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	<description>„Handle besonnen“, ist die praktische Seite von: „Erkenne dich selbst.“ (JWG)</description>
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		<title>norberto42</title>
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		<title>Kassandra &#8211; Entwicklung einer Figur</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Nov 2009 08:44:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Kassandra]]></category>
		<category><![CDATA[literarische Figur]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn man sich näher mit Mythen befasst, merkt man: &#8222;Den&#8220; Mythos gibt es nicht, es gibt nur viele Ausprägungen des Mythos. Und zweitens sind die Figuren in einer Entwicklung, sodass man eigentlich sagen muss: Zu einem bestimmten Zeitpunkt sah die Figur im Allgemeinen so und so aus. Unter dieser Voraussetzung steht das, was ich zur [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=147&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Wenn man sich näher mit Mythen befasst, merkt man: &#8222;Den&#8220; Mythos gibt es nicht, es gibt nur viele Ausprägungen des Mythos. Und zweitens sind die Figuren in einer Entwicklung, sodass man eigentlich sagen muss: Zu einem bestimmten Zeitpunkt sah die Figur im Allgemeinen so und so aus. Unter dieser Voraussetzung steht das, was ich zur Entwicklung der literarischen Figur KASSANDRA sagen möchte; Elisabeth Frenzels Buch &#8222;Stoffe der Weltliteratur&#8220; (viele Auflagen) ist das entsprechende Standardwörterbuch.</p>
<p><strong><span style="color:#000080;">Kassandra, die Seherin</span></strong><br />
- die Entstehung einer Figur</p>
<p>In der Ilias begegnen wir Kassandra mehrmals; sie gehört einfach zu den Kindern des Königs Priamos. Im 24. Gesang geht es um den toten Hektor. Der Sänger berichtet:</p>
<p>„Aber Kassandra, gleichend der goldenen Aphrodite,</p>
<p>Nach Pergamos hinaufgestiegen, bemerkte ihren Vater,</p>
<p>Wie er auf dem Wagen stand, und den Herold, den Stadtdurchrufer,</p>
<p>Und sah <em>den</em> im Maultierwagen liegend auf dem Lager.</p>
<p>Da schrie sie hell auf und rief durch die ganze Stadt:</p>
<p>‚Kommt und seht, ihr Troer und Troerfrauen, den Hektor!</p>
<p>Wenn ihr euch je über den Lebenden gefreut habt, dass er heimkehrte</p>
<p>Aus der Schlacht, denn eine große Freude war er der Stadt und dem ganzen Volk.’</p>
<p>So sprach sie, und kein Mann blieb dort zurück in der Stadt</p>
<p>Und keine Frau, denn über alle war unerträgliche Trauer gekommen.“ (V. 699 – 708)</p>
<p>In der „Odyssee“ (11. Gesang) erfährt Odysseus in der Unterwelt von Agamemnon, wie dieser sein Leben in Mykene verloren hat:</p>
<p>„Edler Laertiad&#8217;, erfindungsreicher Odysseus,</p>
<p>Nein, mich tötete nicht der Erderschüttrer Poseidon,</p>
<p>Da er den wilden Orkan lautbrausender Winde mir sandte;</p>
<p>Noch ermordeten mich auf dem Lande feindliche Männer.</p>
<p>Sondern Aigisthos bereitete mir das Schicksal des Todes,</p>
<p>Samt dem heillosen Weibe! Er lud mich zu Gast, und erschlug mich</p>
<p>Unter den Freuden des Mahls: so erschlägt man den Stier an der Krippe!</p>
<p>Also starb ich den kläglichsten Tod; und alle Gefährten</p>
<p>Stürzten in Haufen umher, wie hauerbewaffnete Eber,</p>
<p>Die man im Hause des reichen gewaltigen Mannes zur Hochzeit,</p>
<p>Oder zum Feiergelag&#8217; abschlachtet, oder zum Gastmahl.</p>
<p>Schon bei vieler Männer Ermordung warst du zugegen,</p>
<p>Die in dem Zweikampf blieben, und in der wütenden Feldschlacht;</p>
<p>Doch kein Anblick hätte dein Herz so innig gerühret,</p>
<p>Als wie wir um den Kelch und die speisebeladenen Tische</p>
<p>Lagen im weiten Gemach, und rings der Boden in Blut schwamm!</p>
<p>Jämmerlich hört&#8217; ich vor allen Kassandra, Priamos&#8217; Tochter,</p>
<p>Winseln, es tötete sie die tückische Klytämnestra</p>
<p>Über mir; da erhob ich die Hände noch von der Erde,</p>
<p>Und griff sterbend ins Schwert der Mörderin. Aber die Freche</p>
<p>Ging von mir weg, ohn einmal die Augen des sterbenden Mannes</p>
<p>Zuzudrücken, noch ihm die kalten Lippen zu schließen.“ (V. 405 – 426)</p>
<p>Bei Pindar (5. Jh.) ist Kassandra eine Seherin, die an der Seite Agamemnons stirbt. Dies wird  so beiläufig erwähnt, dass beide Aspekte zu Pindars Zeiten bereits allgemein akzeptiert gewesen sein müssen.<br />
Wann und warum Kassandra zur Seherin „wurde“, bleibt offen; fortan steht dieser Wesenszug im Vordergrund. Er wurde von Aischylos im Drama „Agamemnon“ (Teil der „Orestie“, 458 aufgeführt) genutzt: Sie „sieht“ außerhalb der Burg, wie Agamemnon drinnen ermordet wird, und sieht zugleich ihren eigenen Tod voraus.</p>
<p>Aischylos erklärt auch, wie Kassandra zur Seherin wurde: Apollon warb einst um sie und sie willigte in eine Beziehung ein. Da gab er ihr die göttliche Kunst, Künftiges zu sehen. Doch als Apollon die versprochene Intimität mit Kassandra wollte, wies sie den mächtigen Gott zurück, woraufhin Apollon sein Geschenk abwandelte:<br />
»Mir glaubte niemand etwas, seit ich so gefehlt!« (Kassandra, in: Aischylos, Agamemnon 1212)</p>
<p>Ähnlich spricht sie bei Euripides: »denn der Gott machte mein Weissagen wirkungslos: diejenigen die bereits leiden und im Unglück stehen, nennen mich klug, vorher gelte ich als wahnsinnig.« (Euripides, Alexandros frg.42b Snell) An dieser Stelle klingt die Besonderheit an, dass Kassandra nur Unglück prophezeit. Mit Ausnahme einer Stelle in Vergils Aeneis (entstanden 29 – 19) sind Kassandras Prophezeiungen in der Antike stets düster, was vermutlich damit zusammenhängt, dass die Figur Kassandra in Trojas Untergang verortet ist.</p>
<p>In der Spätantike wurde die Figur der Kassandra mit der Sibylle verschmolzen; im Mittelalter prophezeite sie unter anderem den Messias und die Weltgeschichte bis zum Jüngsten Tag (Herbort von Fritzlar: Lied von Troja, um 1190) – die Figur war in einer steten Entwicklung, bis auf den heutigen Tag. (vgl. <a href="http://www.stefan.cc/geschichte/personen/kassandra.html">http://www.stefan.cc/geschichte/personen/kassandra.html</a>)</p>
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		<title>Sophokles: Antigone &#8211; Aufbau (Inhalt)</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Nov 2009 16:02:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Drama]]></category>
		<category><![CDATA[Antigone]]></category>
		<category><![CDATA[Sophokles]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Fabel der „Antigone“ hat Sophokles weithin selbst aus dem mythischen Stoff herausgesponnen; die Figur Antigone hatte vorher nie eine große Rolle gespielt. Das von Kreon erlassene Verbot einer Bestattung scheint es bereits in Aischylos’ Tragödie „Eleusinioi“ gegeben zu haben; der attische König Theseus hat ihn jedoch gezwungen, das Verbot zurückzunehmen.
Das Motiv, das Begräbnis einer [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=142&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Die Fabel der „Antigone“ hat Sophokles weithin selbst aus dem mythischen Stoff herausgesponnen; die Figur Antigone hatte vorher nie eine große Rolle gespielt. Das von Kreon erlassene Verbot einer Bestattung scheint es bereits in Aischylos’ Tragödie „Eleusinioi“ gegeben zu haben; der attische König Theseus hat ihn jedoch gezwungen, das Verbot zurückzunehmen.</p>
<p>Das Motiv, das Begräbnis einer Leiche zu verweigern, kommt bei Sophokles auch im „Aias“ vor. Aias hatte in seinem Zorn die griechischen Kämpfer erschlagen wollen, weshalb Agamemnon und Menelaos ihm die Bestattung verweigern. Odysseus setzt sich dagegen für eine Bestattung ein, weil es immer klüger ist, die Götter nicht zu beleidigen. Die Position des Odysseus ist hier aber eher praktisch, nicht so grundsätzlich wie die der Antigone. &#8211; Es war im 5. Jahrhundert in Athen eine selbstverständliche Pflicht, Tote zu bestatten; selbst der Feind durfte außerhalb der Stadt begraben werden.</p>
<p>Der <strong>Prolog </strong>des Stückes ist ein Dialog zwischen Antigone und Ismene, der in aller Morgenfühe am Tag nach dem Tod ihrer beiden Brüder und dem Abzug des besiegten feindlichen Heeres stattfindet. Zu Beginn ist Ismene die geliebte Schwester, am Ende des Gesprächs die von Antigone angefeindete Gegnerin, nachdem ein Kampf zwischen ihren Standpunkten stattgefunden hat: unversöhnliches Beharren auf der Pflicht, den toten Bruder Polyneikes zu begraben (verkörpert durch Antigone), anderseits Gehorsam gegenüber der Staatsregierung, der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes (verkörpert durch Ismene). Der Konflikt zwischen Antigone und Kreon wird hier durch den kleinen Konflikt des Prologs vorbereitet. Der Prolog entfaltet dramatisch das Thema der Handlung.</p>
<p>Nach der <strong>Einzugslied</strong> des Chors, der Ältesten Thebens, die ein Jubellied wegen der Rettung der Stadt singen, folgt <strong>der 1. Auftritt</strong> (Epeisodion) mit der Thronrede des neuen Königs Kreon. Der Herrscher verkündet seine uneingeschränkte Treue und Loyalität zur Vaterstadt als Grundsatz, nach dem er regieren will, und erklärt dabei dem Chor, warum Polyneikes als Landesfeind noch im Tode büßen solle. Der erste öffentliche Widerstand kommt von der Seite des Chores: Die Alten wollen nicht darüber wachen, dass Kreons Gebot befolgt wird, billigen jedoch Kreons Herrschaftsanspruch. Nach diesem kurzen Gespräch kommt ein Wächter und meldet das Unglaubliche: Der Leichnam wurde mit Erde bedeckt, der Täter ist entkommen. Kreon wittert Gegner am Werk, beschuldigt den Wächter und seine Genossen, bestochen zu sein, und droht in höchster Erregung mit dem Henker.</p>
<p>Es folgt <strong>das erste Standlied </strong>(Stasimon)<strong></strong> mit seinem doppeldeutigen Preis der menschlichen Erfindungskraft, die nur vor dem Tod versagt, aber die Erde beherrschbar macht; am Schluss wird als Maßstab rechten Handelns bekräftigt, dass man die Gesetze der Stadt und der Götter zu beachten hat. Antigones Rechtsverletzung hat ihre Bezugspunkte bekommen, ohne dass der Chor etwas von ihrem Handeln wüsste. – Gegenüber der griechischen Tradition ist in diesem Lied erkannt, dass die kulturellen Errungenschaften nicht von den Göttern verliehen wurden, sondern dass der Mensch sich alles selbst beigebracht hat.</p>
<p>Im <strong>2. Auftritt </strong>führt der Wächter Antigone herein, die beim Versuch, während eines von den Göttern gesandten Sandsturms den gefallenen Bruder erneut mit Erde zu bedecken und das Trankopfer zu bringen, ergriffen wurde. Es kommt zur großen Auseinandersetzung (Agon) zwischen Kreon und Antigone. Antigone bekennt sich schroff zu ihrer Tat; denn ihr steht das Gesetz des Zeus, das ewige, ungeschriebene, heilige Recht der Götter, höher als das Gesetz des Herrschers. Der angedrohte vorzeitige Tod kümmert sie nicht; ihr gelte der nur als „Gewinn“. Kreon sieht durch ihre harte Sprache seine Königsmacht und seine Autorität als Mann beleidigt. Als nun auch Ismene neben die Schwester tritt, verhärtet sich Kreon noch mehr, auch wenn Ismene von Antigone zurückgewiesen wird. Kreon droht ihnen den Tod an.</p>
<p>Der Chor der Alten singt darauf das <strong>2. Standlied</strong>, ein ahnungsvolles Lied über die Bindung der Menschen an ihr „Haus“ und das leidvolle Schicksal der Labdakiden (Labdakos: Großvater des Ödipus). Es bringt zugleich eine allgemeine theologische Reflexion, die um die „<em>Ate“ </em>kreist, eines der Urworte der Tragödie. <em>Ate </em>bedeutet ebenso Unheil wie Verblendung. Eitle Hoffnung, Betörung täuscht den Ahnungslosen; ein altes Wort sagt sogar, dass die Götter selbst den Menschen verführen und ihn in <em>Ate</em>verstricken, indem sie ihn das Schlechte für das Gute halten lassen.</p>
<p>Im <strong>3. Auftritt</strong> folgt als dramatischer Höhepunkt der Streit zwischen Kreon und Haimon, dem König und dem Sprecher der Bürger, zwischen Vater und Sohn. Kreon beansprucht uneingeschränkten Gehorsam; Haimon erklärt, zum Vater zu gehören – im Rahmen des Rechten. Vernunft ist für ihn der Maßstab menschlichen und politischen Handelns, nicht Gehorsam. Er berichtet seinem Vater, dass das Volk nicht auf dessen Seite steht, sondern insgeheim Antigone und ihre Tat preist. Er treibt den Herrscher zum Geständnis, dass er ein Tyrann ist, der die Stadt für sein Eigentum hält und Gehorsam fordert, ob seine Anordnungen zu Recht oder Unrecht bestehen. Am Ende der Auseinandersetzung (zuerst mit einer großen Rede, dann in einer Stichomythie) sind die beiden für immer entzweit. Kreon ordnet an, Antigone lebendig in eine Grabkammer einzumauern. – Mit diesem Auftritt beginnt die Anklage gegen Kreon, die dann im 5. Auftritt verschärft wird, und der Streit, der schließlich zum Untergang Kreons führt.</p>
<p>Das <strong>3. Standlied </strong>leitet zur letzten Szene Antigones über. Der Chor preist die Macht des Eros, des Liebesgottes, und der Aphrodite. Wie schon beim Standlied von der doppelwertigen Größe des Menschen sind die Aussagen des Chores mehrdeutig. In seiner Rolle als Vertreter der Bürger Thebens behauptet er, dass der Streit zwischen Haimon und Kreon durch Eros begründet ist – dafür gab es bisher keinen Hinweis. Mit dem Lied auf Eros wird jedoch auch der letzte Auftritt der Heldin vorbereitet: Antigone ist nicht nur die kompromisslose Kämpferin für göttliches Recht, sondern auch ein Mädchen auf dem abgebrochenen Weg zu Ehe und Mutterschaft.</p>
<p><strong>Der 4. Auftritt </strong>zeigt in der Form eines Kommos (Klagegesang) zwischen Antigone und dem Chor den Abschied Antigones von der Welt. Antigone hält ihre große Rede, in der sie sich Rechenschaft über ihr Handeln ablegt und in der ihr vor dem Tod die Tragweite ihres Handelns bewusst wird. Sie beklagt ihr Geschick, der Chor rühmt sie als über alle Frauen erhaben, kennt aber auch ihre eigene Schuld am Untergang. Danach reden Kreon und Antigone ein letztes Mal miteinander bzw. aneinander vorbei; dann wird Antigone in die Grabkammer geführt und der Chor singt als <strong>4. Standlied </strong>ein Lied von vergleichbaren Fällen, wo Frauen vom Unheil geschlagen waren. Damit will er einserseits Antigone trösten, anderseits wird ihr Geschick vorweggenommen. Dieses Lied ist parallel dem 2. Standlied; es beschließt endgültig die Antigonehandlung.</p>
<p>Mit dem Erscheinen des Sehers Teiresias im <strong>5. Auftritt </strong>tritt jemand auf, der wie Haimon vergeblich den König zur Umkehr mahnt: Der Seher berichtet von einer Kette böser Opferzeichen, die auf eine Befleckung der Polis durch den unbestatteten Toten hinweisen, und bezeichnet Kreons Bestattungsverbot als Frevel gegen die Götter. Der König tut die Mahnung erneut als der Geldgier entsprossen ab und erhebt sich in letzter Überheblichkeit (Hybris) bis zur Blasphemie: Selbst dem Adler des Zeus würde er den Leichnam verweigern; kein Mensch könne die Götter beleidigen. Dagegen setzt Teiresias sein drohendes Wort, im Haus Kreons werde es bald zur Buße einen Toten geben. Der König ist erschüttert und gibt aus Angst nach: die Peripetie des Dramas. Er fragt den Chor um Rat und entschließt sich, Polyneikes zu begraben und Antigone zu befreien.</p>
<p>Mit dem darauf folgenden <strong>5. Standlied </strong>preist der Chor Bakchos als den Schutzgott Thebens, aber auch den Gott des Dionysienfestes. Der Chor hofft auf die rettende Ankunft des Gottes – ein Kontrast zum Unheil, des sogleich über Kreon hereinbricht; diese Kontrastierung ist eine Technik, die Sophokles auch sonst anwendet.</p>
<p>In der <strong>Exodos </strong>berichtet ein Bote, dass Antigone sich erhängt hat, dass Haimon seinen Vater töten wollte und sich selbst das Schwert in die Seite gestoßen hat. Aufgrund dieser Nachricht geht auch Eurydike, die hinzugekommene Gattin Kreons, schweigend von der Bühne und gibt ihrem Leben ein Ende: drei Selbstmorde in kürzester Zeit. Der Tod seiner Frau und seines Sohnes sind die Strafe Kreons, der jetzt seine Schuld erkennt und sieht: Die ausgleichende Gerechtigkeit trifft ihn als den Schuldigen. Kreon, den Leichnam des Sohnes im Arm, bleibt allein auf der Bühne und muss als ein zerstörter Mann im letzten Kommos alles Falsche beklagen; er wünscht sich den Tod.</p>
<p>Eine konventionelle Mahnung (Gnome) des Chores der Alten schließt die Tragödie: Besonnenheit, Einsicht, Ehrfurcht vor den Göttern, Lernen im Alter! Es sind jedoch die Stichworte, die die entscheidenden Fehlgriffe Kreons bezeichnen.</p>
<p>Diese Übersicht ist ein ganz kleiner <em><strong>Teil meines neuen Lehrerheftes</strong></em> zu &#8222;Antigone&#8220;, das demnächst (frühestens in drei Monaten???) bei Krapp &amp; Gutknecht erscheint; das Manuskript dazu habe ich vorgestern abgeschlossen und abgeschickt.</p>
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		<title>Sophokles: Antigone &#8211; Lehrerheft</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Nov 2009 15:58:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Drama]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Antigone]]></category>
		<category><![CDATA[Lehrerheft]]></category>
		<category><![CDATA[Sophkles]]></category>

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		<description><![CDATA[Vorgestern habe ich das Manuskript des Lehrerheftes zur &#8222;Antigone&#8220; angeschlosssen und an den Verlag (Krapp &#38; Gutknecht) geschickt. Es bleibt zu hoffen, dass es in drei Monaten auf dem Markt ist.
