Schiller: Kabale und Liebe – Analyse wichtiger Szenen

Die Seitenzählung (Seite/Zeile) ist die der Reclamausgabe RUB 33 (2001).

Kurze Analyse I 4
Ausgangssituation: In I 4 treffen erstmals Ferdinand und Luise im dramatischen Geschehen aufeinander, nachdem sie sich offenbar am Vortag noch gesehen haben (vgl. 15/10 f.). Ferdinand (F) hat seiner Luise (L) auch Bücher geschenkt (6/32), Romane, in denen das neue bürgerliche Liebesideal verbreitet wird, und ihr Briefe geschrieben (6/20); er kommt öfter bei Miller zu Besuch; Frau Miller kennt nämlich seinen Gang (14/24). Vater Miller hat seine Bedenken gegen die nicht standesgemäße Verbindung vorgebracht und L bestimmt, F „für dieses Leben“ zu entsagen (14/12). F kommt unvermutet und ohne besondere Absichten, nur um die Liebe bestätigt zu sehen (vgl. 15/10 ff.).
Als er eintritt, sinkt sie „entfärbt und matt“ auf einen Sessel. F erkundigt sich nach ihr, erklärt sein Kommen (15/9-12), glaubt ihren Versicherungen (15/7 f. zweimal „nichts“) nicht und drängt sie, die Wahrheit zu sagen. Von da an, nachdem sie ihn „stumm und bedeutend“ angesehen hat (15/22), bestimmt L das Thema des Gesprächs, auch wenn F bedeutend mehr spricht als L.
L verweist zunächst auf ihren Stand als bürgerliches Mädchen (15/23-25), was F mit dem Hinweis auf die Kraft der Liebe abtut; er macht ihr spielerisch Vorwürfe, solche Bedenken überhaupt zu hegen. L reagiert zwiespältig: Sie fasst seine Hand und schüttelt doch den Kopf, wobei sie ihre Bedenken gegen eine Verbindung erläutert (16/3-7). Sie erschrickt dann, als ob ihr jetzt erst die Kraft ihrer Argumente bewusst würde, lässt seine Hand los und beklagt mit heftigen Ausrufen (drei Rufzeichen, 16/8 f.): „Man trennt uns!“ (16/9) F widerspricht widerum mit dem Liebesargument (16/10 ff.) und setzt darin in vielen Bildern die Kraft der Liebe höher als die Hindernisse der Standesschranken (16/11 ff.). Mit seinen rhetorischen Fragen zeigt er, dass er sich seiner Sache gewiss ist. Als L darauf gar nicht eingeht und ihre Angst vor seinem Vater äußert (16/21), setzt F zu einer Reihe überheblicher Versprechungen an, wie er sie vor allen Gefahren bewahren wolle (sie brauche keinen Schutzengel mehr usw., 16/22 ff.).
L drückt ihn schließlich „in großer Bewegung“ von sich; sie ist aufgewühlt und offenbart ihre Zerrissenheit in Ausrufen und unvollständigen Sätzen (17/3 ff.), will fort und spricht zugleich von ihren wilden Wünschen, von einem Feuerbrand in ihrem Herzen, der nicht gelöscht werden kann (17/9 ff.). Sie stürzt erregt hinaus, F folgt ihr „sprachlos“.
Nicht nur ist in dieser Szene L.s Konflikt, ihr Schwanken, ihre Unentschlossenheit deutlich geworden; in ihren Gesten hat sie sich zunehmend von F entfernt (fällt ihm um den Hals, 15/7, fasst seine Hand und lässt sie dann los, 16/3.8, drückt ihn von sich, 17/3) – doch bekennt sie zugleich, dass sie von wilden Liebeswünschen geplagt wird (17/11). Zugleich verheißt F.s Überheblichkeit nichts Gutes: Er will wie ein Zauberdrache über ihr wachen (16/29 f.). In diesem Bild werden auch überzogene Besitzansprüche angemeldet. – Zu einer Argumentation finden sie nicht; L äußert nur Bedenken, F drückt nur seine Zuversicht in die Kraft der Liebe und die eigene Stärke aus. Als sie auseinandergehen, ist die Situation unklar: L hat sich von F getrennt, der ist sprachlos (17/15), ohne sie zu verstehen (17/7 f.; vgl. 15/26 f.; 16/10 f.).

I 5 – Teilanalyse
Ausgangssituation: Die Szene beginnt mitten in einem Gespräch zwischen dem Präsidenten und seinem Sekretär; dieser hat seinen Chef gerade informiert, dass Ferdinand ein Verhältnis mit einer Bürgerlichen hat, und möchte so Ferdinand bei Luise ausstechen (vgl. 18/23-26). Der Präsident tritt hier erstmals auf; er ist nicht mit bestimmten Absichten in dieses (Dienst)Gespräch gegangen, sondern offenbar gewohnt, zu planen und seine Pläne zu verwirklichen (vgl. 19/29-31).
Man kann in diesem Gespräch vier Phasen erkennen: Zunächst kommentiert der Präsident die Nachricht Wurms, dass Ferdinand eine Bürgerliche liebt (17/20 ff.), die Wurm wohl gern selbst hätte; er spricht belustigt und zynisch, als er dieses Verhältnis als Beleg dafür sieht, dass Ferdinand lügen und so am Hof Karriere machen kann (bis 18/18). Nach Wurms skeptischer Antwort (18/16-18), die die zweite Phase des Gesprächs vorbereitet oder einleitet, diskutieren die beiden, ob hinter Wurms Zweifel nur dessen Eifesucht steht (bis 19/8); der Präsident versucht seinen Sekretär zu beruhigen. In der dritten Phase legt der Präsident zur weiteren Beruhigung Wurms die bei Hof gefassten Pläne über Ferdinands Verheiratung vor, wobei Wurm vorschlägt, wie man den Grund von Ferdinanands vermutlicher Weigerung genau bestimmen kann (bis 20/7). Danach klingt das Gespräch aus und von Kalb erscheint (bis 20/30).
Analyse ab 19/9:
Der Präsident möchte Wurms Bedenken zerstreuen, indem er ihn über den Plan informiert, die Mätresse des Herzogs, Milford, solle Ferdinand heiraten (19/9-23), womit dessen Verhältnis zu Luise ja hinfällig wäre. Wurm lobt den Plan als klug (19/24-26), bezweifelt aber, ob Ferdinand dabei mitspielt (19/26-28). Der Präsident beruft sich dagegen auf seine Macht und will so Wurms Bedenken zerstreuen (19/29-31). Konkret gedenkt er ihre Berechtigung jedoch zu testen, indem er Ferdinand „noch diesen Vormittag“ (19/33) dessen Vermählung ankündigen will; er macht also gegenüber Wurms Bedenken einen kleinen Rückzieher. Wurm will diesen Test wegen der angebotenen Braut nicht gelten lassen und schlägt ihm vor, Ferdinand die beste „Partie im Land“ anzubieten – dann könne man sicher sein, worin Ferdinands Weigerung zu heiraten begründet sei (20/1 ff.).
Das Ende des Gesprächs besteht aus kurzen Wortwechseln, in denen Wurm zur Bekräftigung seiner Sicht die gute Quelle seines Wissens offenbart (20/9 f.) und der erzürnte Präsident dem besorgten Sekretär verspricht, seinen Sohn zu schonen. Sie versichern sich gegenseitig ihre Loyalität (20/16 ff.), die offenbar auch in einem Verbrechen Wurms abgesichert ist (20/24 f.). Zum Schluss erscheint von Kalb, der in I 6 vom Präsidenten in dessen Plan eingespannt wird.
Ergebnis: Der Präsident hatte zwar die deutlich größeren Redeanteile, aber Wurm war in der Argumentation der bestimmende Teil. Er hat offenbar eines seiner Ziele erreicht (18/23 ff.). Der Präsident zeigt nur, dass seine Pläne (Intrige: Kabale!) eine weitere Gefahr für die Liesbeziehung Luises und Ferdinands darstellen. Wie Ferdiand reagiert, wird sich in I 7 zeigen.

