Wie Literatur in Europa gemacht wird

Vortrag vor der Friedrich-Spee-Akademie, gehalten am 2. Juni 2008 im Hotel Elisenhof, Mönchengladbach

Einleitung:

Was ist eine Fabel?

Beginnen wir, wie es sich für einen guten Lehrer gehört, nicht mit theoretischen Überlegungen oder einer Definition, sondern mit einem Beispiel:

Der Fischer mit der Flöte

Ein Fischer, der Flöte blasen konnte, nahm seine Flöte und seine Netze und ging zum Meer. Er stellte sich auf einen Felsvorsprung und spielte zunächst ein Lied. Denn er glaubte, dass die Fische von selbst aus dem Wasser springen würden, um den lieblichen Klang zu hören. Aber obwohl er sich sehr anstrengte, hatte er keinen Erfolg. Er warf seine Flöte weg, nahm das Netz, schleuderte es in das Wasser hinab und fing viele Fische. Dann warf er sie aus dem Netz heraus auf den Strand, und als er sie zappeln sah, sagte er: »Ach, ihr elendesten Geschöpfe, als ich Flöte blies, wolltet ihr nicht tanzen, jetzt aber, wo ich damit aufgehört habe, tut ihr es.« (Äsop)

Was ist eine Fabel?  Jeder meint zu wissen, was eine Fabel ist: „eine Erzählung, in der Tiere reden und die eine Moral enthält“ (Schöne Fabeln des Altertums. Ausgewählt und übertragen von Horst Gasse, 1955, S. 5) Ein bisschen schlauer ist schon, was Johannes Irmscher in der Einleitung seiner großen Sammlung „Antike Fabeln“, 1999 (erstmals 1978), S. V schreibt: „eine kurzgefaßte Erzählung in Prosa und mitunter auch in Versform, die eine allgemeingültige Wahrheit mit der ausgesprochenen Absicht der Belehrung sinnfällig zu machen sucht“; darin treten dann gelegentlich Götter, häufiger Menschen aus dem Alltag, selten Pflanzen und Steine, regelmäßig aber mit menschlichen Zügen ausgestattete Tiere handelnd auf. – Ich möchte mit Ihnen an dem Beispiel, das wir gerade gehört haben, prüfen, ob das alles stimmt:

Wenn Sie gut zugehört haben, dann sehen Sie:

1. Es sprechen keine Tiere und es gibt keine Moral (gegen Irmscher).

2. Es tritt zwar mit dem Fischer ein Mensch aus dem Alltag auf, aber eine Absicht zur Belehrung kann ich nicht erkennen.

Vielmehr finde ich statt der Belehrung ein Wortspiel mit einer witzigen Umkehr des Normalen (+ Chiasmus):

die Flöte blasen / nicht tanzen

zu tanzen beginnen / die Flöte nicht blasen,

wobei das Zappeln der armen Fische metaphorisch als Tanzen begriffen wird. Bei Irmscher ist dann eine aus dem Zwang der Erwartung irgendwann angehängte Moral zu finden: „Für Leute, die etwas zu unpassender Zeit machen, schickt sich diese Fabel.“ [Irmscher, S. 18] – Das ist natürlich Unsinn: Kein Fischer kommt auf die Idee, durch Flötenspiel Fische ans Ufer zu locken; hier liegt keine Belehrung dummer Fischer vor, hier herrscht einfach Freude am witzigen Wortspiel; aber weil ein Fabel vermeintlich eine Lehre haben muss, wird eben eine – unpassende! – erfunden.

1. Teil

Die Fabel von der Lerche (Haubenlerche)

An der Fabel von der Haubenlerche und ihren Jungen auf dem Feld möchte ich zeigen, wie man mit Fabeln umgeht, wenn man sie in ihrem Bestand bewahrt. In der Fassung von Sebastian Brant (1501) lautet Äsops Text so:

Über die Verlässlichkeit von Freunden

Eine Haubenlerche hatte ihr Nest in einem Getreidefeld, das vor der Zeit reif wurde. So fürchtete sie, dass es abgeerntet werden würde, bevor ihre Küken flügge waren. Jedesmal, bevor sie auf Nahrungssuche ging, trug sie ihren Küken auf, ihr von allen ungewöhnlichen Vorkommnissen genau zu berichten.

Der Besitzer des Feldes aber befahl seinem Sohn, die Freunde zum Mähen des Feldes herbeizubitten. Als die Haubenlerche dies hörte, beruhigte sie ihre Küken, es sei noch nichts zu befürchten. Als die Freunde am nächsten Tag ausblieben, befahl der Besitzer seinem Sohn, die Verwandten zu bitten. Wieder beruhigte die Mutter ihre Küken. Als die Verwandten nicht kamen, sagte der Besitzer schließlich zu seinem Sohn: „Morgen wollen wir beide selbst zur Sichel greifen und die Ernte mit eigener Hand einbringen.“ Als die Mutter dies von ihren Küken erfuhr, sagte sie: „Jetzt ist es an der Zeit wegzuziehen.“

Kommentar: Was man selbst tun kann, soll man selbst tun und nicht von anderen erwarten.