Beim Verlag kann man auch eine DVD mit der Aufnahme einer Aufführung des Theaters Plauen-Zwickau kaufen, wozu es dann mehrere Erläuterungen der Konzeption dieser Aufführung [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=138&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Vorgestern habe ich das Manuskript des Lehrerheftes zur &#8222;Antigone&#8220; angeschlosssen und an den Verlag (Krapp &amp; Gutknecht) geschickt. Es bleibt zu hoffen, dass es in drei Monaten auf dem Markt ist.</p>
<p>Beim Verlag kann man auch eine DVD mit der Aufnahme einer Aufführung des Theaters Plauen-Zwickau kaufen, wozu es dann mehrere Erläuterungen der Konzeption dieser Aufführung usw. gibt.</p>
<p>In meinem alten Blog (<a href="http://logos.kulando.de">http://logos.kulando.de</a>) habe ich noch eine Übersicht über den Aufbau des Stücks veröffentlicht &#8211; ich könnte sie eigentlich auch hier noch einmal unterbringen.</p>
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		<item>
		<title>Böll: Wanderer, kommst du nach Spa&#8230;</title>
		<link>http://norberto42.wordpress.com/2009/09/01/boo-wanderer-kommst-du-nach-spa/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 14:55:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählungen]]></category>
		<category><![CDATA[Analyse]]></category>
		<category><![CDATA[Böll]]></category>
		<category><![CDATA[Methode]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Juni oder Juli 480 v.C. erzwangen die Perser am Thermopylenpass zwischen dem Kallidromosgebirge und dem Malischen Golf den Durchbruch nach Zentralgriechenland, wobei diese Gebirgsenge von einem griech. Aufgebot unter dem spartanischen König Leonidas bis zum letzten Mann verteidigt wurde. Der Sinn dieses Widerstandes ist in der neueren Forschung umstritten, da das Gros der griechischen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=121&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Im Juni oder Juli 480 v.C. erzwangen die Perser am Thermopylenpass zwischen dem Kallidromosgebirge und dem Malischen Golf den Durchbruch nach Zentralgriechenland, wobei diese Gebirgsenge von einem griech. Aufgebot unter dem spartanischen König Leonidas bis zum letzten Mann verteidigt wurde. Der Sinn dieses Widerstandes ist in der neueren Forschung umstritten, da das Gros der griechischen Streitkräfte bereits abgezogen und ein Kampf aussichtslos war. Unabhängig davon geht auf diese Schlacht der Mythos der Spartaner (‚Sieg oder Tod’)  zurück, den Simonides von Keos (übertragen von Friedrich Schiller) mit den berühmten Worten zusammenfasste:„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“ (<a href="http://www.politik.de/forum/archive/index.php/t-119101.html">http://www.politik.de/forum/archive/index.php/t-119101.html</a>)</p>
<p>An diesen Satz schließt sich der Titel der Kurzgeschichte von Heinrich Böll an. Ich beziehe mich auf die Ausgabe in der gleichnamigen Sammlung von Erzählungen Heinrich Bölls, die 1967 unter der Nummer 437 in München bei dtv erschienen ist (15. Aufl. 1974, S. 35-43).</p>
<p>Zuerst möchte ich untersuchen, <span style="color:#0000ff;"><span style="text-decoration:underline;">wie der Ich-Erzähler die Einrichtung seines ehemaligen Gymnasiums beschreibt</span></span>.Er beginnt scheinbar begeistert: „sanftglänzend“ die Medea von Feuerbach, die wunderbare Fotografie des Dornenziehers (S. 35); danach sind kritische Töne einer „objektiven“ ironischen Distanz nicht zu überhören. Die Nachbildung des Parthenonfrieses in Gips ist „echt, antik“; und dann kam alles, „wie es kommen musste“: Der Hoplit sah „wie ein Hahn“ aus, alle hingen „der Reihe nach“ da, vom Großen Kurfürsten bis Hitler (alles S. 35). Das dreimal betonte „besonders“ beim Bild vom Alten Fritz ist wieder scheinbar voller Lob (schön, groß, bunt – aber bunt war auch der Hoplit, und die Übertreibung ist ein Stilmittel der Satire); bei den Rassegesichtern tauchen wieder Adjektive mit negativer Konnotation auf (dumm, hager, S. 36). Dann wird noch das Kriegerdenkmal kurz wahrgenommen und erwähnt. Die Büsten der Römer sind wieder „wunderbar nachgemacht, ganz gelb und echt“ – der innere Widerspruch zwischen „nachgemacht / echt“ ist ein Merkmal satirischer Beschreibung. „Zeusfratze“ ist wieder in sich deutlich negativ (S. 36), Nietzsches Porträt ist verklebt (Satire!), der Soldat auf dem Togobild steht sinnlos mit seinem Gewehr herum. Und dann die naturgetreu abgebildeten Bananen! Kurz darauf erinnert der Erzähler an seinen Bananenspruch: „Es lebe Togo.“ (S. 37)</p>
<p>Diese <em><strong>Ausstattung</strong></em> ist die <em>eines humanistischen Gymnasiums</em>; „ich glaube nicht, dass sie diese Kerle [Cäsar, Cicero, Marc Aurel, N.T.] in den anderen Schulen auf den Fluren an die Wand stellen“ (S. 38). Diese ganze Ausstattung will der Ich-Erzähler nicht mehr sehen, als man ihn in den Zeichensaal trägt: „Ich wollte nichts mehr sehen. Der Zeichensaal roch nach Jod, Scheiße, Mull und Tabak, und es war laut. Sie setzten mich ab, und ich sagte zu den Trägern: ‚Steck mir ’ne Zigarette in den Mund, links oben in der Tasche.’“ (S. 37) Der Zeichensaal heute, im Krieg, als OP, hat mit der Ausstaffierung des humanistischen Gymnasiums nichts gemein; es verlangt der Erzähler nach einer Zigarette, ganz prosaisch. Es verlangt ihn nach Wasser und einer weiteren Zigarette (S. 38 f.).</p>
<p>Die Welt des Gymnasiums, die er nur mit den Augen, nicht mit dem Herzen wahrnimmt (S. 41 f.), steht <strong>in Kontras</strong>t zur Welt, in der der Ich-Erzähler lebt: eine brennende Stadt, die zu verdunkeln nicht mehr lohnt; Armeetransporte von Verwundeten, bei denen die Begleiter nicht einmal wissen, ob sie Tote dabei haben (S. 35). Der Ich-Erzähler rechnet sich zu den Nicht-Toten, spricht vom hohen Fieber und von seinen Schmerzen (S. 36) und dann davon, dass die Schmerzen aufgehört haben (S. 37).Die Wende des Geschehens wird dadurch vorbereitet, dass er die Schule als ein humanistisches Gymnasium in seiner Heimatstadt Bendorf identifiziert (S. 38 f.). Er berichtet, dass er die Artillerie draußen hört, was sich so schön regelmäßig und anständig anhört, „richtig nach Krieg in den Bilderbüchern&#8230;“ (S. 39). Dieser Kriegsaspekt wird dann in seinem Denken mit der Frage fortgeführt, „wieviel Namen wohl auf dem Kriegerdenkmal stehen würden, wenn sie es wieder einweihten, mit einem noch größeren goldenen Eisernen Kreuz (&#8230;), und plötzlich wusste ich es: wenn ich wirklich in meiner alten Schule war, würde mein Name auch darauf stehen, eingehauen in Stein, und im Schulkalender würde hinter meinem Namen stehen &#8211; &gt;&gt;zog von der Schule ins Feld und fiel für&#8230;&lt;&lt; Aber ich wusste noch nicht wofür und wusste noch nicht, ob ich in meiner alten Schule war.“ (S. 39 f.) Bilderbuch-Krieg und Heldengedenken stehen im Widerspruch zu dem, was der Ich-Erzähler wirklich erlebt.</p>
<p>Die <span style="color:#0000ff;"><strong>Wende</strong></span> wird durch den folgenden Satz markiert: „Ich wollte es jetzt unbedingt herauskriegen.“ (S. 40) Bald darauf wird er wissen: Er ist in seiner alten Schule; er hat keine Arme mehr und nur noch ein Bein. Aber wofür er gestorben sein wird, weiß man nicht. Es folgt also ein Erkenntnisprozess, der in der wichtigsten Frage unabgeschlossen bleibt: Wofür werde ich gestorben sein? Das Unabgeschlossene der Erkenntnis kommt darin zum Ausdruck, dass der alte Satz vom Sterben der Spartaner nur unvollständig an der Tafel steht, vom Erzähler vor drei Monaten nur unvollständig zur Übung von Schriftzeichen angeschrieben worden ist: „Wanderer, kommst du nach Spa&#8230;“ Die Spartaner starben, weil das Gesetz es befahl; diese Erkenntnis hat der Ich-Erzähler nicht mehr. Welche Erkenntnis er hat, werden wir zum Schluss feststellen.</p>
<p>Dass mit der Wende des Geschehens ein <strong>Erkenntnisprozess</strong> einsetzt, sagt der Erzähler nach seiner Erinnerung an das Arbeiten im Zeichensaal: „Ich wusste nicht genau, wie ich verwundet war&#8230;“ (S. 40). Seine Wut, dass er die Arme nicht bewegen kann, und der lange Blick des Arztes deuten untergründig schon die Wahrheit an, ebenso die gleichgültigen Gesichter der Sanitäter (S. 40 f.). An der Stelle denkt der Erzähler, „du musst doch herauskriegen, was du für eine Verwundung hast und ob du in deiner alten Schule bist“ (S. 41). In den Erinnerungen des Erzählers wird dann der frühere Hausmeister Birgeler eingeführt, wohin man als Schüler ging, um Milch zu trinken, „wo man es auch riskieren konnte, eine Zigarette zu rauchen, obwohl es verboten war“ (S. 41). Damit sind die Requisiten beisammen, mit denen der Erzähler zu Ende kommen kann, im doppelten Sinn. Als er im Zeichensaal auf dem Operationstisch liegt, erkennt er, dass er mit Sicherheit in seiner alten Schule ist. Er erkennt seine eigene Handschrift, in der er damals, „in diesem verzweifelten Leben“ am Gymnasium, den unvollständigen Satz an die Tafel geschrieben hat: „Wanderer, kommst du nach Spa&#8230;“ (S. 42) Damit ist nach der vorhergehenden Einsicht (S. 40) sicher, dass er sterben wird; das wird dem Leser auch sachlich klar, als dem Verwundeten der Verband abgenommen wird und er sieht, dass er keine Arme und nur noch ein Bein hat.</p>
<p>Dann wird der Bogen zur alten Schule anders gezogen: Der als Sanitäter assistierende Feuerwehrmann, der dem Verwundeten eine Zigarette angemacht und Wasser gereicht hat, ist niemand anders als <span style="text-decoration:underline;">Birgeler</span>, früher Hausmeister am Gymnasium. Und der letzte Wunsch, mit dem der Erzähler zu Ende kommt, ist: „Milch“ – die Milch, die es früher bei Birgeler gab (S. 41), der jetzt nicht einmal mehr genügend Wasser hat, weil man es zum Löschen der Stadt braucht (S. 38 f.). Dem Sterbenden etwas Wasser und eine Zigarette geben, das ist alles, was Birgeler tun kann; die erhabenen Gestalten der humanistisch-gymnasialen Ausstaffierung sind bedeutungslos, Milch gibt es nicht mehr, und den Satz vom sinnvollen Tod der Spartaner kann man nicht mehr vollenden.</p>
<p><span style="color:#0000ff;">Das erzählte Geschehen</span> mag 30 Minuten gedauert haben, so lange, wie der Erzähler gesprochen hat. Formal ist das Ende offen; dem Sinn nach ist es so geschlossen wie ein Sarg in der Erde.</p>
<p>Vielleicht wäre es angemessen, sich die in der Erzählung genannten <strong><em>Bilder und Büsten</em></strong> einmal „real“ anzuschauen, statt über ihren Sinn zu fabulieren, wenn man sie nicht kennt: <a href="http://homepage.mac.com/cparada/GML/000Images/mim/medea0110.jpg">http://homepage.mac.com/cparada/GML/000Images/mim/medea0110.jpg</a> (Feuerbachs Medea) <span style="text-decoration:underline;"><a href="http://www.karlkreuzer.de/mediac/400_0/media/DIR_137051/P1030321.JPG">http://www.karlkreuzer.de/mediac/400_0/media/DIR_137051/P1030321.JPG </a></span>(der Dornenzieher) <a href="http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.trinkl/forum/forum0300/pics/friedl04.jpg">http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.trinkl/forum/forum0300/pics/friedl04.jpg</a> (Parthenonfries) <a href="http://www.sgibson.k12.in.us/gshs_new/ms_socstud/marathon_dwmpnl/a_hoplit.jpg">http://www.sgibson.k12.in.us/gshs_new/ms_socstud/marathon_dwmpnl/a_hoplit.jpg</a> (Hoplit) <a href="http://www.preussen.de/de/geschichte/galerie_der_koenige.html">http://www.preussen.de/de/geschichte/galerie_der_koenige.html</a> (dort: Kurfürst F. W. und Friedrich II. anklicken!) <a href="http://www.fen-net.de/er/einzelthemen/1000_jahre_erlangen/bilder/18_01g.jpg">http://www.fen-net.de/er/einzelthemen/1000_jahre_erlangen/bilder/18_01g.jpg</a> (mit dem Stern!) usw.<strong><em><br />
</em></strong><br />
<em><strong>Erläuterung</strong></em> für die Spätgeborenen: die neun Klassen des alten Gymnasiums</p>
<p>VI Sexta: Kl. 5 [wörtlich: sechste Klasse], V Quinta: Kl. 6 [wörtlich: fünfte Klasse usw.], IV Quarta: Kl. 7, U III Untertertia: Kl. 8, O III Obertertia: Kl. 9, U II Untersekunda: Kl. 10, O II Obersekunda: Kl. 11, U I Unterprima: Kl. 12, O I Oberprima: Kl. 13<strong><br />
</strong><br />
<span style="color:#0000ff;"><strong>Aufbau der </strong><span style="text-decoration:underline;"><strong>Erzählung</strong></span><strong>:</strong></span> Die <strong>Hauptfigur</strong> ist der Ich-Erzähler (<strong>E</strong>). Ort des Geschehens ist ein Gymnasium in Bendorf, der Heimatstadts E.s. Das Geschehen spielt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs; Bendorf wird beschossen und brennt, eine Verdunkelung (als Schutz vor Fliegerangriffen) ist sinnlos geworden, die Verwundeten und Toten werden ins Gymnasium gebracht.</p>
<p>E macht zwei Bewegungen, <em><strong>eine Orts- und eine Erkenntnisbewegung</strong></em>; das ist das erzählte Geschehen. Er wird als Verwundeter vom Auto „draußen“ (Wanderer, kommst du nach Spa&#8230;, dtv 1965, S. 35) in den Zeichensaal der Schule getragen, zum Ort der Verwundeten (S. 35), in den E unter einer Zeusbüste „schwebte“ (S. 37). Mit dieser Orts- ist eine Erkenntnisbewegung verbunden; während E durch die Flure getragen wird, an den Klassenräumen und Kunstdenkmälern der Schule vorbei, erwartet er am Ende das Bild von Togo: „Wenn jetzt, dachte ich flüchtig&#8230; wenn jetzt&#8230; aber da war es schon: das Bild von Togo (&#8230;).“ (S. 36) Auf einer Banane sieht er ein Gekritzel, „ich selbst musste es hingeschrieben haben“ (S. 37). Von diesem Augenblick an wehrt E sich gegen die Erkenntnis, in der eigenen alten Schule zu sein: „Ich wollte nichts mehr sehen.“ Er lässt im stinkenden Zeichensaal eine Zigarette anmachen: „Alles das, dachte ist, ist kein Beweis.“ (S. 37) Er legt sich zurecht, wieso er nicht in seiner Schule sein kann, und beruft sich schließlich auf sein Gefühl (S. 37). Die Erkenntnis kommt dann schrittweise: Er ist in einer Schule (S. 38); ist in einem humanistischen Gymnasium in Bendorf, seiner Heimatstadt (S. 39); erst als er zur Operation hinter die Tafel gebracht wird, erkennt er dort den Spruch in seiner eigenen Handschrift, spürt sein Herz und vollendet die Erkenntnis, dass er in seiner alten Schule ist (S. 42).</p>
<p>Auf seinem Erkenntnisweg gibt es eine <em><strong>Wende</strong></em>, die durch den Gedanken bzw. die Frage eingeleitet wird, „wieviel Namen wohl auf dem Kriegerdenkmal stehen würden, wenn sie es wieder einweihten“ (S. 39: also nach dem Krieg). Da kommt E plötzlich die Gewissheit: „wenn ich wirklich in meiner alten Schule war, würde mein Name auch darauf stehen“ (S. 40), mit dem Spruch im Schulkalender: „zog von der Schule fort ins Feld und fiel für&#8230;“ Und an der Stelle kommt der Wunsch nach Erkenntnis auf: „Aber ich wußte noch nicht wofür und wußte noch nicht, ob ich in meiner alten Schule war. Ich wollte es unbedingt herauskriegen.“ (S. 40) Hier wird deutlich, warum es für E bedeutsam ist zu wissen, ob er in seiner alten Schule ist. <em>Vielleich</em>t kann man hier auch erschließen, warum er sich gegen diese Erkenntnis wehrt: gegen die Gewissheit seines Todes, die daran gebunden ist, dass er sich in seiner alten Schule aufhält.</p>
<p>Die zweite <span style="color:#0000ff;"><em>offene Stelle</em></span> wird hier durch das „es“ markiert: es herauskriegen; „es“ bezieht sich sicher auf den letzten Satz (ob ich in meiner alten Schule war), vielleicht aber auch auf den Satz vorher (wofür er gefallen sein wird). Die zweite Frage seines Erkenntnisbemühens taucht kurz danach auf: „Ich wusste nicht genau, wie ich verwundet war; ich wusste nur, dass ich meine Arme nicht bewegen konnte (&#8230;); ich dachte, sie hätten mir die Arme an den Leib gewickelt (&#8230;).“ (S. 40) Hier wird mit der Kombination von „wusste nicht / dachte“ die spätere richtige Erkenntnis (S. 43) vorbereit, zuvor jedoch der entsprechende Vorsatz, das Nichtgewusste herauszufinden: „Ich (&#8230;) dachte, du musst doch herausfinden, was du für eine Verwundung hast und ob du in deiner alten Schule bist.“ (S. 41)</p>
<p>Die Erkenntnisbewegung wird mit der Ortsbewegung E.s verbunden, als man ihn im Zeichensaal hinter die Tafel trägt (S. 42). Vorher wird jedoch neben dem humanistischen Anstrich („Museum einer Totenstadt“; eine „Welt, die mir ebenso gleichgültig wie fremd war“, S. 41) noch eine zweite Seite der Schule vom E  eingeführt, die durch den Hausmeister Birgeler verkörpert ist. Bei dem konnte man Milch trinken und heimlich auch eine Zigarette rauchen, „obwohl es verboten war“ (S. 41), erinnert sich E; Birgeler verkörpert die menschliche Seite der Schule. Birgelers Stübchen, „wo es nach warmer Milch roch, nach Staub und Birgelers schlechtem Tabak“ (S. 41), bekommt jetzt jedoch eine weitere Bedeutung: Vielleicht ist es die Stelle, wohin man die Toten trägt (S. 41). Diese beiden Bedeutungen werden nicht verbunden; welche sich im Schlusswort E.s durchsetzt, bleibt offen.</p>
<p><span style="color:#ff0000;">Drei entscheidende Erkenntnisse</span> gewinnt der E im Zeichensaal, wobei dieser Ort, an dem er nachgemachte römische Vasen gezeichnet und Schriftzeichen geübt hat, also sich „humanistisch“ betätigen musste, als ein gehasster Ort (S. 40) charakterisiert worden ist: An der eigenen Handschrift auf der Tafel, an dem in seiner Handschrift geschriebenen Spruch „Wanderer, kommst, du nach Spa&#8230;“ erkennt E, dass er in seiner alten Schule ist; damit ist sein Tod gewiss (vgl. S. 40), E erschrickt zutiefst in seinem Herzen, er spürt erstmals sein Herz „in diesem Totenhaus“ (S. 42). &#8211; Die Bezeichnung „Totenhaus“ greift einmal das zuvor genannte „Museum einer Totenstadt“ (S. 41) auf, verweist aber vermutlich unabsichtlich auch schon auf E.s bevorstehenden Tod: eine offene Stelle im Text.</p>
<p>Die zweite Erkenntnis, die E gewinnen wollte, ist die von der Art seiner Verwundung. Er blickt an sich herab und sieht, dass beide Beine und ein Arm fehlen (S. 43); damit ist auch anatomisch gewiss, dass er sterben wird.</p>
<p>Die dritte Erkenntnis gewinnt er, ohne sich darum bemüht zu haben: Der Feuerwehrmann, der als Sanitäter fungiert, ist Birgeler. Es ist wirklich der alte Birgeler, der ihm jetzt zwei Zigaretten angemacht hat (S. 37, 38) und auch widerlich „nach Tabak und Zwiebeln“ riecht (S. 38). Im Augenblick der Erkenntnis riecht E den brandigen Geruch von Birgelers Uniform und sieht dessen „müdes, trauriges Gesicht“ (S. 43). Vielleicht ist Birgeler traurig, weil einer seiner Schüler und nicht nur ein „Kamerad“ (S. 38) hier stirbt; er hat unmittelbar vorher „entsetzt“ den verstümmelten umkippenden E angeblickt (S. 43).„Milch“, sagte ich leise&#8230; (S. 43) &#8211; das ist der letzte Satz. Milch bekam man als Schüler bei Birgeler, dessen Stübchen jetzt vermutlich („vielleicht“, S. 41) Lagerstätte der Toten ist. Was der sterbende E tut, als er „Milch“ sagt, lässt er offen; er sagt nicht, ob er mit dem Wort aus seiner Erinnerung die Erkenntnis ratifiziert, dass er wirklich Birgeler erkannt hat; er sagt nicht, ob er noch Milch bekommen möchte, nachdem Birgeler ihm schon zwei Zigaretten gegeben hat; er sagt nicht, ob ihm Milch ein Symbol für Birgelers Menschlichkeit ist. Der Schluss ist in der „Bedeutung“ des letzten Satzes offen, wie ja auch Birgelers Stübchen am Ende eine zweite Bedeutung bekommen hat.</p>
<p>Eine Erkenntnis hat E jedoch nicht gewonnen: wofür er fiel; das weiß er nicht (S. 40), aber er bemüht sich auch nicht um eine Antwort auf die Frage. Ich sehe im Moment vier Möglichkeiten, wie man die Frage im Sinn des Erzählers beantworten könnte:</p>
<ul>
<li>Es gibt keine Antwort; E.s Tod ist demnach sinnlos.</li>
<li>Die Antwort ergibt sich daraus, dass der alte spartanische Satz vom Sterben der Soldaten („Wanderer&#8230;“) am humanistischen Gymnasium nur für  Schreibübungen gebraucht wurde bzw. zu gebrauchen war und dass E ihn wegen seiner Ungeschicklichkeit nicht zu Ende geschrieben hat (S. 42). Dieser Satz ist ein Bestandteil des Museums der Totenstadt (S. 41); heute sterben die Soldaten sinnlos.</li>
<li>Das letzte Wort „Milch“ könnte bedeuten, dass Birgelers einfache Humanität ihn im Sterben tröstet oder begleitet.</li>
<li>Als E hinter die Tafel getragen wird (S. 41), bemerkt er den Fleck, den das von den Nazis entfernte Kreuz trotz Übermalung der Stelle hinterlassen hat. „Das Kreuz war noch da“, und man kann die Schrägspur des Buchsbaumzweigs erkennen, „den der Hausmeister Birgeler dorthin klemmte, als es noch erlaubt war, Kreuze in die Schulen zu hängen“ (S. 42; Palm- oder Buchsbaumzweige werden am Palmsonntag geweiht und als heil- und segenkräftige Schutzmittel im Haus angebracht: Wörterbuch der deutschen Volkskunde, 3. Aufl. bearbeitet von Richard Beitl und Klaus Beitl, 1974, s.v. „Palmsonntag“). Da das Kreuz am Ort des Sterbens „da“ ist, stirbt E im Zeichen des auch von den Nazis nicht zu entfernenden Kreuzes, sozusagen auch im sinnlosen Tod geborgen in Jesu Christi Leiden.</li>
</ul>
<p>Diese vierte Antwort wird dem Text insofern gerecht, als sie der größeren Passage über den Kreuz-Fleck an der Wand (eine halbe Seite) eine Funktion für das Textverständnis zuweist, während die anderen Antworten diese Gedanken E.s über den Fleck nur ein retardierendes Moment bewerten können. &#8211; Es mag auch möglich sein, die Antworten 2) bis 4) zu kombinieren.</p>
<p>P. S. Die Bedeutung der humanistischen Ausstattung der Schule, an der E. ohne Anteilnahme vorbeigeht &#8211; das „sind schließlich gute, alte generationenlang bewährte Schulrequisiten“ (S. 37) &#8211; die Ironie ist nicht zu überhören; vermutlich hängen die Bilder gemäß einer Vorschrift für humanistische Gymnasien in Preußen an ihren Orten (S. 37). Wie irrelevant sie für die Bildung sind, habe ich in einem Aufsatz gezeigt: <a href="http://logos.kulando.de/post/2008/03/21/wozu_lesen_gut_sein_soll">http://logos.kulando.de/post/2008/03/21/wozu_lesen_gut_sein_soll</a></p>
<p>Nach der Analyse möchte ich die Gelegenheit nutzen, einmal exemplarisch <span style="color:#ff0000;"><strong><em>die methodischen Fehler</em></strong></span> aufzuzeigen, die üblicherweise bei der „Analyse“ von Erzählungen gemacht werden. Ich beginne mit der Interpretation, wie Stefan Leichsenring (leixoletti) sie vorgelegt hat:</p>
<p><strong><em>Die Interpretation von Stefan Leichsenring</em></strong> (leixoletti)<br />
<em>In der konsequent aus der Ich-Perspektive erzählten Geschichte wird gezeigt, wie das zur Zeit des Nationalsozialismus übliche Bildungssystem als Vorbereitung für den Heldentod dienen konnte. Wenn der Soldat an den Gemälden im Schulhaus vorbeigetragen wird, so ist das wie die Promenade durch eine Ausstellung, nur dass hier der Betrachtende nicht ein Schöngeist ist, der von Gemälde zu Gemälde schreitet, sondern ein Sterbender, der getragen wird. Die Abfolge der Bilder ist allerdings nicht streng historisch, sondern Antike und Gegenwart sind bunt durchmischt. Es geht Böll nicht um die Geschichte, sondern um die Bildungsinstitution des preußischen Gymnasiums. (1)</em></p>
<p><strong><em>Humanismus und Nazitum</em></strong></p>
<p><em>Humanistische Bildung (Griechenland, Rom) und Nazi-Ideologie wurden in der Schule parallel vermittelt &#8211; bis hinein in den Zeichenunterricht. So wurde das Zitat von dem Spartaner Leonidas (&#8222;Wanderer, kommst du nach Sparta, so sage, du habestuns liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.&#8220;) für Schreibübungen verwendet. Leonidas (übrigens auch der Name einer hervorragenden belgischen Pralinenmarke &#8211; pardon) verteidigte 480 vor Christus mit 300 anderen den Thermopylenpass gegen die anrückenden Perser und opferte sein Leben und das seiner Kameraden im Kampf. So ist das Zitat ein Verweis auf die Helden-Ideologie des Nationalsozialismus. Doch das Zitat ist verstümmelt (weil die Tafel zu kurz war) &#8211; wie der junge Soldat (2), den die Folgen dieser Ideologie das Leben kosten.</em></p>
<p><strong><em>Belsazar und das Menetekel</em></strong></p>
<p><em>Gleichzeitig spielt die Handschrift an der Tafel auf die biblische Erzählung von dem babylonischen Herrscher Belsazar an, dem eine Feuerschrift an der Wand das Ende seines Reiches prophezeit (3). Diese Botschaft, &#8222;Mene mene tekel, ufarsin&#8220;, bedeutet &#8222;gewogen und zu leicht befunden&#8220;. Das kann auch ein hämischer Kommentar zum Schicksal des jungen Soldaten sein. Oder es lag Böll daran, den Untergang Babylons und den des Nazireiches in eine Parallele zu bringen. Kurz nachdem der Soldat seine Handschrift erkannt hat, wird ihm klar, wie stark er selbst verwundet ist: Ihm fehlen beide Arme und ein Bein. Auf dem Operationstisch liegend, kommt er sich wie ein Embryo vor. Das Verlangen nach Milch ist der Wunsch, in die Kindheit zurückzukehren. (4)</em></p>
<p><strong><em>Kulminationsgeschichte</em></strong></p>
<p><em>Bei &#8222;Wanderer, kommst du nach Spa&#8230;&#8220; handelt es sich um eine Kulminationsgeschichte: Die Ahnung des jungen Soldaten, es könnte sich um seine eigene Schule handeln, wächst allmählich, wird langsam zur Gewissheit. Doch erst als der Soldat seine eigene Handschrift erkennt, kann er sicher sein. Der Soldat kommt vom Erdgeschoss nach oben, eine Bewegung, die sich parallel zu der wachsenden Gewissheit abspielt und diese äußerlich erfahrbar macht. Die von draußen hereindringenden Artilleriegeräsche tragen dazu bei (5), das Bild eines sich allmählich steigernden Infernos entstehen zu lassen. Böll versucht so, die Spannung langsam zu steigern (6). Doch die Geschichte verfehlt ihre Wirkung auf den Leser: Der Soldat will es nicht wahrhaben, für den Leser steht aber schon bald fest, dass es sich um die Schule des Soldaten handelt.</em></p>
<p><strong><em>Böll versus Hemingway</em></strong></p>
<p><em>Im Unterschied zu den Geschichten Hemingways &#8211; etwa &#8222;Soldaten zuhaus&#8220; &#8211; scheut sich Böll nicht, die Gefühle des Soldaten zu schildern. Er hat &#8222;überall Schmerzen&#8220;, sein Herz schlägt &#8222;wie verrückt&#8220;, er erschrickt &#8222;tief und schrecklich&#8220;. Hemingway hätte die Gefühle des Schwerverletzten nicht so drastisch geschildert, Hinweise gegeben, aber das Schreckliche an der Lage des Soldaten der Phantasie des Lesers überlassen. (7) [</em><a href="http://www.leixoletti.de/interpretationen/wanderer.htm"><em>http://www.leixoletti.de/interpretationen/wanderer.htm</em></a><em>] </em></p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br />
<span style="color:#993300;">Die <strong>Ziffern</strong> im Text stammen von mir und markieren die Stellen, zu denen ich jetzt etwas sagen möchte:</span></p>
<p>(1) Hier und im Kontext werden zwei Fehler gemacht: Einmal wird Böll nicht vomErzähler unterschieden, und zweitens wird die Stellungnahme des Erzählers zu dieser preußischen „Gymnasialbildung“ unterschlagen! Der Erzähler drückt seine Verachtung dieser Bildungsidee, zumindest eine große Distanz aber sehr deutlich aus. Methodische Forderung: den <strong><em>Ich-Erzähler und seine Sicht</em></strong> als die wesentliche vermittelnde Instanz beachten, nicht nur „die Ereignisse“!</p>
<p>(2) Die Gemeinsamkeit im „verstümmelt“ ist <strong><em>vordergründig</em></strong> und hängt am puren Wort; genauso gut könnte man sagen, der Satz sei unvollständig o.ä. – man sollte seine Zeit nicht auf die Suche nach solchen vermeintlich tieferen Bedeutungen verschwenden.</p>
<p>(3) Das ist pure Phantasie! Eine göttliche Feuerschrift ist etwas anderes als die eigene Handschrift. – Wieder wird hier nicht beachtet, was für eine Qual das Schreiben früher dem Erzähler war und was das Wiedererkennen jetzt bedeutet: Gewissheit, in der eigenen Schule zu sein, und damit Gewissheit, sterben zu müssen. – Die <strong><em>im Text vermittelte Bedeutung</em></strong> der Handschrift wird nicht beachtet, dafür wird eine andere Bedeutung erfunden.</p>
<p>(4) Wieder wird der <strong><em>Text nicht beachtet</em></strong>: Der Erzähler erinnert sich daran, dass man als Schüler beim Hausmeister Milch trinken und gegen alle Vorschriften sogar rauchen durfte.</p>
<p>(5) Die Artillerie erinnert den Erzähler an Bilderbuchgeschichten vom Krieg; das Inferno wird eher am Anfang deutlich (niemand weiß, ob es Tote gibt, und Verdunkeln wird angesichts der brennenden Stadt für sinnlos erklärt) sowie am Ende, als der Erzähler seine tödliche Verwundung begreift.</p>
<p>(6) Das ist eine <strong><em>Folgerung aus einer falschen Beobachtung</em></strong>. Außerdem ist die Annahme, Böll (der Erzähler!) wolle in der Schulfrage „Spannung“ erzeugen, unsinnig.</p>
<p>(7) <strong><em>Das Wesentliche </em></strong>hat Leichsenring nicht verstanden: die Spannung zwischen dem preußischen Bildungsideal und der Wirklichkeit; die mehrfach markierte Sinnlosigkeit des Sterbens des Erzählers; die Erkenntnisse des Ich-Erzählers; die Bedeutung des Hausmeisters und des Kreuz-Flecks. Leichsenring hat a) den Text nicht genau genug gelesen und b) den Ich-Erzähler zwar genannt, aber seine „Leistung“ völlig übersehen.</p>
<p><strong><em><span style="text-decoration:underline;">Aus einer Schülerinterpretation</span>:</em></strong></p>
<p>Dieser Flur ist mit „grüner Ölfarbe gestrichen“ (S.45) und mit „altmodischen Kleiderhaken“ versehen. Die Kleiderhaken könnten dafür stehen, dass die Schule ebenfalls so altmodisch ist, und das was in ihr vermittelt wurde. Der Flur ist eventuell der „Weg der Hoffnung“, wegen der Farbe Grün. Grün steht nämlich für Hoffnung, Natur, Wachstum, Unreifes, Ruhe. (<a href="http://www.kunstdirekt.net/Symbole/exkurssymbollexderkunstzahlen.htm">http://www.kunstdirekt.net/Symbole/exkurssymbollexderkunstzahlen.htm</a>) Dass Grün für den Wachstum steht, könnte man auch eventuell auf den Soldaten beziehen, der vor kurzem die Schule verlassen hat, um erwachsen zu werden, doch jetzt kommt er wieder zurück in die Schule und wünscht sich sogar ein Embryo zu sein (S.54/55).</p>
<p><span style="color:#993300;"><strong><span style="text-decoration:underline;">Dazu mein Kommentar</span>:</strong></span></p>
<p>1.Die Kleiderhaken stehen für gar nichts, sondern dienen dazu, dass man daran etwas aufhängt. Dass sie altmodisch sind, passt zu dieser und zu allen Schulen; dass die Unterrichtsinhalte „altmodisch“ waren, kann man an der satirisch gefärbten <strong>Wahrnehmung der Büsten und Bilder </strong>sehen, nicht an den Kleiderhaken!</p>
<p>2. Methodisch falsch ist es, zu „grün“ <strong>das ganze Wörterbuch</strong> abzuschreiben (später noch schlimmer zu „gelb“!).</p>
<p>3. Grün ist eine Farbe und steht für gar nichts.</p>
<p>4. Den inneren <strong>Widerspruch</strong> zwischen „erwachsen werden“ und „Embryo sein wollen“ bemerkt der Autor nicht; er schreibt drauf los.</p>
<p>5. Der Erzähler <strong>wünscht</strong> nicht, ein Embryo zu sein! Vielmehr sieht er sich (verzerrt) im Glas der Glühlampe über ihm gespiegelt: „ein schmales, mullfarbenes Paketchen wie ein außergewöhnlich subtiler Embryo: das war also ich da oben.“ Der Embryo taucht nur in einem Vergleich auf, und zwar als [verzerrte] Festellung (nicht Wunsch!) des eigenen Aussehens. Man könnte darin die spätere Erkenntnis, dass er ein Bein und die Arme verloren hat, vorausgedeutet oder vorbereitet sehen.</p>
<p><strong>Fazit: Diese Interpretation krankt daran,</strong> a) dass wild „Bedeutung“ gesucht und erfunden wird, b) dass das Wörterbuch hilflos abgeschrieben wird, c) dass alles munter kombiniert wird, d) dass nicht exakt gelesen wird; e) <strong><em>es wird überhaupt nicht gefragt, was eigentlich erzählt wird &#8211; es werden nur Einzelheiten selektiv wahrgenommen und „gedeutet“</em></strong>.</p>
<p>Es geht insgesamt darum, dass man <strong>die Begriffe der Erzähltheorie </strong>nicht nur nennen, sondern <strong><em>mit ihnen als Werkzeugen auch arbeiten</em></strong> kann: <a href="http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahltexte_analysieren">http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahltexte_analysieren</a> <a href="http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahlen_literarisch_nach_tts">http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahlen_literarisch_nach_tts</a></p>
<p><em>Um das am „Ich-Erzähler“ kurz zu demonstrieren: Wenn es den Ich-Erzähler gibt, dann kann man zunächst nur darauf achten, wie dieses ICH seine Schulzeit erlebt hat und „jetzt“ die Welt erlebt. Es ist also falsch zu meinen: Die Umgebung prägt den Menschen immer, </em><span style="text-decoration:underline;"><em>also</em></span><em> hat die Schule auch das ICH geprägt. Es ist falsch, der Handschrift des ICH an der Tafel eine Bedeutung zu geben, die einem gerade einfällt, statt darauf zu achten, was das Ich über die Begegnung mit der eigenen Handschrift sagt; es ist Unsinn, bei „Spa&#8230;“ an den belgischen Ort Spa zu denken, statt „Spa&#8230;“ als das damals nicht vom Ich zu Ende geschriebene „Sparta“ zu lesen. Es ist dann auch falsch, über das Wort „verstümmelt“ eine tiefere Beziehung zwischen dem Körper des ICH und dem Wort „Spa&#8230;“ herzustellen; wenn </em><span style="text-decoration:underline;"><em>ich</em></span><em> als Leser das Wort „Spa&#8230;“ verstümmelt </em><span style="text-decoration:underline;"><em>nenne</em></span><em>, habe ich mit dieser Metapher (statt mit der Wendung „mitten im Wort aufgehört“, „passte nicht in die Zeile“ o.ä.) den Grund für den späteren Fund des Tiefsinns selbst gelegt. Und dass der Ich-Erzähler ohne Namen ist, bedeutet auch nichts &#8211; so spricht eben ein monologischer Ich-Erzähler: Er eröffnet eine Perspektive, das ist alles! (Der Taugenichts hat auch keinen Namen.) </em><em> Auch antwortet der Text nicht auf alle meine Fragen: Ja wie kam es denn, dass die Jugendlichen trotz humanistischer Bildung sich von Hitler verführen ließen? So kann man fragen, aber der Text muss darauf nicht antworten!</em></p>
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		<item>
		<title>Mann: Buddenbrooks &#8211; Inhalt: Übersicht</title>
		<link>http://norberto42.wordpress.com/2008/12/23/mann-buddenbrooks-inhalt-ubersicht/</link>
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		<pubDate>Tue, 23 Dec 2008 16:16:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Romane]]></category>
		<category><![CDATA[Buddenbrooks]]></category>
		<category><![CDATA[Mann Thomas]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich gebe hier eher eine Übersicht über den Inhalt, damit man weiß, wo man was nachlesen kann, als dass ich im strengen Sinn eine Inhaltsangabe machte.
(Seitenangaben beziehen sich auf die gebundene Sonderausgabe bei Fischer, 10. Aufl. 2008; eine chronologische Kurzfassung der Familiengeschichte findet man unter http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mann_th/bud/mann_th_bud_2_1.htm. Beachtung verdient http://de.wikipedia.org/wiki/Buddenbrooks.)
I 1 (Erster Teil, erstes Kapitel)
Im Landschaftszimmer [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=92&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p><span>Ich gebe hier eher eine <strong>Übersicht</strong> über den Inhalt, damit man weiß, wo man was nachlesen kann, als dass ich im strengen Sinn eine Inhaltsangabe machte.</span><br />
<em><span>(<span><span style="text-decoration:underline;">Seitenangaben</span></span> beziehen sich auf die gebundene Sonderausgabe bei Fischer, 10. Aufl. 2008; eine chronologische Kurzfassung der Familiengeschichte findet man unter <a href="http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mann_th/bud/mann_th_bud_2_1.htm">http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mann_th/bud/mann_th_bud_2_1.htm</a>. Beachtung verdient <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Buddenbrooks">http://de.wikipedia.org/wiki/Buddenbrooks</a>.)</span></em></p>
<p><span>I 1 (Erster Teil, erstes Kapitel)<br />
Im Landschaftszimmer des neuen Hauses in der Mengstraße trifft sich Oktober 1835 der Kern der Familie: Johann Buddenbrook und Frau Antoinette, geb. Duchamps; deren Sohn, Konsul Jean Buddenbrook, und Frau Elisabeth (Bethsy), geb. Kröger; ihre Tochter Tony (Antonie), 8 Jahre alt. Ida Jungmann ist das Hausmädchen, Klothilde eine entfernte arme Verwandte, die Söhne Christian (7 J.) und Tom kommen aus der Schule. Tony wird geprüft, ob sie den Katechismus hersagen kann.<br />
I 2<br />
Gegen 16.00 Uhr kommen die Gäste Hoffstede, Dr. Grabow, Pastor Wunderlich, Makler Grätjens, Eheleute Langhals, Eheleute Köppen (Weinhändler), Schwager Kröger mit Frau und Söhnen, seine Eltern und die Eheleute Oeverdieck (Eltern der Frau Kröger). Thomas wird als ernster Junge, Christian als ein kleiner Luftikus charakterisiert.<br />
I 3<br />
Gespräch Jeans mit seiner Mutter wegen des dritten Briefs, in dem sein Stiefbruder Gotthold wohl Forderungen erheben wird. Es geht um die Entschädigung der Geschwister wegen des für das neue Haus entrichteten Kaufpreises, der aus der Erbmasse genommen worden ist.<br />
I 4<br />
Es gibt Fisch zu essen. Gespräch über das neue 1682 erbaute Haus und den Niedergang der Familie Ratenkamp (vormalige Besitzer), den Jean trotz der Machenschaften Geelmaacks für zwangsläufig hält. – Pastor Wunderlich erzählt die Geschichte vom halben Diebstahl des Silbergeschirrs durch Franzosen 1806.<br />
I 5<br />
Schinken und der russische Topf (Gemüse). Gespräche der Männer über Napoleon und die Julirevolution in Frankreich, weitere Gespräche.<br />
I 6<br />
Es gibt Plumpudding und Dessertwein, es werden Toasts auf das Wohlergehen der Familie und des Geschäftes ausgesprochen. Hofstedde trägt ein Gedicht zur Einweihungsfeier des Hauses vor.<br />
I 7<br />
Christian ist es übel, Dr. Grabow untersucht ihn.<br />
I 8<br />
Aufbruch ins Landschaftszimmer (zum Musizieren) bzw. zum Billard. Die Männer diskutieren über Hamburgs Beitritt zum Zollverein; Hofstedde trägt anzügliche Verse vor.<br />
I 9<br />
Die Gäste verabschieden sich, der Segensspruch über dem Haus („Dominus providebit“) wird zum zweiten Mal genannt.<br />
I 10<br />
Vater und Sohn sprechen über das Wetter und darüber, ob etwas „mit Gottes Hilfe“ zum Guten gewendet wird. Jean übergibt den Brief Gottholds, welcher sehr „christlich“ seinen Anteil fordert: ein Drittel des Kaufpreises. Der Alte erklärt, wie er Gotthold (knapp) zu entschädigen gedenkt. Jean rechnet, was eine gleichberechtigte Entschädigung kostete, und stimmt dann trotz vorheriger Gewissensbisse dem Vater zu, da er Teilhaber des Geschäftes ist. </span></p>
<p><span>II 1<br />
14. April 1838, etwa 9 bis 10 Uhr: Konsul Jean trägt die Geburt seiner Tochter Clara (6 Uhr an diesem Tag) in die Chronik ein, sehr fromm&#8230;<br />
Er liest rückblickend auf „Gottes Hilfe“ Episoden seine Lebensgeschichte und der Geschichte der Familie [Spannung zwischen dem frommen Reden und der kalten Kalkulation in I 10!].<br />
Großeltern, Vater und Geschwister am Bett der Mutter und der Wiege Claras.<br />
II 2<br />
(ohne Datierung, allgemein) Tony, in Sommer bei den Großeltern lebend: verwöhnt, feudal, kess, hübsch. – Einführung der Familie Hagenström: Julchen, Vater, Brüder: die Gegner der Buddenbrooks. Tonys Flegeleien werden vom Erzähler kritisch berichtet.<br />
II 3<br />
(ohne Datierung) Thomas und Christian charakterisiert: begabt beide, Thomas auf der Realschule, ernsthaft; der kesse Christian auf dem Gymnasium; Lehrer Stengel, Pastor Hirte, Betrugsversuch (mit Schneider Stuht); Christians Faxen (Pfirsich).<br />
II 4<br />
Januar 1842: Antoinette erkrankt, 14/15 Tage lang, Verwandte kommen, sie stirbt. Johann sen. welkt dahin und stirbt auch (im März).<br />
Gotthold kommt, versöhnt sich nach dem Begräbnis mit seinem Bruder Jean.<br />
Die Datierung des Todes Johanns ist nur eine relative und wohl 1842 anzusetzen; aber bei der Erkrankung seiner Frau blickt er auf den Tod der ersten Frau vor 46 Jahren zurück (S. 69 f.), beim Begräbnis ist Gotthold 46 Jahre, der aber ein Jahr nach Eheschließung geboren wurde [-&gt; unklar].<br />
II 5<br />
Ostern 1842 (1843?) wird Thomas im Geschäft eingeführt. Eines Abends: Gespräch des Konsuls mit Frau über Anstellung eines Dieners, was er wegen der Geschäfte der Buddenbrooks und der Krögers (finanzielle Lage beider war schon besser) ablehnt – ein paar Tage später wird trotzdem der Diener eingestellt.<br />
II 6<br />
Tony kommt in die Pension zu Frl. Weichbrodt; Christian (eines Abends, S.80) und Tony (eines Tages, S. 82) machen wegen ihrer amourösen Neigungen dem Vater Sorgen.<br />
II 7<br />
(ohne Datierung) Therese Weichbrodt (Aussprache: S. 84), ihre Schwester Nelly Kethelsen; Frl. Popinet als Schülerin; Armgard von Schilling und Gerda Arnoldsen als neue Freundinnen Tonys; Mädchenträume.<br />
Weihnachten zu Hause – so wanderten die Jahre vorbei (S. 90), Tonys glückliche Jugend.</span></p>
<p>III 1<br />
[Die Datierung ist etwas problematisch – in III 13 wird die Verlobung durch Tony auf Sept. 1845 datiert; im Juni des Jahres ist Tony 18 (S. 99), Ende Juli ist Tom 20 (S. 115), was sich mit der Hochzeit der Eltern 1825 (S. 158) nicht verträgt!]<br />
Im Juni besucht Grünlich (32) die Familie am Nachmittag zum Kaffe, redet den Eltern nach dem Mund, wird von Tony und dem Erzähler durchschaut.<br />
III 2<br />
Einige Tage später lässt Tony Grünlich einfach stehen; zum nächsten Sonntag ist er eingeladen; er kommt öfter – Tony weist ihn ab.<br />
Acht Tage später sprechen die Eltern mit Tony über Grünlichs Heiratsantrag – „Was habe ich ihm getan?“ Im Gespräch mit der Mutter treten Pflicht und Bestimmung einer Frau als Prinzipien hervor.<br />
III 3<br />
Schulferien – Tony lehnt Grünlich ab. An einem Nachmittag tritt Grünlich Tony allein, wirbt um sie, sie weist ihn zurück; er sinkt in die Knie, sie wird weniger schroff aus Mitleid.<br />
III 4<br />
Jean hat Grünlichs Geschäftsbücher gesehen und sich nach seinem Leumund erkundigt: Alles sei für Familie und Geschäft vorteilhaft. Alle rede Tony zu, Pastor Kölling predigt sie an – sie magert ab und wird von Tom Ende Juli nach Travemünde in Ferien gebracht.<br />
III 5<br />
Fahrt zu Schwarzkopf, Gespräch der beiden über Familie und Heiraten (Hagenström im Aufwind), Ankunft 16 h, Kaffee 16.30 – 18.30, der Sohn kommt dazu.<br />