I 7 – Analyse (teilweise, Muster)
Ausgangssituation: Die Pläne des Präsidenten sind aus seinem voraufgehenden Gespräch mit Wurm bekannt (I 5): Ferdinand soll die Milford heiraten und so den Einfluss der Familie Walter auf den Fürsten sichern. Wurm hat ihn über Ferdinands Verhältnis zu Luise informiert und vor allem dessen Bedenken gegen die Person der Milford vorhergesehen, denen der Präsident mit einer List begegnen will. Der Präsident hat auch schon begonnen, seine Pläne in die Tat umzusetzen, indem er von Kalb mit der Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit in die Stadt geschickt und für Ferdinand einen Termin bei der Lady vereinbart hat (I 6); er glaubt sich seiner Sache völlig sicher zu sein: „Nun muß ja mein Ferdinand wollen…“ (22/21 f.). Er hat ein Spiel seiner adeligen Intrigen eingeleitet. Im folgenden Gespräch (I 7) soll Ferdinand dazu gebracht werden, in der Intrige seines Vaters mitzuspielen, worum er auch ganz offen gebeten wird (23/4 f.).
Überblick über den Verlauf des Gesprächs: Nach einer frostigen Begrüßung gibt der Präsident seinem Sohn Ratschläge und erinnert ihn daran, was er selber alles für Ferdinands Karriere getan hat; der weist das zurück und will nicht mit den Verbrechen des Vaters belastet werden (bis 24/30 – „Herz“ gegen Machtgier); darauf erteilt der Präsident ihm den Auftrag, die Milford zu heiraten. Der Streit wird heftiger: Ist eine solche Frau zu heiraten eine Gunst oder eine Zumutung? Ferdinand beruft sich bei seiner Ablehnung der Milford auf seine Ehre (bis 26/12). Zum Schein geht der Präsident darauf ein und stellt die von Wurm erdachte Falle: Er bietet ihm die Gräfin Ostheim als Frau an, was Ferdinand der Liebe (!) wegen ablehnt. Der Präsident hat so Ferdinands Begründungen entlarvt und antwortet mit Drohungen und der Forderung, die Milford aufzusuchen (bis 27/25). Zum Schluss „erwacht“ Ferdinand und will sich zum „Kampf“ stellen.
Am Anfang der Begegnung wird deutlich, wie frostig das Verhältnis der beiden Männer ist; Ferdinand ist nur gekommen, weil es ihm „befohlen“ ist (22/28), und muss dazu aufgefordert werden, den Vater zu umarmen. Der Präsident bemerkt die Zurückhaltung seines Sohnes (23/8 f.) und spricht dann „ernsthaft“ (Regie 23/9) davon, wie er durch seine Intrigen Ferdinands Karriere vorbereitet habe (23/9 ff.); damit will er wohl erreichen, dass Ferdinand ihm dankbar ist und seinen Plänen folgt. Dieser lehnt jedoch entsetzt ab, Nutznießer eines solchen Frevels (23/21, vgl. Missetat 37/14) zu werden. Zunächst lässt der Präsident sich von diesem Widerspruch nicht beeindrucken (Romanenkopf, etwa: Spinner 23/22). Als Ferdinand aber in einem Eid sich von einem verbrecherisch erworbenen „Erbe“ (23/34) lossagt, wird sein Vater zornig (23/36 ff.). Der macht nun einen neuen Anlauf, Ferdinands Zustimmung zu gewinnen: Er beschreibt die Stationen von Ferdinands erstaunlicher Laufbahn und fragt dann rhetorisch, ob die Aussicht auf den Erwerb der ganzen Macht (24/13-16) nicht verlockend sei. Ferdinand lehnt diese Aussichten für sich ab. Mit dem Hinweis auf ein göttliches Gericht entlarvt er das Glück der Fürstenmacht als Trunkenheit und Taumel (24/24 f.); dem stellt er ein innerliches genügsames Herzensglück als sein Ziel entgegen. Mit der Berufung auf das Herz als Glücksquelle hat er sich zum bürgerlichen Ideal der Empfindsamkeit bekannt, das er aus seinen Büchern kennt (vgl. 6/32) und aus dem auch sein Verhältnis zu Luise lebt (I 4). Hier leistet Ferdinand zum ersten Mal einen größeren Beitrag zum Gespräch; bisher hat sein Vater den Ton angegeben. Dieser verspottet Ferdinands Ausführungen als „Vorlesung“ (24/29), um sie so ablehnen zu können.
In diesem ersten Teil des Gesprächs ist deutlich geworden, wie verschieden die Vorstellungen und Lebensziele der beiden sind, sodass der Präsident seinen Sohn nicht durch Argumente in seine eigenen Pläne einbinden kann. Deshalb geht er jetzt offen auf sein Ziel losund kündigt Ferdinand in einem Befehl an, er werde sich entschließen, „noch heute entschließen“ (24/34 f.) zu heiraten. Ferdinad lehnt das ab, weil die Milford zu heiraten eine Schande sei – jeder Handwerker habe eine bessere Frau.
Ferdinand sagt sich bedingt von seinem Vater los (25/15; 26/11 f.) und beruft sich dabei auf seine Ehre als Adeliger (26/9 ff.). Damit gewinnt Ferdinand eine Gegenposition – das macht den zweiten Teil des Gesprächs aus; insgesamt ist hier im Wechsel kurzer Äußerungen das Gespräch ausgeglichen.
Im dritten Teil kämpft der Präsident um sein Ziel, indem er Ferdinands Berufung auf die Ehre als Lüge entlarvt und ihm offen droht; er wendet die von Wurm vorgeschlagene List an, worauf Ferdinand gesteht, dass er die ihm angebotene Gräfin Ostheim nicht „lieben“ kann (26/32 f.). Der Präsident tobt und droht seinem Sohn, der völlig fertig(27/3 f.; 27/14) angesichts des Machtkampfs mit seinem Vater ist. Dieser fordert ultimativ, dass Ferdinand sich bei Lady Milford meldet.
Als Ferdinand zum Schluss allein ist, erwacht er „aus einer dumpfen Betäubung“ (Regie 27/26) und entschließt sich Widerstand zu leisten. Er fasst einen nicht zu Ende gedachten Plan (27/28 ff.), die Lady öffentlich zu beleidigen, also auf der Basis ihrer Ehre die Heirat zu verhindern; dabei beruft er sich auf einen spezifisch deutschen Anstand oder eine nationale Würde (27/32 f.).
Ergebnis: Am Ende des Gesprächs sind Vater und Sohn zerstritten; der Präsident hält an seinem Plan fest, dessen Verwirklichung er bereits eingeleitet hatte, während Ferdinand sich ihm widersetzt. Damit ist klar, dass es bald zu einem Streit und Skandal kommen muss; Ferdinands Liebe zu Luise tritt hier in den Hintergrund.
(Bitte auch die Sprechweise und rhetorische Stilmittel beachten, d.h. auswerten!)

