Borchert: Nachts schlafen die Ratten doch – Analyse, Interpretation

Ich habe mich mal umgesehen und folgende Seiten als potenziell brauchbar gefunden:

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/bor/bor_nachts0.htm (schrittweise)

http://www.leixoletti.de/interpretationen/nachtssc.htm (Interpret.)

http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/pdf/borchert_ratten.pdf (Interpret.)

http://www2.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/47.html (Schema, Bsp.)

Aufgabe: die angegebenen Seiten durcharbeiten und a) schauen, wie andere analysieren und „interpretieren“, b) prüfen, was man davon begründet übernehmen kann: vom Wie und vom Was! Also: Wie (auf welchen Wegen, mit welchen Methoden) versuchen andere herauszukriegen, wie der Erzähler das Verstehen steuert, und was kommt dabei in diesem Fall an Verstehensergebnissen heraus? Das Erste kann man in einer Liste festhalten: Methoden, die man immer wieder anwenden kann; das Zweite (ebenfalls in einer Liste) prüft man darauf, was sich wirklich vertreten lässt. [Was ich bisher beschrieben habe, waren (im 4-Phasen-Modell des Aufsatzschreibens) die Phasen Suchen / Sammeln; danach geht es weiter mit dem Sortieren der Ergebnisse und dem Schreiben.]

Zum teachsam-Artikel: 
Die Gliederung des Handlungsverlaufs (immer wichtig!) ist hier etwa gleich den Phasen des Gesprächsverlaufs. 
Der Interpretationsansatz: im Prinzip wichtig, hier sachlich etwas ungenau (bei leixikoletti ist der grau unterlegte Satz besser).
 Erzähltechnische Mittel: gut, allerdings sollte man die beiden Aspekte „Figurengestaltung / Darbietungsformen“ im Schema austauschen, dann haben wir links formale und rechts inhaltliche Aspekte.
 Von den sprachlich-stilistischen Mittel sind hier die der Wortebene wichtig.
 Das Strukturbild ist ein interessanter Versuch, doch kann man ein Geschehen (wie der alte Mann den Jungen aus dem Reich der Ratten weg in den Bereich der Kaninchen führt) nur schwer in einem Bild erfassen, wenn man kein Phasen-Schema entwirft.
 Ist das Glossar bei teachsam für dich brauchbar?
 (http://www.teachsam.de/deutsch/glossar_deu_d.htm Darbietungsformen)

Was Leixikoletti als Inhaltsangabe fabriziert, ist keine solche; die inhaltliche Paraphrase ist nicht gut. Gut ist der erste grau unterlegte Satz, den man als Rahmen beim eigenen Schreiben nutzen kann; gut sind die Beobachtungen zur Farbsymbolik und zur Mischperspektive.

Die pdf-Datei (Aufsatz Giachino) ist m. E. zu stark paraphrasierend, operiert mit der „Stimmung“ statt mit dem Erzähler als der handelnden Größe. Gut gesehen: Personifizierung der Trümmer, evtl. auch Sonnen- und Farbsymbolik.

Zum Aufsatz von Frau Dr. Raabe: Gut ist, dass sie eine Gliederung bietet („2.4.“ ist in ihrem Aufsatz allerdings vergessen; das ist jedoch der letzte Absatz von 2.3., sodass ihr 2.4. in Wahrheit 2.5. ist); wir werden eine Alternative zu ihrer Gliederung suchen. [Ich werde ihren Aufsatz auf Normalmaß zurechtstutzen, von der Zusatzfrage befreien und umorganisieren – also nur Blöcke verschieben, damit er als eine Art Muster dienen kann, ohne dass er perfekt wäre; die Zeilenangaben stelle ich auf unsere Textausgabe um.]

Zum Schreiben: Von einigen Autoren wird der Interpretationsansatz als Rahmen verwendet, bei einigen eine Mini-Inhaltsangabe. Die Ausführungen über den Autor Borchert und sein Werk sind zu gelehrt, als dass sie für euch (bei einer Klassenarbeit) als Rahmen in Frage kämen. – Was wir hier gefunden haben, solltet ihr in diesem Blog, Kategorie „Methodisches“, in den Ausführungen zur Analyse von Erzähltexten wiedererkennen.

Für das Wie gibt es eine ganz passable Übersicht in der „Duden Schulgrammatik Deutsch“, 2. Auflage, S. 88 ff.: Die Textanalyse erzählender Texte; für das Was eine kleine Hilfe von Thomas Möbius: Wie interpretiere ich Fabeln, Parabeln und Kurzgeschichten? Anleitung, 2006, S. 8 ff.

Aufsatz Frau Dr. Raabes, gekürzt und umgestellt:

1.    „Nachts schlafen die Ratten doch“ ist der Titel der 1947 erschienenen Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert. Sie spielt in der Trümmerlandschaft einer deutschen Stadt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges bzw. unmittelbar danach. Sie handelt von einem neunjährigen Jungen, der seinen unter den Trümmern seines Elternhauses verschütteten toten jüngeren Bruder bewacht, damit dessen Leiche nicht den Ratten zum Fraß fällt. Einem älteren Mann, der zufällig vorbeikommt, gelingt es mit Hilfe einer Notlüge, das überforderte Kind von seiner vergeblichen Totenwache abzubringen.

