Trakl: Verfall – Analyse

In dem 1913 veröffentlichten Gedicht Trakls beschreibt ein lyrisches Ich, wie es im Herbst bzw. in einer Situation des Glücks dessen Verfall erlebt. In den beiden ersten Strophen des Sonetts wird noch nicht deutlich, dass das Ich ein Erlebnis berichtet; es scheint so, als spräche es von dem, was es regelmäßig „am Abend“ (V. 2) im Herbst (V. 5) erlebt. Vielleicht trägt dazu der Umstand bei, dass das Ich nur von seinen Wahrnehmungen spricht und diese ganz allgemein datiert als „am (nicht mit anderen Ereignissen synchronisierten) Abend“ sich ereignend.

Das Ich beschreibt also in einem einzigen Satz, was es wahrnimmt: das Erlebnis, dass es „am Abend“ Glocken läuten hört und Scharen von Zugvögeln fliegen sieht (V. 2-4). Was vernimmt das Ich in seinen Wahrnehmungen? Es hört, wie die Glocken „Frieden“ läuten (V. 2); es sieht wundervolle Vogelzüge (V. 3), die es mit „frommen Pilgerzügen“ vergleicht. Beiden Wahrnehmungen eignet also unterschwellig eine religiöse Qualität; sie erwecken in dem betrachtenden Ich die Ahnung einer letzten Vollendung aller Wege und Reisen; die Vögel entschwinden in „klaren Weiten“ (V. 5), und das Ich folgt ihnen (V. 3), zumindest mit seinen Blicken, vermutlich auch mit seiner Sehnsucht.
Seine einzige Tätigkeit, das Folgen, ist durch die Synkope („folg“, V. 3) aus dem ruhigen Fluss des jambischen Sprechens herausgehoben; durch den Reim (hier umarmender Reim) werden die Flüge der Vögel noch einmal an die mit ihnen verglichenen Pilgerzüge gebunden, die „klaren Weiten“ des Ziels hingegen ans „Frieden Läuten“, womit die Dimension des Friedens in die unendliche Weite aller Ziele ausgedehnt wird. In den ersten drei Versen sind „Frieden“, „wundervoll“ und „fromme Pilgerzüge“ die betonten und damit Sinn tragenden Wörter. Das Ich spricht ruhig; hinter jedem Vers bildet sich wegen der weiblichen Kadenz im jambischen Sprechen eine kleine Pause; größere Pausen entstehen nach V. 2 und V. 4, weil dort Sätze enden. Wegen des umarmenden Reims lässt die Assonanz in V. 3 und V. 4 ebenfalls den Sprechen ganz kurz innehalten – der erinnerte Reimlaut fordert sein Recht.
In der zweiten Strophe spricht das Ich mehr von sich selbst und auch von dem Ort, wo es sich befindet: „Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten / Träum ich…“ (V. 6 f.). Mit dem Partizip „hinwandelnd“ beschreibt es sich als ebenso in Bewegung befindlich wie die Vögel (vgl. die Wiederholung „folg“, V. 9); das Wort erinnert an das christliche Bild vom homo viator, der auf Erden nur Gast ist und zur himmlischen Heimat pilgert. Damit wird die religiöse Bedeutung des Glockenläutens (vermutlich das Ave Maria der Abendglocke) und des Pilgerzug-Vergleichs unterstrichen; das Ich geht allerdings nicht auf ein bestimmtes Ziel zu, sondern nur durch den Garten „hinwandelnd“. Das Verb „wandeln“ gehört der gehobenen Sprache an und weist deutlich religiöse Bezüge auf [Wortschatz der Uni Leipzig: „Teilwort von: auf seinen Spuren wandeln, auf ihren Spuren wandeln, sich wandeln in, auf Gottes Pfaden wandeln, gerade seinen Weg wandeln, auf abschüssigen Pfaden wandeln, gottlos wandeln, den Weg der Tugend wandeln, auf dem Sündenwege wandeln, in Gleichstrom wandeln, die Bahn der Tugend wandeln“]. Der Garten wird als dämmervoll wahrgenommen (V. 6); die helleren Ziele der Vögel stehen dazu im Kontrast, sie sind entsprechend Gegenstand der Sehnsucht, das lyrische Ich träumt von ihnen, erträumt und ersehnt sie für sich; durch eine Synkope („träum“ betont) wird das träumende Sehnen ins Blickfeld gerückt.
Durch den Reim „Geschicken / rücken“ (V. 7 f.) bindet das Ich seine Sehnsucht nach dem Hellen mit dem gegenwärtig erlebten Glück zusammen. Dass es das Verstreichen oder Vergehen der Zeit nicht mehr wahrnimmt (V. 8), erscheint als Folge seines Sehnens, zumindest damit verbunden (Konjunktion „und“, V. 9). Abschließend deutet es erneut an, dass es gar „über Wolken“ dem Vogelflug folgt (V. 9).; vielleicht hat es sich aus der Gegenwart verabschiedet und im Geist ihrem Flug angeschlossen.