Aufbau II 3
Ausgangssituation: F ist zu einem Treffen mit der Lady verabredet worden (27/6 f.), um ihr zu sagen, dass er sie heiratet; die Lady hat dieses Treffen und des Präsidenten Plan selber aus Liebe (30/25 ff.) arrangiert (31/5 ff.), um F ihre Liebe zu gestehen und mit ihm ein neues Leben zu beginnen (30/30 ff.). Als F gemeldet wird, ist sie aufgeregt, erblasst (S. 34).
Das Gespräch verläuft in vier Phasen: Zunächst tritt F kurz angebunden und unhöflich auf, beleidigt die Lady und macht ihr aggressiv mehrere Vorwürfe, u.a. wegen der Ausbeutung des Landes (bis 37/12). Er geht aber, als sie sich betroffen abgewandt hat, auf sie zu und ergreift ihre Hand (36/19): eine erste symbolische Annäherung.
Den zweiten Teil des Gesprächs bestimmt die Lady; um sich vor F zu rechtfertigen, erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Sie fleht ihn um seine Liebe an und umarmt ihn (bis 40/34); sie steht vor dem Ziel ihrer Gesprächsaktion, da F von ihrer Erzählung gerührt ist.
F, der sich schon vorher moralisch angeklagt sah (40/12-17), reißt sich von ihr los und offenbart der Lady gegen ihren Widerspruch, dass er ein bürgerliches Mädchen liebt, deshalb sie nicht lieben kann und im Namen der „Menschheit“ bis zum Ende zu seiner Liebe stehen will (bis 41/34); er wehrt also ihre Werbung ab.
Den Schluss des Gesprächs bestimmt die Lady: Sie gibt ihren Anspruch auf sein Herz auf, besteht aber um ihrer Ehre willen auf der Heirat. Sie schiebt seinem Vater die Schuld für alles Kommende zu und geht mit der unbestimmten Drohung ab: „Ich lass alle Mienen sprengen.“ (42/20)
Ergebnis des Gesprächs ist, dass der Angriff auf Ferdinands Herz stärker als erwartet war (vgl. II 5), jedoch abgewehrt ist, auch wenn von Seiten der Lady resp. des Präsidenten Gefahr droht. Die Lady hat sich als eine Adelige erwiesen, deren Ehrbegriff von Liebesidealen aufgeweicht, aber nicht aufgelöst ist: ambivalent, eine bürgerliche Adelige (vermutlich liest sie die gleichen Bücher wie F und L).

Analyse II 5
Ausgangssituation: II 5 ist die zweite Szene, wo Luise und Ferdinand sich begegnen. In I 4 war F sich seiner Liebe noch ganz sicher, während L unter dem Druck väterlicher Weigerung (und vielleicht eigener Unreife: sie ist erst 16 und hat nur einige Bücher über die große Liebe gelesen) Ferdinand entsagt hat (Regie: drückt ihn von sich, stürzt hinaus, nicht ohne herauszuschreien, dass ihr Herz lichterloh brennt). In der Zwischenzeit hat F von seinem Vater den Befehl erhalten, die Lady zu heiraten (I 7); ferner ist er der Milford als einem edlen Herzensmenschen und einer schönen Frau begegnet (II 3), die ihn nur deshalb nicht gewinnen konnte, weil seine Liebe ihn an L bindet. Unter dem Eindruck dieser Begegnung „stürzt“ er bei Miller ins Zimmer, wo die Familie in Sorge ist, weil ein Kerl des Präsidenten vor der T&¨r herumsteht (II 4);
L empfindet wieder Todesangst (43/14), während Miller herumschreit, Drohungen ausstößt und eine Flucht erwägt.

