Mörike: Schön-Rothraut – Analyse

Wie heißt König Ringangs Töchterlein? …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2010.pdf (dort im Juli: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=779 (grafisch sinnvoll gesetzt, wie beim ersten Link)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Sch%C3%B6n-Rohtraut

Das Gedicht ist am 31. März 1838 verfasst und im gleichen Jahr gedruckt worden. Die einzigartige Form der Ballade beschreibt Reiner Wild (s.o.) so: „die achtzeilige Form, die in den vier Strophen in Zeilenlänge und Metrum leicht variiert wird, bietet mit Refrain und weiteren refrainartigen Wiederholungen, im raschen und liedhaften sprachlichen Fluss bei nur wenigen Endreimen und im Wechsel von erzählenden und dialogischen Passagen ein bemerkenswertes Miteinander von hoher Kunstfertigkeit und volkstümlichem Ton.“ Refrain ist V. 8, refrainartige Wiederholung V. 2, der in V. 18 zu einem Satz abgewandelt wird.

Es spricht ein allwissender Erzähler, der zunächst Schön-Rothraut vorstellt (V. 1-5). Danach berichtet er ohne Einleitung in wörtlicher Rede den Wunsch eines nicht vorgestellten Ichs, „ihr Jäger“ zu sein (V. 6); die Begründung dafür zielt (noch!) auf die Freude an Fischen und Jagen (V. 7). Es folgt die Aufforderung ans eigene Herz, still zu schweigen (V. 8), also auf den Wunsch zu verzichten. Dabei bereitet das Nomen „Herz“ bereits den Fortgang des Wünschens in der 2. Strophe vor. „Rothraut. Schön-Rothraut“ ist die Antwort des Erzählers auf seine eigene Frage nach dem Namen der Königstochter; in der 2. Strophe hat diese refrainartige Wiederholung keine grammatische Funktion, sondern klingt wie eine verbindende Musik im Hintergrund der Erzählung.

In der 2. Strophe wird erzählt, dass der Wunsch des Ich erfüllt ist (Zustand wird beschrieben); dieses Ich wird als „der Knab’“ (V. 11) eingeführt – der bestimmte Artikel weist ihn als schon durch seinen Wunsch in der 1. Strophe bekannt aus. Er ist nun Jäger bei Rothraut; parallel zur 1. Strophe wird sein zweiter Wunsch wörtlich berichtet (V: 14 ff.). Wäre er ein Königssohn und nicht bloß ein Knabe, hätte er die Möglichkeit, um Rothraut zu werben und ihre Liebe zu gewinnen. Es folgt seine Aufforderung ans eigene Herz, still zu werden.

Mit „Einsmals“ wird in der 3. Strophe ein Ereignis eingeführt, eine Episode, die „am Eichenbaum“ sich ereignet hat. Schön-Rothraut ist hier Subjekt des Satzes (V. 18) und zugleich handelndes Subjekt: Sie fragt, so wird berichtet, ihren Begleiter nach seinem „wunniglich[en]“ Blick (V. 19) und ermuntert ihn, sie zu küssen (V. 19 f.). Sie sagt das lachend (V. 18), also kess provozierend: „Wenn du das Herz hast…“. „wunniglich“ gibt es im Deutschen zu Mörikes Zeiten nicht (mehr); es ist in der Zeit des Hans Sachs noch belegt, die altertümliche Wortform erinnert an die Herkunft des Nomens „Wonne“ von „Wunn, Wunna“ (Adelung); im Grimm’schen Wörterbuch (nicht aber bei Adelung) findet man das Adjektiv „wonniglich“ zur „kennzeichnung dessen, was erfreulich ist, lust gewährt“. „Wenn du das Herz hast“ (V. 20) bedeutet: Wenn du dich traust, wenn du Mut hast; geläufig ist die Redewendung „sich ein Herz fassen“; es schwingt im Kontext der Aufforderung aber auch „Herz“ als Quelle der Liebe mit. Dass es um den Mut geht, als einfacher „Knabe“ die Königstochter zu küssen, zeigt seine Reaktion (V. 21): Er erschrak. Dann überwindet er seine Bedenken und küsst sie auf den Mund, also richtig. Der Refrain (V. 24) wäre hier sachlich überflüssig; da er jedoch vom Erzähler als Gedanke des Knaben berichtet wird, muss man ihm als Leser ein Funktion zuerkennen. Wenn er nicht bloß Hintergrundmusik sein soll, bedeutet er vielleicht: ‚Herz, dein Sehnen ist erfüllt.’ Diese Spannung zwischen Wunsch mit anfänglichem Verzicht und später Erfüllung mit folgendem Verzicht bildet den Spannungsbogen der Ballade.

Der Erzähler berichtet danach, wie es weitergegangen ist; sie ritten schweigend heim (V. 25). Warum Rothraut schweigt, wird nicht gesagt; vom Knaben wird jedoch berichtet, was er jubelnd denkt (V. 28 ff.). Er hat die Erfüllung seiner Liebe gefunden, kann deshalb auf weitere Wünsche gegenüber Rothraut verzichten (V.29 f.) und sagt das auch mit dem abschließenden Refrain (V. 32).

Im Aufbau der Strophen zeigt sich, dass der verkürzte fünfte Vers jeweils die vier vorhergehenden semantisch abschließt; mit dem sechsten Vers setzt etwas Neues ein, zweimal ein Wunsch des Knaben (1., 2. Str.), dann seine Aktion (3. Str.), schließlich sein Glücksbekenntnis (4. Str.). Es reimen sich in jeder Strophe V.3/4 und V. 6/7; die Reime sind nicht überraschend, aber doch sachlich passend, z.B. ihr Jäger wär’ / freut mich sehr (V. 6/7, das Jagen); auf Ringangs Schloß / hat ein Roß (V. 11/12, Situation des Knaben).

Das Besondere an Mörikes Ballade, von der neuen Form abgesehen, besteht darin, dass die Königstochter dem einfachen jungen Mann erotisch entgegenkommt; solche Begegnungen gab es zwar auch in Märchen, aber da waren sie durch Zaubermittel oder besondere Klugheit der einfachen Leute herbeigeführt (vgl. Bechstein: Der Hasenhüter und die Königstochter). Bei Mörike erscheint Rothraut dagegen als begehrende und gewährende Frau, wenn sie sich auch mit dem einmaligen Küssen begnügt.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=bpEYbnHVjBw (Schumann: Chor)

Es gibt vermutlich auch einen mündlichen Vortrag Wolfgang Ruttkowskis; aber um das Gedicht zu finden, müsste ich sechs Plattenseiten (http://www.youtube.com/watch?v=R3fr6tDUWEw „Deutsche Gedichte“) hören, wobei man nicht einmal ein bestimmtes Gedicht herausgreifen kann – darauf verzichte ich: „Schweig stille, mein Herz!“

Sonstiges

http://www.cingolani.com/71em.html (engl. Übersetzung)

About these ads
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 58 Followern an

%d Bloggern gefällt das: