Schlink: Der Vorleser – Aufbau

Aufbau des Romans

Der erste Teil des Romans besteht aus 17 Kapiteln; in ihm wird die Geschichte von Michael Bergs Liebe zu Hanna Schmitz im Frühjahr 1959 erzählt. Im ersten Kapitel wird die Vorgeschichte nachgetragen, das Erbrechen Michaels im Oktober 1958 und Hannas Hilfe für den Jungen (S. 5-7); die Zeit zwischen diesem Ereignis und dem ersten Besuch bei Hanna wird summarisch in sieben Zeilen überbrückt (S. 5). Der Besuch erfolgt Ende Februar; zum letzten Mal sind sie Ende Juli oder Anfang August zusammen (S. 76 f.), am Tag danach ist Hanna verschwunden.
Im zweiten Teil, der ebenfalls aus 17 Kapiteln besteht, wird der Prozess gegen Hanna und ihre Mitangeklagten erzählt; er findet im Frühjahr 1966 statt (Chronologie S. 91) und endet im Juni des Jahres. Michael wird vom Beobachter des Prozesses zum „Teilnehmer“, weil er Hannas Analphabetismus entdeckt; trotz seiner Distanz zu Hanna bleibt er mit seinen Schuldgefühlen an sie gebunden (S. 129; 151 f.). Einen breiten Raum nimmt die Darstellung dessen ein, was die Angeklagten im KZ getan und was sie in der Nacht des Brandes nicht getan haben – für Hanna ist dies die Zeit von Herbst 1943 bis Winter 1944/45. Einmal springt der Erzähler in die Zukunft, als er einen Besuch im Struthof erzählt, den er „unlängst“ gemacht hat (S. 148). – Die Zeit zwischen Sommer 1959 und Frühjahr 1966 wird im Kap. II 1 überbrückt.
Im dritten Teil wird insgesamt erzählt, wie Michael unter dem Eindruck, den Hanna auf ihn gemacht hat, nach dem Prozess weiterlebt (1966 – 1984); wie er nach seiner Ehe mit Gertrud den Kontakt zu Hanna als Vorleser wieder aufnimmt, weil Hanna seine Erinnerungen und Träume „dominierte“ (S. 174); wie sie sich zum Schluss einmal begegnen, ohne sich nahe zu kommen; dass Hanna sich am Tag ihrer Entlassung das Leben nimmt und Michael ihren letzten Willen vollstreckt. Im Schlusskapitel (III 12) reflektiert Michael zehn Jahre später, also 1994, warum und wie er seinen Bericht geschrieben hat. [Der Bericht richtet sich also an unbekannte Leser, während wir die Leser des Buches sind, das von Schlink geschrieben worden ist und Michaels Bericht „darstellt“.]
Was hält die drei Teile des erzählten Geschehens zusammen? Es ist Michaels Schuldgefühl gegen Hanna; dieses Gefühl artikuliert sich in ganzer Schärfe in dem Bekenntnis, er habe sie verraten (S. 72), indem er sich nicht öffentlich zu ihr „bekannt“ habe: „In der einen kleinen Situation [d.i. Begegnung im Schwimmbad, N.T.] bündelte sich für mich die Halbherzigkeit der letzten Monate, aus der heraus ich sie verleugnet, verraten hatte. Zur Strafe war sie gegangen.“ (S. 80) Daraus resultiert das Gefühl seiner Schuld, das ihn fortan begleitet; dieses Schuldgefühl ist in der Erzählerstrategie die Pointe der Liebesgeschichte.
Nachdem Michael erkannt hat, dass Hanna nicht lesen kann (II 10), durchdenkt und sieht er ihre Lebensgeschichte mit anderen Augen; auch wenn sie damals nicht weggegangen ist, weil er sie verraten und verleugnet hat, bleibt für ihn der Verrat eine Tatsache. „Also blieb ich schuldig.“ (S. 129) Eine zentrale Stelle im Teil II ist der Bericht über sein Bemühen, „Hannas Verbrechen zugleich verstehen und verurteilen“ zu wollen (S. 151). Verstehen bedeute, sie nicht verurteilen zu können; sie nicht verstehen bedeute, sie wieder zu verraten; er könne sie weder verstehen noch verurteilen. „Ich bin damit nicht fertiggeworden.“ (S. 152) Über das Stichwort „Hanna verraten“ ist also die Liebesgeschichte mit der Prozessgeschichte (und dem Thema „Aufarbeitung der NS-Vergangenheit“) verbunden.
Auch am Ende seines Lebens bekennt er den Verrat. Die beiden Bilder von Hanna im Gefängnis, auf der Bank, und von Hanna im Schwimmbad verbinden sich im anklagenden Blick; dann hat Michael „manchmal“ wieder das Gefühl, „sie verraten zu haben und an ihr schuldig geworden zu sein“ (S. 190). Im Rückblick auf sein Leben und Schreiben (III 12) zeigt sich, dass die Fragen des Verleugnens, des Verrats und der Schuld sein Leben auch nach Hannas Tod bestimmt haben (S. 205).

Vergleiche auch https://norberto42.wordpress.com/tag/schlink/

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