F stürzt also ins Zimmer und fragt, ob sein Vater da war; diese Frage verängstigt die Familie Miller noch mehr, alle redendurcheinander. Im ersten Teil des Gesprächs, das von Ferdinands Zweifeln bestimmt wird, versucht F, Klarheit in sein Fühlen zu bekommen und sich bei L zu stärken. Die starke Versicherung („Mein bist du…“, 44/26 f.; „Es ist überstanden.“ 44/30) kann nicht die Tatsache verdecken, dass seine Liebe gefährdet war (45/3 ff.). Familie Miller erwartet den Präsidenten als Bedrohung ihrer bürgerlichen Existenz, während F „nur“ seine Liebe durch ihn gefährdet sieht und für die Sorgen der Familie kein Ohr hat.
L sinkt nieder. F geht auf sie zu, ohne sie aufzuheben (45/7 ff.); er verlässt sie sogar plötzlich und tritt in ein imaginäres Gespräch mit der Lady ein, um sich noch einmal zu seinem Entschluss, L treu zu sein, durchzuringen; dabei geben moralische Erwägungen (Unschuld opfern; Engel würgen usw., 45/10 ff.) den Ausschlag; dann erst hebt er L vom Sessel und spricht sie mit „du“ an (45/19 ff.). Die doppelte Bekräftigung, dass L wie er selbst den gefährlichen Kampf gewonnen haben (45/20-22; ähnlich bereits 44/30 f.), bezeugt die bleibende Unsicherheit – jedenfalls empfindet L sie so; sie bittet eindringlich, erneut in Todesangst (45/25), jedoch ohne Kenntnis der Zusammenhänge [sie hat also Fs Ausführungen nicht verstanden, wie ihre Frage nach der Lady zeigt, 45/25 f.] um die Wahrheit. Als F ihr diese offenbart, erschrickt sie und wirft sich dann ihrem Vater in den Arm; dabei qualifiziert sie ihre Liebesträume als vergangen (Traum war schön – Erwachen ist fürchterlich, 45/35 f.; vgl. 17/9 ff., wo die Träume angeblich auch bereits vergangen waren). Vater und Mutter Miller kommentieren das Ereignis mit Klagen und Schimpfen; Miller zeigt mit seinen Tiraden, dass auch sein Gefühl zumindest ambivalent ist – andernfalls müsste er die „Heimkehr“ der verlorenen Tochter uneingeschränkt begrüßen.
F springt auf und leitet damit eine Wende im Geschehen ein; erneut reflektiert er laut seine Entschließungen (dreimal „ich will“, 46/8 ff.), was bezeugt, dass er sich immer noch im Freiheitskampf (Ketten, frei, 46/9) gegen seinen Vater befindet (durchbohren, durchreißen); er phantasiert eine Überlegenheit (Riesenwerk vs. Insektenseelen – Insekten sind keine Gegner!), die offensichtlich nicht besteht; als er fortgehen will, versucht die ganze Familie Miller, ihn zum Bleiben zu bewegen, sei es mit Bitten oder mit Schimpfen. Miller schleudert ihm seine Tochter zu (46/26), damit F „zuvor diesen wimmernden Wurm zertreten“ soll, „den Liebe zu dir so zuschanden richtete“ (46/27 f.); diese Stelle zeigt in höchster Deutlichkeit, dass Miller nicht so von seiner Ablehnung des Majors überzeugt ist, wie er es vor seiner Tochter geäußert hat (I 3).
F kommt zurück – warum er kommt, wird aber nicht deutlich: „geht auf und ab in tiefen Gedanken“ (46/29 f.), ohne sich also groß um das Geschrei der Millers zu kümmern, ja ohne es überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Er will sich über die Macht des Präsidenten und die Rechte seines Vaters hinwegsetzen und es „aufs Äußerste“ treiben (46/33) – im Namen der Liebe; sein Agieren in diesem Augenblick scheint zu zeigen, dass bei ihm sich die eigene Emanzipation vom Vater mit den Liebeswerben um das bürgerliche Mädchen verbinden (Ambivalenz, wie auch bei Miller!). Er fasst Ls Hand heftig (!) und ohne L zu fragen und schließt den Ehebund mit ihr (vgl. „meine Gemahlin“, 52/11), ohne dass L zustimmte oder „ja“ sagen könnte. Auch darin zeigt sich seine Hybris, dass er für das Ende dieser Ehe (normal: bis der Tod uns scheidet) das Ende seines Lebens ankündigt („zerreißt auch den Faden…“, 47/1 f.; es wäre zu prüfen, ob dies wirklich nur persönliche Überheblichkeit, dramaturgischer Vorgriff aufs Ende oder die Inkommensurabilität von Liebe und Ehe ist). L kann seinen Anblick nicht ertragen, da seine Lipen beben und seine Augen „fürchterlich“ rollen; sein Auftreten und Aussehen strafen seine Worte Lügen: „Es ist nicht Wahnsinn, was aus mir redet: Es ist das köstliche Geschenk des Himmels, Entschluss in dem geltenden Augenblick“, 47/5 ff.); wahr ist dagegen, dass im Kampf mit seinem Vater seine „gepresste Brust“ sich „durch etwas Unerhörtes“ Luft machen will. Er versichert also L sein Liebe und will fort, „rennt“, um den Kampf mit dem Vater auszutragen.
Trotz beiderseitiger Unklarheiten wird in II 5 (möglicherweise, jedenfalls in Fs Sinn) die Ehe geschlossen. L ist nach wie vor von Todesängsten gepeinigt, sie will eigentlich bei ihrem Vater bleiben; F ist nur knapp dem Zauber der Milford nicht erlegen, kämpft gegen seinen Vater und wird dessen Kabale begegnen – gleich in den beiden nächsten Szenen zeigt sich, dass er den Kampf gegen den Präsidenten aufnimmt, bis aufs Äußerste (Drohung des Verrats) führt und damit eine Schlacht gewinnt. Aber der Krieg ist damit noch nicht beendet.

Aufbau III 2
Die Situation ist folgende: Des Präsidenten erster Plan, F und L zu trennen, ist gescheitert (II 6 f.); nun heckt er mit Wurm einen zweiten aus (III 1), der F bei seiner Eifersucht packen und in dem von Kalb den angeblichen Liebhaber L.s spielen soll. – Der Hofmarchall kommt zufällig ungerufen vorbei und eröffnet demgemäß das Gespräch (bis 58/15).
Im ersten Teil unterbreitet der Präsident dem Besucher die Gefahren, die durch F.s Weigerung ihnen drohen, und erwähnt scheinbar zufällig von Bock als potenziellen Gatten der Lady (bis 59/19).
Das nimmt der Marschall zum Anlass, den nichtigen Grund seiner Feindschaft gegen von Bock zu erzählen und Ärger über dessen mögliche Karriere zu bekunden (bis 60/31).
von Kalb drängt nun den Präsidenten, in dieser Sache abhilfe zu schaffen, und dieser weiß auch Rat – nämlich von Kalb im Sinn seines Plans agieren zu lassen, was dieser zunächst ablehnt; als von Walter mit ihrer beider Karriereende droht, lenkt jener ein (bis 62/5).
Der Präsident legt nun die Aufgaben dar, welche von Kalb zu erfüllen hat; der stimmt zu, geht ab und verspricht, besagten Brief bald zu holen. (-> III 6)
Ergebnis: Der Präsident spinnt weitere Intrigen und hat von Kalb als Mitspieler gewonnen; da F.s Eifersucht bald erwacht (66/13 ff.), wächst die Gefahr für das Liebespaar F-L.

