Brecht: Über die Notwendigkeit der Schminke – Analyse

Die Frauen, welche ihren Schoß verstecken…

Das Gedicht, um 1927 entstanden, gehört zu den Augsburger Sonetten und wird als Sonett Nr. 9 oder Nr. 10 gezählt; man orientiert sich also am besten am Titel „Über die Notwendigkeit der Schminke“. Es gehört zu den Dirnenliedern, die im Kabarett nach der Jahrhundertwende um 1900 ihre Blütezeit hatten: „In der Dirne fand die Bohème eine radikale Kampffigur gegen moralische Werte des Bürgertums. Die Dirne tritt in ihrer Darstellung dem bürgerlichen Weiblichkeitsideal, der entsexualisierten Madonna-Mutter, die Attribut ihres Ehegatten ist, entgegen. Sie ist das Antiideal, die Inkarnation der freien Sexualität, die selbstständige weibliche Unternehmerin.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Dirnenlied)

Das Gedicht lebt von der Gegenüberstellung der vielen bürgerlichen Frauen, „welche ihren Schoß verstecken“ (V. 1), aber ihr Gesicht „entblößt“ (V. 2) zeigen und sich den Kerlen mit verschlossenen Augen hingeben (V. 7), sodass sie nicht sehen, „wer sie nahm“ (V. 8), und der einen, „jene, die mit leicht bemaltem Munde / Und stummem Auge aus dem Fenster winkt“ (V. 9 f); deren Gesicht liegt aber nicht „am Tage“ (V.11) – bzw. „lag“ nicht am Tage: Der Sprecher blickt auf sie zurück, er wechselt das Tempus. Diese Gegenüberstellung erfolgt in den Quartetten (die bürgerlichen Frauen) und den Terzetten (jene geschminkte Dirne).

In den Schlussversen folgt die anschließende Wertung: „Wie höflich war sie doch, von der ich sage / Sie muß gestorben sein: sie ist nicht mehr geschminkt.“ (V. 13 f.) Höflich war sie, so ist zu extrapolieren, weil sie ihr Gesicht verborgen hat, sodass sie ungeniert die Männer anblicken konnte. Der letzte Vers ist einigermaßen rätselhaft: Wieso ist sie nicht mehr geschminkt? Hat sie den Beruf aufgegeben?

Der Sprecher spricht jambisch, fünf Hebungen pro Vers, gelegentlich mit weiblicher Kadenz; nur der letzte Vers weist sechs Hebungen auf. Das erste Quartett ist von einem umarmenden Reim bestimmt; die Reime sind semantisch sinnvoll (Schoß verstecken / Gesicht belecken, V. 1/4; gleich einem faulen Fisch / bei Tisch, V. 2/3). Der Vergleich „gleich einem faulen Fisch“ wertet die demonstrierte Schamhaftigkeit der Frauen ab. Das zweite Quartett ist im Kreuzreim gesprochen; dabei ist V. 6/8 durchaus sinnvoll gereimt (an den Busen kam / sie nahm). In den Terzetten ist die Reimfolge a-b-a, c-c-b; von denen kann der b-Reim als sinnvoll gelten: aus dem Fenster winkt / nicht mehr geschminkt (V. 10/14).

Der Grundgedanke ist (zunächst) einigermaßen bemüht: Die Frau, die sich hinter der Schminke versteckt, kann frei nach den Männern blicken – aber die anderen verstecken sich eben in ihrem Höschen, nur dass diese ihren Schoß verstecken, jene ihr Gesicht. Vermutlich kommt man jedoch mit Assoziationen zum Thema „Gesicht verbergen, Maske, Schleier“, wiewohl es aktuell ist, bei diesem Gedicht nicht weiter. Man wird das widersprüchliche Verhalten der bürgerlichen Frauen insgesamt betrachten müssen: Einerseits verbergen sie etwas, anderseits geben sie „schnell den Leib“ (V. 5) einem Kerl hin; allerdings nicht frei, sondern „schaudernd“ (V. 8) und mit geschlossenen Augen, „stehend an der Mauer“ (V. 7). Ich denke, dass gegenüber diesem inneren Widerspruch das freie Handeln der Geschminkten abgesetzt ist – sich zu schminken ist allein noch kein Verdienst.

Dirnenlied:

http://www.dirnenlied.de/ (von Roger Stein, dem großen Fachmann)

http://www.zeit.de/2006/50/P-Roger-Stein (Bericht über Roger Stein)

http://de.wikisource.org/wiki/Dirnenlieder (Beispiele)

Brecht: Die Legende der Dirne Evlyn Roe

http://www.simfy.de/artists/139015-Tim-Fischer/albums/45431-Baby-Boy/tracks/3175672-Die-Legende-der-Dirne-Evelyn-Roe (gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=jLE-h91Ig9U (dito)

http://www.reinhard-doehl.de/forschung/ballade/ballade_11.htm legende und ballade

http://de.scribd.com/doc/7351168/LegendeDerDirnrEvlynRoe Text gescannt -> Fehler!

Sonette Brechts im Internet:

http://www.youtube.com/watch?v=mLgf8bHqAhM

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht59.html (das 13. Sonett)

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht54_58.html (weitere)

http://turmsegler.net/20070814/das-elfte-sonett/ (das 11. Sonett)

http://quadratmeter.wordpress.com/2011/09/20/bertolt-brecht-sonett-nr-19/ (Sonett Nr. 19)

http://www.asamnet.de/~daehneri/home/rot/gedichte/sonett.htm „Nur eines möchte ich nicht…“

http://digitool.library.mcgill.ca:80/webclient/StreamGate?folder_id=0&dvs=1352287469918~207 (Arbeit die Sonette Brecht-Steffin)

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