Goethe: Grenzen der Menschheit – Analyse

Wer ein bisschen von Goethe versteht, weiß, dass (der ältere) Goethe dieses Gedicht mit „Prometheus“, „Ganymed“ und „Das Göttliche“ stets zusammengestellt hat. Wir wissen das also und befassen uns mit dem Gedicht – und wer noch ein bisschen mehr tun will, kann sich auch den drei anderen Gedichten zuwenden.
Es spricht ein lyrisches Ich, offensichtlich ein Mensch und kein Heros wie einst Prometheus. Mit wem, zu wem spricht das Ich? Ja, warum tut es diese Äußerung über die „Grenzen der Menschheit“? Es bekennt zunächst seine Unterwürfigkeit gegen den großen Gott (1. Str.), den wir seiner Blitze wegen als Zeus identifizieren können. Mit einer Mahnung, sich nicht mit den Göttern messen zu wollen (V. 11-13), leitet es zu einer Beschreibung der menschlichen Möglichkeiten über (2. und 3. Strophe): Der Mensch ist zu klein für den Lebensraum, den er sich aneignen will, von der Erde bis zu den Sternen. Es folgt abschließend die beinahe philosophische Frage: „Was unterscheidet Götter von Menschen?“ (V. 29 f.) Diese Frage wird in zwei Bildern beantwortet, in denen sich zeigt, wie klein der einzelne Mensch im Vergleich zur ganzen Menschheit ist – von den Göttern ganz zu schweigen.
Diese beiden letzten Strophen scheinen mir das innere Ziel der ganzen Äußerung zu sein, welche mit einem Bekenntnis beginnt (dass das Ich sein frommes Handeln nur beschreibe, kann man kaum denken) und über die Mahnung, nicht vermessen zu werden, in der Reflexion endet. In den ersten drei Strophen spricht das Ich in langen Sätzen, ohne sich an ein Metrum zu binden. In der ersten Strophe kann man dies einerseits aus seiner religiösen Ergriffenheit („Schauer“, V. 9) erklären, zum anderen aus der Fülle der göttlichen Vollkommenheit: Die Prädikate des himmlischen Vaters sind zahlreich. Uralt, also ewig ist er (V. 1), heilig und Vater (zumindest) der Menschen, deshalb auch gelassen in der Blitzaktion (V. 3); segnend sendet er Blitze – womit der ewige Gott als Zeus zu identifzieren ist, neben dem es andere Götter (2. Str.) gibt. Ruhig spricht das Ich; kurze Verse machen es möglich, oft kleine Sprechpausen einzulegen. Öfter ist die erste Silbe betont, so vor allem in den letzten vier Versen, in denen das Ich seine totale Unterwerfung bekundet: den Saum des letzten Kleides küssen, kindlich (gegenüber dem „Vater“) ergeben sein, treu sein in der Ergriffenheit (V. 7-10). Einige Alliterationen binden Wörter aneinander (segnend /sä‘t; Saum / seines). Wenn man das Gedicht eine Ode nennt (eine Art Hymne, jedoch feierlich-lehrhaft), erfasst man den ruhigen Gesamtton des Sprechens.
Mit der Konjunktion „denn“ scheint das Ich eine Begründung einzuleiten; doch ist dieses Verständnis von „denn“ unhaltbar: Wozu sollte der religiös Ergriffene noch etwas begründen? In seiner Erfahrung ist das Göttliche übermächtig präsent – alles Argumentieren wäre vermessen. Viel eher würde zur Mahnung, dass kein Mensch sich mit Göttern mssen soll, ein einleitendes „deshalb“ oder „also“ passen: Ja, so ist es, wie die alte griechische Warnung vor der Vermessenheit, der Hybris des Menschen besagt (V. 11-13). In den beiden Strophen 2 und 3 wird nun ein merkwürdiges Missverhältnis beschrieben, woraus sich ergibt, dass dem Menschen Vermessenheit nicht ansteht: Es ist das Missverhältnis zwischen der Größe des Menschen vom Scheitel bis zur Sohle (V. 16, V. 18) und dem Raum, den er vielleicht bewohnen will: von den Sternen bis zum Erdboden. Indirekt warnt hier das Ich davor, sich zu den Sternen zu erheben; denn wer das tut, verliere den Boden unter den Füßen (unsichere Sohlen, ein Spiel der Elemente); Ort des Menschen, wo er sicheren Stand findet, sei die Erde (V. 21-25) – aber dort kann er sich nicht einmal mit den emporstrebenden Pflanzen messen („vergleichen“, V. 28). An seinen Möglichkeiten gemessen, hat jeder einzelne Mensch Grund, nicht vermessen zu werden; das ist das Ergebnis dieser Betrachtung (meditatio) – so könnte man vielleicht die Haltung des sprechenden Ichs bezeichnen. Es erkennt den Kontrast zwischen dem Festen (fest, markig, wohlgegründet) und dem Unsicheren (2. – 3. Str.), die Differenz zwischen der Größe des Menschen (geringer als Rebe und Eiche) und der Weite des Denk- und Phantasieraumes: bis zu den Sternen (V. 15 f.).
Nach dieser Betrachtung setzt das Ich zu einer Reflexion an: „Was unterscheidet / Götter von Menschen?“ Diese Frage wird nur indirekt beantwortet: Das Ich erklärt in zwei Bildern, wie klein der einzelne Mensch im Hinblick auf die ganze Menschheit ist, und sagt dann eigentlich nur: „Darüber hinaus noch die Götter!“ In der klassischen Begrifflichkeit würde man sagen, es beschreite die via eminentiae (Steigerung positiver Eigenschaften ins Unermessliche, sodass ein absolutes Ideal entsteht).
Das erste Bild ist das der vielen Wellen, die sich zum ewigen Strom verbinden: Doch bereits eine einzige Welle hebt und verschlingt uns, also den einzelnen, sodass wir „versinken“, also nicht mehr sind. Dem steht der ewige Strom gegenüber, und selbst der ewige Strom wandelt nur „vor jenen“ (V. 32); sie sind also nicht der ewige Strom, sondern noch strom-überlegen, strom-erhaben. Hier ist das Bild an seine Grenzen gestoßen, weil die Götter vor oder jenseits des Stroms nicht mehr beschrieben werden. Ähnlich ist es mit dem zweiten Bild von Ring und Kette: Ein kleiner Ring begrenzt unser einzelnes Leben (V. 37 f.); die ganze Folge der Geschlechter bildet eine unendliche Kette (V. 42, „ewiger Strom“ parallel „unendliche Kette“ – das Pronomen „ihres“ bezieht sich m.E. auf „Geschlechter“, V. 41 -> 39 – oder doch auf „Götter“?). Hier sehen wir den Kontrast vom kleinen Ring und der unendlichen Kette. Und was tun die Götter? Sie tun entweder nichts (nach der vorliegenden Lesart, seit dem Druck von 1789), oder sie sind diejenigen, welche die Ringe zur Kette aufreihen – so die Lesart in Goethes und Herders handschriftlicher Fassung des Gedichts („Reihen sie dauernd“, V. 40, nach der HA). – Hier sieht man übrigens, dass es nur Lesarten „des Textes“ gibt; in der Freiburger Anthologie hat man sich für die gedruckte Fassung „sich“ entschieden, Trunz in der HA entscheidet sich für das handschriftliche „sie“.
Auch in der letzten Strophe erkennt man die Steigerung der via eminentiae: kleiner Ring, begrenzt unser Leben / viele Geschlechter, dauernd / des Daseins unendliche Kette / darüber hinaus: die Götter. Dem Menschen ist die Erde zugewiesen; und ihm sind empfohlen: Bescheidenheit und frommes Staunen.