Analyse III 4
Ausgangssituation: F hat sich, seinem Vater und der Lady zum Trotz, mit L quasi verheiratet (II 5, vgl. seine Äußerung „meine Gemahlin“ 52/11); er hat den Versuch, die Familie Miller zu verhaften, mit der Drohung abgewehrt, seines Vaters Verbrechen bekannt zu machen (II 7), und ist danach verschwunden. Er kommt nach unbestimmter Zeit zurück und möchte L zur Flucht mit ihm bewegen. – L hat sich in der Auseinandersetzung mit dem Präsidenten von F losgesagt („jetzt sind Sie frei“, 48/20), weil sie von jenem als Flittchen beschimpft worden war. L steht offenbar noch unter dem Eindruck dieses Geschehens; sie ist allein und weiß noch nicht, dass ihre Eltern nach dem neuen Plan Wurms verhaftet worden sind (III 3).
Die Szene beginnt mit F.s Werbung für die Flucht, der sich L. mit Argumenten widersetzt; F versinkt dadurch in Melancholie und bricht mit einer unerbittlichen Forderung daraus aus; eine Verständigung der beiden mit Worten oder Gesten der Liebe ist nicht mehr möglich.
F hat offensichtlich bereits auf L eingeredet, als die Szene beginnt; denn L bittet ihn aufzuhören (63/15), weil sie alle Hoffnung auf eine glückliche Erfüllung ihrer Liebe aufgegeben habe – sie redet ihn aber wieder mit „du“ an. F widerspricht ihr, was seine Hoffnungen betrifft; er überdenkt seine Situation und rechnet dabei mit der äußersten Möglichkeit: den Vater zu verraten. In dieser höchsten Gefahr will er „den Riesensprung“ seiner Liebe wagen (63/25). Indem er sich und L in ihrer Liebe als „Zirkel“ bezeichnet (63/29), bewertet er es als eine runde, vollendete, in sich geschlossene Sache. L bittet ihn erneut, mit seinen Planungen aufzuhören, da sie davon erschreckt wird (63/31 f.). Doch F entfaltet seine Liebesphantasie, dass er allein mit L zusammen ist und sie sich alles bedeuteten (Vaterland, Stadt, Kunst, Religion, 64/1 ff.). L widerspricht ihm, indem sie (rhetorisch) fragt, ob er keine andere Pflicht zu erfüllen habe, sodass er nicht fliehen könne; F verneint ihre Frage und umarmt sie, so seine Liebe bezeugend.
Bisher hat F mit seinen Vorschlägen das Gespräch beherrscht; von jetzt an trägt L ihre Bedenken, „sehr ernsthaft“ sprechend (64/22), vor: Sie steigert ihren Widerstand, indem sie ihn direkt auffordert, zu schweigen und sie zu verlassen; zur Begründung verweist sie auf ihre Pflichten gegenüber ihrem Vater. F unterbricht sie und erweitert seine Pläne: den Vater mitnehmen, Eigentum verkaufen, Darlehen im Namen seines Vaters aufnehmen, in einem Wagen zur Mitternacht fliehen. L bringt ein zweites Argument vor, ihre Angst vor dem Fluch des Präsidenten als F.s Vaters; offensichtlich glaubt sie an die Macht der Verfluchung. Sie umschreibt ihren Konflikt: F sich mit einem Frevel erhalten / F. verlieren (65/2 f); sie wählt die gute Lösung.
F.s Verfassung ändert sich dadurch; er murmelt düster (65/3), offensichtlich kann er L.s Entscheidung nicht einmal verstehen, geschweige denn akzeptieren. An dieser Stelle muss man sich fragen, was für ein Mensch F ist, der vom Riesensprung seiner Liebe phantasiert (vgl. „Riesenwerk meiner Liebe“ 46/11; ebenso die großen Ansprüche in I 4, also 16/23 ff.): Ist er bloß maßlos überheblich? Oder hat er den Überblick verloren und setzt in seiner Unsicherheit auf einen großen befreienden Coup, der er natürlich selbst landen wird? In IV 4 wird diese Frage erneut zu bedenken sein. – L erklärt nun, worin der von ihr genannte „Frevel“, also eine Sünde gegen einen heiligen Gegenstand besteht: Der Anspruch auf F.s Herz hat die (heilige) Standesgrenze überschritten und war damit „Kirchenraub“ (65/5 ff.); dabei zeigt sie zugleich, wie sie an ihrem Verlust leidet. F versinkt tiefer in seine Melancholie (65/12 f.); L fährt in ihrer Argumentation fort, bezeichnet ihre Wünsche als die einer „Verbrecherin“ (65/21), ihr Unglück als Strafe (65/23), die sie zu tragen gedenke: Ihr Verzicht soll als heldenhaftes „Opfer“ (65/24 und 17) verstanden werden. Mit dieser moralischen Rationalisierung ihres Leidens will sie F umstimmen.
Doch dieser reagiert nur beinahe irre, völlig verzweifelt: Zerstörung und Lachen produziert er, keine Worte (65/26 ff.). L redet weiter vergeblich auf ihn ein, sucht ihn zu trösten, deutet ihre künftige Einsamkeit an und reicht ihm „mit angewandtem Gesicht“ die Hand, wobei sie ihn siezt und damit Distanz zu ihm schafft: „Leben Sie wohl, Herr von Walter.“ (66/5-7).
In dem Augenblick erwacht F „aus seiner Betäubung“, springt auf und fragt ultimativ (und ohne L.s Argumente zu beachten), ob sie mit ihm fliehen wolle (65/8 f.). L hat sich zurückgezogen und beruft sich auf ihre Pflicht. Da beschimpft F sie ohne weiteren erkennbaren Anlass: „Schlange, du lügst.“ (66/13) Er vermutet die Beziehung zu einem Liebhaber als Grund ihrer Weigerung und geht mit einer Drohung ab, ohne Verständnis für L.s Leiden und ihre Verpflichtung gegen den Vater.
F.s Verdacht ist sachlich durch nichts begründet und kann nur der seelischen Verfassung entspringen, die bisher unter dem Stichwort der maßlosen Überheblichkeit diskutiert worden ist. Jedenfalls ist er genau in der Verfassung, die zum Plan Wurms passt, ihn bei seiner Eifersucht zu packen und ihm einen Liebhaber L.s vorzulügen, wodurch F sich von L zurückziehen werde (III 1). Hier wendet sich also das Geschehen zum bösen Ende, wobei Intrigen des Hofes und überhebliche Liebesansprüche F.s zusammenspielen. Der Betrug wird durch Wurm, der L erpresst, besagten falschen Liebesbrief zu schreiben, vollendet (III 6).

