Mörike: An die Geliebte – Analyse

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=780

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=781 (andere Fassung)

http://www.moerike-gesellschaft.de/2010.pdf (Text mit Kommentar Reiner Wilds, dort im Januar)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/An+die+Geliebte

Das Gedicht entstand am 7. Mai 1830; Mörike schickte es am 19. Mai an seine Verlobte Luise Rau und nahm es mit der Überschrift „An L.“ in den Roman „Maler Nolten“ auf. Ich setze hier die Kenntnis des soliden Kommentars von Reiner Wild (s.o.) voraus und wiederhole nicht, was er geschrieben hat.

Das Gedicht beginnt mit einem Bekenntnis des Ich-Sprechers: Ich bin „von deinem Anschaun tief gestillt“ (V. 1). Diese Wendung ist für uns ungewöhnlich und war auch schon zu Mörikes Zeit veraltet. Ich gebe einen kurzen Überblick darüber, wie im Deutschen Wörterbuch (Grimm) die Bedeutung von „stillen“ erklärt wird, wobei ich das fett setze, was als Bedeutung hier vorliegt:

stillen: still machen (neben dem intransitiven Verb „stillen“: ruhig werden)

1) eine äuszere bewegung zum stehen bringen,beruhigen‘.

2) bewegungen des menschlichen lebens stillen; zur ruhe bringen‘.

a) aufgeregtes streitendes handeln und tun beruhigen, zum stillstand bringen, beilegen; krieg, aufruhr, zwiespalt, einen handel, eine sache u. ähnl. stillen;

b) jemanden stillen ‘zur ruhe bringen‘,

α) jemandenberuhigen, besänftigen, beschwichtigen‘, ‘versöhnen‘ (gott); jemandemwohltun, helfen‘ (mhd.). eine innere unruhe (angst, leid, sehnen, zorn, gier u. s. w.) ‘dämpfen‘. im ganzen heute ungewöhnlich;

β) seelische zustände, regungen und strebungen werden gestillt, d. i.gedämpft, beruhigt‘. bis heute sehr geläufig.

γ) schmerzen, krankheiten stillen, ‘zur ruhe, zum stillstand bringen;

δ) hunger und durst stillen, ‘das verlangen nach speise und trank beschwichtigen’, seit dem 16. jh.

ε) nur frühnhd. ist der gebrauch jemanden stillen, ‘durch gewalt unterdrücken, zur ruhe zwingen‘ (im anschlusz an 2 a);

c) stillen, oder ein kind stillen; ein fester begriff:das kind an der mutterbrust tränken‘ (im gegensatz zurkünstlichenernährung durch flaschenmilch u. s. w.)

3)zum schweigen bringen‘, zu still, adj., II. verhältnismäszig selten und meist früheren sprachstufen angehörend.

4) reflexiv sich stillen. (DWB)

Mörike verwendet „stillen“ so auch in anderen Gedichten, z.B. in „Nimmersatte Liebe“ oder „Im Frühling“.

„von deinem Anschaun gestillt“ kann heißen: Ich schaue dich an und bin gestillt, oder: Du schaust mich an und ich bin gestillt; die Fortsetzung im 2. Vers legt uns auf das erste Verständnis fest – es liegt eine wortlose Kommunikation des Sehens und Spürens vor (leise Atemzüge hören, V. 3), Begehren scheint der romantischen Liebe fremd zu sein. Hier wird der Geliebten, noch ehe sie als Engel bezeichnet wird (V. 4) und die Offenbarung sich ereignet (3. Strophe), göttliche Qualität zugeschrieben. Mörike kannte als Theologe selbstverständlich Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.“ (Ps 23,1-3 in der Einheitsübersetzung) Es gibt unter der Bezeichnung „Psalm 151“ eine moderne Umformung dieses Psalms: „Du Herr, bist mein Hirte
/ nichts wird mir fehlen
/ Du lässt mich lagern auf grünen, saftigen Wiesen /
und führst mich zum Ruheplatz an deine Quelle.
/ Du stillst mein Verlangen nach Liebe und Geborgenheit
/ Du führst mich auf den Weg zu dir
/ So wie du es mir versprochen hast…“ Diese Umformung macht die Annäherung Mörikes an das Gotteslob des Psalms, die Verwandlung der Geliebten in eine Göttin (genannt „Engel“) noch deutlicher. Das Gedicht, „An die Geliebte“ gerichtet, wird so fast zu einem Gebet.