Die Moral am Schluss dürfte von Sebastian Brant stammen. Der Aufbau der Erzählung ist ganz einfach: Am Anfang wird die Ausgangssituation (die Lerchen) beschrieben (bis „berichten“): Dem Reifezustand des Feldes entspricht die Sorge der Lerche; ihr Auftrag an die Küken, ihr ungewöhnliche Vorkommnisse zu berichten, schafft den Anknüpfungspunkt für das erzählte Geschehen.
 Ganz untypisch ist dann das dreigliedrige Schema des Geschehens mit der Variation im Plan des Bauern, wer arbeiten soll: die Verwandten, die Freunde, er selbst mit seinem Sohn. Wieso die Lerche ihre Küken zunächst beruhigt und mit ihnen schließlich aufbrechen will, wird nicht erklärt – da ist also noch Material, welches später gestaltet werden kann. Es gibt auch eine kleine Spannung zwischen dem Text und der angehängten Moral. Im Text geht es darum, was man von dem zu halten hat, was die Leute als ihr Vorhaben ankündigen: Während die jungen Lerchen alles wörtlich glauben, weiß die alte Lerche, wann es wirklich ernst wird; in der Moral wird man ermahnt, sich nicht, wie der Bauer es zunächst getan hat, auf andere zu verlassen, sondern Aufgaben selbst anzupacken, damit etwas geschieht.
- Hier sieht man einmal, wie schwer es ist, die Pointe einer Fabel zu erfassen, und sieht zweitens, wie der Zwang wirkt, so etwas wie eine „Moral“ zu (er)finden.

Erzählerisch etwas stärker ausgearbeitet ist folgende Fassung von Äsops Fabel:

Die Lerche

Tief im Kornfelde versteckt, hatte eine Lerche ihr Nest gebaut. Da ging eines Tages der Bauer sein Feld entlang, musterte die Ähren und sagte vor sich hin: »Das Korn ist reif. Ich muss meine Freunde bitten, dass sie mir helfen, es zu schneiden!«
 Diese Worte hörten vier junge Lerchen, welche im Nest lagen. Oh, wie erschraken sie! »Mutter, Mutter!« schrien sie, »wir müssen sterben! Das Feld soll gemäht werden, und wir können noch nicht fliegen.«
»Beruhigt euch«, antwortete die alte Lerche, »noch ist keine Gefahr! Solange der Mann von der Hilfe seiner Freunde spricht, kann er die Arbeit nicht dringend finden.« Aber von diesem Tage an mussten die kleinen Lerchen fleißig das Fliegen üben. Und siehe, da kam der Bauer wieder sein Feld besehen. Schon war das Getreide an machen Stellen überreif, sodass die Körner aus den Hülsen fielen. »Nun kann ich nicht länger warten«, seufzte der Bauer, »noch heute muss ich Knechte dingen und sie an die Arbeit schicken.« 
Da rief die Lerchenmutter eiligst ihren Kindern zu: »Meine Kinder, meine Kinder, macht euch bereit! Wir müssen noch heute das Nest verlassen, denn jetzt hat er es aufgegeben, auf seine Freunde zu bauen, jetzt will er die Arbeit selbst in die Hand nehmen. Und das ist schlimm für uns!«

Man merkt hier einmal die Ausweitung der erzählerischen Momente, etwa in der Verwendung der wörtlichen Rede; gleichzeitig werden die Besuche des Bauern auf zwei reduziert, womit der fabeltypische Kontrast zwischen einem leichtfertigen und seinem ernsthaften Planen deutlicher wird. Die Lerche hat es auch übernommen, ihren Kindern die Bedeutung der Gedanken des Bauern zu erklären. Wann ist ernsthaft damit zu rechnen, dass etwas geschieht? Wenn jemand die Arbeit selbst in die Hand nimmt. 
Diese etwas für Kinder ausgeschmückte Fassung entspricht dem Text des Babrios, der die Äsopische Fabel in Verse gefasst hatte. Unter dem Titel „Die Haubenlerche während der Ernte“ steht diese Fabel in der Sammlung „Antike Fabeln. Herausgegeben und … übersetzt von Johannes Irmscher“, Berlin 1999, S. 285. Die beiden entscheidenden Sätze der Lerche lauten dort:
 „Wer nämlich auf die Freunde rechnet, hat es noch nicht eilig.“ und 
„Jetzt mäht er nämlich selber und verlässt sich nicht mehr auf die Freunde.“ – 
Der letzte Satz in der uns vorliegenden Kinderfassung („Und das ist schlimm für uns.“) passt nicht recht zum Fabelgeschehen; er ist eine Konzession an den Typus der Tiergeschichte, genau wie der Satz vom Fliegenüben.