Vgl. meinen Aufsatz über das Bild von Ring und Kette bei Goethe (bei „Die Metamorphose der Pflanzen“);
Segebrecht, Ursula: Besonnene Bestandsaufnahme. Zu Goethes Grenzen der Menschheit. In: Gedichte und Interpretationen 3. hrsg. von Wulf Segebrecht, Stuttgart 1984, S. 25 ff.; Segebrecht ordnet u.a. die vier Elemente den ersten vier Strophen des Gedichtes zu, sieht aber durchaus einen logischen Aufbau dominierend.
Im Stundenentwurf http://nibis.ni.schule.de/~sts-h23/4b1/entwurf_b.htm ist die Sachanalyse interessant; doch finde ich die Zuordnung der Figur Ganymed zur 2. und die des Prometheus zur 3. Strophe problematisch.
Karl Otto Conrady erwähnt das Gedicht in seiner Goethe-Biografie (Goethe. Leben und  Werk: Bd I, 1982, S. 407 ff.); er ordnet die unterwürfige Haltung des Gedichts, in dem die Grenzen der Menschheit betont werden, einer krisenhaften Situation Goethes nach fünf Jahren Verwaltungsarbeit in Weimar zu, wo jener Ausschau gehalten habe „nach Dauerhaftem, das Ruhe und Sicherheit geben könnte, nach größeren Gesetzen, nach etwas Allgemeinem , in dem die Verworrenheit des Besonderen und Alltäglichen aufgehoben wären. Die Naturstudien, die er begann, dienten auch diesem Zweck.“ (S. 410) Conrady bewertet die vom Sprecher ausgedrückte Unterwürfigkeit, die leicht in Politische übertragen werden konnte, als bedenklich.
Am kritischsten sieht Terence James Reed (Goethe-Handbuch. Bd. 1 Gedichte. Hrsg. von Regine Otto und Bernd Witte, 1996, S. 198 ff.) das Gedicht. Er nennt es „einen frühen Gehversuch in der Gedankenlyrik“; das Ich der 1. Strophe ist ihm nur „der blasse Singular einer anthropologischen Verallgemeinerung“ – es fehle die Anbindung an Konkretes, es fehle das geschlossene Bild. Allenfalls biete die letzte Strophe etwas Neues; hierzu diskutiert Reed die Lesarten „sie / sich“ intensiv.
Das Gedicht (eine Ode) steht uns als Beispiel dafür, dass Goethes Sturm-und Drang-Zeit vorbei ist, dass er neue Formen des Dichtens sucht; griechisch-antike Göttervorstellungen geben nun „die Folie ab für eine neue reflexive Lyrik“, welche nicht nur einen Wandel seines Menschenbildes, sondern auch eine gewachsene Neigung Goethes „zum Lehr- und Gleichnishaften“ bezeuge (Metzler Goethe Lexikon. Hrsg. von Bededikt Jeßing u.a., 1999, S. 208).