Dieser Engel ist „in dir verhüllt“, bekennt der Ich-Sprecher seiner Geliebten (V. 4). Später umschreibt er, wie er die Offenbarung erfährt: Er hört „Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen“ (V. 11); ihm wird also, wie ich die ungebräuchliche und unbestimmte Formulierung umschreiben möchte, die Tiefe der Welt (V. 9) offenbar, indem er seine Schicksalsmelodie hört (V. 11). Zunächst jedoch begegnet er der Verhüllung der Göttergleichen mit einer stummen Frage: ob ihn in der Erfahrung letzter Erfüllung kein Traum betrüge (V. 6-8). Diese Frage wird aber nicht besorgt oder zweifelnd gestellt (gegen Reiner Wild), sondern erstaunt, lächelnd (V. 5). Das Lächeln „quillt / Auf meinem Mund“ (V. 5 f.), ereignet sich, ist schon Antwort des Ich auf das Erscheinen des Engels. „Fragend“ (V. 5) ist es nur, um die Antwort vorzubereiten (3. und 4. Strophe). Die Form des Sonetts wird hier vordergründig als Zusammenhang von Frage und Antwort (Quartette / Terzette) vorgeführt; richtiger, dem Text gemäßer umschreibt man den Aufbau als Dualität von sinnlicher Wahrnehmung / Sinnerfahrung, oder von Oberflächen- / Tiefenerfahrung.

Die beiden Terzette sind durch die gegenläufige „Bewegung“: in die Tiefe stürzen / nach oben blicken, bestimmt. Die Räumlichkeit darf man nicht zu wörtlich nehmen; die Gottheit wird sowohl in „nächt’ger Ferne“ (V. 10: in dunkler Ferne) geahnt wie im Lichtgesang der Sterne (Synästhesie) gesehen/gehört. Die letzte Handlung des Ich ist die stumme, gehorsame Anbetung: „Ich knie…“ (V. 14). Die Geliebte spielt als realer Mensch mit seinen Sorgen, Aufgaben und Bedürfnissen keine Rolle mehr.

In den Quartetten stehen die reimenden Verse 1/4 jeweils im semantischen Bezug zueinander: vom Anschauen gestillt / Engel in dir verhüllt (V. 1/4); fragendes Lächeln quillt / Wunsch erfüllt (V. 5/8). In den Terzetten entsprechen sich alle reimenden Verse: in die Tiefe stürzt der Sinn / Blick nach oben hin (V. 9/12) usw.

Reiner Wild spricht vom Petrarkismus im Zusammenhang mit der Form und der Sprache des Gedichts: „auf Francesco Petrarca (1304-1374) zurückgeführtes Konzept der Liebeslyrik vom 14. bis zum 17. Jh., gekennzeichnet durch eine verbindliche, schematisierte Formsprache, die der Irrationalität des Liebesempfindens Rechnung trägt (Metaphern, Antithesen, Hyperbeln) und einen festen Motivkanon wie Liebesschmerz, Frauenpreis und eine Aufzählung der körperlichen Vorzüge der Frau – Sprecher im Petrarkismus ist immer der Mann (Ausnahmen im sog. ›Anti-Petrarkismus‹)“ (Literaturwissenschaft-online). August Wilhelm Schlegel hat um 1800 sich für die Rehabilitierung der Form des Sonetts eingesetzt und bei den jüngeren Romantikern damit großen Erfolg gehabt. Bei Mörike sehen wir ein Sonett, das man in die Tradition des Petrarkismus stellen kann, aber auch in der Tradition der romantischen Liebeskonzeption sehen sollte, wie sie in „Die Leiden des jungen Werthers“ exemplarisch ausgeführt worden ist – Mörike hat Goethe sehr geschätzt. So kommt es hier im Gedicht zu einer totalen Verehrung der göttlichen Geliebten, zur Konzeption einer heiligen Liebe, die in den Peregrina-Gedichten ja vollends gescheitert war (als fast heilige Liebe oder einst heilige Liebe: Peregrina III).