Die Fassung, die ich am längsten kenne und sehr schätze, stammt von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769); der war nicht nur Professor für Moral, Poesie und Rhetorik, sondern hat auch „Fabeln und Erzählungen“ veröffentlicht (1746-1748), wodurch er berühmt wurde:

Die Lerche im Kornfeld

In einem großen Kornfeld hatte eine Lerche ihr Nest gebaut, mitten unter die schwankenden, grünen Halme. Als das Korn höher und höher wuchs und eines Tages die Ähren gelb und dick wurden, begann sich die Lerche um ihre Jungen zu sorgen. „Wir werden von hier fortziehen müssen“, dachte sie, „bevor die Schnitter kommen, mein Nest zerstören und meine Jungen töten.“

Jeden Morgen, wenn die Lerche auf der Suche nach Futter ihr Nest verlassen musste, befahl sie daher ihren Jungen, genau aufzupassen und ihr am Abend zu erzählen, was sie gehört hätten.

Eines Tages, als die Lerche wieder fortgeflogen war, kam der Bauer und sagte: „Es ist Zeit, dass wir mit der Ernte beginnen. Ich will zu meinen Nachbarn gehen und sie bitten, mir bei der Arbeit zu helfen.“ 
Die kleinen Vögel im Nest erschraken, und als ihre Mutter heimkam, zwitscherten sie aufgeregt und erzählten ihr, was der Bauer gesagt hatte. Aber die Lerche beruhigte ihre Kinder. „Noch brauchen wir keine Angst zu haben“, sagte sie, „wenn er auf seine Nachbarn wartet, wird es lange dauern, bis dieses Korn geschnitten wird.“ 
Am nächsten Tag kam der Bauer wieder auf das Feld und sagte: „Das Korn ist schon ganz reif, wir müssen es in die Scheune bringen. Sohn, geh sofort zu allen Verwandten und bitte sie, uns bei der Ernte zu helfen.“ 
„Aber jetzt müssen wir bestimmt fortziehen“, zwitscherten die Jungen wieder aufgeregt. „Keineswegs! Seid ohne Sorge!“ antwortete die Lerche. „Seine Verwandten müssen auf ihren eigenen Feldern arbeiten. Noch können wir in unserem alten Nest bleiben.“ 
Am dritten Tag kam der Bauer wieder und sah, wie sich die Halme unter der Last der reifen Ähren beugten. „Wir dürfen nicht länger warten“, rief er. „Sohn, geh sofort auf den Markt und wirb Erntearbeiter an. Morgen wollen wir beginnen.“ 
„Nun müssen wir gehen“, rief die Lerche, als die Kinder erzählten, was sie gehört hatten. „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“

Die Pointe ist der letzte Satz – welch ein Satz: „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“ Das ist Weisheit – eine Sentenz, die beinahe überspielt, dass mittels ihrer der Streit zwischen der Lerche und ihren Jungen entschieden wird.

Nachdem die Ausgangssituation in den beiden ersten Absätzen beschrieben worden ist, setzt das erzählte Geschehen mit dem ein, was „eines Tages“ geschah (wie bei Babrios); dem folgt das Geschehen des nächsten Tages und des dritten Tages. Die erzählerischen Elemente sind wieder schön ausgebaut: mittels der wörtlichen Rede, mit Erwähnung vom Erschrecken der Jungen und ihrer Beruhigung durch die Mutter. Ganz klar ist vom Erzähler die Pointe erfasst: Die Lerche weiß etwas, die Lerche erklärt es den Unwissenden: ihren Jungen; diese repräsentieren im Text die Leser. Aber auch die Lerche repräsentiert den Leser; denn der weiß das eigentlich auch, was die Lerche weiß. Beim Leser wird also das Wissen, das er hat, in ein explizites Wissen, ein bewusstes Wissen überführt; in diesem Vorgang liegt denn auch so etwas wie eine Mahnung, die der Leser an sich selbst richtet: Nur was du selber anpackst, kann verwirklicht werden. Vor diesem Hintergrund stört mich ein wenig die Aufforderung „Sohn, geh sofort auf den Markt und wirb Erntearbeiter an“ ein wenig; die arbeiten ja nur für Bezahlung, aber immerhin arbeiten sie. Die entlöhnten Garbenbinder und Schnitter stammen aus der Version des Babrios; offensichtlich zählt das Unternehmen, Arbeiter anzustellen so viel wie der Beschluss, etwas selber anzupacken. Die wahre Einsicht steht im letzten Satz der Lerche: „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“ Und das gilt natürlich auch für Frauen – aber dass die arbeiten, wurde anscheinend entweder nicht beachtet oder 1750 als selbstverständlich vorausgesetzt.

