Büchner: Woyzeck – Analyse, Interpretation

Das Lehrerheft zu zwei Unterrichtsreihen (Büchner: „Dantons Tod“ und „Woyzeck“) ist gerade im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen. (1. Juli 2010)

Ich stelle hier eine gekürzte Fassung meiner Sachanalyse zu „Woyzeck“ vor:

Zum Verständnis des Dramas – Aspekte

Worum geht es in diesem Drama? Es endet mit einem Mord, genauer: die Lesefassung endet mit einem Mord und der Identifizierung des Mörders Woyzeck; von einem Prozess oder einer Bestrafung ist jedoch nichts mehr zu lesen oder zu sehen. Es ist einfach „ein echter Mord, ein schöner Mord, so schön als man ihn nur verlangen tun kann“, wie der Polizeidiener feststellt (26. Szene). Es geht im Stück also kaum um den Mord.

Als Thema kommt eher der Wahnsinn in Frage, der Wahnsinn des Mörders Woyzeck, welcher Stimmen hört und Visionen hat. Im freien Feld spricht Woyzeck mit sich selbst: „He was, was sagt ihr? Lauter, lauter, stich, stich die Zickwolfin tot? Stich, stich die Zickwolfin tot? Soll ich?“ (13. Szene ) Vom Wahnsinn ist ja auch Lenz befallen, der „Held“ der gleichnamigen Erzählung Büchners; vom Wahnsinn ist Lucile ergriffen, als ihr Mann vom Tod bedroht ist (Dantons Tod, Ende IV 4). […]

Auch die Eros-Thematik ist da, ist aber an seine Frau Marie gebunden; Marie ist von dem schönen Tambourmajor fasziniert (2. und 7. Szene), ebenso wie er von ihr. Es wird aber nur dargestellt, wie sie im Rausch des Tanzens verbunden sind (12. Szene). Ebenso wird Woyzecks sexuelle Gemeinschaft mit Marie nicht dargestellt, nur ihr Anfang wird erwähnt (20. Szene) sowie das Kind, das daraus hervorgegangen ist (etwa 2. und 4. Szene); dem Vater Woyzeck, der an Visionen leidet, sind beide fremd (Ende 2. Szene), auch wenn der seinen Sold (4. Szene) und das durch den Erbsenvertrag verdiente Geld (8. Szene) bei Marie abliefert.

Auf einer anderen Ebene ist die Liebe in den Liedern präsent, teils offen („Frau Wirtin hat ’ne brave Magd“), teil verdeckt (im Hasenlied, 1. Szene, oder „Ein Jäger aus Kurpfalz“, 12. Szene). […]

„Wir arme Leut“ (5.), wozu der kleine Soldat Woyzeck gehört, bilden die unterste Stufe der menschlichen Existenz, nur knapp vom Tier getrennt: „Der Aff’ ist schon ein Soldat, ’s ist noch nit viel, unterst Stuf von menschliche Geschlecht!“ (Ausrufer, 3. Szene) Damit sind wir bei einem Thema, welches auch in anderen Schriften Büchners auftaucht: Was ist der Mensch? Der Ausrufer, der „intelligente“ Tiere als Menschen anpreist und vorführt, und der Professor, welcher Woyzeck vorführt, als Tier behandelt und beschimpft (10. Szene, vgl. die 8.), decken diesen Aspekt der Erniedrigung ab, verbinden also die soziale Frage mit der nach dem Menschen (wobei es wenig bringt, einer der beiden Fragen den Primat zuzusprechen).

Einen anderen Aspekt der Frage nach dem Menschen berührt die absurde Predigt des betrunkenen Handwerksburschen: „Warum ist der Mensch?“ (12.) In dieser Parodie einer Predigt macht er deutlich, dass die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz sich nicht beantworten lässt. […]

Es geht eben bei Büchner „um die stets gleiche Frage: um die Abhängigkeit menschlicher Existenz von Umständen, die ‚außer uns liegen’“ (Hans Mayer). Die Armut, die Verhältnisse, in denen er lebt, treiben Woyzeck in den Wahnsinn und dann auch ins Verbrechen. In dem Sinn kann der Leser oder Zuschauer nicht nur mit dem Opfer Marie, sondern auch mit dem Täter-Opfer Woyzeck Mitleid haben. Hierzu wird gern aus einem Brief Büchners an die Familie vom Februar 1834 zitiert: „Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, – weil wir durch gleiche Umstände wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen.“ Damit hat er sich gegen den Vorwurf, überheblich zu sein, verteidigt, aber auch ein Zeugnis seiner Grundsätze gegeben, nach denen „Woyzeck“ gestaltet ist.

