Günther Anders: Freie Täterwahl – Analyse

(Ausgabe: Der Blick vom Turm. Fabeln von Günther Anders, 3. Aufl. 1988, S. 43 f.)
Der Erzähler berichtet von der Einführung eines neuen Dekrets in Usalien und seinen „segensreichen“ Auswirkungen. Durch dieses Dekret wird nicht nur die Gewaltenteilung ausgehoben, sondern sogar das Verbrechen vom Staat organisiert (Z. 2 f.); es wird also der totale Staat eingeführt (Z. 22 f.), was vom Erzähler scheinbar naiv begrüßt wird. Der lehrhafte Charakter zeigt sich in der Unbestimmtheit von Zeit und Ort (das fiktive Land U.) und darin, dass nicht Charaktere beschrieben werden, die Figuren allenfalls als A und B auftreten (Z. 45).
Der Erzähler berichtet zunächst allgemein von dem Dekret (Z. 2 f.), dann konkret von seinem Inhalt: der freien Täterwahl (Z. 8 ff.). Innerhalb des Berichts werden Leistung und Bedeutung des Dekrets bewertet und seine Folgen erklärt.
Das Dekret wird positiv als „revolutionär“ bewertet, helfe Mühen und Geld sparen (Z. 5-7) und bezeuge scheinbar die Bedeutung der Freiheit (Z. 9 f.); die Ordnung im totalen Staat wird als „atemberaubend“ (Z. 22) bewertet, sie sei gesellschaftlich ein wahrer Segen (Z. 35) und habe zur „Selbstreinigung“ der Gesellschaft (Z. 39) beigetragen. Verhalten kritisch ist die (unberechtigte – vgl. die Differenz von Establishment und Gesellschaft Z. 37/39) Anspielung auf das römische Sprichwort „dulce et cecorum est…“ (Z. 34). Kritisch wird die Bewertung auch, wenn eine dem System innewohnende „Komik“ zugegeben wird (Z. 40 ff.).
Das Modaladverb „angeblich“ (Z. 31) verrät, dass der auktoriale Erzähler besser als die Presse (Z. 26 ff.) weiß, was der Fall ist (vgl. Z. 18!); auch sein Hinweis darauf, dass hinter der Exekutive das Establishment steht (Z. 11 und 37) und seine Interessen wahrnimmt, angeblich im Interesse der Gesellschaft (Z. 39), verrät die Wahrheit.
Im Bericht und den scheinbar naiven Erklärungen des Erzählers zeigen sich so massive Unterschiede zu einer rechtsstaatlichen Ordnung, dass der Leser dem Lob des vom Autor konstruierten Erzählers widerspricht, widersprechen muss:
– Es gibt Pflichten der Unterwelt (Z. 2 f.), welche die Polizei übernimmt (surreal?);
– diese gehören zu den öffentlichen Tätigkeitsbereichen (Z. 4);
– Täter werden nicht mehr gesucht, sondern ausgeguckt (Z. 7 ff.; 19; 26 f.);
– oft stehen sie als solche schon vor der Tat fest (Z. 12, vgl. Z. 26 f.);
– die Exekutive führt Verbrechen sachverständig selbst aus (Z. 14 ff.; 21; 23 f.).
Die Regeln des Rechtsstaates sind aufgehoben (Rechtsprinzip Z. 32 f.), offensichtlich gibt es keine Gerichtsverfahren mehr (Z. 30 f.). Der Unsinn dieses Rechts zeigt sich darin, dass die elementare Unterscheidung zwischen Täter und Opfer aufgehoben ist bzw. durch Würfeln bestimmt wird (Z. 41 ff.) – der Erzähler spricht von den „Rollen“ (Z. 44; Z. 18), die sie für die Gesellschaft bzw. das daran interessierte Establishment spielen; sie sterben nicht pro patria oder für ein höheres Ziel (Z. 34 f.).
Fazit: Im totalen Staat ist jedes Recht und jede Wahrheit aufgehoben zugunsten des „gesellschaftlich“ verbrämten Interesses eines Establishments. Dabei wirbt der Erzähler scheinbar um die Zustimmung der Hörer („wie es jedermann plausibel sein wird“, Z. 42), wodurch der Autor die Kritik der Leser desto heftiger anstachelt.
Dass diese Kritik am totalen Staat 1968 (APO, Notstandsgesetze; Aufstand gegen den autoritären Staat; „Establishment“ als Kampfbegriff) vorgetragen wurde, dürfte kein Zufall sein.

Das Prinzip der Konstruktion des Erzählers gleicht dem von Kunert: Bericht: Der Leser versteht die Erzählung im Sinn des Autors erst, wenn er sich gegen die offensichtlich fragwürdigen Einschätzungen des Erzählers wendet.

In G. Anders‘ Buch sind weitere beachtenswerte Erzählungen, etwa „Der gewissenhafte Nihilist“ (S. 31 f.) oder „Die Chronik“ (S. 32 f.). – Um die Tragweite seiner Erzählungen, die zwischen 1933 und 1968 entstanden sind, einschätzen zu können, sollte man in seine Essays „Die Antiquiertheit des Menschen“, vor allem in den zweiten Band hineinschauen. Seine Philosophie ist anthopologisch-politisch konkret, also aus seinen Erfahrungen gewonnen: Von seinem Lehrer Heidegger hat er sich radikal distanziert. Seine Lebensgeschichte ist hochinteressant; ich hatte einmal brieflich mit ihm zu tun, als es um einen Text für mein Arbeitsbuch „Ich und die anderen“ (1990) ging, in dem ich im Vorspann seine Philosophie skizzierte. Da reagierte er ganz heftig, ich hätte ihn missverstanden, er verbitte sich diese Darstellung usw. Als ich ihn dann auf Wendungen seines Textes und einen Artikel in einem biographischen Lexikon hinwies, lenkte er ein: ein liebenswürdig heftiger, streitbarer alter Herr, der 1992 gestorben ist.

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