Eine typische Form der Bearbeitung alter Fabeln führt dann August Friedrich Ernst Langbein (1757-1835) vor; er setzt die bereits gegebene Fabel in Verse, ein Verfahren, das viele vor ihm praktiziert haben:

Die Wachtel und ihre Kinder

Hoch wallte das goldne Weizenfeld

und baute der Wachtel ein Wohngezelt.

Sie flog einst in Nahrungsgeschäften aus

und kam erst am‘ Abend wieder nach Haus.

Da rief der Kindlein zitternde Schar:

„Ach, Mutter, wir schweben in großer Gefahr!

Der Herr des Feldes, der furchtbare Mann,

ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:

Der Weizen ist reif, die Mahd muß geschehn;

geh, bitte die Nachbarn, ihn morgen zu mähn.“

„Oh“, sagte die Wachtel, „dann hat es noch Zeit,

nicht flugs sind die Nachbarn zum Dienste bereit.“

 

Drauf flog sie des folgenden Tages aus

und kam erst am Abend wieder nach Haus.

Da rief der Kindlein zitternde Schar:

„Ach, Mutter, wir schweben in neuer Gefahr !

Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann,

ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:

Uns ließen die treulosen Nachbarn im Stich;

geh ringsum zu unsern Verwandten und sprich:

Wollt ihr meinen Vater recht wohlgemut sehn,

so helfet ihm morgen sein Weizenfeld mähn!“

„Oh“, sagte die Wachtel, „dann hat es noch Zeit,

nicht flugs ist Verwandtschaft zur Hilfe bereit.“

 

Drauf flog sie des folgenden Tages aus

und kam erst am Abend wieder nach Haus.

Da rief der Kindlein zitternde Schar

„Ach, Mutter, wir schweben in höchster Gefahr.

Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann,

ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:

Uns ließen auch unsre Verwandten im Stich;

ich rechne nun einzig auf dich und auf mich.

Wir wollen, wenn morgen die Hähne krähn,

selbander uns rüsten, den Weizen zu mähn.“

„Ja“, sagte die Wachtel, „nun ist’s an der Zeit!

Macht schnell euch, ihr Kinder, zum Abzug bereit!

Wer Nachbarn und Vettern die Hilfe vertraut,

dem wird nur ein Schloß in die Lüfte gebaut;

doch unter dem Streben der eigenen Hand

erblüht ihm des Werkes vollendeter Stand.“

 

Die Wachtel entfloh mit den Kleinen geschwind,

und über die Stoppeln ging tags drauf der Wind.

Langbein verkürzt die Ausgangssituation auf zwei Verse und betont den Charakter der Erzählung, indem er dem Schluss noch zwei Verse vom Fortgang des Geschehens anhängt. Die Prägnanz der Gellert‘schen Lerche ist nicht erreicht, wenn Langbein auch auf die störenden Landarbeiter verzichtet. Dafür ist Langbeins Fassung dem klassischen Typus Fabel in ihrem Schluss am nächsten: Bei ihm ist die handelnde Wachtelmutter die Hauptfigur; sie entscheidet richtig und wird durch die Rettung der Sippe belohnt; anderntags fuhr über die Stoppeln nämlich der Wind.

Fassen wir unsere Einsichten aus dem ersten Teil zusammen: Alte Fabeln werden im Bestand überliefert, also weitererzählt und dabei auch ein bisschen verändert. Im Spiel von Wiederholung und Variation gewinnt eine Variation von selbst erhöhte Aufmerksamkeit.

In gewisser Weise zeigen die Verarbeitungen der alten Fabel Äsops nicht nur die Freude an der erzählerischen Finesse, sondern auch an der Klärung der Pointe von Äsops Geschichte, Freude auch am Versuch, die brillante Formulierung der Einsicht zu finden.

Exkurs:

Die Gestalt des Fuchses in der Fabel

Auf den Fuchs komme ich deshalb, weil der Herr nicht nur in vielen Fabeln auftritt, sondern auch in unserer zweiten Beispielreihe. Am Fuchs wollen wir die Auffassung untersuchen, dass die Tiere immer bestimmte Eigenschaften verkörpern: „Der Fuchs ist dort der Schlaue, Listige, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist.“ (Art. „Fabel“ in wikipedia) Schauen wir auf ein paar Beispiele, dann sehen wir, wie vorsichtig man (nicht nur) bei Fabeln mit allgemeinen Aussagen sein muss.

Der Fuchs und der Löwe

Ein Fuchs, der noch nie einen Löwen gesehen hatte, begegnete einst einem durch Zufall, und da er seiner gewahr wurde, erschrak er derart, dass er meinte, er müsse sterben. Als er ihm aber zum zweiten Mal in den Weg lief, fürchtete er sich wohl noch, aber nicht mehr so heftig wie beim ersten. Beim dritten Mal gar schwoll ihm so sehr der Mut, dass er herzutrat und mit dem Löwen redete.