Zu diskutieren ist
* der Aufbau: Strophe 1 / Strophe 2 -5; oder Str. 1 / 2 und 3 / 4 und 5; oder Str. 1 – 4 / Str. 5 (an Elementen orientiert);
* das Prinzip, nach dem man den Aufbau bestimmt (dinglich oder vom Sprechen bzw. der Sprechweise her);
* die Frage, ob „denn“ in V. 11 wirklich kausal gemeint ist, was ich bezweifle;
* die Bedeutung von V. 25 (eine Frage aus dem Unterricht!);
* die Frage, was überhaupt mit „die Sterne berühren“ und „auf der Erde stehen“ gemeint ist (Reed!);
* die Frage, ob die Bilder „Welle-Strom“ und „Ring-Kette“ streng analog sind;
* die Lesart „sie / sich“ in der 5. Strophe und die Verortung der Kette (bei den Göttern oder bei den Menschen).

http://www.nibis.de/~sts-h23/4b1/entwurf_b.htm (Stundenentwurf) http://www.mgf-kulmbach.de/faecher/deutsch/aufsatz/oberstufe/gedicht_01.htm (Schüler)
Rezitation:
http://www.deutschelyrik.de/clubs/Lyrik/prod/Grenzen%20der%20Menschheit%20Goethe)jaa.mp3 (Stavenhagen)
Vertonung: http://www.youtube.com/watch?v=B-Qg41RwLcI (Schubert)

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