H. von Kleist: Die Marquise von O… – Aufbau, Erzähler, Thema

(Ausgabe: Sämtliche Erzählungen und Anekdoten, dtv 2033, 1978 = Carl Hanser Verlag 1977)
Der Erzähler berichtet zuerst von der „sonderbaren“ (104/8) Annonce und stellt danach kurz die Marquise vor (104/7-11). Auch die einige Jahre umfassende Vorgeschichte (104/11-20) nutzt der Erzähler, die Protagonistin als eine ehrbare, tüchtige Witwe darzustellen.
– Krieg und Eroberung der Festung  (ca. 1 Woche?), 104/20 – 105/7
– Bedrohung und Rettung der Marquise durch den Grafen (ca. 1 Stunde?), 105/8  – 106/5
– Übergabe und Rettung der Festung, Bestrafung der Soldaten, Abzug der Truppen (ca. 1 Tag?),  106/6  – 108/15
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Die Familie tritt in den Vordergrund:
– Sie will dem Grafen danken, hört von seinem Tod, die Marquise vergisst ihn (mehrere Monate),  108/16 – 109/2.
– Die Familie zieht in die Stadt („nun“ 109/3.9), Übelkeit der Marquise (= M.), „eines Morgens“ Gespräch mit der Mutter (beinahe zeitgleich: 109/17-32), 109/3  – 109/32
– „Bald darauf“ erscheint der Graf, wirbt um die M., wird hingehalten, verschiebt seinen militärischen Auftrag, reist nach vorsichtiger Zusage ab (1/2 Tag), 109/33 – 119/26.
– Nach mehreren Wochen: Unpässlichkeiten der M.,  nach mehreren Tagen vom Arzt untersucht (1/2 Stunde), 119/27 – 120/32
– Gespräch der M. mit ihrer Mutter (1 Stunde), 120/33 – 123/28
– Untersuchung durch Hebamme, Mutter verflucht M. , Gespräch mit der Hebamme (ca. 1 Stunde), 123/29 – 124/35
– dramatische Verstoßung der M., Aufbruch (2 St.?), 124/36 – 126/3
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– Die M. richtet sich in ihrem Haus und in ihrer Situation ein und gibt die Annonce auf (mehrere Wochen), 126/4  – 127/18.
– Graf F. hat an die M. geschrieben, erscheint selbst, wird vom Bruder informiert (kurzes Gespräch >>>) und 127/19 – 128/11
– reitet zur M., nähert sich heimlich, wirbt zu heftig und wird abgewiesen (1 Stunde?), – 129/26
– denkt über einen Brief nach und erhält vom Bruder die Annonce (am Abend); da weiß er, was er zu tun hat. – 130/27
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„Inzwischen“ ist der zweite Brief des Grafen bei der Familie angekommen; die Annonce wird gelesen und besprochen, 130/28 – 131/30
– Am nächsten Zeitungstag lesen die Eltern die Antwort, Vater fühlt sich hintergangen, Mutter ist vorsichtiger. – 132/27
– Wenige Tage später: Brief der M. an die Eltern, am 3. den Besucher zu schicken; Mutter reist zur M., Versöhnung, Prüfung der M., Gespräch der Frauen (1/2 Tag), Rückreise, – 138/9
– Versöhnung mit dem Vater // Liebesszene (1 Stunde?)  – 139/9
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Am 2. d.M. berät die Familie, was zu tun ist, am 3. d.M. wird der Graf von den Frauen empfangen, Mutter begrüßt ihn, M. lehnt ihn als „Teufel“ ab, 139/10 – 141/23.
– Vater nimmt den Grafen auf und verabredet Hochzeit.  – 142/4
– Der vom Vater und dem Grafen aufgestellte Heiratskontrakt wird am 4. d.M. der M. vorgelegt, worauf sie einwilligt. – 142/30
– Summarisch wird dann von der Hochzeit, Taufe des Sohnes, Versöhnung, zweiter Hochzeit, weiteren Kindern erzählt. – 143/34
Dem Schlusssatz als der Erklärung, warum die Marquise den Grafen abgelehnt hat, kommt Bedeutung zu.
Aus dieser Übersicht müsste hervorgehen,
1. dass die Annonce der Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist,
2. dass mehrere Erzählstränge miteinander verflochten sind, wobei gelegentlich zeitlich zurückgegriffen werden muss,
3. dass aber – von der Vorwegnahme der Annonce abgesehen – im Wesentlichen chronologisch erzählt wird,
4. dass die Ereignisse weniger Tage den größten Anteil der Erzählzeit erhalten (105/8 ff.; 109/33 ff.; 119/27 ff.; 127/18 ff.; 132/28 ff.; 139/10 ff.).

Der Erzähler hält sich zurück, wendet sich nur zweimal an seine Hörer (Leser?, 127/18.37), schließt sich häufig an die Perspektive seiner gerade dominierenden Figur an, etwa an
– die Marquise: „unglücklicher Weise“ (105/19 f.);
– Marquise/Graf: „Hunde, die nach solchem Raub lüstern waren“ (105/31);
– Oberst: der Russe schien einer der Anführer zu sein nach der Rolle, die er spielte (106/14-16);
hier wird klar, dass nicht auktorial erzählt wird, was auch der berühmte Gedankenstrich (106/2) bezeugt.

Im Titel wird mit Recht die Marquise als Protagonistin benannt. Es geht für sie darum, als ehrbare Witwe und Tochter mit ihrer Schwangerschaft klarzukommen: Wer sie für schwanger erklärt, beleidigt und kränkt sie (120/25; 121/27; 122/1); es geht darum, ob sie Schuld auf sich geladen hat oder „unschuldig“ ist (126/2.10). Ihre Mutter erkennt schließlich ihre Unschuld an und nimmt ihre „Schande“ als Ehre (136/9 f.).
Damit verbunden sind die Fragen,
was sie von Schwangerschaft und Schwängerung weiß (Bewusstsein vs. Gefühl, 122 ff., mit der Gefahr, im Wahnsinn zerrissen zu werden),
wie sie den verantwortlichen Mann einschätzt (eigenes Begehren vs. Ablehnung in der Familie, v.a. durch den Vater 117/22f. – 117/29 f.; 118/20 f. mit 138 f. und 141/30; Engel – Teufel 143/32 ff.) und
wie sie mit dem subjektiv Unerklärbaren umgeht (126/12-14 und 126/34 ff. – dagegen die Mutter: 140/33).
Die Frage der Weltordnung berührt auch der Graf, aber eben in seiner Perspektive (143/21-23) – der Erzähler hält sich zurück!

P.S. ein Epigramm Kleists aus dem Jahr 1808 (im „Phöbus“):

Die Marquise von O…

Dieser Roman ist nicht für dich, meine Tochter. In Ohnmacht!
Schamlose Posse! Sie hielt, weiß ich, die Augen bloß zu.

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