Die Fabel zeigt, dass die Gewohnheit auch dem Furchterregenden seinen Schrecken nimmt. (Äsop)

Was zeigt dieses Beispiel? Hier könnte der Fuchs durch jedes beliebige Tier ersetzt werden: Es ist keine Fabel vom Fuchs, sondern eine von der Macht der Gewohnheit. – Anders ist es beim Fuchs und dem Ziegenbock – man muss schon schlau oder listig sein, um sich auf Kosten des dummen Bocks zu retten:

Der Fuchs und der Bock

Der Fuchs war in einen Brunnen gefallen und musste notgedrungen darin bleiben, da er nicht wusste, wie er hinaufsteigen sollte. Ein Bock aber, der Durst litt, kam zufällig zu diesem Brunnen; er sah den Fuchs und fragte ihn, ob das Wasser gut sei. Der Fuchs, erfreut über dieses Zusammentreffen, erging sich in breiten Lobreden über die Vortrefflichkeit des Wassers und riet dem Bock, ebenfalls hinabzusteigen. Und der sprang auch ohne weiteres Überlegen hinunter, weil er nur an seinen Durst dachte.

Als er nun, nachdem er den Durst gelöscht hatte, mit dem Fuchs die Rückkehr überlegte, sagte dieser: „Sei guten Muts, Freund, noch weiß ich Rat, der uns beide retten kann! Stelle dich auf deine Hinterbeine, stemme die vorderen gegen die Wand und recke den Kopf recht in die Höhe, dass die Hörner ganz aufliegen, so kann ich leicht von deinem Rücken hinausspringen und auch dich retten!“

Der Bock tat dies alles ganz willig. Mit einem Sprung war der Fuchs gerettet und verspottete nun den Bock voll Schadenfreude, der ihn hingegen mit Recht der Treulosigkeit beschuldigte. Endlich nahm der Fuchs Abschied und sagte: „Ich sehe schlechterdings keinen Ausweg zu deiner Rettung, mein Freund! Höre aber zum Dank meine Ansicht: Hättest du so viel Verstand gehabt wie Haare im Bart, so wärest du nie in diesen Brunnen gestiegen, ohne auch vorher zu bedenken, wie du wieder herauskommen könntest!“ (Äsop)

Eine andere Fabel zeigt, wie der listige Fuchs sich auf seine List etwas einbildet und damit baden geht, ähnlich wie der schnelle Hase im Wettrennen gegen die Schildkröte:

Der Fuchs und das Eichhörnchen

Eines Tages begegnete das Eichhörnchen einem Fuchs. Höflich und anständig grüßte es ihn mit den Worten: „Guten Tag und viel Glück, lieber Vetter!“ „Der Teufel soll dein Vetter sein!“ gab der Fuchs zur Antwort. „Ich habe keinen so elenden Fegewisch in meiner Verwandtschaft! Wer bist du überhaupt und was beherrschst du für eine Kunst?“ Bescheiden sagte hierauf das Eichhörnchen: „Viel kann ich nicht; aber wenn mich einer fangen will, so erwischt er mich nicht! Ich kann nämlich bis in die Spitze des höchsten Baumes klettern!“ „Was soll das schon sein?“ versetzte geringschätzig der Fuchs, „ich habe immer einen ganzen Sack voll Künste bei mir!“ Da gewahrten sie beide den Jäger mit seinen Hunden, der auf der Jagd durch den Wald schweifte. Das Eichhörnchen machte einen kleinen Satz, kletterte auf einen nahen Baum und versteckte sich ganz oben im Geäst. Den Fuchs aber fingen die Hunde. Da rief ihm das Eichhörnchen von seinem Versteck aus zu: „Schnell, Herr Vetter, macht den Sack auf und holt eine Kunst heraus, sonst beißen Euch die Hunde!“ Darauf konnte der Fuchs aber schon nicht mehr antworten, denn die Hunde hatten ihn schon mausetot gebissen. (Armenisches Märchen)

Es gibt eine weitere Fabel von Fuchs und Eichhörnchen, in der es weniger um die List als um die Überheblichkeit des Fuichses geht und in der der listige Fuchs zweiter Sieger ist:

Das Tischgebet

Ein hungriger Fuchs schlich einmal durch den Wald und sah ein junges Eichhörnchen von Ast zu Ast springen. Aus Erfahrung wusste er, dass sich diese Tiere nur durch eine List fangen lassen. Da sagte er zu ihm: „Gib nicht so an! Dein Vater war ein besserer Springer. Der musste beim Springen nicht einmal die Augen öffnen!“ Daraufhin schloss das Eichhörnchen die Augen, sprang los, verfehlte aber den Ast und stürzte auf die Erde, direkt vor die Nase des Fuchses. Der packte es mit dem Pfoten, aber bevor er es verschlingen konnte, sagte das Eichhörnchen vorwurfsvoll: „Weißt du auch, dass die Füchse früher viel besser erzogen waren als du? Bevor man zu fressen begann, wurde gebetet!“ Der Fuchs erwiderte: „Was mein Vater getan hat, will auch ich machen.“ Er legte seine Beute auf den Waldboden und fing zu beten an. Als er fertig war, wollte er das Eichhörnchen in aller Ruhe fressen, doch dieses saß längst auf einem Baum und verspottete den Fuchs. Der Fuchs sagte verärgert zum Eichhörnchen: „Wenn ich dich noch einmal erwische, werde ich dich zuerst fressen. Gott dem Herrn kann ich auch nach der Mahlzeit danken.“ (nach Montanus)

Fazit: Oft ist der Fuchs der Listige; eigentlich siegt der Listige gegen den Dummen, aber manchmal verliert der überhebliche Große gegen die cleveren Kleinen, das Eichhörnchen.

