Brecht: Motto der „Svendborger Gedichte“ – Analyse

Geflüchtet unter das dänische Strohdach, Freunde…

Text

http://www.paluch-habeck.de/kleinearbeiten/radiosendungen/untermdaenischenstrohdach.html

http://www.skierka.de/index.php?what=texte&mainpage=show_text.php&id=34

http://www.jusos-nordwest-hannover.de/imperia/md/content/bezirkhannover/jusosnordwest/arbeitlerlieder_workshop_2009.pdf

„Svendborger Gedichte“

Die „Svendborger Gedichte“ sind die zweite große Sammlung von Exilgedichten Brechts (nach „Lieder Gedichte Chöre“). Ihr gingen die kleineren Sammlungen „Deutsche Kriegsfibel“ (1937 in „Das Wort“), „Deutsche Satiren“ (für den deutschen Freiheitssender 29,8, der ab 1937 aus Spanien sendete; Teildrucke in „Das Wort“ 1937 und 1938) sowie die „Kinderlieder“ voraus; diese wurden in erweiterter Gestalt als Teile in die „Svendborger Gedichte“ aufgenommen.

Die Sammlung wurde 1937 zusammengestellt; einige später entstandene Gedichte fügte Brecht in die Sammlung ein. Der Druck der „Svendborger Gedichte“ verzögerte sich, einmal weil Brecht mit der Herausgabe der Gesammelten Werke befasst war und an deren Zusammenstellung laborierte, sodann wegen Herzfeldes Flucht aus Prag Ende 1938, nachdem die Gedichte schon gesetzt waren. So bemühte sich Ruth Berlau, die Gedichte in Kopenhagen selber herauszubringen, was ihr 1939 auch gelang (trotz der Angabe: Malik-Verlag, London 1939); sie finanzierte den Druck, unterstützt durch eine amerikanische Stiftung. Die Auflage betrug 1000. Davon ließ sie 100 Exemplare von Brecht handsignieren, um sie für 10 statt für 3 Kronen verkaufen zu können und so einen Teil der Druckkosten wieder hereinzubekommen.

Das Motto der Gedichte dürfte 1939 geschrieben worden sein. Hier ist das sprechende Ich der Dichter Brecht, der sich an seine politischen „Freunde“ in Deutschland wendet (V. 1); dass er nicht seine Freunde allgemein meint, ergibt sich aus der Ortsangabe „über [den] Sund“ (V. 4) sowie aus der Angabe, dass er als Flüchtling deren Kampf verfolgt (V. 1 f.). Ob Brecht tatsächlich glaubte, die Gedichte kämen bis nach Deutschland, oder ob hier die poetische Fiktion einer in den Kampf eingreifenden Dichtung vorgetragen wird, was ich für wahrscheinlicher halte, muss hier nicht entschieden werden. Zu Beginn versichert er den Freunden seine Teilnahme an ihrem Kampf, obwohl er geflüchtet ist (eine captatio, V. 1 f.).

Es folgt die Bestimmung des Zwecks der Sammlung (V. 2 ff.). Er knüpft an die bereits erfolgte Veröffentlichung der Teilsammlungen an („wie hin und wieder schon“, V. 3)  und stellt die „Svendborger Gedichte“ in diesen Zusammenhang. Die folgende Partizipialkonstrukion („aufgescheucht…“, V. 3 f.) ist ohne Konjunktion an den Hauptsatz angeschlossen; sie könnte den Grund dafür angeben, dass er die Gedichte an seine Freunde schickt: weil er durch blutige Gesichte aufgescheucht ist; man könnte aber auch den Partizipialsatz auf „die Verse“ beziehen und darin den Grund ihrer Entstehung finden – das erscheint mir bei wiederholtem Lesen als die plausibelste Lesart. „Gesichte“ sind Visonen, Erscheinungen, Ahnungen – er hat also nicht selber gesehen, was in Deutschland geschieht, sondern weiß es aus solchen „Gesichten“. Die Ortsangabe „über Sund und Laubwerk“ gehört entweder zum Prädikat „schicke“ oder zum Partizip „aufgescheucht“; auch wegen der unpassenden Zusammenstellung „Sund und Laubwerk“ ist die Zuordnung schwierig, jedenfalls nicht eindeutig.

Es folgt der Vorschlag oder die von Selbstvorbehalten bestimmte „Warnung“: „Verwendet, was euch erreicht davon, mit Vorsicht!“ (V. 5) Darauf gibt er die Begründung für diese Vorbehalte: Seine Quellen über das, was in Deutschland geschieht, seien nur „vergilbte Bücher, brüchige Berichte“ (V. 6); das ist die poetische Version für „unvollständige, veraltete Quellen“ – Brecht hörte jedoch deutsche Rundfunksender; er sei also schlecht über die Wirklichkeit informiert (was konsequenterweise dafür führen müsste, nichts zu schreiben – wenn es wörtlich gemeint wäre). Er stellt deshalb für die Zukunft in Aussicht, „wieder in die Lehre [zu] gehen“ (V. 8), also sich von den Freunden belehren zu lassen, „sehen wir uns wieder“ (V. 7). Der Konditionalsatz „Sehen wir uns wieder“ kann aber auch einfach auf die mögliche Rückkehr nach Deutschland anspielen und damit das Leben in Deutschland zur Lehrmeisterin erklären.

An der Sprache des Gedichts fällt die Vieldeutigkeit der Beziehungen auf (s.o.). Der Zeilenschnitt macht das Gedicht zum Gedicht; mehrere Fortsetzungen in der nächsten Zeile kommen überraschend (so hinter V. 1, 2, 3, schwächer hinter 6 und 7). Gesprochen hat nicht Bertolt Brecht, sondern der Dichter Brecht.

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