III 6<br />
Am nächsten Morgen: Rückblick auf den Vorabend, der Sohn gefällt ihr. 9 h steht Tony auf, Frühstück, Gespräch mit Morten über Essen, Zeitung, Politik; er ist schnell verlegen.<br />
III 7<br />
11.30 Gang zum Strand, Gespräch über ihre Bücher; sie fragt nach seinem Vornamen. Morten geht nicht mit zu Möllendorpfs, setzt sich auf die Steine [soziale Differenz]. Tony zu den Möllendorpfs, Spanungen mit Hagenström.<br />
III 8<br />
Tony erholt sich; Spaziergänge mit Morten, der kritisch offen über den Adel urteilt. Er führt republikanische Reden; er nimmt das republikanische Prinzip wahr, sie sieht das Persönliche. Morten gehört heimlich einer Burschenschaft an, tritt für „Freiheit“ ein.<br />
III 9<br />
10. September, am Strand: Morten fragt nach Grünlich, sie antwortet. Morten wirbt um sie, sie sagt zu, sie küssen sich und schämen sich.<br />
III 10<br />
Brief Grünlichs (mit Ring),<br />
Brief Tonys an den Vater,<br />
Brief des Vaters (Hinweis auf Selbstmorddrohung Grünlichs, die Familie).<br />
III 11<br />
Grünlich bei Schwarzkopf, spielt den Vornehmen und Beinahe-Verlobten und macht „ältere“ Rechte auf Tony geltend – Vater weist den Sohn zurecht.<br />
III 12<br />
(Morten ist schon weg nach Göttingen) 10 h Imbiss, Tom hol Tony ab (11 h); Tony wird vom Gedanken an Morten belebt, will „dies alles“ als etwas Heiliges für sich bewahren.<br />
III 13<br />
Ankunft zu Hause; am nächsten Morgen (22. Sept.) liest Tony in der Familienchronik&#8230;, wird sich der Familienbindung bewusst, trägt einfach ihre Verlobung ein: 22. September 1845.<br />
III 14<br />
Verhandlung Grünlichs mit Jean über Mitgift; Verlobung Julchens im Oktober; für Tony wird die Aussteuer besorgt. Sie will in der Stadt Hamburg wohnen, aber er setzt das Land durch. Hochzeit Anfang 1846. Nach der Abreise sieht Jean, dass Tony mit sich zufrieden sein wird (sie hatte ihn gefragt, ob er mit ihr jetzt zufrieden sei).<br />
III 15<br />
Thomas geht zum Blumenladen und nimmt Abschied von seiner Anna, mit der er seit anderthalb Jahren ein inniges Verhältnis hatte – er muss nach Amsterdam, sie werden nicht heiraten, wie beide wissen und einsehen.</p>
<p>IV 1<br />
<span style="text-decoration:underline;">Briefe</span>: 30. 4. 1846 Tony -&gt; Mutter, bittet um Besuch, beschreibt ihre Situation, deutet Schwangerschaft an;<br />
2. 8. 1846 Vater -&gt; Thomas, berichtet über Besuch in Hamburg, die Situation der Söhne und des Geschäftes: auf die Erbschaft von Kröger angewiesen; Hagström im Aufwind;<br />
8. 10. 1846 Grünlichs -&gt; Eltern: Geburt einer Tochter (Erika)<br />
IV 2<br />
Anfang Okt. 1848: politische Unruhen, Köchin der Buddenbrooks aufsässig, neue Verfassung erlassen; Klothilde und die Konsulin altern, revolutionäre Umtriebe auf der Straße.<br />
IV 3<br />
Jean trifft Makler Gosch, sie gehen zum Saal der Bürgerschaft; dort Erregung, das revolutionäre Volk wird kommen, Lärm, Ratlosigkeit; Jean geht hinaus und löst die Versammlung auf.<br />
IV 4<br />
Die Deputierten trinken Bier, Jean fährt den erzürnten alten Kröger nach Hause, wo dieser stirbt.<br />
IV 5<br />
Januar 1850: Frühstück bei Grünlich; Spannungen, Tonys Wünsche nach drittem<br />
Dienstmädchen und einer Kalesche entsprechen nicht den Verhältnissen.<br />
IV 6<br />
Kesselmeyer lacht zur Bemerkung, Tony ruiniere Grünlich; Tonys Selbstbewusstsein (S. 203 f.); Kesselmeyer verlangt sein Geld, Grünlich ist pleite, wird als Betrüger entlarvt, soll sich an Buddenbrook wenden.<br />
IV 7<br />
Jean kommt umgehend (undatiert), gegen 14 h – schlechte Situation der Firma; Vater bietet an, Tony könne nach Hause kommen. Er bereut seinen Rat zur Eheschließung; sie macht ihm keine Vorwürfe, willigt ein.<br />
IV 8<br />
Gespräch der Herren im Rauchkabinett, Prüfung der Bücher, Absage an Grünlich; Kesselmeyer deckt die Betrügereien Grünlichs auf: Schon vor 4 Jahren hatte er Schulden.<br />
IV 9<br />
Anstalten zur Abreise – Grünlich spielt Liebestheater, beschimpft Tony und bekennt, sie nur des Geldes wegen geheiratet zu haben. Jean: „Beten Sie.“<br />
IV 10<br />
Tony stellt sich auf neues Leben ein, distanziert kommentiert vom Erzähler; ihr besseres Verhältnis zum Vater. Scheidung im Februar 1850.<br />
Thomas kommt zurück; Ende 1850 stirbt Frau Kröger, was 100.000 einbringt.<br />
Die Familie des Justus Kröger verkommt. Sommer 1851 fährt Christian nach Chile.<br />
Konfrontation Tonys mit Julchen, Aufstieg der Hagenströms.<br />
„Die Jahre schwanden dahin.“ (S. 240) Tony reist gelegentlich mit Vater, der religiöse Geist im Haus nimmt zu, Tony sperrt sich dagegen.<br />
IV 11<br />
Spätsommer 1855: An einem Sonntagnachmittag ist die Familie zu einem Spaziergang verabredet, man wartet auf den Konsul, Gewitterstimmung draußen. Der Regen setzt ein, Konsul Buddenbrook stirbt.</p>
<p><span>V 1<br />
(zwei Wochen später) Testamentseröffnung, von Tony als Familienrat inszeniert; </span><span>Vermögen der Firma beträgt 750.000. </span><span>Justus wird Vormund Claras, Thomas überlässt Gotthold das Konsulat, Prokurist Marcus wird (+ 120.000) Kompagnon.<br />
V 2<br />
Christian kommt Februar 1856 zurück, besucht das Grab, tritt exaltiert auf;<br />
Erzähler spricht über den Umgang mit Gefühlen in der Familie (S. 259 f.).<br />
V 3<br />
Christian tritt ins Geschäft ein, wird aber schnell nachlässig; Thomas und Marcus ergänzen sich, Thomas agiert persönlich, bringt frischen Wind in die Firma.<br />
V 4<br />
Gotthold (60) stirbt im Mai 1856. Thomas denkt über ihn und über sich nach (wichtige Reflexion), er wird Konsul der Niederlande, tritt eine Reise an.<br />
V 5<br />
Bethsy pflegt eine aufdringliche Frömmigkeit (u.a. mit Jerusalemabend) und vielen Predigern als Gästen – Tony hasst diesen Betrieb. Tony wird vom Erzähler erneut ironisch mit der Behauptung ihrer Kenntnis des Lebens zitiert (auch 291, 297 u.ö.).<br />
V 6<br />
Pastor Tiburtius wirbt um Clara, die von herber Schönheit ist, aber oft herrisch auftritt. Er bekommt im Juli das Ja-Wort Claras und der Mutter.<br />
V 7<br />
20. 7. 1856: Brief Thomas’ an die Mutter, über seinen Aufenthalt in Holland. Die Verlobung mit Gerda ist perfekt, Aussicht auf hohe Mitgift; Besuch angekündigt.<br />
V 8<br />
Ende Juli ist Tom zurück, Anfang August kommen Tiburtius und Familie Arnoldsen zu Besuch, Verlobungen im Familienkreis; Planung der Hochzeiten. Bericht über den Eindruck, den Gerda resp. Thomas in der Stadt machen.<br />
V 9<br />
Tom kommt im März 1857 von seiner zweimonatigen Hochzeitsreise zurück (-&gt; seine Hochzeit im Januar, Claras Hochzeit Ende 1856). Tony hat das Haus in der Breitenstraße für die junge Familie eingerichtet; sie langweilt sich, ist nach München eingeladen.<br />
</span></p>
<p><span>VI 1<br />
Erstes Diner des jungen Konsuls in der Mengstraße. „heute“ Brief vom 2. April 1857: Tony in München, lernt Permaneder kennen.<br />
VI 2<br />
Ende April: Tony zurück; Spannungen zwischen Tom und Christian wachsen. Christian wahrt nicht die Form, schadet der Firma (313 f.).<br />
VI 3<br />
Ende Mai: Thomas stellt Christian zur Rede, bietet ihm Geld für dessen Selbständigkeit.<br />
Anfang Juni geht Christian nach Hamburg.<br />
VI 4<br />
(undatiert) gegen 11 h kommt Permaneder, ist wegen Geschäften und Frau Grünlich in Hamburg, wird zum Frühstück eingeladen, bis 14 h; wird eingeladen.<br />
VI 5<br />
Permaneder zieht ein, Tom zeigt ihm die Stadt&#8230; Er bleibt noch ca. 10 Tage, auch als die Geschäfte erledigt sind. Tony erwartet seinen Antrag und sieht sich in der Pflicht, mit einer zweiten Ehe die erste wieder gutzumachen (wg. Familie).<br />
Sonntagsausflug nach Schwartau, mit Mühe macht Permaneder den Antrag, Heimfahrt. Alles wird geregelt, Verlobung, er fährt zurück. Im Juli: Fahrt nach München, August: Aussteuer, Spätherbst: Heirat.<br />
VI 7<br />
Tagesablauf Toms: ausführliche Rasur am Morgen: ein intelligenter, rühriger, weitsichtiger Kaufmann, der an der Enge Lübecks leidet.<br />
Sorgen machen Christian, Claras Gesundheit, die eigene Kinderlosigkeit (-&gt; Kur für Gerda) und die „arme Tony“.<br />
VI 8<br />
Tonys Probleme mit der Sprache, der Küche, den Mädchen in München; Permaneder hat sich mit Mitgift zur Ruhe gesetzt -&gt; Streit!<br />
Neujahr 1859: Tony wird wieder Mutter; nach der Geburt lebt das Kind nur ¼ Stunde, sie leidet. &#8211; Tom wusste, dass Tony immer ein Kind bleibt (369).<br />
VI 9<br />
Ende Nov. 1859: Tonys Telegramm; sie kommt am nächsten Tag 16 h an. „Er ist ein verworfener Mensch.“ (373) Sie hat ihren Mann mit Babette überrascht -&gt; Streit.<br />
VI 10<br />
18 h Tom will keinen Skandal. Tony bekennt sich zum „Adel“ der Buddenbrooks, der in München verletzt wird; Tom akzeptiert die Trennung.<br />
VI 11<br />
Tony betreibt die Scheidung, Permaneder willigt ein und gibt Mitgift heraus. Tony trägt die Scheidung in die Chronik ein (393); Tom muss nach Hamburg, wegen Christian; „und so entschwand die Zeit“ (393, vgl. 240).<br />
</span></p>
<p><span><span>VII 1<br />
Frühjahr 1861: Taufe des J. Johann K. Buddenbrook in der Breitenstraße; Paten: Justus B. und Bürgermeister Oeverdieck. Tony sieht die Familie neu erblühen, gute Wünsche Groblebens. (Sprache: 397, 400, 401)<br />
VII 2<br />
Am Tauftag um 21.30 h: Christian kommt „krank“, braucht Geld, ist Vater von Alines 3. Kind, will nach London.<br />
VII 3<br />
Febr. 1862: Konsul Möllersdorpff stirbt; Tom kandidiert gegen den liberalen, erfolgreichen Hermann Hagenström. Agitation, Tonys Erwartungen.<br />
VII 4<br />
Wahltag, Ende Februar: Im 2. Wahlgang wird Tom gewählt, Tony verschleiert unter den Zuschauern; Vereidigung am nächsten Tag (Sa).<br />
VII 5<br />
Tom für Steuern zuständig; seine „Eitelkeit“ bedeutet das Nachlassen seiner Spannkraft (418 f., bedeutsamer Kommentar) -&gt; Rastlosigkeit -&gt; Plan, ein neues Haus zu bauen (im Sommer 1863), allgemeine Zustimmung. Hanno ist etwas zurückgeblieben, Richtfest in der Fischergrube, kurz bei Iwersens Blumenladen.<br />
VII 6<br />
Juli 1864, vier Wochen nach dem Umzug: Tony bringt Brief: Clara im Sterben. Tom macht ein schlechtes Geschäft, fühlt sich alt (429 f., vgl. 419). Er spricht über das Glück und die späten Zeichen des Erfolgs im Niedergang.<br />
VII 7<br />
August 1964, nach Claras Tod: Thomas&#8217; Streit mit der Mutter wegen des von ihr zugesagten Erbteils Claras. Tom sieht in den abgehenden 127.500 die Serie der Niederlagen fortgesetzt: Es steht schlecht um die Familie Buddenbrook.<br />
VII 8<br />
Soldaten in Lübeck einquartiert (Herbst ’64), Krieg mit Dänemark, Frieden (1865); Hannos Kinderspiele (1865, wichtiger Kommentar). Zweiter Krieg (1866) – die Firma verliert 20.000.<br />
</span></span></p>
<p><span><span><span>VIII 1<br />
Erika Grünlichs Situation – Hugo Weinschenk, nicht ganz erstklassig; Jan. 67 Werbung;<br />
Christians Eskapaden (442 ff., 448 ff.); Tony war die eigentliche Braut (445), sagt der Erzähler; Trauung, Hochzeitsreise Mitte April 1867.<br />
VIII 2<br />
Frühling 1868: Elisabeth ist geboren; Probleme Erikas und Armgards mit den Männern; Tony bittet Tom, die Pöppenrader Ernte für 35.000 zu übernehmen – der lehnt ab.<br />
VIII 3<br />
Tony bei Ida; Charakterisierung Hannos, dem alles nahe geht, der nicht gern zur Schule geht, ein Träumer, den nachts böse Träume schrecken.<br />
VIII 4<br />
Tom ist ermattet, durch seine inneren Vorstellungen; er beginnt zu sparen. Er ist zerrissen: ein praktischer Mensch und ein Träumer [weithin Innensicht Toms]; im Zweifel entschließt er sich, die Pöppanrader Ernte zu kaufen (474); Brief am 26./27. Mai; er reist am 30 Mai hin, ist wohlauf.<br />
VIII 5<br />
Die Unruhe kommt zurück, Marcus ist gegen das Ernte-Geschäft. Am 7. Juli 1868 wird das 100jährige Bestehen der Firma gefeiert: Empfang zu Hause, Hannos Gedicht – Toms Härte gegen Hanno. Viele Gratulanten, kleines Gewitter&#8230; Telegramm (indirekt): Ernte vernichtet.<br />
VIII 6<br />
Organist Pfühl musiziert mit Gerda, sie bekehrt ihn zu Wagner, Hanno hört ihnen ergriffen zu; Pfühl wird sein Klavierlehrer – enorme Fortschritte. Am 15. April 1869 (8 J.) führt er eine eigene Phantasie vor der Familie auf: Das Glück der Musik währt nur einen Augenblick.<br />
VIII 7<br />
Thomas gegen Hannos Neigung zur Musik; dessen träumerische Schwäche entfremdet ihn dem Vater. Behandlung bei Zahnarzt Brecht. Hanno freundet sich mit Kai Graf Mölln an, Ida vergöttert ihn. Hanno zieht einen Strich unter seinen Namen in die Chronik; er glaubte, nach ihm käme nichts mehr (524); Thomas schlägt ihn.<br />
VIII 8<br />
Anklage gegen Weinschenk (Versicherungsbetrug); Staatsanwalt ist Hagenström, Verteidiger Breslauer aus Berlin. &#8211; Heiligabend bei der alten Konsulin: Hanno bekommt Puppentheater und Harmonium (537). Christian spielt vor und geht in den Club. Abendessen 20.30 h.<br />
VIII 9<br />
Tony ist angeschlagen, bittet Tom um Kaution; sie glaubt nicht an Weinschenks Unschuld. Tony sieht ihr ganzes Leben verfehlt, Weinschenk wird verurteilt (3 ½ Jahre), Sachen werden verkauft, die Stadt vergisst ihn.</span></span></span></p>
<p><span>IX 1<br />
Bethsy hat Lungenentzündung, wird von Schwester Leandra gepflegt; sie wehrt sich gegen den Tod, spricht mit Jean, stirbt nach Wochen, morgens gegen 5.30 h.<br />
IX 2<br />
Angestellte nehmen schon Wäsche mit&#8230; Am nächsten Tag, gegen 9.30 h, streiten sich die drei Geschwister, vor allem die Brüder, als sie das Eigentum der Mutter aufteilen: Thomas „verbietet“ Christian, Aline zu heiraten. Tony will das Elternhaus behalten, Tom hat schon mit dem Makler gesprochen.<br />
IX 3<br />
Hanno nimmt Abschied von der Oma, sie wird begraben (im Herbst), Tony plus Anhang sitzt auf den Ehrenplätzen.<br />
IX 4<br />
Acht Tage später wird das Haus an den Makler Gosch verkauft, 6 Wochen später will Hagenström das Haus kaufen. Er besichtigt das Haus. – Weihnachten wird im kleineren Kreis gefeiert, Anfang 1872 wird der Haushalt der Konsulin aufgelöst, das Haus umgebaut, im Frühjahr zieht Hagenström ein. Tony muss weinen, wenn sie am Haus vorbeigeht: ihr Kinderweinen (609).<br />
</span></p>
<p><span>X 1<br />
Thomas ist müde, wirkt an der Börse eher dekorativ; hat keine Lust zu arbeiten. Er verbirgt sein Leben hinter einer Maske (614, ebenso 629). Armgards Mann erschießt sich.<br />
X 2<br />
Tom will Hanno zu einem „Mann“ erziehen; dieser soll auf die Realschule wechseln. Er ist kein richtiger „Junge“, die Hagenströms piesacken ihn; er begleitet den Vater in den Hafen und zu Empfängen, notgedrungen.<br />
X 3<br />
Sommerferien in Travemünde, vier Wochen Träumen für Hanno; die Sonntagsbesuche (Vater, andere Bürger) stören eher. Nur Tony hat Verständnis für Travemünde.<br />
X 4<br />
Anfang 1873 wird Weinschenk begnadigt, ein gebrochener Mann; nach 3 Wochen geht er nach England und ist dann ganz verschwunden.<br />
X 5<br />
Eheleute Buddenbrook im Visier der Stadt: Gerdas Verhältnis zum Leutnant von Throta gehe zu weit; er musiziert intensivst mit Gerda, Tom ist verstört-unsicher. Im Gespräch leidet Hanno mit ihm.<br />
Thomas sieht seine Tage gezählt (650 ff.), wird damit nicht fertig – liest zufällig Schopenhauer, ist in der Nacht davon erregt und getröstet (654 ff.) – am nächsten Morgen geht es normal weiter, die Ungewissheiten bleiben; er macht sein Testament (661 f.).<br />
X 6<br />
Im Herbst rät ihm der Arzt zu Ferien, er fährt mit Christian nach Travemünde; dort ist er in Gesellschaft abgehalfterter Herren. Tony kommt gelegentlich, ihr Herz ist leicht und frei (671). Tom erklärt ihr, warum er das Meer liebt: aus Schwäche (671 f.).<br />
X 7<br />
Januar 1875, Tom verlässt vorzeitig die Ratssitzung, geht zum Zahnarzt, die Krone bricht beim Ziehen ab. Er geht heim und fällt auf der Straße um (680).<br />
X 8<br />
Die Frauen sind erregt, Tom liegt auf dem Bett, die Ärzte machen keine Hoffnung, der Pastor kommt; dann ein agonierendes Gurgeln; Thomas ist tot (685).<br />
X 9<br />
Kränze und Blumen werden gebracht, Frau Iwersen sieht Tom noch einmal; Tony arrangiert die Trauerszenen. Thomas wird begraben (691 ff.).</span></p>
<p>XI 1<br />
Die Alten sind weithin gestorben, Christian hat Aline geheiratet, die Firma ist unter Wert verkauft worden; Kistenmaker verdirbt auch den Verkauf der Villa in der Fischergrube. Gerda zieht im Herbst 1876 um, Ida wird entlassen – Hanno sieht darin die allgemeine Zersetzung (699). Tony will in Hanno die Familie erblühen sehen (700, 696), Christian kommt auf Betreiben seiner Frau in die Klapse.<br />
XI 2<br />
Montag, 6.00 h (im Winter): Hanno erinnert sich an den Sonntag („Lohengrin“), muss noch Hausaufgaben machen, schläft wieder ein, steht 7.10 h auf, kommt verspätet in die Schule. Es wird dann ein Schultag Hannos episodisch erzählt – voller Schulklischees; bemerkenswert ist nur, dass Hanno und Kai sich nicht an den üblichen Schülersprüchen und –scherzen beteiligen, sowie ein Gespräch der beiden über die Zeit nach der Schule (742 ff.).<br />
Nach dem Mittagessen phantasiert Hanno am Klavier (748 ff.), am Abend spielt er eine Partie Schach mit Gerda und macht wieder nicht die Hausaufgaben – „ein Tag aus dem Leben des kleinen Johann“ (751).<br />
XI 3<br />
Typhus – Beschreibung des Krankheitsverlaufs (751 ff.).<br />
Ist diese Krankheit eine Krankheit oder eine Form der Auflösung? (754)<br />
XI 4<br />
Herbst 1877: Gerda nimmt Abschied, um nach Holland zu ziehen – Hanno ist vor 6 Monaten begraben worden. Gosch soll alles verkaufen (757) – einige Sentiments zum Schluss, die Weichbrodt hat überlebt.</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Epochenumbruch um 1900</title>
		<link>http://norberto42.wordpress.com/2008/09/02/epochenumbruch-um-1900/</link>
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		<pubDate>Tue, 02 Sep 2008 19:29:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Avantgarde]]></category>
		<category><![CDATA[Epochenumbruch]]></category>
		<category><![CDATA[Expressionismus]]></category>
		<category><![CDATA[Impressionismus]]></category>
		<category><![CDATA[Jugendstil]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
		<category><![CDATA[Symbolismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit diesem Stichwort bzw. mit „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ wird ein thematischer Schwerpunkt des Lehrplans Deutsch der Sekundarstufe II von NRW umschrieben. Deshalb ist es nötig, diesen Umbruch zu verstehen &#8211; aber nicht nur deshalb, sondern auch aus dem Grund, weil mit diesem Umbruch „die Moderne“ beginnt, vereinfacht gesagt. Ich orientiere mich an Hermann W. von [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=54&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Mit diesem Stichwort bzw. mit „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ wird ein thematischer Schwerpunkt des Lehrplans Deutsch der Sekundarstufe II von NRW umschrieben. Deshalb ist es nötig, diesen Umbruch zu verstehen &#8211; aber nicht nur deshalb, sondern auch aus dem Grund, weil mit diesem Umbruch „die Moderne“ beginnt, vereinfacht gesagt. Ich orientiere mich an <span style="text-decoration:underline;">Hermann W. von der Dunck</span>: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. I (dt. 2004), den es in der BpB preisgünstig zu kaufen gibt oder gab, Kap. II: Das Ende einer Epoche, S. 76-243. Was Herr von der Dunk auf 165 Seiten schreibt, kann man natürlich nur verkürzt auf einigen Seiten zusammenfassen; ich schreibe im Indikativ, müsste aber als Referent eigentlich durchweg Konjunktiv I benutzen.</p>
<p>Das 19. Jahrhundert endete „eigentlich“ erst 1914 mit dem Beginn des Weltkriegs, auch wenn das Jahr 1900 als Schwelle empfunden wurde: gigantische Weltausstellung in Paris. Was änderte sich in dieser Zeit? Die <strong>Lebensverhältnisse</strong> in den Städten änderten sich; durch neue Verkehrsmittel konnte man am Wochenende den tristen Städten entfliehen. In den Städt wuchsen riesige Mietskasernen, in speziellen Vierteln errichtet. Schulpflicht und zunehmende Geburtenregelung führten zu einer Verbesserung der Lebensumstände. &#8211; Die <strong>Könige</strong> waren dabei, ihre Macht zu verlieren und mehr oder weniger Bilder der Macht zu sein, in den verschiedenen Ländern aber unterschiedlich stark. Der <strong>Adel</strong> verlor an Einfluss; er war dem alten Prinzip der Ehre verpflichtet, während das neue Prinzip „Leistung“ hieß; die reichen Bürger näherten sich dem Adel an. &#8211; Die <strong>Ständegesellschaf</strong>t löste sich auf, es gab eine neue Elite mit politischen oder Verwaltungsaufgaben; es bildete sich eine „Intelligenz“ heraus. Insgesamt kam dem Nationalismus als Bindeglied große Bedeutung zu, er war eine Art neuer Religion. Die Situation der <strong>Arbeiter</strong> hatte sich verbessert, sie wandten sich großenteils sozialistischen Partien zu &#8211; doch blieben die verschiedenen Sozialismen national bestimmt; die Kirchen versuchten, brave christliche Gewerkschaften zu gründen.</p>