Es fällt auf, dass Woyzeck im Drama keine Lebensgeschichte hat, dass also keine Vorgeschichte des Helden ausgebreitet wird … […]

Die offene Form des Dramas zeigt sich weniger an Sprüngen in Raum und Zeit des Geschehens: Dieses mag einige Wochen dauern, die Dauer des Geschehens ist überhaupt nicht exakt zu bestimmen, nur anhand der Liebesgeschichte Maries mit dem Tambour zu schätzen. Es spielt in einer Garnisons- und Universitätsstadt unbekannter Größe und in deren Umgebung; man könnte darin zur Not noch die Einheit des Ortes erkennen. Einige andere Aspekte bestimmen mich, von der offenen Form des Dramas zu sprechen: Es gibt wenig Handlung, keinen Spannungsbogen, kaum einen Konflikt, keine Peripetie; die Szenen sind locker gereiht; die Figuren haben teilweise nichts mit der Handlung zu tun, sondern verkörpern die Verhältnisse, in denen Woyzeck lebt und leidet […]

Trotz der Lesbarkeit und Spielbarkeit des Textes darf man nicht vergessen, dass „der Text“ ein Konstrukt ist, dass wir also in Wirklichkeit nur das Fragment eines von Büchner geplanten und teilweise ausgearbeiteten Dramas besitzen. Von Bedeutung ist, dass heute nicht mehr die Szene mit dem Hauptmann das Stück eröffnet, sondern dass man sich durchweg an die Reihenfolge der letzten Handschrift (H 4) hält und mit dem schon lange verwirrten Woyzeck beginnt; wo man die Professor-Szene (10.) aus H 3 einordnet, ist eigentlich belanglos, sofern sie nur der Doctor-Szene (8.) folgt. Interessant ist allenfalls, ob man als letzte Szene den Ausspruch des Polizeidieners (aus H 1) oder den Auftritt des Idioten mit dem Kind ansieht (aus H 3). Am Verständnis des Stücks ändert das aber auch nicht viel – einmal steht der distanziert Blick der Justiz am Ende, einmal der sogar seinem Kind fremde Woyzeck samt dem beziehungsreichen Spruch des Idioten: „Der is ins Wasser gefallen.“ Woyzeck steht, den Menschen und dem Menschlichen entfremdet, allein da.

Die von mir bevorzugte Textfassung (RUB 18420) ist von Burghard Dedner erstellt, der wesentlich an Bd. 7 der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Büchners mitgearbeitet hat. In dieser Ausgabe wird auf den Abdruck der Handschriften verzichtet (sie sind ohnehin im Internet greifbar); aber durch die Verwendung verschiedener Typen wird die Herkunft der Textstücke verdeutlicht, durch < > der Herausgebertext markiert, durch +++ unleserliche Buchstaben ersetzt. Das genügt für die Arbeit in der Schule, denke ich; Dedners ältere (geringfügig abweichende) Ausgabe RUB 18007 mag für den Lehrer und die Arbeit im germanistischen Seminar interessant sein.

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Angelika schrieb mir:

Ich glaube, man neigt wg. des 
fragmentarischen Aufbaus von Büchners „Woyzeck“ dazu, u.U. viel hinein und 
heraus zu interpretieren. Ebenso verleiten Lieder, Märchen, Bibelzitate 
und -bezüge sowie Parallelen zu Büchners eigenen Werken, (der „arme“ 
Mensch = Vieh, am 5. Tag schuf Gott Tiere, glaube ich) und Goethes „Faust“ zu 
einer „Überinterpretation“.

Liebe Angelika,

vermutlich hast du mit dem Verdacht, dass „Woyzeck“ überinterpretiert wird, recht;
 ich hatte einen kleinen Disput mit dem Herausgeber der Werke im Dt. Klassikerverlag: 
was der aus dem St. Lichtmesstag (Kinderlied, 19. Szene) herausinterpretiert, ist beängstigend willkürlich.
 Dem wollte ich mit meinen methodischen Übungen vorbeugen – die aber auch nur helfen, wenn einer methodisch vorsichtig sein will und die von dir benannte Gefahr sieht.

Es gibt auch einen Reiz des Fragments, des Torsos – da spielt die Phantasie (des Betrachters) mit und ergänzt wie bei erotischen Phantasien das Fehlende, wie es der Autor nicht in gleicher Qualität hätte tun können; dazu der Reiz des jung verstorbenen Autors, des genialen, dessen Handbewegungen sämtlich zur großen Geste werden müssen, da hört man als Zuschauer die Flöhe husten.

