Kurt Marti: Neapel sehen – Interpretation

Martis Erzählung ist bekannt, aber es gibt nicht viele gute Hinweise zu Analyse oder Interpretation:

http://www.3b-infotainment.de/unterricht/analyse1.htm#Neapel%20sehen (Interpretation, mit Hinweisen, wie man eine Interpretation schreibt)

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mrt/mrt_nea0.htm (Vorsicht: viele problematische Schülerbeiträge, eine interessante Strukturskizze)

http://www.knast.net/lag/info47.htm#_Neapel (Interpretation für Knastis)

In der Sache stellt sich die Frage: Macht der Mann (er) ein Entwicklung durch? Zweifellos geschieht etwas: Der Mann wird krank, muss zu Hause bleiben und lässt dann stückweise die Bretterwand abreißen. Ich meine, er machte keine Entwicklung durch, sondern lebte nur den inneren Widerspruch aus, in dem er durch seine Arbeit oder das Arbeitsverhältnis (oder die Verhältnisse, unter denen er arbeiten muss) steht: „Er haßte das Tempo der Maschine, das er selber beschleunigte.“ Einerseits hasst er die Fabrik, weil sie ihn durch die Akkordarbeit kaputt macht; er schottet sich gegen die Fabrik durch eine Bretterwand ab (geht aber täglich hin), macht also die Augen zu. Anderseits will er arbeiten, weil er das verdiente Geld ganz haben und kein „Greis“, sondern ein Mann sein will; die gehasste Fabrikarbeit gibt ihm seine Identität. Als er nicht mehr in die Fabrik gehen kann, wirkt sich dieser Widerspruch dahin aus, dass er die Fabrik sehen will; andere Möglichkeiten des Lebens (die Natur erleben, mit Menschen sprechen) befriedigen ihn nicht – da bleibt er so „kaputt“, wie er seit Jahren ist. Auch in den beiden Beschreibungen seines Glücks nach den letzten Schritten des Niederreißens der Wand zeigt sich kein Unterschied, also auch kein Fortschritt im Glücklichsein. Er stirbt, subjektiv glücklich, objektiv aber blind gegenüber dem, was ihn kaputt gemacht hat; deshalb erschrickt seine Frau auch, als er darum bittet, die Bretterwand niederzureißen – sie weiß über ihn mehr als er (vgl. die Äußerung des Erzählers: „Aber seine Hände zuckten weiter im Schlaf“ – er gibt damit der Frau gegenüber ihrem Mann Recht). Die Bretterwand verschwindet also, aber nicht das Brett vor seinem Kopf.

Frage zur Probe: Was täte er, wenn er wieder gesund würde? Ich meine, er ginge wieder in die Fabrik, hasste sie und baute eine neue Wand – und ließe sich auf kein ernsthaftes Gespräch mit anderen ein, weder mit dem Vorarbeiter noch mit seiner Frau. Zweite Frage zur Probe: Warum hasst „er“ seine Frau (Z. 5 f.)? Er kann nicht hören, dass sie ihm sein Leiden an der Fabrik bewusst macht; er wehrt sich also gegen die Aufklärung des Widerspruchs, in dem er steht und den er in seiner Krankheit ausagiert, in seinem Hass auslebt.

Wichtig ist die Frage der Perspektive (neben der Zeitstruktur): Es wird sowohl aus der Perspektive eines (all)wissenden neutralen Erzählers wie auch (personal) aus der Perspektive des Mannes erzählt. Wir können den Gegensatz zwischen Hass auf und Liebe zur Fabrik nicht auflösen, es ist eine Hassliebe; ebenso ist der Hass auf die Arbeit mit der Bestätigung durch die Arbeit (Geld verdienen, ein Mann und kein Greis sein) unauflöslich verbunden. Das lässt mich die Erzählung vom namenlosen „er“ als eine kapitalismuskritische Erzählung von den unlösbaren Widersprüchen in der Arbeitswelt lesen; Kurt Marti ist ein evangelischer Theologe.

Bitte auch diesmal auf das Wie achten: Wie, d.h. auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln verstehe ich diese Erzählung? Wie ordne ich meine Einsichten zu einem lesbaren Aufsatz? (Thema > Inhalt; Struktur des erzählten Geschehens; Pespektive; Zeitstruktur; die verschiedenen Kontraste oder Paradoxien und ihre Auflösung oder Nichtauflösung!)

(11. März 2007) – Neuer Link (2/2010):

http://reismann.lspb.de/infos/oberstufe/anforderungsprofil/musterloesung.htm

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