Außerdem ist Klugheit relativ zur Dummheit anderer – das werden wir in der Fabel vom Fuchs und dem Raben sehen. Es macht einen Unterschied, ob es darum geht, sich durch List zu retten (ohne eingebildet zu sein!), oder ob es darum geht, vor dem Hintergrund der eigenen Überlegenheit ein ausgesprochen dummes Verhalten zu entlarven. Wenn man diese Unterscheidung versteht, kann man die Fabel vom Fuchs und Raben richtig einordnen.

2. Teil

An der Fabel vom Fuchs und vom Raben möchte ich zeigen, wie man Fabeln produktiv verändern kann – das ist unsere zweite Beispielreihe.

Phaedrus: Fabeln I 13 Der Fuchs und der Rabe

Wer sich darüber freut, dass er mit hinterhältigen Worten gelobt wird, wird durch seine Reue spät bestraft (Strafe zahlen).

Als ein Rabe das aus einem Fenster geraubte Stück Käse essen wollte und auf einem hohen Baum saß, sah ihn ein Fuchs und begann daraufhin so zu sprechen: „O Rabe, welchen Glanz haben deine Federn! Welch große Anmut trägst du in Gestalt und Antlitz! Wenn du eine (schöne) Stimme hättest, wäre dir kein Vogel überlegen.“ Aber als jener Dummkopf seine Stimme zeigen wollte, ließ er den Käse aus dem Mund fallen, den der listige Fuchs rasch mit gierigen Zähnen packte. Da schließlich seufzte der getäuschte Rabe über seine Dummheit.

Was steht zur Debatte? Wird der Fuchs mit dem Käse belohnt, weil er etwas richtig macht, oder wird der Rabe bestraft, weil er etwas falsch macht?

Zur Debatte steht, ob ein Rabe glauben darf, er sei ein besonders schöner Vogel und könne vielleicht besonders schön singen; noch genauer gesagt: ob ein Rabe jemandem glauben darf, der ihm sagt, er sei ein besonders schöner Vogel und könne vielleicht besonders schön singen – und ob er diesem Glauben gemäß dann leben und handeln soll.

Darauf gibt es eine klare Antwort: Nein! Wenn ein Rabe nach diesem Irrglauben lebt, verliert er den Käse aus dem Schnabel; er wird also für seine Dummheit bestraft. Der Fuchs bekommt zwar mit seiner List den Käse; aber es ist doch so, dass zunächst der dumme Rabe bestraft wird. Der Käse ist sozusagen ein Abfallprodukt – das kann dann auch der Fuchs bekommen.

Dieses Verständnis kann man nicht nur am Vor-Spruch (Promythion) des Autors erkennen, sondern auch testen, indem man bestimmte Elemente einfach auslässt oder durch andere ersetzt und dann prüft, welche Elemente man nicht ersetzen kann. Ersetzen kann man also den Käse durch anderes Fressbares; den hohen Baum kann man gegen eine Stange austauschen, und so könnte man auch den Fuchs durch eine andere schmeichelnde Figur austauschen. Aber man braucht den Raben als Typus, wo die allgemeine Erfahrung und die eigene Erwartung großer Schönheit besonders deutlich auseinander klaffen, wo also die Schmeichelei für jeden mit gesundem Menschenverstand erkennbar ist – nur eben nicht für eitle Raben.

Die Fabel La Fontaines aus dem 17. Jahrhundert nennt in der Überschrift zuerst den Raben. Hier sieht man wieder, wie Literatur lange Zeit funktioniert hat: Es ging nicht darum, etwas besonders Originelles zu schreiben, sondern man stand in der Tradition und gab diese, geringfügig verändert, weiter. Aber bei La Fontaine ist auch ein Bezug auf die eigene Zeit zu spüren:

Der Rabe und der Fuchs

Auf einem Baume Meister Rabe hockt,

im Schnabel hält er einen Happen Käse.

Vom Käseduft herbeigelockt, spricht er so fein, als ob er läse:

Ei, guten Morgen, Herr von Rabe,

Was seid Ihr hübsch, welch stattliches Gehabe!

Nein ohne Lüge, Eurer Stimme Pracht,

wär sie so schön wie Dero Federtracht,

des Waldes König wäret , ohne Zweifel, Ihr!