<p>Die <strong>Kirchen</strong> unterlagen der Säkularisierung: Der Kirchenbesuch ging zurück, die Kirchen verloren öffentliche Aufgaben an den Staat, im Inneren begehrten modernder Denkende gegen die traditionellen Dogmen auf. Es kam eine <strong>Frauenbewegung</strong> auf, die den Zugang der Frauen zum öffentlichen Leben, zum Studium und zu Teilnahme an Wahlen forderte. Das neue Jahrhundert stand auf besondere Weise im Zeichen der Jugend; der Vater-Sohn-Konflikt erhielt in der Psychologie Freuds eine zentrale Bedeutung (Ödipuskomplex). Eine <strong>pädagogische Reformbewegung</strong> wollte zur Charakterbildung und zur freien Selbstentfaltung des Einzelnen beitragen, statt aus ihm nur einen braven, nützlichen Staatsbürger zu machen.</p>
<p>Es entstand auch eine neue <strong>Jugendbewegung</strong>, weil Jugend sich als eine besondere Lebensphase etablierte und weil „die Jugend“ Trägerin einer hoffnungsvollen Zukunft war, die sich von der harten Welt der Erwachsenen unterschied. Es gab natürlich die kirchlichen Vereine und auch die vormilitärischen Pfadfinder, aber der Wandervogel war die richtige Jugendbewegung: Raus aus der Stadt, Gemeinschaft und Natur auf einfachste Weise erleben! Zudem kam mit der Idee des Sports eine Demokratisierung der Körperkultur auf.</p>
<p>In der Unterhaltungsliteratur kam die Kunst auch zur Menge; der Comic wurde erfunden, Kabarett, Revue und Film waren <strong>Kunstformen für die viele</strong><strong>n</strong> &#8211; die elitäre Entwicklung der Kunst kriegten nur wenige mit.</p>
<p>Gegen die kapitalistische Industriegesellschaft wurde „Natur“ neu gesehen und gesetzt: das Widersinnige, Zerrissene der menschlichen Existenz. Raum und Zeit wurden neu erfahren: Beschleunigung als Prinzip der industriellen Produktion, Zerbrechen der einheitlichen Zeit- und Raumvorstellungen durch die Physik und die Erforschung fremder Völker. Das seit der Aufklärung bestimmende autonome Subjekt wurde relativiert als Lebens- und Triebwesen, als geschichtlich und sozial determiniert: Nietzsche, Bergson, Dilthey (Vitalismus, Lebensphilosophie).</p>
<p><strong><span style="text-decoration:underline;">Die neue Realitätsvorstellung in den Künsten</span></strong><strong>:</strong></p>
<p>Raum und Zeit waren problematisch geworden. Die Romanautoren J. Conrad, M. Proust, J. Joyce, Th. Mann, F. Kafka führten neue Weise des Erzählens ein &#8211; die Zeit war nicht mehr der Ordnungsrahmen eines kontinuierlich ablaufenden überschaubaren Geschehens. Im Drama räumten Strindberg, L. Pirandello, G. Kaiser, Schnitzler und F. Wedekind mit der bürgerlichen Welt- und Wertordnung auf. Die Fotografie hatte das Abbilden unternommen &#8211; so sahen sich die Maler in ihrer Existenz herausgefordert: Picasso entwickelt eine multiperspektivische Darstellung der Personen; die Dinge wurden in ihre Grundbestandteile oder -formen zerlegt und wieder zusammengesetzt; Kandinsky malte 1910 das erste abstrakte Bild. In Italien wurde das Manifest des Futurismus veröffentlicht: ein Kult des Tempos, der Kraft, der neuen Zeit. Bereits Mallarmé hatte das Wort befreien wollen, von der Bindung an die Dinge lösen, dem grafischen Zeichen eine eigene Bedeutung zuerkannt. In der Architektur ging die Veränderung langsamer vor sich (A. Loos), in der Dekoration entstand der Jugendstil. Die Musik löste sich aus dem traditionell harmonischen Rahmen (Schönberg: Zwölftonmusik), es kamen mit dem Jazz Elemente „unzivilisierter Völker“ in die Musik, Strawinsky erprobte Neues.</p>
<p>Diese Bewegung war nicht ohne Widersprüche: Man wollte weg von der Zivilisation und ihren Zwängen, betrieb das aber mittels einer Vergeistigung, die nur wenigen zugänglich war, und im Verbund mit den Wissenschaften. „Die Sehnsucht nach dem mythischen Erleben stand in direktem Zusammenhang mit einer Zukunftsgläbigkeit, mit der die Rebellen sich als Erben des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen.“</p>
<p>Die Künstler verstanden sich messianisch &#8211; als Profeten einer neuen Zeit oder Künder des großen Untergangs; insgesamt waren sie eher „links“ eingestellt. Überall wurde eine traditionelle Ordnung in Frage gestellt. Der vertraute Himmel der Kirchen wie des Erlebens verschwand, die hergebrachte soziale Ordnung (oben/unten, Adel/Bürger/Arbeiter, Mann/Frau, Erwachsene/Jugend/Kinder) ging in die Brüche, die religiöse Sinndeutung verlor an Glaubwürdigkeit &#8211; die Kunst war nicht mehr der Welt zugewandt, sondern beschäftigte sich weithin mit sich selbst, mit ihrem Material und seinen Möglichkeiten: Der Rezipient musste selber zusehen, was ihm noch Kunst war und welchen Sinn er damit verbinden konnte.</p>
<p><span style="color:#0000ff;">Fazit: Man sollte sehen,</span></p>
<p><span style="color:#0000ff;">1.  dass die Literatur in einem großen Umbruch aller Künste stand;</span></p>
<p><span style="color:#0000ff;">2. dass dieser Umbruch auch seine sozialen, politischen, wissenschaftlichen Entsprechungen (oder Gründe?) hatte;</span></p>
<p><span style="color:#0000ff;">3. dass es natürlich Anknüpfung an die Tradition (Rousseau, Aufklärung) und innere Widersprüche der neuen Bewegungen gab;</span></p>
<p><span style="color:#0000ff;">4. dass es „den Umbruch“ nicht gab &#8211; es waren oft nur kleine Gruppen, zumindest in der Kunst, die solche Umbrüche vollzogen und verstanden.</span></p>
<p>Für mein (N.T.) Empfinden versteht man die neuen Entwicklungen in der Literatur am besten, wenn man parallel die Entwicklung in der Malerei verfolgt: Die ist anschaulich zu (be)greifen; da kann man etwas intensiver hinschauen, ohne gleich das Ganze der Kulturgeschichte packen zu müssen. Aber die Schlagworte „Naturalismus / Symbolismus / Impressionismus / Expressionismus/ Jugendstil“ sollte man schon „drauf haben“ und inhaltlich ein bisschen füllen können.</p>
<p>Vgl. <a href="http://www.bloghof.net/norberto42/archive/2007/05/">http://www.bloghof.net/norberto42/archive/2007/05/</a> (Lyrik des Expressionismus) und die 1. Lektion von <a href="http://logos.kulando.de/post/2008/06/17/deutsche-lyrik-1945-1960">http://logos.kulando.de/post/2008/06/17/deutsche-lyrik-1945-1960</a>!</p>
<p> </p>
<p><em><strong>Der Begriff „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ (auch: der E. um 1800) ist eine Erfindung der Leute, die die Richtlinien NRW und das segensreich darauf abgestimmte TTS bei Cornelsen machen. Wenn man in die Wörterbücher schaut, findet man</strong></em></p>
<p><em><strong>1. im Metzler Lexikon Literatur (2007) die Begriffe „Avantgarde“ und „Moderne“ (s.u.),</strong></em></p>
<p><em><strong>2. im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie (2004) die Begriffe „Avantgarde“, „Epochenschwelle“, „Moderne“ und „Modernismus, Literaturtheorien des“. </strong></em></p>
<p>Die <strong>Avantgarde</strong> ist ein Teil der Moderne im engeren Sinn (etwa ab 1900); den Beginn markiert das Futuristische Manifest F.T. Marinettos (1909). Abgelehnt wird Kunst als Imitation (Nachahmung der Natur oder der maßgebenden Autoren); es werden die Techniken der Montage und der Collage eingesetzt. Die Utopie einer neuen Kunst meint die Überwindung des Grabens zwischen Leben und Kunst und meint damit die Utopie einer neuen Gesellschaft.</p>
<p>   Der Begriff der <strong>Moderne</strong> ist unklar; er kann die „Neuzeit“ seit der Renaissance meinen, die mit der Frühromantik beginnende Moderne (etwa seit 1795) oder eben die Moderne ab 1900. Diese letzte, an das Fin de Siècle geknüpfte Moderne kämpft gegen den Naturalismus und für eine Autonomie der Kunst und Literatur, für ihre Unabhängigkeit von der industriellen Zivilisation und der gesellschaftlichen Realität. Neben den besonderen Ausprägungen in Berliner, Wiener und Münchener Moderne stehen die „Richtungen“ oder Bewegungen des Ästhetizismus, Symbolismus, der Décadence, der Neuromantik und Neuklassik &#8211; und dann eben die bereits genannte Avantgarde.</p>
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	</item>
		<item>
		<title>Schiller: Don Karlos &#8211; Personenkonstellation</title>
		<link>http://norberto42.wordpress.com/2008/06/19/schiller-don-karlos-personenkonstellation/</link>
		<comments>http://norberto42.wordpress.com/2008/06/19/schiller-don-karlos-personenkonstellation/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 19 Jun 2008 08:23:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Drama]]></category>
		<category><![CDATA[Don Karlos]]></category>
		<category><![CDATA[Figurenkonstllation]]></category>
		<category><![CDATA[Personenkonstellation]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Problem der Figurenkonstellation (Personenkonstellation)
in Schillers „Don Karlos“ ist unlösbar. Man kann in Schillers „Don Karlos“ keine feste Figurenkonstellation erkennen. Dafür gibt es zwei Gründe:
1. Die Figuren verändern sich, auch in ihrem Verhältnis zueinander.
2. Diese Veränderungen erfahren sie nicht als „Figur“ oder Person „an sich“, sondern in einer bestimmten Hinsicht.
Ich möchte beide Gründe am Beispiel [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=30&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p><strong>Das Problem der Figurenkonstellation (Personenkonstellation)</strong></p>
<p>in Schillers „Don Karlos“ ist unlösbar. Man kann in Schillers „Don Karlos“ keine feste Figurenkonstellation erkennen. Dafür gibt es zwei Gründe:</p>
<p><strong><span style="color:#0000ff;">1. Die Figuren <span style="text-decoration:underline;">verändern</span> sich, auch in ihrem Verhältnis zueinander.</span></strong></p>
<p><strong><span style="color:#0000ff;">2. Diese Veränderungen erfahren sie nicht als „Figur“ oder Person „an sich“, sondern <span style="text-decoration:underline;">in einer bestimmten Hinsicht</span>.</span></strong></p>
<p>Ich möchte beide Gründe am Beispiel <strong>Elisabeths</strong> erklären. Man könnte vereinfacht sagen, dass Elisabeth zwischen Karlos und Philipp steht; aber damit erfasst man nicht, was wirklich geschieht:</p>
<p>* Als <span style="color:#0000ff;">Frau</span> weist sie Karlos zunächst (I 5) zurück und steht treu zu ihrem Mann Philipp, obwohl sie sich um Karlos sorgt bzw. an seinem Leiden teilnimmt (I 4). Nachdem sie von Philipps Einbruch erfahren hat (IV 9), will sie ihrer Zuneigung zu Karlos Raum geben (IV 9) und ihm ihre Liebe gestehen (5306/09), wird dort aber von Karlos als Frau zurückgewiesen. [Elisabeth: Herz &gt; Etikette]</p>
<p>* Diese „Bewegung“ Elisabeths wird von einer Bewegung der <span style="color:#0000ff;">Königin</span> begleitet: Zuerst stachelt sie, von Posa durch die Briefe eingespannt, Karlos an, sich für die Rettung der Niederländer einzusetzen (I 5). Posa plant dann eine Revolution bzw. Hochverrat (IV 3), wobei die Königin zumindest wohlwollend zuhört; sie findet die Idee groß, belässt es aber bei ihrem „stillen Anteil“ (3513). Schließlich zettelt sie sogar in Madrid einen Aufruhr an (V 7), damit Karlos ungestört fliehen kann. Am Ende bewundert sie den Freiheitshelden und gereiften Mann Karlos grenzenlos („Männergröße“, 5350) und bejaht auch seinen Aufstand, wendet sich also offen gegen den König Philipp und den spanischen Staat.</p>
<p>Zu den beiden genannten Gründen kommt als <strong><span style="color:#0000ff;">3. Grund Schillers Schwächen in der <span style="text-decoration:underline;">Konstruktion eines plausiblen Ablaufs der Ereignisse</span></span></strong>: Dass die so stark von der Etikette eingeschnürte Elisabeth (I 3; I 6) an einem Hof, wo jeder bespitzelt wird (I 1; II 10) einen Aufstand in Madrid anzetteln kann, ist völlig unwahrscheinlich: Der „Aufstand“ dient dramaturgisch nur dazu, die Entscheidung Karlos, nicht zu fliehen, sondern Posas Auftrag gemäß zu handeln, hervorzuheben. Auch dass Philipp einen Mönch als Beichtvater hält, der offen das Beichtgeheimnis bricht (2685 ff.), oder dass er innerhalb eines Tages einen politisch bedenklichen jungen Mann an die Spitze seines Machtapparates stellt, ist bereits bei geringem Nachdenken nicht plausibel. Sogar Posas Scheitern in IV ist konstruiert und sachlich unbegründet. Posa besucht schließlich (V 1) den gefangenen Karlos, um ihm die Situation zu erklären und ihn zu Elisabeth zu schicken; viel einfacher wäre es, er schickte ihn gleich in die Niederlande los - aber nein, Karlos muss in V 11 noch zeigen, dass er reif geworden ist!</p>
<p><!--StartFragment--> Vielleicht kann man das<strong> Auftreten des Großinquisitors</strong> in V 10 auch diesem 3. Grund zuordnen: Philipp ist entschlossen, mit seinem Sohn abzurechnen und den angekündigten „Geist“ im Trakt der Königin selber in Augenschein zu nehmen (V 9). Er braucht den Großinquisitor nicht, um Karlos zu verhaften und den Prozess zu machen &#8211; ja, der Großinquisitor ist für Karlos nicht einmal zuständig, da Karlos, anders als Posa, kein „Ketzer“ ist. Die Szene V 10 ist also dramaturgisch überflüssig und dient nur dazu, Schillers alte Idee, die Inquisition bloßzustellen, zu verwirklichen. Im Briefwechsel mit Schröder hat er für die Hamburger Aufführung deshalb auch erwogen, die Szene zu streichen. &#8211; Und nun die Preisfrage: Was macht man mit dem Großinquisitor in einer „Figurenkonstellation“ oder Personenkonstellation?</p>
<p>Was <strong>Karlos</strong> betrifft, ist sein Verhältnis zu Elisabeth bereits hinreichend beschrieben. Zu Posa fühlt er sich hingezogen und schließt mit ihm den Freundschaftsbund (I 9), ordnet sich ihm aber völlig unter (I 2; II 15); er zweifelt an dessen Treue (IV 5 und 13) und wird sogar verhaftet. Als die Zweifel an der Treue durch Einsicht vertrieben werden (V 1 und 3) und Posa sein Leben für ihn bzw. die Befreiung der Niederlande und die Rettung der Utopie hingibt (IV 21; V 3), wird diese Freundschaft der absolute Bezugspunkt seines Lebens und Handelns (V 4, 6, 7, 11). Erst durch Posas Tod wird er vom Übervater Posa frei, aber in den Dienst seiner Idee genommen.</p>
<p>An seinen Vater hat er sich angenähert (II 2), ein wenig auch an den König (II 3), was er aber nicht weiß bzw. ausschlägt (Ende II 2). Als Philipp Posa ermorden lässt, sagt er sich vom Vater los (V 4) und bekennt sich zum Aufstand in den Niederlanden (V 11). &#8211; Er bewegt sich also zunächst auf Philipp zu, bricht dann aber zuerst mit dem Vater und dann mit dem König, wobei er auf die zuerst begehrte Gattin Philipps (I und II) am Ende verzichtet.</p>
<p>Zu <strong>Philipp</strong> ist fast alles gesagt, nur sein Verhältnis zu Posa ist noch nicht untersucht. Er ist von Posa als Mensch beeindruckt (III 10), wenn er auch dessen politische Ideen für falsch hält, und befördert ihn in ein Vertrauensverhältnis (III 10) mit beinahe unbeschränkten Vollmachten (IV 12); im Rückblick sagt er, dass er ihn als Sohn angenommen und geliebt habe (IV 9). Nach Posas Verrat ist er deprimiert (IV 23); als Karlos ihm offenbart, dass Posa mit Philipp nur gespielt habe (V 4), ist er in seiner Selbstachtung so stark getroffen, dass er sich rächen und alles zerstören will, was Posa heilig war: die Menschheit und Karlos (V 9). &#8211; Philipp hat sich also auf Posa als Menschen zubewegt, um ihn später als politischen Denker völlig abzulehnen.</p>
<p>Es bleibt <strong>Posa</strong> als Hauptfigur übrig. Er geht auf Elisabeth zu und gewinnt sie für seine Ideen, bis er ihr gesteht, er habe mit Karlos‘ Liebe diesen erziehen wollen (IV 21); da wendet Elisabeth sich von ihm als Mensch ab, ohne später ihre erneute Zuwendung (V 11) zu erklären. Er geht auch auf Karlos und den König als Mensch zu, um sie je verschieden für seine politischen Ziele einzuspannen; er führt dadurch beide (angeblich wegen einer unglücklichen Verkettung der Ereignisse) in eine Krise, aus der Karlos sich für und Philipp gegen Posas Ideen entscheidet. Er hat an seiner Idee bis zum Tod festgehalten, um so Karlos auf diese Idee der Freiheit festzulegen. &#8211; Man könnte sagen, Posa verkörpere die Idee der Freiheit und bezeuge ihre Wahrheit mit seinem Leben (Märtyrer), scheitere deshalb notwendig in der Sphäre des Machthandelns.</p>
<p>Die übrigen Figuren sind <strong>Nebenfiguren</strong>, die vor allem Funktionen im Geschehen haben oder Ideen ausdrücken:</p>
<p><strong>Lerma</strong> steht in der Loyalität zwischen dem König und dem Infanten, hat aber für diesen eine größere Bewunderung und Zuneigung; er dient dazu, als guter Mensch die Ereignisse zuzuspitzen (IV) und Karlos als besseren König zu beglaubigen (V). Als Gegenfigur zu Alba und Domingo ist er ohne Einfluss (III); er dient dazu, die Zweifel des Königs in III zu vertiefen.</p>
<p><strong>Eboli</strong> bewegt sich auf Karlos als Mann zu, wird aber von diesem zurückgewiesen und hilft deshalb, die Intrige gegen Elisabeth und Karlos zu spinnen, wobei sie sogar zum Ehebruch bereit ist. Sie bereut ihren Fehltritt und bewegt sich wieder auf Elisabeth zu (Reue, IV 19), wird aber von dieser fortgeschickt (IV 20). <span style="color:#0000ff;">Sie steht also nirgendwo &#8211; sie bewegt sich!</span></p>
<p><strong>Alba und Doming</strong>o verkörpern die beiden finsteren Seiten der spanischen Macht: das Militär und die Kirche. Sie repräsentieren (und spinnen) die höfischen Intrigen und sind Gegner der drei Aufklärer Elisabeth, Karlos, Posa. Zu Philipp als König haben sie ein Verhältnis begrenzter Loyalität; sie spielen mit dem Mann Philipp, um den König in ihrem Sinn zu lenken, was ihnen nur begrenzt gelingt.</p>
<p>Der <strong>Großinquisito</strong>r verkörpert die Kirche als Inquisition und unangreifbare Macht, die Tod und Verderben bringt. Er hat zu keinem ein Verhältnis und spielt sich als Herr des Königs auf, um jede Menschlichkeit aus der Machtausübung zu tilgen (V 10). Ob Philipp sich ihm „in Demut beugt“ (5262), wird letztlich nicht geklärt (Pause in 5262 gegen 5248/50).</p>
<p>In dem von <span style="text-decoration:underline;">Berthold Heizmann</span> erstellten Lektüreschlüssel (Reclam 2004, RUB 15352, S. 34) findet man eine „Personenkonstellation“, die sehr klar die Mängel dieser Kategorie offenbart: Nicht nur dass Philipp die zentrale Figur ist, um die sich der private Bereich, der öffentliche Bereich und Posa als Sonderfigur gruppieren (darüber könnte man ja streiten) &#8211; die Figuren stehen da ein für allemal an ihrem Platz, keiner rührt sich, aber ein Drama ist Geschehen! Auch die Konstruktion von <span style="text-decoration:underline;">Hansjürgen Popp</span> (Lektürehilfen bei Klett, 2007, S. 60; ähnlich <span style="text-decoration:underline;">Mario Leis</span> in „Texte Medien“ bei Schrödel, 2007) befriedigt nicht: Sie ist um das Dreieck der Prinzipien „Freiheitsidee / Unfreiheit als Prinzip / Eigeninteresse“ konstruiert und weist den Figuren einen Platz auf den Seiten des Dreiecks zu; Elisabeth „ist“ die Freiheitsidee am reinsten &#8211; sehr problematisch! Allerdings wird Karlos und Philipp eine Bewegung weg von und hin zu ihrer dominierenden Idee zugestanden; aber die <span style="color:#0000ff;">Vielzahl der Ebenen, auf denen das Geschehen abläuft</span>, wird nicht durch die drei Prinzipien erfasst.</p>
<p>Ich weise auch auf die im Internet greifbaren Schaubilder (Figurenkonstellation) hin:      <a href="http://media.buehnenkoeln.de/materialien/dig_proghefte/Schiller_DON_CARLOS/konflikte.htm">http://media.buehnenkoeln.de/materialien/dig_proghefte/Schiller_DON_CARLOS/konflikte.htm</a> (mit der Unterscheidung von privaten und politischen Konflikten!)</p>
<p><a href="http://www.muenchner-volkstheater.de/Presse/Material/DonKarlos/Pressemappe_Don_Karlos.pdf">www.muenchner-volkstheater.de/Presse/Material/DonKarlos/Pressemappe_Don_Karlos.pdf</a> (dort S. 3)</p>
<p><a href="http://www.stiftikus.de/jgst12.htm">http://www.stiftikus.de/jgst12.htm</a> (dort die Präsentation „D. C. als Familiendrama“)</p>
<p>Allgemein zur Figurenkonstellation:</p>
<p><a href="http://norberto42.kulando.de/post/2008/03/05/figurenkonstellation_und_dramatisches_geschehen">http://norberto42.kulando.de/post/2008/03/05/figurenkonstellation_und_dramatisches_geschehen</a></p>
<p>Es gibt eine <strong>Figurenkonstellation in einer Szene</strong>, und es gibt einen <strong>Stand des dramatischen Geschehens am Ende eines Aktes</strong> &#8211; aber zumindest im „Don Karlos“ gibt es keine in einem Schema festzuhaltende Figurenkonstellation.</p>
<p><strong>Dramatische Situation am Ende von I</strong><br />
Als Herr und Lenker des Geschehens hat sich Posa gezeigt:<br />
- Er hat sein politisches Ziel scheinbar zurückgestellt und Karlos menschlich aufgefangen (I 2);<br />
- er hat der Königin neben familiären auch Briefe aus den Niederlanden übergeben (I 4);<br />
- er hat das Treffen Elisabeths mit Karlos arrangiert und darauf vertraut, dass die Königin den Ball „Briefe aus den Niederlanden“ weiterspielt (I 4);<br />
- er schließt den Freundschafts- und Bruderbund mit Karlos, dem künftigen König Spaniens (I 9, vgl. I 2).<br />