III 6 – Aufbau
In dieser Szene erlebt die „Kabale“ des Hofes ihren Höhepunkt: Die Lügen werden durch einen erzwungenen Meineid Luises besiegelt.
Wurm kommt zu Miller (III 5), um gemäß seinem Plan (III 1-3) den vermeintlichen Liebesbrief L.s an F zu erzwingen; diese ist nach dem Gespräch mit F darüber verzweifelt, zudem in Sorge um die Eltern, die vorsorglich verhaftet worden sind (III 3), wovon sie aber nichts weiß.
Wurm macht sich bemerkbar und wird von L mit einem Vorwurf empfangen, dass er bzw. der Präsident sie an den Pranger stellen wollte (vgl. II 7), den Wurm nur schwach abwehrt (bis 67/18). Im ersten Teil des Gesprächs wird im Spiel von Frage und Antwort das angeblich geplante Schicksal der Eltern Miller ebenso wie L.s Verzweiflung enthüllt (bis 69/23).
L antwortet darauf mit einer Aktion: Sie nimmt ihren Mantel und will zum Herzog gehen, um ihm ihr ganzes Elend zu offenbaren und vorzuwerfen; Wurm bestärkt sie ironisch in ihrem Plan, was L schon stutzig macht; als Bedingung ihres Erfolges nennt er, dass sie selbst der Preis wäre, den die Erhörung durch den Herzog kostet. Hier steht L an der Grenze ihrer Möglichkeiten, sie gibt ihren Plan auf (bis 71/4).
Wurm setzt seinen ironischen Angriff fort, indem er die hoffnungsvollen Gedanken des alten Miller darstellt, dass L ihm helfen werde. L fällt darauf herein und bittet Wurm um Rat bzw. Auskunft, was sie zu tun habe; Wurm enthüllt das Geheimnis seines Plans, dass man den Major zwingen müsse, freiwillig auf L zu verzichten (bis71/31).
Es folgt die geplante Aktion: L schreibt den von Wurm diktierten Brief; sie wehrt sich zwar und offenbart den Konflikt, in dem sie steht: zwischen „Tod“ (Verlust Ferdinands) und Schande (Rettung des Vaters und der Liebe um den Preis der Unschuld) wählen zu müssen, gibt sich dann aber „der überlistenden Hölle“ (72/31) geschlagen (bis 73/25).
In einem Intermezzo zeigt sie Wurm ihre Hilflosigkeit, worauf der seine persönlichen Absichten erkennen lässt: trotz gewisser Dinge (73/31 f.) L zu seiner Frau zu machen; L weist dieses „gnädige“ Angebot heftig und mit Drohungen zurück; danach muss die Aktion noch abgeschlossen werden, indem durch einen heiligen Eid L der Mund verschlossen wird, dass sie die Wahrheit sagen könnte: Der Brief sei freiwillig geschrieben.
Wurm hat bei L sein Ziel erreicht; es kommt jetzt darauf an, ob F den Brief erhält und gemäß dem Plan Wurms darauf reagiert – er ist ja bereits eifersüchtig (66/13) und wird durch den Brief dafür Bestätigung finden. L verzweifelt an Gott (68/5 f. und 68/30.32), weil sie in ihrem Konflikt keinen Ausweg mehr sieht (zum Konflikt Luises vgl. III 4, S. 64 f., und bereits 13/1 f.!).

IV 7 – Aufbau
Ausgangssituation: In IV 7 begegnen sich die beiden Frauen, welche F lieben, zum ersten und einzigen Mal; Lady Milford hat L zu sich bestellt, angeblich um ihr eine Stelle als Kammerjungfer anzubieten. Die Lady hat aber von F erfahren, dass dieser L liebt (II 3) und deswegen die Lady nicht heiraten will, worauf sie mit Drohungen reagiert hat; jetzt ist sie einerseits aufgeregt und unsicher, anderseits demonstriert sie durch Auftreten der Diener, durch Kleidung und Schmuck ihre Position (IV 6). – L hat sich erneut von F getrennt (III 4) und unter Druck den angeblichen Liebesbrief geschrieben (III 6), womit sie de facto ihren Anspruch auf F aufgegeben hat, um ihre Eltern zu retten.
Das Gespräch beginnt mit einem Vorgeplänkel, in dem die Lady einerseits L herabsetzen will, anderseits ihre beiden Anliegen andeutet: sowohl L eine Stelle anbieten (84/24 ff.) als auch erkunden, was für eine Frau das ist, die den Vorzug bei F erhält (84/16 und öfter). Auch im Übergang zum nächsten Teil des Gesprächs sind die beiden Themen vermengt, was zeigt, wie unkonzentriert die Lady ihr angebliches Anliegen vorbringt (85/8 f. und 85/11 ff., dazwischen die andere Überlegung).
Dann kommt die Lady dazu, L besagte Stelle anzubieten (85/11 ff.), welche L ausschlägt; die Lady sieht das in L.s Stolz (auf ihre Schönheit) begründet und versucht ihr diesen auszureden – die Lady bestimmt das Thema.
Doch L geht zum Angriff über und wirft der Lady indirekt ihren unmoralischen Lebenswandel vor (86/17 ff.), stellt ihre eigene moralisch gute, sonst unglückliche Situation dar und konfrontiert dann die Situationen beider Frauen in der Frage, ob die Lady ihr empföhle, mit ihr die Rollen zu tauschen (88/13 ff.). L ist die ganze Zeit ruhig, „gelassen und edel“ (87/17), und tritt zum Schluss auf die Lady zu, welche immer erregter wird und L.s Ausführungen nicht widersprechen kann.
Mit der Anspielung auf den Lehrer, der aus L.s klugen Worten spreche und den beide als solchen kennen, endet dieser Teil des Gesprächs; die Lady springt auf (88/30) und geht selber zum Angriff über: Zuerst droht sie, die Liebe der beiden zu zerstören; dann bittet sie L, gegen ihren ganzen Besitz auf F zu verzichten, worauf L befremdet reagiert.
Den Schluss des Gesprächs bildet eine große Äußerung L.s, in der sie mit starrem Blick der Lady die Zerstörung einer Liebe vorwirft, auf F verzichtet und gleichzeitig ihren Selbstmord androht: „Ich kann mir nicht anders helfen.“ (90/17 f.)
   Aufgrund dieses Gesprächs geht Lady Milford in sich und entschließt sich, ein gutes Leben zu führen und Hof und Fürsten arm zu verlassen (IV 8 f.); L ist durch den erneuten Verzicht auf F so niedergeschlagen, dass ernstlich mit ihren Selbstmordplänen zu rechnen ist, wie sich in V 1 zeigt.