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DAS BESAGTE LEHRERHEFT:

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Georg Büchner

A Georg Büchners Leben

B Die politische Lage zur Zeit Büchners

C Büchners Werke

– Der Hessische Landbote

– Dantons Tod

– Lenz

– Leonce und Lena

– Woyzeck

D Büchner in der Literaturgeschichte

E Materialien zu beiden Unterrichtseinheiten

– Brief an die Braut (Anfang 1834: Fatalismusbrief)

– Brief an die Familie (28. Juli 1835)

– Auszug aus „Lenz“ (zur Literaturtheorie)

– Auszug aus „Lenz“ (Themen: Ruhe, Wahnsinn)

– Auszug aus „Leonce und Lena“ (III 3: Automatenrede)

– Georg Büchner: Probevorlesung „Über Schädelnerven“

– Ursula März: Pilger, Pfarrer, Promis. Poetik des Authentischen

2. Unterrichtseinheit „Dantons Tod“

A Didaktische Überlegungen

– Verständnis des Dramas – Aspekte

– Ziele des Unterrichts

– Überlegungen zum Gang des Unterrichts

– Analytische und produktive Arbeitsformen

– Einsatz des Films

B Untersuchungen zum Text

– Danton und seine Freunde: ihr Porträt in I 1

– Exposition: Akteure und Themen (I 1 und I 2)

– Politische Rhetorik Robespierres in I 3

– Robespierre (I 6 – Analyse im Überblick)

– Der Gang des Geschehens

– Der Kampf der Revolutionäre – Aspekte

– Analyse II 7

– Danton im Angesicht des Todes (im Wesentlichen ab III)

– Marion, Lucile, Julie – drei Frauengestalten

– Die Lieder in „Dantons Tod“, exemplarisch untersucht

– Figurenkonstellation und Figuren

C Materialien

– Lektürekontrolle 1. Akt

– Offene Form des Dramas

– Anleitung zur Szenenanalyse

– Das revolutionäre Geschehen (historischer Hintergrund)

– Vorlagen der Lieder in „Dantons Tod“

– Hans Mayer: Thermidorstimmung

– Max Weber: Politik als Beruf (Auszug)

D Klausuren (mit Lösungserwartung)

– Vergleichende Analyse zweier fiktionaler Texte

– Analyse eines Sachtextes mit weiterführendem Schreibauftrag

3. Unterrichtseinheit „Woyzeck“

A Didaktische Überlegungen

– Zum Verständnis des Dramas – Aspekte

– Ziele des Unterrichts

– Zum Verlauf des Unterrichts

– Arbeitsformen, Arbeitsergebnisse, Arbeitsvorschläge

– Woyzeck-Inszenierungen in Schulen

– Der Film „Woyzeck“ von Werner Herzog

– Weitere Hilfsmittel

B Erläuterungen zum Text

C Untersuchungen zum Text

– Der Doctor und Woyzeck: Subjekt und Objekt (8. – 10.)

– Woyzeck und der Hauptmann (5. und 9.)

– Die 3. Szene – Aspekte einer Szene

– Funktion der Lieder – exemplarisch untersucht

– Vergleich der 4. Szene mit Faust I, „Abend“

– Der Gang des Geschehens

– Marie zwischen zwei Männern: Woyzeck und Tambourmajor

– Woyzecks Sprachlosigkeit

– Arbeit mit dem Wörterbuch – methodische Übungen

– Was der Narr sagt – methodische Übungen

– Sprachliche Handlungen bestimmen – methodische Übungen

– „Woyzeck“ als offenes Drama – verschiedene Arten von Szenen

– Büchners Literaturtheorie

– Woyzeck – Figur und Figurenkonstellation

– Todessignale

D Materialien

– Lektürekontrolle 1. – 18. Szene

– Die wunderliche Gasterei (zu Blutwurst-Leberwurst, 17.)

– Goethe: Faust I, Szene „Abend“ (zum Vergleich mit 4.)

– Reinhard Lindenhahn: Dialog-Theorie

– Fragen zu einer Inszenierung des Stücks – beantwortet von Christian Stückl

– Marius von Mayenburg im Gespräch über Thomas Ostermeiers „Woyzeck“-Inszenierung

– Der Himmel über Marzahn (Rezension von Ostermeiers Inszenierung)

– Wir sind wir (Rezension von Volker Löschs Inszenierung)

– Werner Morlang: Wer und wer? – Mensch ist Mensch (Beispiel produktiven Arbeitens)

E Klausuren (mit Lösungserwartung)

– Analyse eines fiktionalen Textes mit weiterführendem Schreibauftrag

– Vergleich zweier fiktionaler Texte mit weiterführendem Schreibauftrag

4. Sonstige Hilfsmittel

One thought on “Büchner: Woyzeck – Analyse, Interpretation

  1. Wenn man die Entwurfsstufen verfolgt, dann kommen keine „äußere Gründe“, wie das Ernährungsexperiment, als Mordmotiv infrage, auch nicht partiell. Denn dort, wo Büchner die Mordszene ausgestaltet, ist davon noch nicht die Rede. Es geht hier einzig und allein um die Beziehung zu der hier noch Margreth genannten weiblichen Hauptfigur, eine weitgehend im Dunkeln bleibende Beziehung übrigens.

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