Karlos leidet an der „unmöglichen“ Liebe zu Elisabeth, der Frau seines Vaters Philipp. Die Annäherungen Karlos‘ werden von Elisabeth energisch abgewiesen; sie verweist den Kronprinzen auf Spanien als seine zweite Liebe &#8211; als Mensch bleibe ihm die Freundschaft seiner Mutter (I 5). Sie übergibt ihm die Briefe aus den Niederlanden. Dadurch und durch den Freundschaftsbund mit Posa gestärkt ist der anfangs deprimierte Karlos schließlich entschlossen, sich beim König für die Niederlande einzusetzen (I 7; I 9). Er drängt auf einen Bruderbund, der auch den künftigen König binden soll (I 9), mit Posa, dem Freund und Bürger.<br />
Elisabeth, eine der Natur verbundene Frau, hat Posas allegorische Erzählung von den unglücklich Liebenden verstanden, sich über die Etikette hinweggesetzt und so indirekt das Treffen mit Carlos ermöglicht (I 4). Sie spielt Posas Spiel mit, hält Karlos jedoch auf freundschaftliche Distanz. Mit der Übergabe der Briefe greift sie von sich aus in das politische Spiel ein (I 5) und setzt auf die Karte der Freiheit.<br />
Philipp hat sich als eifersüchtiger Gatte, als argwöhnischer Vater und als unerbittlicher König eingeführt (I 6); Elisabeth leistet ihm Widerstand, was seine Kritik an ihr und der Mondecar betrifft &#8211; sie habe gegenüber Karlos nur Grenzen der Etikette, nicht der Moral überschritten.</p>
<p><strong>Dramatische Situation am Ende von II</strong><br />
Karlos hat seinen Vater gesprochen, aber nicht den König erweichen können, ihm das Heer nach Flandern anzuvertrauen; seinen Teilerfolg beim König erkennt er nicht (II 3). Er hat auch nicht der Liebe zu Elisabeth entsagt und hat das Angebot der verliebten Prinzessin Eboli als Angebot Elisabeths missverstanden. Dadurch hat er die verschmähte Eboli gekränkt, die sich deswegen entschlossen hat, aus Rache mit Domingo zusammenzuarbeiten, sich dem König hinzugeben und das vermeintliche Verhältnis Elisbeth-Karlos aufzudecken.<br />
Karlos wendet sich im Kartäuser-Kloster an seinen Freund Posa, um diesen dazu zu bewegen, ein Treffen mit Elisabeth zu arrangieren, weil er diese jetzt von ihrer Ehe frei glaubt. Posa stimmt ihn jedoch um, dass er wieder Flanderns Rettung als sein Hauptziel ansieht. Posa deutet an, einen großen Plan gefunden zu haben (V. 2452 f., V. 2457 f.), den die Königin Karlos darlegen soll.<br />
Damit ist Karlos wieder in der Situation von I 5: Er will tun, was man ihm gebietet, muss jedoch Posa machen lassen; die Situation hat sich aber durch Philipps Entscheidung für Alba und durch das Komplott der Eboli mit Domingo für die Gruppe Posa &#8211; Elisabeth &#8211; Karlos verschlechtert. Posas Plan kann auch bloß der Entscheidung Philipps entgegenwirken, weil Posa das Komplott nicht kennt.</p>
<p><strong>Dramatische Situation am Ende von III</strong><br />
Der 3. Akt wird von der Figur des Königs und dem Aufstieg Posas bestimmt: Philipp zeigt sich als hilfloser Mensch (bis III 5), als kluger König (bis III 7) und als Gesprächspartner Posas, den er in seinen Dienst nimmt (III 10).<br />
Der Ehebruch des Königs ist geschehen, die Schatulle Elisabeths ist erbrochen (vgl. IV 1 und IV 9) &#8211; der König ist vom Zweifel an Elisabeths Treue erschüttert und sucht Gewissheit; Lermas Bekenntnis zu Elisabeths Tugend überzeugt ihn so wenig wie die Vorwürfe Albas und Domingos. Auf der Suche nach einem Menschen und Freund, der ihm die Wahrheit sagt, ist er auf den Marquis Posa gestoßen (III 5), dessen Auftritt als Prophet eines freiheitlichen Staates ihn fasziniert und den er als Ratgeber und zur Untersuchung von Elisabeths Treue einstellt, ohne dessen Verbindungen zu Elisabeth und Karlos zu kennen. &#8211; Damit scheint das Komplott der Eboli und Domingos abgeschmettert zu sein.</p>
<p><strong>Dramatische Situation am Ende von IV</strong><br />
Die Situation ist verworren, viele Handlungsstränge laufen nebeneinander: Zunächst ist Posas Plan offenbart worden: Er möchte Karlos an die Spitze einer Revolte stellen (IV 3); er spielt aber auch gegen Karlos nicht mit offenen Karten (IV 5) und hat vom König alle Vollmachten erhalten (IV 12). Elisabeth hat die Vorwürfe des Königs abwehren können (IV 9); die Intrige der Eboli ist entdeckt (IV 9; IV 12; IV 19) worden. Da aber Lerma Karlos über Posas Agieren informiert hat (IV 4 und 13), ist Karlos unsicher (IV 6 und 13) und hat sich an die Eboli gehängt (IV 15), was unklare Folgen hat (IV 16 f.).<br />
Der Königin gesteht Posa schließlich, dass sein Plan gescheitert ist, weil er zu hoch und unaufrichtig gespielt hat, dass er sich jetzt aber für Karlos opfert (IV 21) und dieser so der Utopie verpflichtet sei; sein Brief in die Niederlande wird abgefangen (IV 22), Alba verkündet Domingo den Sieg (IV 25). &#8211; Der Verlierer des 4. Aktes ist Marquis Posa.</p>
<p><strong>Dramatische Situation am Ende von V</strong><br />
Am Ende des Geschehens steht, dass die Freundschaft gesiegt hat, dass Karlos der Mann geworden ist, der er werden sollte, die Freunde aber von den Realpolitikern besiegt werden.<br />
Posa hat sich in einem letzten Täuschungsmanöver für den Freund geopfert und ist  erschossen worden. Karlos ist hierdurch umgewandelt (erwacht), hat sich vom Vater losgesagt und sich dem von Posa ihm zugedachten Auftrag gestellt, die Niederlande zu befreien; er entsagt Elisabeth, die sich in den Dienst von Posas Vermächtnis stellt. Philipp ist von Posa ebenso beeindruckt wie gekränkt; er hat sich zum Widerstand ermannt und den Inquisitor gebeten, seinen Sohn hinzurichten. Ehe er fliehen kann, wird Karlos verhaftet; die Vision der großen Freiheit bleibt Vision.</p>
<p>Das angekündigte (<a href="http://www.krapp-gutknecht.de/Produkte/Theater_auf_DVD/Don_Carlos/Don_Karlos.htm">http://www.krapp-gutknecht.de/Produkte/Theater_auf_DVD/Don_Carlos/Don_Karlos.htm</a>) Lehrerheft zu „Don Karlos” ist gerade im Verlag Krapp &amp; Gutknecht erschienen, mit 96 statt der angekündigten 80 Seiten.</p>
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		<title>Wie Literatur in Europa gemacht wird</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jun 2008 07:11:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählungen]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Äsop]]></category>
		<category><![CDATA[Fabel]]></category>
		<category><![CDATA[Fuchs]]></category>

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		<description><![CDATA[
Vortrag vor der Friedrich-Spee-Akademie, gehalten am 2. Juni 2008 im Hotel Elisenhof, Mönchengladbach
Einleitung: 
Was ist eine Fabel?
Beginnen wir, wie es sich für einen guten Lehrer gehört, nicht mit theoretischen Überlegungen oder einer Definition, sondern mit einem Beispiel:
 Der Fischer mit der Flöte
Ein Fischer, der Flöte blasen konnte, nahm seine Flöte und seine Netze und ging [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=27&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><div>
<p><span style="color:#0000ff;"><strong>Vortrag</strong></span> vor der Friedrich-Spee-Akademie, gehalten am 2. Juni 2008 im Hotel Elisenhof, Mönchengladbach</p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong><span style="text-decoration:underline;">Einleitung</span></strong><strong>: </strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong><span style="text-decoration:underline;">Was ist eine Fabel?</span></strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Beginnen wir, wie es sich für einen guten Lehrer gehört, nicht mit theoretischen Überlegungen oder einer Definition, sondern mit einem Beispiel:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <strong>Der Fischer mit der Flöte</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Ein Fischer, der Flöte blasen konnte, nahm seine Flöte und seine Netze und ging zum Meer. Er stellte sich auf einen Felsvorsprung und spielte zunächst ein Lied. Denn er glaubte, dass die Fische von selbst aus dem Wasser springen würden, um den lieblichen Klang zu hören. Aber obwohl er sich sehr anstrengte, hatte er keinen Erfolg. Er warf seine Flöte weg, nahm das Netz, schleuderte es in das Wasser hinab und fing viele Fische. Dann warf er sie aus dem Netz heraus auf den Strand, und als er sie zappeln sah, sagte er: »Ach, ihr elendesten Geschöpfe, als ich Flöte blies, wolltet ihr nicht tanzen, jetzt aber, wo ich damit aufgehört habe, tut ihr es.« (<span style="text-decoration:underline;">Äsop</span>)</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Was ist eine Fabel?  Jeder meint zu wissen, was eine Fabel ist: „eine Erzählung, in der Tiere reden und die eine Moral enthält“ (Schöne Fabeln des Altertums. Ausgewählt und übertragen von <span style="text-decoration:underline;">Horst Gasse</span>, 1955, S. 5) Ein bisschen schlauer ist schon, was <span style="text-decoration:underline;">Johannes Irmscher</span> in der Einleitung seiner großen Sammlung „Antike Fabeln“, 1999 (erstmals 1978), S. V schreibt: „eine kurzgefaßte Erzählung in Prosa und mitunter auch in Versform, die eine allgemeingültige Wahrheit mit der ausgesprochenen Absicht der Belehrung sinnfällig zu machen sucht“; darin treten dann gelegentlich Götter, häufiger Menschen aus dem Alltag, selten Pflanzen und Steine, regelmäßig aber mit menschlichen Zügen ausgestattete Tiere handelnd auf. &#8211; Ich möchte mit Ihnen an dem Beispiel, das wir gerade gehört haben, prüfen, ob das alles stimmt:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span></span></span></span><span><span><span>Wenn Sie gut zugehört haben, dann sehen Sie:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>1. Es sprechen keine Tiere und es gibt keine Moral (gegen Irmscher).</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>2. Es tritt zwar mit dem Fischer ein Mensch aus dem Alltag auf, aber eine Absicht zur Belehrung kann ich nicht erkennen.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Vielmehr finde ich statt der Belehrung ein Wortspiel mit einer witzigen Umkehr des Normalen (+ Chiasmus):</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>die Flöte blasen / nicht tanzen</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>zu tanzen beginnen / die Flöte nicht blasen,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>wobei das Zappeln der armen Fische metaphorisch als Tanzen begriffen wird. Bei Irmscher ist dann eine aus dem Zwang der Erwartung irgendwann angehängte Moral zu finden: „Für Leute, die etwas zu unpassender Zeit machen, schickt sich diese Fabel.“ [Irmscher, S. 18] &#8211; Das ist natürlich Unsinn: Kein Fischer kommt auf die Idee, durch Flötenspiel Fische ans Ufer zu locken; hier liegt keine Belehrung dummer Fischer vor, hier herrscht einfach Freude am witzigen Wortspiel; aber weil ein Fabel vermeintlich eine Lehre haben muss, wird eben eine &#8211; unpassende! &#8211; erfunden.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;"><strong>1. Teil</strong></span></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;"><strong>Die Fabel von der Lerche (Haubenlerche</strong></span><strong>)</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>An der Fabel von der Haubenlerche und ihren Jungen auf dem Feld möchte ich zeigen,</span></span></span><span><span><span> wie man mit Fabeln umgeht, wenn man sie in ihrem Bestand bewahrt.</span></span></span><span><span><span>In der Fassung von <span style="text-decoration:underline;">Sebastian Brant</span> (1501) lautet <span style="text-decoration:underline;">Äsops</span> Text so: </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong>Über die Verlässlichkeit von Freunden</strong></span></span></span><span><span><span> </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Eine Haubenlerche hatte ihr Nest in einem Getreidefeld, das vor der Zeit reif wurde. So fürchtete sie, dass es abgeerntet werden würde, bevor ihre Küken flügge waren. Jedesmal, bevor sie auf Nahrungssuche ging, trug sie ihren Küken auf, ihr von allen ungewöhnlichen Vorkommnissen genau zu berichten.<span> </span><span> </span><span> </span><span> </span></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Besitzer des Feldes aber befahl seinem Sohn, die Freunde zum Mähen des Feldes herbeizubitten. Als die Haubenlerche dies hörte, beruhigte sie ihre Küken, es sei noch nichts zu befürchten. Als die Freunde am nächsten Tag ausblieben, befahl der Besitzer seinem Sohn, die Verwandten zu bitten. Wieder beruhigte die Mutter ihre Küken. Als die Verwandten nicht kamen, sagte der Besitzer schließlich zu seinem Sohn: „Morgen wollen wir beide selbst zur Sichel greifen und die Ernte mit eigener Hand einbringen.“ Als die Mutter dies von ihren Küken erfuhr, sagte sie: „Jetzt ist es an der Zeit wegzuziehen.“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;">Kommentar</span>: Was man selbst tun kann, soll man selbst tun und nicht von anderen erwarten. </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Die Moral am Schluss dürfte von Sebastian Brant stammen. Der Aufbau der Erzählung ist ganz einfach: Am Anfang wird die Ausgangssituation (Lerchen) beschrieben (bis „berichten“): Dem Reifezustand des Feldes entspricht die Sorge der Lerche; ihr Auftrag an die Küken, ihr ungewöhnliche Vorkommnisse zu berichten, schafft den Anknüpfungspunkt für das erzählte Geschehen. Ganz untypisch ist dann das dreigliedrige Schema des Geschehens mit der Variation im Plan des Bauern, wer arbeiten soll: die Verwandten, die Freunde, er selbst mit seinem Sohn. Wieso die Lerche ihre Küken zunächst beruhigt und mit ihnen schließlich aufbrechen will, wird nicht erklärt &#8211; da ist also noch Material, welches später gestaltet werden kann. Es gibt auch eine kleine Spannung zwischen dem Text und der angehängten Moral. Im Text geht es darum, was man von dem zu halten hat, was die Leute als ihr Vorhaben ankündigen: Während die jungen Lerchen alles wörtlich glauben, weiß die alte Lerche, wann es wirklich ernst wird; in der Moral wird man ermahnt, sich nicht, wie der Bauer es zunächst getan hat, auf andere zu verlassen, sondern Aufgaben selbst anzupacken, damit etwas geschieht. - Hier sieht man einmal, wie schwer es ist, die Pointe einer Fabel zu erfassen, und sieht zweitens, wie der Zwang wirkt, so etwas wie eine „Moral“ zu (er)finden.  </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Erzählerisch etwas stärker ausgearbeitet ist folgende Fassung von Äsops Fabel: </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong>Die Lerche</strong></span></span></span><span><span><span> </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Tief im Kornfelde versteckt, hatte eine Lerche ihr Nest gebaut. Da ging eines Tages der Bauer sein Feld entlang, musterte die Ähren und sagte vor sich hin: »Das Korn ist reif. Ich muss meine Freunde bitten, dass sie mir helfen, es zu schneiden!«  Diese Worte hörten vier junge Lerchen, welche im Nest lagen. Oh, wie erschraken sie! »Mutter, Mutter!« schrien sie, »wir müssen sterben! Das Feld soll gemäht werden, und wir können noch nicht fliegen.« »Beruhigt euch«, antwortete die alte Lerche, »noch ist keine Gefahr! Solange der Mann von der Hilfe seiner Freunde spricht, kann er die Arbeit nicht dringend finden.« Aber von diesem Tage an mussten die kleinen Lerchen fleißig das Fliegen üben. Und siehe, da kam der Bauer wieder sein Feld besehen. Schon war das Getreide an machen Stellen überreif, sodass die Körner aus den Hülsen fielen. »Nun kann ich nicht länger warten«, seufzte der Bauer, »noch heute muss ich Knechte dingen und sie an die Arbeit schicken.« Da rief die Lerchenmutter eiligst ihren Kindern zu: »Meine Kinder, meine Kinder, macht euch bereit! Wir müssen noch heute das Nest verlassen, denn jetzt hat er es aufgegeben, auf seine Freunde zu bauen, jetzt will er die Arbeit selbst in die Hand nehmen. Und das ist schlimm für uns!« </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Man merkt hier einmal die Ausweitung der erzählerischen Momente, etwa in der Verwendung der wörtlichen Rede; gleichzeitig werden die Besuche des Bauern auf zwei reduziert, womit der fabeltypsiche Kontrast zwischen dem leichtfertigen und seinem ernsthaften Planen deutlicher wird. Die Lerche hat es auch übernommen, ihren Kindern die Bedeutung der Gedanken des Bauern zu erklären. Wann ist ernsthaft damit zu rechnen, dass etwas geschieht? Wenn jemand die Arbeit selbst in die Hand nimmt.  Diese etwas für Kinder ausgeschmückte Fassung entspricht dem Text des <span style="text-decoration:underline;">Babrios</span>, der die Äsopische Fabel in Verse gefasst hatte. Unter dem Titel „Die Haubenlerche während der Ernte“ steht diese Fabel in der Sammlung „Antike Fabeln. Herausgegeben und &#8230; übersetzt von <span style="text-decoration:underline;">Johannes Irmscher</span>“, Berlin 1999, S. 285. Die beiden entscheidenden Sätze der Lerche lauten dort: „Wer nämlich auf die Freunde rechnet, hat es noch nicht eilig.“ und  „Jetzt mäht er nämlich selber und verlässt sich nicht mehr auf die Freunde.“ &#8211;  Der letzte Satz in der uns vorliegenden Kinderfassung („Und das ist schlimm für uns.“) passt nicht recht zum Fabelgeschehen; er ist eine Konzession an den Typus der Tiergeschichte, genau wie der Satz vom Fliegenüben.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Die Fassung, die ich am längsten kenne und sehr schätze, stammt von <span style="text-decoration:underline;">Christian Fürchtegott Gellert</span> (1715-1769); der war nicht nur Professor für Moral, Poesie und Rhetorik, sondern hat auch „Fabeln und Erzählungen“ veröffentlicht (1746-1748), wodurch er berühmt wurde: </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong>Die Lerche im Kornfeld</strong></span></span></span><span><span><span>  </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>In einem großen Kornfeld hatte eine Lerche ihr Nest gebaut, mitten unter die schwankenden, grünen Halme. Als das Korn höher und höher wuchs und eines Tages die Ähren gelb und dick wurden, begann sich die Lerche um ihre Jungen zu sorgen. „Wir werden von hier fortziehen müssen“, dachte sie, „bevor die Schnitter kommen, mein Nest zerstören und meine Jungen töten.“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Jeden Morgen, wenn die Lerche auf der Suche nach Futter ihr Nest verlassen musste, befahl sie daher ihren Jungen, genau aufzupassen und ihr am Abend zu erzählen, was sie gehört hätten.  </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Eines Tages, als die Lerche wieder fortgeflogen war, kam der Bauer und sagte: „Es ist Zeit, dass wir mit der Ernte beginnen. Ich will zu meinen Nachbarn gehen und sie bitten, mir bei der Arbeit zu helfen.“  Die kleinen Vögel im Nest erschraken, und als ihre Mutter heimkam, zwitscherten sie aufgeregt und erzählten ihr, was der Bauer gesagt hatte. Aber die Lerche beruhigte ihre Kinder. „Noch brauchen wir keine Angst zu haben“, sagte sie, „wenn er auf seine Nachbarn wartet, wird es lange dauern, bis dieses Korn geschnitten wird.“  Am nächsten Tag kam der Bauer wieder auf das Feld und sagte: „Das Korn ist schon ganz reif, wir müssen es in die Scheune bringen. Sohn, geh sofort zu allen Verwandten und bitte sie, uns bei der Ernte zu helfen.“  „Aber jetzt müssen wir bestimmt fortziehen“, zwitscherten die Jungen wieder aufgeregt. „Keineswegs! Seid ohne Sorge!“ antwortete die Lerche. „Seine Verwandten müssen auf ihren eigenen Feldern arbeiten. Noch können wir in unserem alten Nest bleiben.“  Am dritten Tag kam der Bauer wieder und sah, wie sich die Halme unter der Last der reifen Ähren beugten. „Wir dürfen nicht länger warten“, rief er. „Sohn, geh sofort auf den Markt und wirb Erntearbeiter an. Morgen wollen wir beginnen.“  „Nun müssen wir gehen“, rief die Lerche, als die Kinder erzählten, was sie gehört hatten. „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“ </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Die Pointe ist der letzte Satz &#8211; welch ein Satz: „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“</span></span></span><span><span><span> Das ist Weisheit &#8211; eine Sentenz, die beinahe überspielt, dass mittels ihrer der Streit zwischen der Lerche und ihren Jungen entschieden wird. </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Nachdem die Ausgangssituation in den beiden ersten Absätzen beschrieben worden ist, setzt das erzählte Geschehen mit dem ein, was „eines Tages“ geschah (wie bei Babrios); dem folgt das Geschehen des nächsten Tages und des dritten Tages. Die erzählerischen Elemente sind wieder schön ausgebaut: mittels der wörtlichen Rede, mit Erwähnung vom Erschrecken der Jungen und ihrer Beruhigung durch die Mutter. Ganz klar ist vom Erzähler die Pointe erfasst: Die Lerche weiß etwas, die Lerche erklärt es den Unwissenden: ihren Jungen; diese repräsentieren im Text die Leser. Aber auch die Lerche repräsentiert den Leser; denn der weiß das eigentlich auch, was die Lerche weiß. Beim Leser wird also das Wissen, das er hat, in ein explizites Wissen, ein bewusstes Wissen überführt; in diesem Vorgang liegt denn auch so etwas wie eine Mahnung, die der Leser an sich selbst richtet: Nur was du selber anpackst, kann verwirklicht werden. Vor diesem Hintergrund stört mich ein wenig die Aufforderung „Sohn, geh sofort auf den Markt und wirb Erntearbeiter an“ ein wenig; die arbeiten ja nur für Bezahlung, aber immerhin arbeiten sie. Die entlöhnten Garbenbinder und Schnitter stammen aus der Version des Babrios; offensichtlich zählt das Unternehmen, Arbeiter anzustellen so viel wie der Beschluss, etwas selber anzupacken. Die wahre Einsicht steht im letzten Satz der Lerche: „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“ Und das gilt natürlich auch für Frauen &#8211; aber dass die arbeiten, wurde anscheinend entweder nicht beachtet oder 1750 als selbstverständlich vorausgesetzt.  