Aufbau V 1
Ausgangssituation: Miller war verhaftet (III 6), ist aber wieder entlassen worden, hat offensichtlich L nicht angetroffen und hat sie vergeblich gesucht  – in einem Monolog berichtet er von dieser Suche und wendet sich verzweifelt an Gott. L, die den Brief an den Hofmarschall  geschrieben hat (III 6), war bei der Lady Milford (IV 7), hat dort auf F verzichtet und ihren Selbstmord gangekündigt. Sie hat einen Brief an F geschrieben.

Sie will ihn dazu bewegen, mit in den Tod zu gehen, wie man im Gespräch erfährt. Zu Beginn ist die Szene von den Metaphern des Dunkels und des fehlenden Lichtes bestimmt (z.B. finsterer Winkel 95/4 f.; ohne Licht 95/24; schwarz 95/26; das schwarze Ungeheuer Verwesung 96/7; finstre Staße 97/6 f.), wodurch L.s Stimmung oder Todesnähe anschaulich wird.
Als L auf den Monolog antwortet, bestimmt sie das Gespräch, indem sie in Andeutungen von ihrem Vorhaben spricht und es rechtfertigt, wobei sie dessen „gute“ Seiten herausstellt; sie bittet Miller, ihren Brief an Ferdinand zuzustellen (96/20 ff.).
Als Miller den Brief erbricht und seinen Inhalt versteht, übernimmt er im Prinzip die Gesprächsführung; doch trägt auch L wesentlich zum Gespräch bei, indem sie ihr Vorhaben metaphorisch beschönigt (Grab als Brautbett, 97/28 ff.; Tod als Genius, also guter Schutzgeist, 98/1 ff.). Sie fragt: „Ist das denn Sünde?“
Danach setzt Miller an, ihr den Plan auszureden, zunächst vergeblich mit der religiösen Argumentation (98/12 ff.), dann mit einem Appell an sie als die Tochter eines alten Vaters, dem sie verpflichtet ist („Höre…“, 98 32 ff.). Hier vermischen sich Beschimpfungen Ferdinands (99/22 ff.) mit religiöser Drohung (100/1 ff.) und steigern sich im symbolischen Akt, dass er ihr das Messer reicht [nehme ich an, 100/6 f.], um damit sein Vaterherz zu durchstoßen. Damit stürzt er sie erneut in einen unlösbaren Konflikt (vgl. III 5 und 6): „Verbrecherin, wohin ich mich neige!“ (100/18) Sie zerreißt den Brief an F, der Vater hat seine moralische Macht ausgespielt und sich bei L durchgesetzt.
Zum Schluss des Gesprächs vermischt sich Millers Glück mit L.s Sorge um ihren Ruf – sie beschließen, die Stadt zu verlasen und von der Musik zu leben (100/21 ff.).
   Das Gespräch war so nicht geplant, ist von niemandem so herbeigeführt worden; es hat sich aus L.s Vorhaben ergeben, das sie ihrem Vater zu verstehen gegeben hat; es ist als Kampf um das Leben der Tochter ausgetragen worden, den Miller gewonnen hat. Das Gespräch ist leidenschaftlich geführt worden, wie die vielen Fragen, Ausrufe und  metaphorischen Wertungen (schwarz, s.o.; dieser zerbrechliche Gott deines Gehirns, S. 99/27 f.; mein Fluch, 100/6 u.a.) anzeigen. Zu Beginn des 5. Aktes scheint noch kurzzeitig eine Rettung Luises möglich (ein retardierendes, also das Verderben aufschiebendes Moment) – wenn F (in V 2) nicht käme!

V 2 – Grundzüge einer Analyse
Ausgangssituation: Vater und Tochter haben sich gerade entschlossen, die Stadt gemeinsam zu verlassen (V 1) – von der Mutter ist nicht die Rede, sie steht außerhalb der Herzensbindung von Vater und Tochter -, als F erscheint. Er will L mit ihrem Brief, den er „zufällig“ gefunden hat (vgl. IV 2), konfrontieren; in einem gebetsartigen Monolog (IV 4) hat er sich nach dem Verzicht auf ein Duell mit von Kalb (IV 3) vorab schon das Recht zugesprochen, sie ewig zu verdammen und zu töten.
Als er erscheint, erschrickt L, was F als Eingeständnis ihrer Schuld wertet (bis 101/21). Oft hat sie schon ihre Todesangst, zum Teil auch metaphorisch, ausgedrückt; jetzt spricht sie Wahrheit, ohne sie vielleicht ganz zu verstehen: „Mich zu ermorden ist er da.“ (101/15) Als F Miller begrüßt, will dieser ihn des Hauses verweisen, weil sein Erscheinen L belastet; darauf reagiert jener aber nicht.
Die folgenden Gespräche stehen alle unter dem Manko, dass nicht die Wahrheit das Handeln der Menschen bestimmt: F will L angeblich zum Traualtar führen und verbindet die Wahrheit dieses Ankündigung mit der Wahrheit von L.s Liebe, die er ja für sich verneint (102/23 ff.). Miller agiert, ohne zu wissen, was es mit dem Brief L.s auf sich hat; das weiß F auch nicht richtig, weil er sich die Erklärung des Hofmarschalls nicht wirklich angehört hat (IV 3). L gesteht, dass sie den Brief geschrieben hat, und verschweigt wegen des Eides, dass dies nicht freiwillig geschehen ist; des öfteren spielt sie bereits darauf an, dass der Tod alle Eide löst, was sie als Befreiung erhofft.
Der erste Disput erfolgt zwischen F und Miller, was von eben den besagten Missverständnissen und F.s Beschimpfungen geprägt ist (bis 103/24). Dann wendet F sich an L, es kommt zum großen Dialog der missverstandenen Wahrheit in der Frage, ob L den Brief geschrieben hat. F fragt mehrfach, um sich ganz zu vergewissern, dass er sich nicht irrt, und erliegt doch einem Irrtum; Miller ruft gelegentlich dazwischen und ermuntert L zum Durchhalten, womit er ebenfalls ihr Ende herbeiführt, ohne es zu wissen und zu wollen. Nach dem dreimaligen Gest&¨ndnis (bis 104/30 – der Gott des Eides ist wirklich ein fürchterlich wahrer) beschuldigt F noch einmal L, während L nun glaubt, nach dem Geständnis sei die Verbindung endgültig gelöst: „Gehen Sie nun! Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglücklich waren.“ (105/6 f.)
F versucht sich dann einzureden, er sei ruhig, besinnt sich danach und entschließt sich mit der Bitte um Limonade, L und sich selbst zu vergiften – womit er dem Wunsch L.s aus V 1 nachkommt, der jedoch am Ende von beiden als falsch erkannt und bereut wird. In V 4 rechtfertigt F noch einmal sein Vorhaben, die einzige Tochter Millers zu töten: er verdiene noch Dank dafür (107/18-20). In V 7 nimmt er dann eine Äußerung L.s („Unglücklich bist du schon…“, 113/24 f.) zum Vorwand, um endgültig den Giftmord zu rechtfertigen und zu begehen.