Vielleicht sollte man dieses Gedicht zum Anlass nehmen, sich einmal intensiver mit dem Konzept der romantischen Liebe zu befassen, welche als Ideal oder Wunschtraum in ihrer Verstiegenheit schon viele Leute unglücklich gemacht hat.

Ursprünglicher Kontext des Gedichts: fünf Gedichte „An L.“ im Roman „Maler Nolten“ im 2. Teil, S. 359 ff. in der Ausgabe bei zeno.org.

http://www.magistrix.de/texte/Schule/Schularbeiten/Deutsch/Gedichtsinterpretationen/Gedichtsvergleich-von-Fragile-und-An-die-Geliebte.12354.html (Gedichtvergleich mit Karin Kiwus: Fragile)

http://www.deutschboard.de/topic,2085,-eduard-moerike—an-die-geliebte.html („Lindenblatt“ macht ein paar kritische Anmerkungen!)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=bze0dSfQFjA (Julian Eilenberger?)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/an-die-geliebte.html (Fritz Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=deChETbTQSY (unbekannt, zu schnell)

http://www.youtube.com/watch?v=K8G-fzxTbig (Hugo Wolf: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=fVn0wusgws8 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=WXDhpqeerOM (Holzinger: für gemischten Chor)

Romantische Liebe

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/emilia.htm (Emilia Galotti: der neue Liebesdiskurs der Bürger)

http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/epoche/friedrich_liebe.pdf („Die Leiden des jungen Werthers führen am Beispiel der Hauptfigur eine autonome Liebe vor. Aus dem Blickwinkel gesellschaftlicher Organisation ist diese Liebe im radikalen Sinn exkludiert. Eine Verbindung zwischen Lebenspraxis und Liebe ist unmöglich. Die Verbindung von religiöser Semantik und Liebe hatte Klopstock bereitgestellt.Mit Hilfe des religiösen Inventars kann Liebe autonom begründet und der heteronome Anspruch der Gattung zurück-gewiesen werden. Für Werther ist Liebe ein Funktionsäquivalent zur Religion.Wie der Roman zeigt, steigen damit ihre Risiken exorbitant.“ Hans-Edwin Friedrich, 2000)

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/friedrich_liebeskonzept.pdf (Vorgeschichte: die empfindsame Liebe; Werther; Rückgriff auf Klopstock im „Siegwart“; Reflexion des empfindsamen Liebesmodells in den Romanen Jacobis, 2001)

http://peterhorn.kilu.de/books/Werther.htm (Horn: Werthers Liebe zu Lotte und die Quelle der Empfindsamkeit)

http://homepage.ruhr-uni-bochum.de/niels.werber/Kap1.htm (Niels Werber über Luhmanns Theorie und die Literatur des 18. Jh.)

http://www.projektwerkstatt.de/gender/download/liebe+subjekt.pdf (Romantische Liebe als wirkungsmächtiger Diskurs, Hausarbeit von Anke Jurschat und Michel Raab, 2005)

http://www.single-generation.de/themen/thema_der_code_des_herzens.htm (Rezensionsessay, mit Links)

http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2008/2297/pdf/HAFOS_29.pdf (Erich H. Witte: Bindung und romantische Liebe)

Petrarkismus

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_4_3_2.htm

http://lyrik.no-ip.org/mediawiki/index.php/Petrarkismus

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/ringvorlesungen/liebesdichtung_antike_barock/Liebeslyrik_Barock_Zusammenfassung.pdf

http://universal_lexikon.deacademic.com/284491/Petrarca_und_der_Petrarkismus

Sonstiges

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/313935_0010.pdf (Klausur mit simplen Aufgaben bzw. Lösungserwartungen)

http://www.moerike-gesellschaft.de/So_ist_die_Lieb_.pdf (Mörikes Liebeslyrik)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/lyrik/lit/literaturgeschichte.pdf (Lehrerfortbildung: Liebeslyrik im Unterricht)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/lyrik/index.htm (Liebeslyrik)

http://cingolani.com/4em.html (engl. Übersetzung)

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