Sophokles: Antigone – Aufbau (Inhalt)

Die Fabel der „Antigone“ hat Sophokles weithin selbst aus dem mythischen Stoff herausgesponnen; die Figur Antigone hatte vorher nie eine große Rolle gespielt. Das von Kreon erlassene Verbot einer Bestattung scheint es bereits in Aischylos’ Tragödie „Eleusinioi“ gegeben zu haben; der attische König Theseus hat ihn jedoch gezwungen, das Verbot zurückzunehmen.

Das Motiv, das Begräbnis einer Leiche zu verweigern, kommt bei Sophokles auch im „Aias“ vor. Aias hatte in seinem Zorn die griechischen Kämpfer erschlagen wollen, weshalb Agamemnon und Menelaos ihm die Bestattung verweigern. Odysseus setzt sich dagegen für eine Bestattung ein, weil es immer klüger ist, die Götter nicht zu beleidigen. Die Position des Odysseus ist hier aber eher praktisch, nicht so grundsätzlich wie die der Antigone. – Es war im 5. Jahrhundert in Athen eine selbstverständliche Pflicht, Tote zu bestatten; selbst der Feind durfte außerhalb der Stadt begraben werden.

Der Prolog des Stückes ist ein Dialog zwischen Antigone und Ismene, der in aller Morgenfühe am Tag nach dem Tod ihrer beiden Brüder und dem Abzug des besiegten feindlichen Heeres stattfindet. Zu Beginn ist Ismene die geliebte Schwester, am Ende des Gesprächs die von Antigone angefeindete Gegnerin, nachdem ein Kampf zwischen ihren Standpunkten stattgefunden hat: unversöhnliches Beharren auf der Pflicht, den toten Bruder Polyneikes zu begraben (verkörpert durch Antigone), anderseits Gehorsam gegenüber der Staatsregierung, der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes (verkörpert durch Ismene). Der Konflikt zwischen Antigone und Kreon wird hier durch den kleinen Konflikt des Prologs vorbereitet. Der Prolog entfaltet dramatisch das Thema der Handlung.

Nach der Einzugslied des Chors, der Ältesten Thebens, die ein Jubellied wegen der Rettung der Stadt singen, folgt der 1. Auftritt (Epeisodion) mit der Thronrede des neuen Königs Kreon. Der Herrscher verkündet seine uneingeschränkte Treue und Loyalität zur Vaterstadt als Grundsatz, nach dem er regieren will, und erklärt dabei dem Chor, warum Polyneikes als Landesfeind noch im Tode büßen solle. Der erste öffentliche Widerstand kommt von der Seite des Chores: Die Alten wollen nicht darüber wachen, dass Kreons Gebot befolgt wird, billigen jedoch Kreons Herrschaftsanspruch. Nach diesem kurzen Gespräch kommt ein Wächter und meldet das Unglaubliche: Der Leichnam wurde mit Erde bedeckt, der Täter ist entkommen. Kreon wittert Gegner am Werk, beschuldigt den Wächter und seine Genossen, bestochen zu sein, und droht in höchster Erregung mit dem Henker.

Es folgt das erste Standlied (Stasimon) mit seinem doppeldeutigen Preis der menschlichen Erfindungskraft, die nur vor dem Tod versagt, aber die Erde beherrschbar macht; am Schluss wird als Maßstab rechten Handelns bekräftigt, dass man die Gesetze der Stadt und der Götter zu beachten hat. Antigones Rechtsverletzung hat ihre Bezugspunkte bekommen, ohne dass der Chor etwas von ihrem Handeln wüsste. – Gegenüber der griechischen Tradition ist in diesem Lied erkannt, dass die kulturellen Errungenschaften nicht von den Göttern verliehen wurden, sondern dass der Mensch sich alles selbst beigebracht hat.

Im 2. Auftritt führt der Wächter Antigone herein, die beim Versuch, während eines von den Göttern gesandten Sandsturms den gefallenen Bruder erneut mit Erde zu bedecken und das Trankopfer zu bringen, ergriffen wurde. Es kommt zur großen Auseinandersetzung (Agon) zwischen Kreon und Antigone. Antigone bekennt sich schroff zu ihrer Tat; denn ihr steht das Gesetz des Zeus, das ewige, ungeschriebene, heilige Recht der Götter, höher als das Gesetz des Herrschers. Der angedrohte vorzeitige Tod kümmert sie nicht; ihr gelte der nur als „Gewinn“. Kreon sieht durch ihre harte Sprache seine Königsmacht und seine Autorität als Mann beleidigt. Als nun auch Ismene neben die Schwester tritt, verhärtet sich Kreon noch mehr, auch wenn Ismene von Antigone zurückgewiesen wird. Kreon droht ihnen den Tod an.

Der Chor der Alten singt darauf das 2. Standlied, ein ahnungsvolles Lied über die Bindung der Menschen an ihr „Haus“ und das leidvolle Schicksal der Labdakiden (Labdakos: Großvater des Ödipus). Es bringt zugleich eine allgemeine theologische Reflexion, die um die „Ate“ kreist, eines der Urworte der Tragödie. Ate bedeutet ebenso Unheil wie Verblendung. Eitle Hoffnung, Betörung täuscht den Ahnungslosen; ein altes Wort sagt sogar, dass die Götter selbst den Menschen verführen und ihn in Ate verstricken, indem sie ihn das Schlechte für das Gute halten lassen.