Kurze Analyse V 5
Situation: Ferdinand hat Luises erzwungenen Brief an den Hofmarschall gefunden (IV 1) und beschlossen, sie und sich selbst als Rächer der enttäuschten Liebe zu töten (IV 4). Er ist zu Miller gekommen und hat Luises Geständnis erhalten, dass sie besagten Brief geschrieben hat (V 2); danach hat er begonnen, den Mord vorzubereiten, indem er Luise um eine Limonade bittet (Ende V 2). Als er dann mit Miller spricht und erfährt, dass Luise dessen einzige Tochter ist, ist er erschüttert (106/25) und schickt Miller fort, um noch einmal sein Vorhaben zu bedenken. In V 4 ringt er sich dann aber doch dazu durch, Luise zu töten, und meint in seiner Vermessenheit, Miller schulde ihm noch Dank dafür (107/18 ff.).
Miller hat Luise dazu gebracht, den Selbstmordplan aufzugeben (V 1), und will mit ihr weggehen; er hat Luise gedrängt, sich von Ferdinand nicht beeindrucken zu lassen (V 2), und kommt gerade von Luise zu Ferdinand zurück (V 5).

Aufbau: Nach der einleitenden Bemerkung Millers lenkt Ferdinand das Gespräch darauf, dass er Millers Schuldner ist, und wirft einen Beutel Goldstücke hin, den Miller entsetzt ablehnt (bis 109/8). Als Ferdinand dessen Bedenken zerstreut, es könnte Geld für eine böse Tat sein, ist Miller außer sich vor Freude und kündigt an, wie er seinen Reichtum nutzen will (bis 110/5). Ferdinand kann diese Freude angesichts des nahen Unheils nicht ertragen und bittet Miller wiederholt zu schweigen, während dieser sich ausmalt, wie das Geld Luises Ausstattung zugute kommen soll, was Ferdinand zutiefst berührt (bis Ende V 5). – Dennoch schickt er Miller danach fort, um Luise und sich ungestört vergiften zu können (V 6).
Analyse:
Miller berichtet kurz, dass Luise weint, was Ferdinand leichthin abtut (bis 107/27). F schickt sich dann an, Miller den Musikunterricht zu bezahlen (107/27-29), was dieser mit der Bemerkung ablehnt, das eile nicht (bis 107/33). Das nimmt Ferdinand zum Anlass, mehrfach anzudeuten, dass er und v.a. Luise sterben könnten (und sterben werden, bis 108/18), was Miller nicht versteht und deshalb abtut.
Ferdinand fordert Miller auf, das Geld zu nehmen (108/18 f.), und wirft es auf den Tisch. Miller lehnt das Geld ab und ist erschropcken, als er Goldstücke sieht („Gottesgold“, 108/31), was Ferdinand spöttisch kommentiert (108/33 und 109/1 f.). Miller glaubt angesichts des Goldwertes zu einem „Bubenstück“ angeheuert zu werden soll (109/5 ff.). Ferdinand beruhigt ihn jedoch (109/9 ff.).
Danach ist Miller außer sich („wie ein Halbnarr in die Höhe springend“, 109/13) und fragt Ferdinand, wieso er an so viel Geld kommen soll (bis 109/18). Ferdinand sagt, er bezahle ihm damit „den drei Monate langen glücklichen Traum von Seiner Tochter“ (109/19 f.); was er genau meint, ist nicht klar – zuvor hat er gesagt, das Geld sei „für Leben und Sterben“ (108/1 f. – zunächst: für alle Fälle?), also auch Entschädigung dafür, dass Miller seine einzige Tochter verliert, während er jetzt anzudeuten scheint, er bezahle eine Dankesschuld.
Miller nimmt das Geld dankend an (109/23 ff.) und ist besorgt, dass er es vielleicht wieder zurückgeben müsste. Ferdiand beruhigt ihn (109/30 ff.) mit einer dunklen Andeutung seines baldigen Todes, die Miller natürlich nicht versteht. Der fängt dagegen an, Pläne zu schmieden, was er sich jetzt alles leisten will (109/35 ff.); Ferdinand hält ihn zurück und bittet ihn mehrfach zu schweigen, weil er angesichts des nahen Unheils diese Freude nicht ertragen kann. Miller dagegen schwärmt davon, wie das Geld Luise, ihrer Ausstattung und Ausbildung zugute kommen soll (110/11 ff.), was Fedinand aufs Schrecklichste bewegt (110/25 f.). Er bittet Miller erneut eindringlich, aus Dank zu schweigen, „nur heute noch“ (110/27). Offensichtlich will er den Vorwürfen gegen den Mörder, die in Millers Freude liegen, entgehen.
   Miller hat weder das Gespräch der beiden (V 2) oder Ferdinands Andeutungen (V 5) verstanden noch begreift er, warum er aus dem Zimmer geschickt wird (V 3 und V 6): Die Sprache und Phantasie der Herzen geht über seinen Horizont; er freut sich beim Anblick des Goldes: ironischer Kontrast zum Todesgeschehen.

Siehe auch den Überblick über Inhalt und Aufbau des Dramas sowie die Untersuchung wichtiger Themen!

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  1. [...] gewesen, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens. (F.N.) Zum Inhalt springen « Schiller: Kabale und Liebe – Analyse wichtiger Szenen Schiller: Wilhelm Tell – Inhalt, Aufbau, Analysen [...]

  2. [...] Zum Thema Adel-Bürgertum sowie zum Verhältnis Ehre-Herz siehe. auch die Untersuchung https://norberto42.wordpress.com/2012/01/15/kabale-und-liebe-adel-burgertum-ehre-herz/; eine Analyse wichtiger Szenen finden Sie hier. [...]

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