20/wanderer0/lyrik_prosa_bruno.html#P_R_O_S_A__SU (Bilder, Lyrik, Prosa: Sonnenuntergang)

http://www.schremmer.de/Atmosphare/Sonnenuntergang/body_sonnenuntergang.html (Erklärung der roten Lichtfarbe)

http://www.solstice.de/cms/upload/Vortrag/campenha/PDF.HTM (Farbsehen)

Bei google gibt es viele Bilder unter den Stichworten „Abendlicht, Abendsonne; Sonnenuntergang“.

   Mir persönlich erscheint das Motiv, dass man in diesem Licht die Dinge wahrer als sonst sieht, fragwürdig – die Schriftsteller brauchen wohl ein Medium, um „die Wahrheit“ sehen oder zeigen zu können?! In Wahrheit ist es jedoch mit der Wahrheit nicht so einfach, dass man nur ein bestimmtes Licht einschalten müsste, um sie zu erkennen; solche Hoffnungen konnte man sich allenfalls in den Zeiten der „Aufklärung“ machen, wo man dem finsteren Mittelalter das Licht der Vernunft entgegensetzte. Wie korrumpiert die Vernunft sein kann, kann man bei Grossman nachlesen, bei Wolf übrigens auch (wenn auch nicht so gut).

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