Eine typische Form der Bearbeitung alter Fabeln führt dann <span style="text-decoration:underline;">August Friedrich Ernst Langbein</span> (1757-1835) vor; er setzt die bereits gegebene Fabel in Verse, ein Verfahren, das viele vor ihm praktiziert haben: </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong>Die Wachtel und ihre Kinder</strong></span></span></span><span><span><span> </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Hoch wallte das goldne Weizenfeld</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>und baute der Wachtel ein Wohngezelt.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Sie flog einst in Nahrungsgeschäften aus</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>und kam erst am&#8217; Abend wieder nach Haus.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Da rief der Kindlein zitternde Schar:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>„Ach, Mutter, wir schweben in großer Gefahr!</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Herr des Feldes, der furchtbare Mann,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Weizen ist reif, die Mahd muß geschehn;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>geh, bitte die Nachbarn, ihn morgen zu mähn.“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>„Oh“, sagte die Wachtel, „dann hat es noch Zeit,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>nicht flugs sind die Nachbarn zum Dienste bereit.“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Drauf flog sie des folgenden Tages aus</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>und kam erst am Abend wieder nach Haus.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Da rief der Kindlein zitternde Schar:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>„Ach, Mutter, wir schweben in neuer Gefahr !</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Uns ließen die treulosen Nachbarn im Stich;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>geh ringsum zu unsern Verwandten und sprich:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Wollt ihr meinen Vater recht wohlgemut sehn,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>so helfet ihm morgen sein Weizenfeld mähn!“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>„Oh“, sagte die Wachtel, „dann hat es noch Zeit,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>nicht flugs ist Verwandtschaft zur Hilfe bereit.“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Drauf flog sie des folgenden Tages aus</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>und kam erst am Abend wieder nach Haus.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Da rief der Kindlein zitternde Schar</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>„Ach, Mutter, wir schweben in höchster Gefahr.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Uns ließen auch unsre Verwandten im Stich;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>ich rechne nun einzig auf dich und auf mich.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Wir wollen, wenn morgen die Hähne krähn,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>selbander uns rüsten, den Weizen zu mähn.“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>„Ja“, sagte die Wachtel, „nun ist&#8217;s an der Zeit!</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Macht schnell euch, ihr Kinder, zum Abzug bereit!</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Wer Nachbarn und Vettern die Hilfe vertraut,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>dem wird nur ein Schloß in die Lüfte gebaut;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>doch unter dem Streben der eigenen Hand</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>erblüht ihm des Werkes vollendeter Stand.“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Die Wachtel entfloh mit den Kleinen geschwind,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>und über die Stoppeln ging tags drauf der Wind.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> Langbein verkürzt die Ausgangssituation auf zwei Verse und betont den Charakter der Erzählung, indem er dem Schluss noch zwei Verse vom Fortgang des Geschehens anhängt. Die Prägnanz der Gellert‘schen Lerche ist nicht erreicht, wenn Langbein auch auf die störenden Landarbeiter verzichtet. Dafür ist Langbeins Fassung dem klassischen Typus Fabel in ihrem Schluss am nächsten: Bei ihm ist die handelnde Wachtelmutter die Hauptfigur; sie entscheidet richtig und wird durch die Rettung der Sippe belohnt; anderntags fuhr über die Stoppeln nämlich der Wind.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;">Fassen wir unsere Einsichten aus dem ersten Teil zusammen</span>: Alte Fabeln werden im Bestand überliefert, also weitererzählt und dabei auch ein bisschen verändert. Im Spiel von Wiederholung und Variation gewinnt eine Variation von selbst erhöhte Aufmerksamkeit.  In gewisser Weise zeigen die Verarbeitungen der alten Fabel Äsops nicht nur die Freude an der erzählerischen Finesse</span></span></span><span><span><span>, sondern auch an der Klärung der Pointe</span></span></span><span><span><span> von Äsops Geschichte, Freude auch am Versuch, die brillante Formulierung der Einsicht zu finden.</span></span></span><span><span><span>  </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> </span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;"><strong>Exkurs: </strong></span></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;"><strong>Die Gestalt des Fuchses in der Fabel</strong></span></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Auf den Fuchs komme ich deshalb, weil der Herr nicht nur in vielen Fabeln auftritt, sondern auch in unserer zweiten Beispielreihe. Am Fuchs wollen wir die Auffassung untersuchen, dass die Tiere immer bestimmte Eigenschaften verkörpern: „Der Fuchs ist dort der Schlaue, Listige, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist.“ (Art. „Fabel“ in wikipedia) Schauen wir auf ein paar Beispiele, dann sehen wir, wie vorsichtig man (nicht nur) bei Fabeln mit allgemeinen Aussagen sein muss.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong>Der Fuchs und der Löwe</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Ein Fuchs, der noch nie einen Löwen gesehen hatte, begegnete einst einem durch Zufall, und da er seiner gewahr wurde, erschrak er derart, dass er meinte, er müsse sterben. Als er ihm aber zum zweiten Mal in den Weg lief, fürchtete er sich wohl noch, aber nicht mehr so heftig wie beim ersten. Beim dritten Mal gar schwoll ihm so sehr der Mut, dass er herzutrat und mit dem Löwen redete.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Die Fabel zeigt, dass die Gewohnheit auch dem Furchterregenden seinen Schrecken nimmt. (Äsop)</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> Was zeigt dieses Beispiel? Hier könnte der Fuchs durch jedes beliebige Tier ersetzt werden: Es ist keine Fabel vom Fuchs, sondern eine von der Macht der Gewohnheit. &#8211; Anders ist es beim Fuchs und dem Ziegenbock &#8211; man muss schon schlau oder listig sein, um sich auf Kosten des dummen Bocks zu retten:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <strong>Der Fuchs und der Boc</strong><strong>k</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Fuchs war in einen Brunnen gefallen und musste notgedrungen darin bleiben, da er nicht wusste, wie er hinaufsteigen sollte. Ein Bock aber, der Durst litt, kam zufällig zu diesem Brunnen; er sah den Fuchs und fragte ihn, ob das Wasser gut sei. Der Fuchs, erfreut über dieses Zusammentreffen, erging sich in breiten Lobreden über die Vortrefflichkeit des Wassers und riet dem Bock, ebenfalls hinabzusteigen. Und der sprang auch ohne weiteres Überlegen hinunter, weil er nur an seinen Durst dachte.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Als er nun, nachdem er den Durst gelöscht hatte, mit dem Fuchs die Rückkehr überlegte, sagte dieser: „Sei guten Muts, Freund, noch weiß ich Rat, der uns beide retten kann! Stelle dich auf deine Hinterbeine, stemme die vorderen gegen die Wand und recke den Kopf recht in die Höhe, dass die Hörner ganz aufliegen, so kann ich leicht von deinem Rücken hinausspringen und auch dich retten!“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Der Bock tat dies alles ganz willig. Mit einem Sprung war der Fuchs gerettet und verspottete nun den Bock voll Schadenfreude, der ihn hingegen mit Recht der Treulosigkeit beschuldigte. Endlich nahm der Fuchs Abschied und sagte: „Ich sehe schlechterdings keinen Ausweg zu deiner Rettung, mein Freund! Höre aber zum Dank meine Ansicht: Hättest du so viel Verstand gehabt wie Haare im Bart, so wärest du nie in diesen Brunnen gestiegen, ohne auch vorher zu bedenken, wie du wieder herauskommen könntest!“ (Äsop)</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Eine andere Fabel zeigt, wie der listige Fuchs sich auf seine List etwas einbildet und damit baden geht, ähnlich wie der schnelle Hase im Wettrennen gegen die Schildkröte:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <strong>Der Fuchs und das Eichhörnchen</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Eines Tages begegnete das Eichhörnchen einem Fuchs. Höflich und anständig grüßte es ihn mit den Worten: „Guten Tag und viel Glück, lieber Vetter!“ „Der Teufel soll dein Vetter sein!“ gab der Fuchs zur Antwort. „Ich habe keinen so elenden Fegewisch in meiner Verwandtschaft! Wer bist du überhaupt und was beherrschst du für eine Kunst?“ Bescheiden sagte hierauf das Eichhörnchen: „Viel kann ich nicht; aber wenn mich einer fangen will, so erwischt er mich nicht! Ich kann nämlich bis in die Spitze des höchsten Baumes klettern!“ „Was soll das schon sein?“ versetzte geringschätzig der Fuchs, „ich habe immer einen ganzen Sack voll Künste bei mir!“ Da gewahrten sie beide den Jäger mit seinen Hunden, der auf der Jagd durch den Wald schweifte. Das Eichhörnchen machte einen kleinen Satz, kletterte auf einen nahen Baum und versteckte sich ganz oben im Geäst. Den Fuchs aber fingen die Hunde. Da rief ihm das Eichhörnchen von seinem Versteck aus zu: „Schnell, Herr Vetter, macht den Sack auf und holt eine Kunst heraus, sonst beißen Euch die Hunde!“ Darauf konnte der Fuchs aber schon nicht mehr antworten, denn die Hunde hatten ihn schon mausetot gebissen. (Armenisches Märchen)</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> Es gibt eine weitere Fabel von Fuchs und Eichhörnchen, in der es weniger um die List als um die Überheblichkeit des Fuichses geht und in der der listige Fuchs zweiter Sieger ist:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <strong>Das Tischgebet</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Ein hungriger Fuchs schlich einmal durch den Wald und sah ein junges Eichhörnchen von Ast zu Ast springen. Aus Erfahrung wusste er, dass sich diese Tiere nur durch eine List fangen lassen. Da sagte er zu ihm: „Gib nicht so an! Dein Vater war ein besserer Springer. Der musste beim Springen nicht einmal die Augen öffnen!“ Daraufhin schloss das Eichhörnchen die Augen, sprang los, verfehlte aber den Ast und stürzte auf die Erde, direkt vor die Nase des Fuchses. Der packte es mit dem Pfoten, aber bevor er es verschlingen konnte, sagte das Eichhörnchen vorwurfsvoll: „Weißt du auch, dass die Füchse früher viel besser erzogen waren als du? Bevor man zu fressen begann, wurde gebetet!“ Der Fuchs erwiderte: „Was mein Vater getan hat, will auch ich machen.“ Er legte seine Beute auf den Waldboden und fing zu beten an. Als er fertig war, wollte er das Eichhörnchen in aller Ruhe fressen, doch dieses saß längst auf einem Baum und verspottete den Fuchs. Der Fuchs sagte verärgert zum Eichhörnchen: „Wenn ich dich noch einmal erwische, werde ich dich zuerst fressen. Gott dem Herrn kann ich auch nach der Mahlzeit danken.“ (nach Montanus)</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> Fazit: Oft ist der Fuchs der Listige; eigentlich siegt der Listige gegen den Dummen, aber manchmal verliert der überhebliche Große gegen die cleveren Kleinen, das Eichhörnchen.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Außerdem ist Klugheit relativ zur Dummheit anderer – das werden wir in der Fabel vom Fuchs und dem Raben sehen. Es macht einen Unterschied, <span style="text-decoration:underline;">ob es darum geht, sich durch List zu retten (ohne eingebildet zu sein!), oder ob es darum geht, vor dem Hintergrund der eigenen Überlegenheit ein ausgesprochen dummes Verhalten zu entlarven</span></span></span></span><span><span><span>. Wenn man diese Unterscheidung versteht, kann man die Fabel vom Fuchs und Raben richtig einordnen.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;"><strong>2. Teil</strong></span></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>An der <span style="text-decoration:underline;"><strong>Fabel vom Fuchs und vom Raben</strong></span></span></span></span><span><span><span> möchte ich zeigen, wie man Fabeln produktiv verändern kann </span></span></span><span><span><span>– das ist unsere zweite Beispielreihe.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;">Phaedrus</span>: Fabeln I 13<span> </span><strong>Der Fuchs und der Rabe</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Wer sich darüber freut, dass er mit hinterhältigen Worten gelobt wird, wird durch seine Reue spät bestraft (Strafe zahlen).</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Als ein Rabe das aus einem Fenster geraubte Stück Käse essen wollte und auf einem hohen Baum saß, sah ihn ein Fuchs und begann daraufhin so zu sprechen: „O Rabe, welchen Glanz haben deine Federn! Welch große Anmut trägst du in Gestalt und Antlitz! Wenn du eine (schöne) Stimme hättest, wäre dir kein Vogel überlegen.“ Aber als jener Dummkopf seine Stimme zeigen wollte, ließ er den Käse aus dem Mund fallen, den der listige Fuchs rasch mit gierigen Zähnen packte. Da schließlich seufzte der getäuschte Rabe über seine Dummheit.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> Was steht zur Debatte? Wird der Fuchs mit dem Käse belohnt, weil er etwas richtig macht, oder wird der Rabe bestraft, weil er etwas falsch macht?</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Zur Debatte steht, ob ein Rabe glauben darf, er sei ein besonders schöner Vogel und könne vielleicht besonders schön singen; noch genauer gesagt: ob ein Rabe jemandem glauben darf, der ihm sagt, er sei ein besonders schöner Vogel und könne vielleicht besonders schön singen &#8211; und ob er diesem Glauben gemäß dann leben und handeln soll.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Darauf gibt es eine klare Antwort: Nein! Wenn ein Rabe nach diesem Irrglauben lebt, verliert er den Käse aus dem Schnabel; er wird also für seine Dummheit bestraft. Der Fuchs bekommt zwar mit seiner List den Käse; aber es ist doch so, dass zunächst der dumme Rabe bestraft wird. Der Käse ist sozusagen ein Abfallprodukt &#8211; das kann dann auch der Fuchs bekommen.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Dieses Verständnis kann man nicht nur am Vor-Spruch (Promythion) des Autors erkennen, sondern auch testen, indem man bestimmte Elemente einfach auslässt oder durch andere ersetzt und dann prüft, welche Elemente man nicht ersetzen kann. Ersetzen kann man also den Käse durch anderes Fressbares; den hohen Baum kann man gegen eine Stange austauschen, und so könnte man auch den Fuchs durch eine andere schmeichelnde Figur austauschen. Aber man braucht den Raben als <span style="text-decoration:underline;">Typus</span>, wo die allgemeine Erfahrung und die eigene Erwartung großer Schönheit besonders deutlich auseinander klaffen, wo also die Schmeichelei für jeden mit gesundem Menschenverstand erkennbar ist &#8211; nur eben nicht für eitle Raben.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Die Fabel La Fontaines aus dem 17. Jahrhundert nennt in der Überschrift zuerst den Raben. Hier sieht man wieder, wie Literatur lange Zeit funktioniert hat: Es ging nicht darum, etwas besonders Originelles zu schreiben, sondern man stand in der Tradition und gab diese, geringfügig verändert, weiter. Aber bei <span style="text-decoration:underline;">La Fontaine</span> ist auch ein Bezug auf die eigene Zeit zu spüren:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <strong>Der Rabe und der Fuchs</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Auf einem Baume Meister Rabe hockt,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>im Schnabel hält er einen Happen Käse.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Vom Käseduft herbeigelockt, spricht er so fein, als ob er läse:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Ei, guten Morgen, Herr von Rabe,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Was seid Ihr hübsch, welch stattliches Gehabe!</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Nein ohne Lüge, Eurer Stimme Pracht,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>wär sie so schön wie Dero Federtracht,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>des Waldes König wäret , ohne Zweifel, Ihr!</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Rabe schnappt fast über vor Begier;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>gleich soll der Wohllaut seiner Stimme schallen:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>er reißt den Schnabel auf und lässt den Käse fallen;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>den schluckt der Fuchs; es schmunzelte der Heuchler</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>und sprach: Mein Herr, ein jeder Schmeichler</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>lebt gut und gern von dem, der auf ihn hört:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>die Lehre ist doch wohl ein Stückchen Käse wert!</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Rabe, wütend und verdrossen,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>schwor ab, jedoch zu spät, für immer solche Possen.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> Was ist also bei La Fontaine anders, außer dass gereimt wird? Es wird ausdrücklich erwähnt, dass der Fuchs „fein“ spricht und dass er den Raben belehrt – nicht über dessen Dummheit, um die es doch eigentlich geht, sondern <span style="text-decoration:underline;">über den Nutzen des Schmeicheln</span>s; da kündigt sich schon an, was wir bei Lessing als Kritik am höfischen Treiben ausgeformt finden.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Wesentliche Veränderungen des alten Textes hat also erst Lessing vorgenommen, der sich auf Äsop und Phädrus bezieht:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <span style="text-decoration:underline;">Lessing</span>: <strong>Der Rabe und der Fuchs</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbarn hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbeischlich und ihm zurief: „Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiter!“ „Für wen siehst du mich an?“, fragte der Rabe. &#8211; „Für wen ich dich ansehe?“, erwiderte der Fuchs. „Bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche herabkommt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Der Rabe erstaunte und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. „Ich muss“, dachte er, „den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen.“ &#8211; Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen und flog stolz davon.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, verdammte Schmeichler! (1759)</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Auch hier schmeichelt der Fuchs dem Raben; er bittet diesen um etwas zu essen, sozusagen um eine milde Gabe des großen Gottes Zeus, was den Raben in die Position des Adlers brächte. Aber die Pointe der Fabel ist eine andere, und der Rabe in seiner Eitelkeit ist nur Werkzeug einer höheren Gerechtigkeit: Bestraft wird hier der Fuchs gerade durch die Gabe, die er sich erschmeichelt hat; und damit das klappt, muss auch die Ausgangssituation eine andere sein: Die Gabe (diesmal ein Stück Fleisch) muss vergiftet sein &#8211; als Giftköder für die Nachbarskatzen ausgelegt.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>In seinem Nachwort macht der Sprecher, vielleicht der Autor selbst deutlich, wozu diese Änderungen gut sind: „Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, verdammte Schmeichler!