Der Rabe schnappt fast über vor Begier;

gleich soll der Wohllaut seiner Stimme schallen:

er reißt den Schnabel auf und lässt den Käse fallen;

den schluckt der Fuchs; es schmunzelte der Heuchler

und sprach: Mein Herr, ein jeder Schmeichler

lebt gut und gern von dem, der auf ihn hört:

die Lehre ist doch wohl ein Stückchen Käse wert!

Der Rabe, wütend und verdrossen,

schwor ab, jedoch zu spät, für immer solche Possen.

Was ist also bei La Fontaine anders, außer dass gereimt wird? Es wird ausdrücklich erwähnt, dass der Fuchs „fein“ spricht und dass er den Raben belehrt – nicht über dessen Dummheit, um die es doch eigentlich geht, sondern über den Nutzen des Schmeichelns; da kündigt sich schon an, was wir bei Lessing als Kritik am höfischen Treiben ausgeformt finden.

Wesentliche Veränderungen des alten Textes hat also erst Lessing vorgenommen, der sich auf Äsop und Phädrus bezieht:

LessingDer Rabe und der Fuchs

Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbarn hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort.

Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbeischlich und ihm zurief: „Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiter!“ „Für wen siehst du mich an?“, fragte der Rabe. – „Für wen ich dich ansehe?“, erwiderte der Fuchs. „Bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche herabkommt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?“

Der Rabe erstaunte und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. „Ich muss“, dachte er, „den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen.“ – Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen und flog stolz davon.

Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte.

Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, verdammte Schmeichler! (1759)

Auch hier schmeichelt der Fuchs dem Raben; er bittet diesen um etwas zu essen, sozusagen um eine milde Gabe des großen Gottes Zeus, was den Raben in die Position des Adlers brächte. Aber die Pointe der Fabel ist eine andere, und der Rabe in seiner Eitelkeit ist nur Werkzeug einer höheren Gerechtigkeit: Bestraft wird hier der Fuchs gerade durch die Gabe, die er sich erschmeichelt hat; und damit das klappt, muss auch die Ausgangssituation eine andere sein: Die Gabe (diesmal ein Stück Fleisch) muss vergiftet sein – als Giftköder für die Nachbarskatzen ausgelegt.

In seinem Nachwort macht der Sprecher, vielleicht der Autor selbst deutlich, wozu diese Änderungen gut sind: „Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, verdammte Schmeichler!“ Der Autor wendet sich also nicht gegen die Leichtgläubigen, sondern gegen „Schmeichler“. Aber die verdammten Schmeichler, das sind nicht die Charmeure, die bei schönen Frauen Süßholz raspeln, sondern das sind Menschen in der Umgebung der Fürsten – vielleicht Bürgerliche im Dienst oder jedenfalls am Hof der absoluten Fürsten des 18. Jahrhunderts, die so deren eitlen Betrieb aufrechterhalten. Lessing war als bürgerlicher Aufklärer voller Abneigung gegen den höfischen Betrieb; und so konnte er über das Stichwort „schmeicheln“ aus der alten Fabel eine Waffe gegen die Höflinge seiner Zeit schmieden, indem er den Ablauf und die Pointe der alten Fabel leicht veränderte. Hier ist die Fabel also erkennbar eine Waffe im politischen Streit, wie sie es vielleicht teilweise auch zu Zeiten des Äsop gewesen ist.

Im 20. Jahrhundert wird das zu Ende geführt, was bereits bei Lessing zu sehen war: Die Autoren setzen die Fabeltradition in ihren Texten als bekannt voraus und variieren die alten Texte spielerisch. Ich möchte mich dafür auf ein Beispiel beschränken:

Otto Waalkes (*1948): Das Märchen vom Fuchs und dem Raben

Ein Rabe saß auf einem Baum und wollte sich gerade daran machen, ein schönes großes Stück Käse zu verzehren, das er kurz zuvor gestohlen hatte. Aber vom Duft des Käses angelockt, kam der Fuchs hinzu, stellte sich unter den Baum und überlegte, wie er dem Raben den Käse wegnehmen könne. Schließlich fiel ihm eine List ein und er rief: „Ach, Herr Rabe, entschuldigt die Störung, aber könntet ihr mir nicht ein wenig von eurem Käse abgeben?“

Der Rabe, der nicht einsehen konnte, was daran wohl listig sei, schüttelte den Kopf und behielt den Käse fest im Schnabel. Da verfiel der Fuchs auf eine noch größere List: „Herr Rabe, ich habe gehört, daß ihr so ein begnadeter Sänger sein sollt. Um ehrlich zu sein, ich kann es nicht recht glauben. Wollt ihr mir nicht eine Kostprobe eurer herrlichen Stimme geben?“

Der Rabe aber wollte nicht und schüttelte den Kopf. Doch der Fuchs ließ nicht locker. „So ist es also wahr, dass ihr nur ein schauriges Gekrächze von euch geben könnt? Dann stimmt es also gar nicht, dass ihr noch viel schöner singt, als die Nachtigallen? Dann wundert es mich allerdings nicht, dass es kaum jemanden gibt, der euch für einen bedeutenden Sänger hält.“

Dieser Provokation konnte nun selbst der Rabe nicht widerstehen. Er öffnete den Schnabel, ließ den Käse fallen und begann zu singen.