2.    Die Kurzgeschichte lässt sich nach ihrer inneren Struktur in drei Teile untergliedern: eine epische Einleitung (Z. 1 – 10), einen szenisch-dialogischen Mittelteil (Z. 11 – 82) und einen epischen Schluss (Z. 82 – 87).

Zu Beginn wird die trostlose Monotonie der bedrohlich wirkenden Trümmerlandschaft betont, so etwa durch die Personifikationen „Das Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte“ (Z. 1), „steilgereckte Schornsteinreste“ (Z. 2) oder „Die Schuttwüste döste.“ (Z. 3). Der Charakter des Bedrohlichen, Angsteinflößenden wird noch verstärkt durch die Syntax – eine stakkatoartige Abfolge kurzer Parataxen (vgl. Z. 1 – 3) – sowie durch die Wahl der Zustands- bzw. Vorgangsverben, wie z.B. „gähnte“ (Z. 1), „flimmerte“ (Z. 2), „döste“ (Z. 3), durch die eine im Wortsinne tödliche Ruhe zum Ausdruck gebracht wird; hiermit korrespondieren die Farbwerte „blaurot“ (Z. 1), grau („Staubgewölke“, Z. 2), „dunkel“ (Z. 4 u. 5). In diesem Trümmerfeld kauert der Neunjährige am frühen Abend (vgl. Z. 1) – eine Allusion, die auf Endzeit hindeutet -, und aus der Froschperspektive nimmt er schemenhaft und selektiv den herannahenden Mann wahr. Der innere Monolog „Jetzt haben sie mich!“ (Z. 5) weist auf seine traumatische Todeserfahrung hin.

Im Unterschied dazu ist die Atmosphäre im Schlussteil um einige Nuancen freundlicher. Leben ist zurückgekehrt, verdeutlicht durch Tätigkeits- bzw. Vorgangsverben wie „laufen“ (Z. 83), „schwenken“ (Z. 86), durch die Personifikation „der Korb schwenkte aufgeregt hin und her“ (Z. 85 f.) und nicht zuletzt durch die positiv konnotierten Farbwerte „rot“ (Z. 84) – man assoziiert das sprichwörtliche Abendrot, das einen schönen nächsten Tag verheißt – und „86“ (Z. 110), die Farbe der Hoffnung. 
[Zur Kritik: Der Erzähler und seine Erwählweise kommen zu kurz! N.T.]

3.    Kernstück der Kurzgeschichte ist das Gespräch zwischen dem älteren Mann und dem Jungen. Es ist der Erwachsene, der auf das verstört zwischen Trümmern kauernde Kind zugeht, und dieses menschliche Engagement spiegelt sich quantitativ in den unterschiedlichen Redeanteilen und qualitativ in den Gesprächsimpulsen wider, die der Ältere gibt. Allerdings lassen sich in dieser Hinsicht gewisse Änderungen im Verlauf des Dialogs feststellen, so dass eine dreiteilige Struktur erkennbar wird.

Am umfangreichsten ist der erste Teil (Z. 11 – 47), in dem der Ältere mit vorsichtigen, unaufdringlichen Informationsfragen Klarheit über die Situation des Kindes erlangen will: was das Kind dort tue (vgl. Z. 11 ff.), warum es einen Stock bei sich habe (vgl. Z. 14/16),  wie alt es sei (vgl. Z. 27), wie lange es Wache halte (vgl. Z. 37). In dieser Gesprächsphase ist der Junge in seinem Antwortverhalten recht einsilbig und gibt über das Gefragte hinaus kaum Auskunft; auch das Angebot des Alten, sich dessen Kaninchen anzuschauen, schlägt der Kleine aus. Dennoch hat der Mann bis zu diesem Zeitpunkt den Grund des Wachehaltens noch nicht erfahren.

Daher greift er zu einem gesprächspsychologischen Trick, einer Provokation, um dem Jungen sein Geheimnis zu entlocken. Zu Beginn der zweiten Dialogphase (Z. 48 ff.) gibt der Alte vor, gehen zu wollen, und bietet dem Jungen zugleich eines seiner Kaninchen als Geschenk an. Erst da gibt der Junge den Grund seiner beharrlichen Wache preis (Z. 50), er spricht zu ersten Mal mehrere Sätze im Zusammenhang, und erst jetzt begreift der ältere Mann schlagartig das ganze Ausmaß des Elends, das auf dem Kind lastet (Z. 56 f.).

