Dorothee Sölles Geschichtsschreibung

By norberto42

Ich erinnere mich an Dorothee Sölle: Leiden, 1973; ich habe das Buch seinerzeit für die FH rezensiert (Mai 1974, S. 377 f.). Frau Sölle war damals schon aufs feministische Empfinden verpflichtet – ich habe dabei in meiner Kritik bemerkt, dass ich in ihren Mitleidens-Gesängen einen arroganten Ton hörte. Sie hat nämlich „an eine aus der Nazizeit überlieferte Geschichte eine Physikers erinnert, dessen Sohn im Widerstand arbeitete und verhaftet wurde. Die Nazis boten dem Vater die Freilassung des Sohnes an, wenn er zugleich eine Ergebenheitsadresse an das Regime veröffentlichte. Der Vater verhilt sich wie Abraham.“

Zuerst kurz ein Kommentar: sich wie Abraham verhalten, das ist in Anspielung auf Gen 22 gesagt, wo Abraham bereit war, seinen Sohn Isaak auf Gottes Befehl zu opfern oder zu schlachten. [Die Exegese dieser Stelle lassen wir jetzt beiseite, auch da war Sölle nicht auf dem Stand der historisch-kritischen Forschung.] Sich wie Abraham verhalten, das heißt also: männlich-paternalistische Härte und Gefühllosigkeit zeigen, die Prinzipien über den lebendigen Menschen stellen und so weiter, wie ordentliche Feministinnen halt den kritischen Ton treffen.

Bereits damals habe ich darauf hingewiesen, dass der Physiker Max Planck war und dass „eine Ergebenheitsadresse“ an die Nazis auch nicht unproblematisch gewesen wäre. Anlässlich des Geburtstagsjubiläums des großen Physikers Planck [* 23. April 1858] hörte ich gestern im Rundfunk (WDR: Zeitzeichen), wie es wirklich gewesen ist. Plancks Sohn war also in die Verschwörung des 20. Juli 1944 verwickelt und verhaftet worden; darauf schrieb sein Vater Max sowohl an Himmler wie an Hitler mit Berufung auf seine Verdienste fürs Vaterland einen Bittbrief, man möge seinen Sohn nicht hinrichten und den Wunsch eines 87jährigen respektieren. Beiden Briefen war kein Erfolg beschieden, Hitler antwortete nicht; Erwin Planck wurde am 23. Januar 1945 in Berlin hingerichtet.

Wenn man die historische Wahrheit mit Dorothee Sölles „Geschichtsschreibung“ vergleicht, wird einem leicht schlecht: wie die Fakten zugunsten feministischer Erregung manipuliert werden. Im Zusammenhang mit meinen Arbeiten an Wolfs „Kassandra“ bin ich auch auf die feministischen Matriarchatskonstruktionen gestoßen; da geht das Phantasieren ungebremst weiter. Es gibt richtige Profis in Sachen Feminismus-Matriarchat, vgl. meine Analysen unter http://logos.kulando.de (dort unter „Romane“).

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