Diesen wunderbaren Gesang hörte ein Musikagent, der gerade des Weges kam. Er engagierte den Raben vom Fleck weg und heute ist dieser Rabe unter dem Namen Peter Alexander in der ganzen Welt berühmt und einer der bedeutendsten Raben überhaupt.

Und die Moral von der Geschichte: Wenn man Gold in der Kehle hat, soll man den Schnabel aufmachen. Und wenn dabei der Käse herausfällt, dann macht das gar nichts, denn der Rabe lebt heute nur noch von den allerfeinsten Käsesorten, während der Fuchs als Aushilfssänger bei den Neckar-Kosacken durch die Lande tingeln muß.

(Vgl. Gerhard Grümmer: Travestien über Fuchs und Rabe, 1993)

Bei Otto Waalkes wird die alte Fabel einmal genutzt, um Peter Alexander als Sänger zu diffamieren: Er singt bloß wie ein Rabe, nur durch Zufall, nämlich die Protektion eines Agenten ist er etwas geworden. Zweitens nutzt Waalkes die Fabel,

um seinen Witz an ihr zu schleifen:

– Die Listen des Fuchses sind nicht listig;

– die Provokation ist keine Provokation, sondern die alte List;

– der eigentlich bestrafte Rabe hat mit dem Singen Erfolg;

– die Redewendungen „den Schnabel aufmachen“ und „Käse von sich geben“ werden im wörtlichen Sinn verwendet;

– der Erfolg wird mit der Möglichkeit, viele Käsesorten zu genießen, erklärt;

– die Neckar-Kosacken sind analog den Don Kosaken-Chören erfunden.

Insgesamt also eine witzige und böse Fabel (böse gegen Peter Alexander), deren Witz man nur würdigen kann, wenn man die alte Fabel einigermaßen kennt.

Fazit: Lessing und Otto Waalkes bauen oder beuten eine alte und deshalb bekannte Fabel aus, um typische Erscheinungen ihrer Zeit aufzuspießen; indem sie mit dem bekannten Fabelgeschehen spielerisch umgehen, machen sie denen, die die alte Fabel kennen, eine Freude und gewinnen rhetorisch deren Zustimmung für das, was sie selber sagen wollen. Auch so wird Literatur gemacht! Aber je stärker eine Fabel vom Autor auf Umstände der Gegenwart bezogen wird, desto eher wird sie für spätere Leser unverständlich – schon heute muss man Schülern erklären, wer Peter Alexander ist, und darunter leidet die spontane Freude am bösen Witz des Autors.

Wir kommen zum Schluss mit einer Fabel des Äsop:

Des Esels Schatten

Der Politiker Demosthenes versuchte einmal, zur athenischen Volksversammlung zu sprechen, man wollte ihn aber nicht zu Wort kommen lassen; da sagte er, er wolle ihnen nur kurz etwas sagen. Man schwieg still, da sprach er:

»Ein junger Mann mietete einmal im Sommer einen Esel für die Strecke Athen-Megara (wobei der Eseltreiber mitging). Als nun am Mittag die Sonne sehr heiß war, wollten sich beide in den Schatten [des Esels] setzen. Aber jeder verwehrte es dem anderen: Der Vermieter sagte, er habe den Esel, aber nicht dessen Schatten, vermietet, der Mieter aber behauptete, ihm stehe alles zu.« Nach diesen Worten trat Demosthenes ab.

Die Athener waren gespannt und baten ihn, doch zu sagen, wie die Geschichte ausgegangen sei; da sprach er: »Von eines Esels Schatten wollt ihr hören, aber nichts von ernsten Angelegenheiten.«

Auch hier wird niemand belehrt, aber man kann diese Fabel trotzdem auf die heutige Veranstaltung anwenden: Sie haben, anders als die Athener, sowohl bei Frau Webers Vortrag der Fabeln wie auch bei meinen mehr oder weniger schlauen Erklärungen gut zugehört, und dafür möchte ich mich bei Ihnen bedanken.

Und zum allerletzten Schluss noch eine Fabel, sozusagen zur Belehrung:

Unverbesserlich, von Äsop (Schöne Fabeln des Altertums, S. 34) vorlesen:

„Eine Frau hatte einen Mann, der sich dauernd betrank. Um ihn von seiner Leidenschaft zu kurieren…“

Lehrreich, natürlich: Aber das wissen Sie alle längst, dass man Erwachsene besser nicht mehr zu erziehen versucht.

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