Er reagiert prompt (Z. 61), und in der nun einsetzenden dritten Gesprächsphase (Z. 61 – 83) verfolgt er eine doppelte Strategie: Einerseits argumentiert er, wenn auch mit falschen Tatsachen, um den Jungen rational zu überzeugen, seine Totenwache zu beenden, andererseits verspricht er ihm ein Kaninchen mitzubringen, den Jungen nach Hause zu begleiten und mit dessen Vater einen Kaninchenstall zu bauen. In dieser Dialogphase wird die physische und psychische Überlastung des Kindes besonders deutlich: es flüstert (Z. 63), spricht leise (Z. 73, vgl. Z. 56), sieht müde aus (Z. 63), und seine Körpersprache – „Jürgen machte mit seinem Stock kleine Kuhlen in den Schutt“ (Z. 67 und Z. 72) – drückt seine Sehnsucht nach emotionaler Zuwendung aus. Doch die Gesprächsstrategie des älteren Mannes geht endlich auf: Der Junge stellt selber Fragen, indem er schüchtern ein weißes Kaninchen erbittet (Z. 77), und er verspricht, auf die Rückkehr des Mannes warten zu wollen (Z. 81 f.); er ruft (Z. 82) sogar, was als Zeichen allmählich wiederkehrender Hoffnung aufgefasst werden kann.

4.   Allerdings ist der Ausgang der Kurzgeschichte durchaus ambivalent: „grau“ (Z. 87) kontrastiert negativ zu „grün“ und „Schutt“ (Z. 87) zu „Kaninchenfutter“ (Z. 86) – Zeichen des Nebeneinanders von Zerstörung und Lebendigem. Insofern dürfte die Behauptung eines eindeutig positiven Schlusses dieser Kurzgeschichte etwas zu kurz greifen. Der Ausgang bleibt offen, lässt aber Hoffnung zu. [Das ist übervorsichtig formuliert! N.T.]

Gliederung der Neufassung:

1. Um was für eine Erzählung geht es? [So fängt man immer an!]

2. Wie ist die Erzählung aufgebaut? [So setzt man immer fort!]

3. Wie gelingt es dem Mann, Jürgen aus dem Reich der Ratten herauszuholen? [Das ist „das Geschehen“, was naturgemäß von Erzählung zu Erzählung wechselt. – Man könnte übrigens die Gesprächsphasen anders als Frau Raabe sehen: a) Jürgen spricht stark und abweisend, Z. 11-26; b) erster Vorstoß: Der Mann erwähnt seine Kaninchen, Z. 27 ff.; c) der Mann entlockt Jürgen dessen Geheimnis, Z. 48-60; d) der Mann erklärt Jürgen, warum dieser nicht wachen muss, Z. 61-67; e) der Mann macht seinen entscheidenden Vorschlag, Z. 68-76; f) Jürgen geht mit seiner Bitte auf das Angebot des Mannes ein, Z. 76 ff. – Die Drei ist also eine heilige Zahl, aber es gibt nicht nur Dreiteilungen; denkt bitte an unsere Szenenanalysen!]

4. Wie ist das Ende zu beurteilen?

[Wichtig finde ich, dass man die Untersuchung der stilistischen und rhetorischen Mittel nicht vom Sinnverstehen abtrennt! Wichtig ist auch, dass man in seiner Analyse nicht die Begriffe des analytischen Denkens verwendet: Der Erzähler verwendet also keine Wiederholung, sondern erzählt zweimal, dass Jürgen kleine Kuhlen macht; beim ersten Mal lässt er offen, an Betten für wen Jürgen denkt (Z. 67 f. – für sich, der nun müde ist, Z. 63, für die bald schlafenden Ratten, Z. 65 f., oder für die Kaninchen, Z. 72 f.), beim zweiten Mal wird gesagt, dass Jürgen an die Kaninchen denkt. Der Erzähler verwendet auch keine Farbsymbolik, sondern beschreibt, wie die Sonne scheint, und deutet damit an, dass…]

Ein letzter Hinweis gilt unserer Entdeckung, dass auch die Kuhlenbetten (Z. 67 f. und Z. 72 f.) als Dingsymbol gelten können: Sie verbinden die Idee, dass die Ratten nachts schlafen, mit der Müdigkeit Jürgens und der Möglichkeit, friedlich ruhende Kaninchen zu betrachten. Dass Jürgen also, wie zweimal berichtet wird, die Betten-Kuhlen in den Schutt (!) macht, zeigt, dass sich seine innere Wandlung vom soldatischen Wächter zum Kind vollzieht.

Zur Inhaltsangabe siehe http://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/inhaltsangabe-mit-beispiel/

Nachtrag: Einen Hinweis des „Deutschbuch(s) 8“ aufgreifend, finde ich am Anfang und Ende der Erzählung als sogenannte Leitmotive die krummen Beine des Mannes, durch die die Sonne scheint, und den Korb, der am Ende als mit Kaninchenfutter gefüllt bekannt ist (während das Messer am Schluss nicht mehr erwähnt wird!). Das Krumme, das dennoch darin erscheinende Licht, das Kaninchenfutter als Lebenssymbol, das wären etwa die ‚interpretierten’ Leitmotive.

(Das war eine Arbeit vom 1. März 2007; die nicht mehr gültigen Links sind getilgt.)

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