Mit dem betonten „da“ (V. 9) beginnt das Ich in den Terzetten zu beschreiben, wie es einen „Hauch von Verfall“ vernimmt und davon erschüttert wird; es wird durch einen bloßen „Hauch“ aus dem transzendierenden Träumen gerissen (vgl. Hebbel: „Sommerbild“). Es vernimmt, wie die Amsel nicht flötet, sondern (personifiziert) „klagt“; das ist der Gegenklang zu den läutenden Glocken, aber eben in der Nähe. Auch dass die Zweige „entlaubt“ sind, ist Zeichen des Verfalls der Lebewesen. Weitere Zeichen des Verfalls sieht das Ich: das Schwanken des Weins (V. 11) an den „rostigen“ Gittern (Alliteration rot – rostig, vgl. die f-Alliteration in V. 2). Auch die Astern neigen sich, gar „fröstelnd“: Die Personifikation zeigt, dass dieses Frösteln die Menschen angeht, dass sie gleichermaßen vom Verfall bedroht sind. Das wird auch in dem Vergleich „wie blasser Kinder Todesreigen“ angedeutet, mit dem die Astern zum zweiten Mal aufs menschliche Vergehen verweisen. „dunkel“ (statt „dämmervoll“ oder gar „klar“, V. 5 und V. 4) und „verwittern“ sind weitere Boten des Verfalls. „um dunkle Brunnenränder“ könnte Adverbial zu „neigen“ sein, aber auch Attribut zu „Todesreigen“; die gleiche Unbestimmtheit ist bei „über Wolken“ (V. 8) auszumachen; sachlich ist aber ohne größere Bedeutung, für welche Lesart man sich entscheidet.
In der Anfangsstellung werden, abweichend vom Taktschema, „Folg“ (V. 2), „Hin-“ (V. 5), „Träum“ (V. 6) und „So“ (V. 8) betont; „Da“ (V. 9) ist bereits genannt. Durch diese Abweichung von Taktschema kommt etwas Spannung oder Leben ins Sprechen. Das Reimschema in den beiden Terzetten ist ein dreifacher Paarreim. Die Semantik der Reime könnte man leicht aufschlüsseln: Wie das Ich aus seinem „Garten“ sich wegträumt und an den „Fahrten“ der Vögel bei ihrer Himmel-Fahrt teilnimmt, wenn auch nur träumend (V. 5 / 8), usw.

Es ist interessant, dieses Erlebnis der Natur-Transzendenz (Vogelflug als Himmelfahrt) und seine leichte Erschütterbarkeit zu bedenken; wenn man zum Vergleich Psalm 23 heranzieht, sieht man den Unterschied zum religiösen Glauben:
„Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps. 23,4)
Es ist der Stab des guten Hirten, welcher auch im Finstern da ist; das lyrische Ich dagegen kann nur träumend sich aus dem Dämmern entfernen. Wenn es finster und dunkel wird, wird es von den Zeichen des Verfalls eingeholt und erschüttert. Das Ziel des menschlichen Wandels stellt sich von selbst ein: Lebensabend, Frösteln, Tod.

Einige rhetorisch interessante Hinweise findet man in der Analyse bei “antikoerperchen”, obwohl dort auch manches von Fantasie bestimmt ist: http://www.antikoerperchen.de/material/11/. Ferner:
http://www.opus-magnum.de/neumann/trakl/ (E. Neumann: Georg Trakl: Person und Mythos)
http://www.literaturnische.de/Trakl/kaleidoskope1.htm (Werner Schmitt: Zur Dichtung Georg Trakls)
http://www.literaturnische.de/Trakl/material/material-f.htm (Links)

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  1. [...] http://www.lehrer-online.de/lyrik1945-1960.php. 2. In meiner Unterrichtseinheit wurden besprochen Georg Trakl: Verfall (Aufbau eines Sonetts), Gottfried Benn: Requiem, Gottfried Benn: Gesänge (kurz), Georg Heym: Die [...]

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