Im 3. Auftritt folgt als dramatischer Höhepunkt der Streit zwischen Kreon und Haimon, dem König und dem Sprecher der Bürger, zwischen Vater und Sohn. Kreon beansprucht uneingeschränkten Gehorsam; Haimon erklärt, zum Vater zu gehören – im Rahmen des Rechten. Vernunft ist für ihn der Maßstab menschlichen und politischen Handelns, nicht Gehorsam. Er berichtet seinem Vater, dass das Volk nicht auf dessen Seite steht, sondern insgeheim Antigone und ihre Tat preist. Er treibt den Herrscher zum Geständnis, dass er ein Tyrann ist, der die Stadt für sein Eigentum hält und Gehorsam fordert, ob seine Anordnungen zu Recht oder Unrecht bestehen. Am Ende der Auseinandersetzung (zuerst mit einer großen Rede, dann in einer Stichomythie) sind die beiden für immer entzweit. Kreon ordnet an, Antigone lebendig in eine Grabkammer einzumauern. – Mit diesem Auftritt beginnt die Anklage gegen Kreon, die dann im 5. Auftritt verschärft wird, und der Streit, der schließlich zum Untergang Kreons führt.

Das 3. Standlied leitet zur letzten Szene Antigones über. Der Chor preist die Macht des Eros, des Liebesgottes, und der Aphrodite. Wie schon beim Standlied von der doppelwertigen Größe des Menschen sind die Aussagen des Chores mehrdeutig. In seiner Rolle als Vertreter der Bürger Thebens behauptet er, dass der Streit zwischen Haimon und Kreon durch Eros begründet ist – dafür gab es bisher keinen Hinweis. Mit dem Lied auf Eros wird jedoch auch der letzte Auftritt der Heldin vorbereitet: Antigone ist nicht nur die kompromisslose Kämpferin für göttliches Recht, sondern auch ein Mädchen auf dem abgebrochenen Weg zu Ehe und Mutterschaft.

Der 4. Auftritt zeigt in der Form eines Kommos (Klagegesang) zwischen Antigone und dem Chor den Abschied Antigones von der Welt. Antigone hält ihre große Rede, in der sie sich Rechenschaft über ihr Handeln ablegt und in der ihr vor dem Tod die Tragweite ihres Handelns bewusst wird. Sie beklagt ihr Geschick, der Chor rühmt sie als über alle Frauen erhaben, kennt aber auch ihre eigene Schuld am Untergang. Danach reden Kreon und Antigone ein letztes Mal miteinander bzw. aneinander vorbei; dann wird Antigone in die Grabkammer geführt und der Chor singt als 4. Standlied ein Lied von vergleichbaren Fällen, wo Frauen vom Unheil geschlagen waren. Damit will er einserseits Antigone trösten, anderseits wird ihr Geschick vorweggenommen. Dieses Lied ist parallel dem 2. Standlied; es beschließt endgültig die Antigonehandlung.

Mit dem Erscheinen des Sehers Teiresias im 5. Auftritt tritt jemand auf, der wie Haimon vergeblich den König zur Umkehr mahnt: Der Seher berichtet von einer Kette böser Opferzeichen, die auf eine Befleckung der Polis durch den unbestatteten Toten hinweisen, und bezeichnet Kreons Bestattungsverbot als Frevel gegen die Götter. Der König tut die Mahnung erneut als der Geldgier entsprossen ab und erhebt sich in letzter Überheblichkeit (Hybris) bis zur Blasphemie: Selbst dem Adler des Zeus würde er den Leichnam verweigern; kein Mensch könne die Götter beleidigen. Dagegen setzt Teiresias sein drohendes Wort, im Haus Kreons werde es bald zur Buße einen Toten geben. Der König ist erschüttert und gibt aus Angst nach: die Peripetie des Dramas. Er fragt den Chor um Rat und entschließt sich, Polyneikes zu begraben und Antigone zu befreien.

Mit dem darauf folgenden 5. Standlied preist der Chor Bakchos als den Schutzgott Thebens, aber auch den Gott des Dionysienfestes. Der Chor hofft auf die rettende Ankunft des Gottes – ein Kontrast zum Unheil, das sogleich über Kreon hereinbricht. (Diese Kontrastierung ist eine Technik, die Sophokles auch sonst anwendet.)

In der Exodos berichtet ein Bote, dass Antigone sich erhängt hat, dass Haimon seinen Vater töten wollte und sich selbst das Schwert in die Seite gestoßen hat. Aufgrund dieser Nachricht geht auch Eurydike, die hinzugekommene Gattin Kreons, schweigend von der Bühne und gibt ihrem Leben ein Ende: drei Selbstmorde in kürzester Zeit. Der Tod seiner Frau und seines Sohnes sind die Strafe Kreons, der jetzt seine Schuld erkennt und sieht: Die ausgleichende Gerechtigkeit trifft ihn als den Schuldigen. Kreon, den Leichnam des Sohnes im Arm, bleibt allein auf der Bühne und muss als ein zerstörter Mann im letzten Kommos alles Falsche beklagen; er wünscht sich den Tod.

Eine konventionelle Mahnung (Gnome) des Chores der Alten schließt die Tragödie: Besonnenheit, Einsicht, Ehrfurcht vor den Göttern, Lernen im Alter! Es sind die Stichworte, die die entscheidenden Fehlgriffe Kreons bezeichnen.

Diese Übersicht ist ein ganz kleiner Teil meines neuen Lehrerheftes zu „Antigone“, das 2010 bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

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