“ Der Autor wendet sich also nicht gegen die Leichtgläubigen, sondern gegen „Schmeichler“. Aber die verdammten Schmeichler, das sind nicht die Charmeure, die bei schönen Frauen Süßholz raspeln, sondern das sind Menschen in der Umgebung der Fürsten &#8211; vielleicht Bürgerliche im Dienst oder jedenfalls am Hof der absoluten Fürsten des 18. Jahrhunderts, die so deren eitlen Betrieb aufrechterhalten. Lessing war als bürgerlicher Aufklärer voller Abneigung gegen den höfischen Betrieb; und so konnte er über das Stichwort „schmeicheln“ aus der alten Fabel eine Waffe gegen die Höflinge seiner Zeit schmieden, indem er den Ablauf und die Pointe der alten Fabel leicht veränderte. Hier ist die Fabel also erkennbar eine Waffe im politischen Streit, wie sie es vielleicht teilweise auch zu Zeiten des Äsop gewesen ist.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> Im 20. Jahrhundert wird das zu Ende geführt, was bereits bei Lessing zu sehen war: Die Autoren setzen die Fabeltradition in ihren Texten als bekannt voraus und variieren die alten Texte spielerisch. Ich möchte mich dafür auf ein Beispiel beschränken:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <span><span><span><span style="text-decoration:underline;">Otto Waalkes</span> </span></span></span><span><span><span>(*1948): <strong>Das Märchen vom Fuchs und dem Raben</strong></span></span></span></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Ein Rabe saß auf einem Baum und wollte sich gerade daran machen, ein schönes großes Stück Käse zu verzehren, das er kurz zuvor gestohlen hatte. Aber vom Duft des Käses angelockt, kam der Fuchs hinzu, stellte sich unter den Baum und überlegte, wie er dem Raben den Käse wegnehmen könne. Schließlich fiel ihm eine List ein und er rief: „Ach, Herr Rabe, entschuldigt die Störung, aber könntet ihr mir nicht ein wenig von eurem Käse abgeben?“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Der Rabe, der nicht einsehen konnte, was daran wohl listig sei, schüttelte den Kopf und behielt den Käse fest im Schnabel. Da verfiel der Fuchs auf eine noch größere List: „Herr Rabe, ich habe gehört, daß ihr so ein begnadeter Sänger sein sollt. Um ehrlich zu sein, ich kann es nicht recht glauben. Wollt ihr mir nicht eine Kostprobe eurer herrlichen Stimme geben?“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Der Rabe aber wollte nicht und schüttelte den Kopf. Doch der Fuchs ließ nicht locker. „So ist es also wahr, dass ihr nur ein schauriges Gekrächze von euch geben könnt? Dann stimmt es also gar nicht, dass ihr noch viel schöner singt, als die Nachtigallen? Dann wundert es mich allerdings nicht, dass es kaum jemanden gibt, der euch für einen bedeutenden Sänger hält.“</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Dieser Provokation konnte nun selbst der Rabe nicht widerstehen. Er öffnete den Schnabel, ließ den Käse fallen und begann zu singen.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Diesen wunderbaren Gesang hörte ein Musikagent, der gerade des Weges kam. Er engagierte den Raben vom Fleck weg und heute ist dieser Rabe unter dem Namen Peter Alexander in der ganzen Welt berühmt und einer der bedeutendsten Raben überhaupt.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Und die Moral von der Geschichte: Wenn man Gold in der Kehle hat, soll man den Schnabel aufmachen. Und wenn dabei der Käse herausfällt, dann macht das gar nichts, denn der Rabe lebt heute nur noch von den allerfeinsten Käsesorten, während der Fuchs als Aushilfssänger bei den Neckar-Kosacken durch die Lande tingeln muß.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>(Vgl. Gerhard Grümmer: Travestien über Fuchs und Rabe, 1993)</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <span> </span>Bei <span style="text-decoration:underline;">Otto Waalkes</span> wird die alte Fabel einmal genutzt, um Peter Alexander als Sänger zu diffamieren: Er singt bloß wie ein Rabe, nur durch Zufall, nämlich die Protektion eines Agenten ist er etwas geworden. Zweitens nutzt Waalkes die Fabel,</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>um seinen Witz an ihr zu schleifen:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>- Die Listen des Fuchses sind nicht listig;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>- die Provokation ist keine Provokation, sondern die alte List;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>- der eigentlich bestrafte Rabe hat mit dem Singen Erfolg;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>- die Redewendungen „den Schnabel aufmachen“ und „Käse von sich geben“ werden im wörtlichen Sinn verwendet;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>- der Erfolg wird mit der Möglichkeit, viele Käsesorten zu genießen, erklärt;</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>- die Neckar-Kosacken sind analog den Don Kosaken-Chören erfunden.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Insgesamt also eine witzige und böse Fabel (böse gegen Peter Alexander), deren Witz man nur würdigen kann, wenn man die alte Fabel einigermaßen kennt.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span style="text-decoration:underline;">Fazit</span>: Lessing und Otto Waalkes bauen oder beuten eine alte und deshalb bekannte Fabel aus, um typische Erscheinungen ihrer Zeit aufzuspießen; indem sie mit dem bekannten Fabelgeschehen spielerisch umgehen, machen sie denen, die die alte Fabel kennen, eine Freude und gewinnen rhetorisch deren Zustimmung für das, was sie selber sagen wollen. Auch so wird Literatur gemacht! Aber je stärker eine Fabel vom Autor auf Umstände der Gegenwart bezogen wird, desto eher wird sie für spätere Leser unverständlich – schon heute muss man Schülern erklären, wer Peter Alexander ist, und darunter leidet die spontane Freude am bösen Witz des Autors.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Wir kommen <strong><span style="text-decoration:underline;">zum Schluss</span></strong> mit einer Fabel des <span style="text-decoration:underline;">Äsop</span>:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong>Des Esels Schatten</strong></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Der Politiker Demosthenes versuchte einmal, zur athenischen Volksversammlung zu sprechen, man wollte ihn aber nicht zu Wort kommen lassen; da sagte er, er wolle ihnen nur kurz etwas sagen. Man schwieg still, da sprach er:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>»Ein junger Mann mietete einmal im Sommer einen Esel für die Strecke Athen-Megara (wobei der Eseltreiber mitging). Als nun am Mittag die Sonne sehr heiß war, wollten sich beide in den Schatten [des Esels] setzen. Aber jeder verwehrte es dem anderen: Der Vermieter sagte, er habe den Esel, aber nicht dessen Schatten, vermietet, der Mieter aber behauptete, ihm stehe alles zu.« Nach diesen Worten trat Demosthenes ab.</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><span> </span>Die Athener waren gespannt und baten ihn, doch zu sagen, wie die Geschichte ausgegangen sei; da sprach er: »Von eines Esels Schatten wollt ihr hören, aber nichts von ernsten Angelegenheiten.«</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span> <span><span><span>Auch hier wird niemand belehrt, aber man kann diese Fabel trotzdem auf die heutige Veranstaltung anwenden</span></span></span><span><span><span>: Sie haben, anders als die Athener, sowohl bei Frau Webers Vortrag der Fabeln wie auch bei meinen mehr oder weniger schlauen Erklärungen gut zugehört, und dafür möchte ich mich bei Ihnen bedanken.<span> </span><span> </span></span></span></span></span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>Und zum allerletzten Schluss noch eine Fabel, sozusagen zur Belehrung</span></span></span><span><span><span>:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span><strong>Unverbesserlich</strong>, von <span style="text-decoration:underline;">Äsop</span></span></span></span><span><span><span> (Schöne Fabeln des Altertums, S. 34) vorlesen:</span></span></span></p>
<p class="MsoNormal"><span><span><span>„Eine Frau hatte einen Mann, der sich dauernd betrank. Um ihn von seiner Leidenschaft zu kurieren&#8230;“</span></span></span></p>
<p class="Haupttext"><span><span><span>Lehrreich, natürlich: Aber das wissen Sie alle längst, dass man Erwachsene besser nicht mehr zu erziehen versucht.</span></span></span></p>
</div>
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	</item>
		<item>
		<title>Denkschemata können Verständnis behindern</title>
		<link>http://norberto42.wordpress.com/2008/04/30/wie-denkschemata-das-verstandnis-behindern-konnen/</link>
		<comments>http://norberto42.wordpress.com/2008/04/30/wie-denkschemata-das-verstandnis-behindern-konnen/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Apr 2008 19:59:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Denkschema]]></category>
		<category><![CDATA[Erwartung]]></category>
		<category><![CDATA[Fabel]]></category>

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		<description><![CDATA[Dass Denkschemata hilfreich sein können, dürfte bekannt sein: die sechs W-Fragen als Grundlage eines Berichtes&#8230; Aber Denkschemata können auch das Denken behindern, wie ich am Beispiel der Fabel zeigen möchte:
Jeder weiß, was eine Fabel ist: „eine Erzählung, in der Tiere reden und die eine Moral enthält“ (Schöne Fabeln des Alterums. Ausgewählt und übertragen von Horst [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=24&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Dass Denkschemata hilfreich sein können, dürfte bekannt sein: die sechs W-Fragen als Grundlage eines Berichtes&#8230; Aber Denkschemata können auch das Denken behindern, wie ich am Beispiel der Fabel zeigen möchte:</p>
<p>Jeder weiß, was <span style="color:#0000ff;">eine Fabel</span> ist: „eine Erzählung, in der Tiere reden und die eine Moral enthält“ (Schöne Fabeln des Alterums. Ausgewählt und übertragen von <span style="text-decoration:underline;">Horst Gasse</span>, 1955, S. 5) Ein bisschen schlauer ist schon, was <span style="text-decoration:underline;">Johannes Irmscher</span> in der Einleitung seiner großen Sammlung „Antike Fabeln“, 1999 (erstmals 1978), S. V schreibt: „eine kurzgefaßte Erzählung in Prosa und mitunter auch in Versform, die eine allgemeingültige Wahrheit mit der ausgesprochenen Absicht der Belehrung sinnfällig zu machen sucht“; darin treten dann gelegentlich götter, häufiger Menschen aus dem Alltag, selten Pflanzen und Steine, regelmäßig aber mit menschlichen Zügen ausgestattete Tiere handelnd auf. &#8211; Ich möchte mit Ihnen an einem Beispiel prüfen, ob das alles stimmt:</p>
<p><strong>Der Fischer mit der Flöte</strong></p>
<p>Ein Fischer, der Flöte blasen konnte, nahm seine Flöte und seine Netze und ging zum Meer. Er stellte sich auf einen Felsvorsprung und spielte zunächst ein Lied. Denn er glaubte, dass die Fische von selbst aus dem Wasser springen würden, um den lieblichen Klang zu hören. Aber obwohl er sich sehr anstrengte, hatte er keinen Erfolg. Er warf seine Flöte weg, nahm das Netz, schleuderte es in das Wasser hinab und fing viele Fische. Dann warf er sie aus dem Netz heraus auf den Strand, und als er sie zappeln sah, sagte er: »Ach, ihr elendesten Geschöpfe, als ich Flöte blies, wolltet ihr nicht tanzen, jetzt aber, wo ich damit aufgehört habe, tut ihr es.«</p>
<p>Anmerkung: Dieselbe Fabel lässt Herodot von Halikarnassos (*485 v.Chr.,† 425 v.Chr.) den siegreichen Perserkönig Kyros erzählen. (I, I4I, I-3 und 4 Anfang)</p>
<p>Wenn Sie sorgfältig haben, dann sehen Sie:  1. Es sprechen keine Tiere und es gibt keine Moral. (gegen Gasse)  2. Es tritt zwar mit dem Fischer ein Mensch aus dem Alltag auf, aber eine Absicht zur Belehrung kann ich nicht erkennen. (zu Irmscher)</p>
<p>Vielmehr finde ich hier <span style="text-decoration:underline;">ein Wortspiel</span> mit einer witzigen Umkehr des Normalen (+ Chiasmus):</p>
<p><span style="color:#0000ff;">die Flöte blasen / nicht tanzen -</span></p>
<p><span style="color:#0000ff;">zu tanzen beginnen / Flöte zu blasen aufhören</span>,</p>
<p>wobei das Zappeln der armen Fische metaphorisch als Tanzen begriffen wird.  Bei Irmscher ist dann eine aus dem Zwang der Erwartung irgendwann angehängte Moral zu finden: „Für Leute, die etwas zu unpassender Zeit machen, schickt sich diese Fabel.“ [S. 18] &#8211; Das ist natürlich Unsinn: In der Fabel liegt keine Belehrung vor, hier herrscht einfach Freude am witzigen Wortspiel; aber weil ein Fabel vermeintlich eine Lehre haben muss, wird eben eine &#8211; unpassende! &#8211; erfunden. <strong><em>Die Erwartung, das Denkschema „Fabel“ erzeugt eine „Lehre“!</em></strong></p>
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	</item>
		<item>
		<title>Prosodie, Intonation, Satzmelodie</title>
		<link>http://norberto42.wordpress.com/2008/04/15/prosodie-intonation-satzmelodie/</link>
		<comments>http://norberto42.wordpress.com/2008/04/15/prosodie-intonation-satzmelodie/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 15 Apr 2008 18:56:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>norberto42</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lesen]]></category>
		<category><![CDATA[Linguistik]]></category>
		<category><![CDATA[Intonation]]></category>
		<category><![CDATA[Prosodie]]></category>
		<category><![CDATA[Satzmelodie]]></category>
		<category><![CDATA[Standbilder]]></category>

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		<description><![CDATA[Intonation und Prosodie werden im Wesentlichen bedeutungsgleich gebraucht; sie bezeichnen die lautlichen Qualitäten einer Äußerung (eines Satzes). Früher sprach man metaphorisch von Satzmelodie und Klanggestalt des Satzes, meinte aber das Gleiche: Veränderungen der Lautstärke und der Stimmhöhe (also: der Betonung), sowie des Tempos beim Sprechen, die Pausen. Mit diesen Mitteln wird auch der „Sinn“ des [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=21&subd=norberto42&ref=&feed=1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class='snap_preview'><br /><p>Intonation und Prosodie werden im Wesentlichen bedeutungsgleich gebraucht; sie bezeichnen die <strong>lautlichen Qualitäten einer Äußerung</strong> (eines Satzes). Früher sprach man metaphorisch von Satzmelodie und Klanggestalt des Satzes, meinte aber das Gleiche: Veränderungen der Lautstärke und der Stimmhöhe (also: der Betonung), sowie des Tempos beim Sprechen, die Pausen. Mit diesen Mitteln wird auch der „Sinn“ des Satzes realisiert &#8211; abgesehen von den Möglichkeiten des emotionalen Ausdrucks in der Stimmführung (neben Mimik und Gestik als paralinguistischen Größen, vgl. auch „nonverbale Kommunikation“).<br />
<span style="color:#0000ff;">   Früher war die Kenntnis dieser Faktoren eine Frage persönlicher Kompetenz, heute sind sie Gegenstand der Forschung.</span> So hatte der Duden „Grammatik“ in der 4. Auflage das Kapitel „Die Klanggestalt des Satzes“; es fehlte in der 6. Auflage (zugunsten eines Kapitels über den Text); in der 7. Auflage steht wieder ein Kapitel über Intonation. In der Schule bzw. den Schulgrammatiken fehlt das Thema beinahe ganz; der Schülerduden Grammatik widmet ihm in der 4. Auflage einen Abschnitt, nämlich [13].<br />
<span style="text-decoration:underline;">Walter Jung</span>: Grammatik der deutschen Sprache, 10. Auflage 1990, hat das Kapitel „Satzakzentuierung und Intonation“ (S. 150-164); die „Grundzüge einer deutschen Grammatik“ (Berlin 1980) haben als Kap. 6: „Phonologie: Intonation“ (S. 839 ff.), mit den Phänomenen: Hebung/Senkung der Stimme, Gliederung (Pausen), Rhythmus, Betonung.<br />
<strong><span style="color:#0000ff;">   Für das Verständnis sprachlicher Äußerungen in der Schule</span></strong> scheint es mit auf der Hand zu liegen, <em><strong>dass die sprachliche „Realisierung“, also das Erproben der Möglichkeit, Äußerungen zu sprechen, den Vorzug vor jeder Art von nichtsprachlicher Darstellung in Standbildern und ähnlichen Versuchen verdient</strong></em>. In der Realisierung probiert man, was sich sprachlich vertreten lässt: was sich wie anhört; erst wenn man das verstanden hat, kann man zusätzlich ein Standbild bauen. Die Hilflosigkeit von Schülern, mit ihrer Stimme Äußerungen zu realisieren, ist im Allgemeinen so groß [vgl. <a href="http://www.stauff.de/grundkursdeutsch/dateien/kaskaden/kaskaden.htm">http://www.stauff.de/grundkursdeutsch/dateien/kaskaden/kaskaden.htm</a>], dass die netten Standbilder zu bauen mir wie eine Flucht vor der Aufarbeitung sprachlicher Inkompetenz erscheint. &#8211; Zumindest bei der Analyse von Gedichten habe ich gefordert, dass man das Gedicht als sinnvolles Klanggebilde verstehen muss, und habe dem „Rhythmus des Gedichtes“ analytische Aufmerksamkeit geschenkt.<br />
   Unter den Stichworten Intonation, Satzmelodie, Prosodie habe ich am 15. April 08 bei google  folgende<strong> Links</strong> gefunden:<br />
<a href="http://www.uni-koeln.de/phil-fak/phonetik/Lehre/koVo/koVoAkt/05-06/5078/Skript-Intonation.pdf">http://www.uni-koeln.de/phil-fak/phonetik/Lehre/koVo/koVoAkt/05-06/5078/Skript-Intonation.pdf</a> (Einführung in die Intonation)<br />
<a href="http://www.logox.de/support/manual/logox4speechtagsintonation.htm">http://www.logox.de/support/manual/logox4speechtagsintonation.htm</a> (Sprechmelodie, mit Zeichen)<br />
<a href="http://semanticsarchive.net/Archive/jI0OTk3O/buring.ids2005.pdf">http://semanticsarchive.net/Archive/jI0OTk3O/buring.ids2005.pdf</a> (Daniel Büring: Intonation und Informationsstruktur)<br />
<a href="http://cornelia.siteware.ch/phonetik/">http://cornelia.siteware.ch/phonetik/</a> (Links phonet. Themen, 2005)<br />
<a href="http://books.google.de/books?id=KRX48hwNCboC&amp;pg=PA84&amp;lpg=PA84&amp;dq=Intonation+Satz&amp;source=web&amp;ots=VAgRcKdz4V&amp;sig=YZi1_qcolxpRtu9EDdvKT38apxc&amp;hl=de">http://books.google.de/books?</a> (Intonation plus Syntax ergeben Satz: Redeeinheit)<br />
<a href="http://www.eleasoftware.com/voltrova/mv_Phonetik.htm">http://www.eleasoftware.com/voltrova/mv_Phonetik.htm</a> (Phonetik und Phonologie in der dt. Sprache)<br />
<a href="http://www.germsem.uni-kiel.de/hundt/material/2007-sose/VL5_GRAMEINFSATZ.ppt">http://www.germsem.uni-kiel.de/hundt/material/2007-sose/VL5_GRAMEINFSATZ.ppt</a> (Syntax des einfachen Satzes)<br />
<a href="www.zas.gwz-berlin.de/pr/lndw2003/ZASTonMusik.pdf">www.zas.gwz-berlin.de/pr/lndw2003/ZASTonMusik.pdf</a> (Satzmelodie: Beispiele))<br />
<a href="http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/03/betonung">http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/03/betonung</a><br />
<a href="http://www.spz.tu-darmstadt.de/projekt_ejournal/jg-12-2/docs/Graffmann.pdf">http://www.spz.tu-darmstadt.de/projekt_ejournal/jg-12-2/docs/Graffmann.pdf</a> (Informationsstrukturen aus prosodischer Sicht)<br />
<a href="www.mpg.de/pdf/jahrbuch_2002/jahrbuch2002_043_054.pdf">www.mpg.de/pdf/jahrbuch_2002/jahrbuch2002_043_054.pdf</a> (wie wir Sprache verstehen: Hirnforschung)<br />
<a href="http://www.uni-erfurt.de/sprachwissenschaft/personal/lehmann/ling/lg_system/phon/15_Prosodie.html">http://www.uni-erfurt.de/sprachwissenschaft/personal/lehmann/ling/lg_system/phon/15_Prosodie.html</a> (Prosodie, allgemein), ist ein Teil von:<br />
http://www.uni-erfurt.de/sprachwissenschaft/personal/lehmann/ling/lg_system/phon/Index.html<br />
<a href="deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=968327915&amp; dok_var=d1&amp;dok_ext=pdf&amp;filename=968327915.pdf">deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=968327915&amp; dok_var=d1&amp;dok_ext=pdf&amp;filename=968327915.pdf</a> (prosod. Fokus: eine Diss)<br />
An der Uni Kiel gibt es ein eigenes Institut für dieser Fragen.</p>
<img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/norberto42.wordpress.com/21/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/norberto42.wordpress.com/21/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/norberto42.wordpress.com/21/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/norberto42.wordpress.com/21/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/norberto42.wordpress.com/21/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/norberto42.wordpress.com/21/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/norberto42.wordpress.com/21/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/norberto42.wordpress.com/21/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/norberto42.wordpress.com/21/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/norberto42.wordpress.com/21/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/norberto42.wordpress.com/21/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/norberto42.wordpress.com/21/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=norberto42.wordpress.com&blog=1133937&post=21&subd=norberto42&ref=&feed=1" /></div>]]></content:encoded>
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