Heinrich von Kleist: Das Bettelweib von Locarno – Analyse

In der Novelle „Das Bettelweib von Locarno“ von Heinrich von Kleist wird erzählt, wie ein Marchese, weil er eine arme Frau durch seine Arroganz in den Tod getrieben hat, durch das Erscheinen ihrer Spukgestalt Jahre später selbst umkommt.
Die Hauptfigur der Erzählung ist zweifelsohne der Marchese. Er ist derjenige, der durch sein Fehlverhalten den Tod der Frau verursacht hat, und er ist auch derjenige, dessen Schloss durch den Spuk an Wert verliert, der selbst drei Spuknächte miterlebt und dadurch zum Schluss in den Selbstmord getrieben wird. Mit dem Titel „Das Bettelweib von Locarno“ wird allerdings seine Gegenspielerin in den Vordergrund gestellt; ist sie auch nicht als Hauptfigur, so doch als die letztlich handlungsmächtige Gestalt anzusehen. Unklar ist die Funktion der Marquise: Ist sie Gattin und Helferin des Marchese (bei seiner Spuk-Untersuchung) oder heimliche Gegenspielerin, welche absichtlich eine Bettlerin in dessen Waffenzimmer (im 1. Stock!) unterbringt? Die Diener sind eher Staffage; der Wunsch des Ritters leitet die eigentliche Kette der Ereignisse ein.
Das Geschehen ist in zwei Abschnitte gegliedert. Zunächst schildert der Erzähler das Vergehen des Adeligen an der Bettlerin, die er durch seinen Unwillen in den Tod treibt (Z. 3-13). Im nächsten Teil (Z. 14-31) wird erzählt, wie Jahre später zum ersten Mal der Spuk auftritt, als ein Ritter, der das Schloss kaufen möchte, in dem Zimmer, in dem die Frau starb, übernachtet. Das Hauptgeschehen (Z. 32-81) bilden die drei aufeinander folgenden Nächte, die der Marquis jeweils in anderer Begleitung in dem Spukzimmer verbringt. – Diese beiden Ereignisreihen stehen unter den Motiven „Schuld“ und „Sühne“ in Verbindung. Der Adlige büßt sein unüberlegtes Verhalten mit dem Tod; als Grab dient nämlich der „Winkel des Zimmers, von welchem er das Bettelweib hatte aufstehen heißen“ (Z. 83 f., vgl. Z.8).
Dass die Ereignisse gegenläufig sind, erkennt man auch an der Frage, wer das Geschehen dominiert. Zuerst kann der Marchese der Frau befehlen, für seine Büchse ihren Platz zu räumen; sie muss gehorchen und sich entfernen. Später ist das Gespenst die Figur, welche diese Bewegung der Frau wiederholt (Z. 22-25 und Z. 66 ff., vgl. Z. 9 ff.) Die Waffen des Adligen, die in der Vorgeschichte seine Macht symbolisieren (Z. 7), versagen später im Kampf gegen den Spuk (Z. 61 und 73 ff.).
Durch die ganze zweite Ereignisreihe ziehen sich das Erschrecken und die Ratlosigkeit des Marquis; dabei werden diese immer weiter gesteigert. So ist der Marchese zunächst nur „erschrocken“ (Z. 26) und „erschüttert“ (Z. 39), hält die Geräusche für „unbegreiflich“ (Z. 40) und reagiert „scheu und ungewiss“ (Z. 44). Seine Erschrockenheit steigert der Erzähler über Ausdrücke wie „mit sträubenden Haaren“ (Z .72) bis hin zum Begriff der Todesangst („vom Entsetzen übereilt“ (Z. 78), „müde seines Lebens“ (Z. 80). Mit diesem Begriff endet auch die Reihe der Ratlosigkeitsmotive; zu erwähnen ist noch, dass sich die Eheleute dadurch unterscheiden, dass die Marquise besonders „entschlossen“ und „augenblicklich“ (Z. 75) handelt, wogegen ihr Mann willkürlich und ohne Erfolg „nach allen Richtungen die Luft durchhaut“ (Z. 74 f.). Dementsprechend kopflos oder, wie der Erzähler sagt, „vom Entsetzen überreizt“ (Z. 78) handelt er: Er zündet das Schloss an und ist unrettbar verloren (Z. 80 f.).
Obwohl das Geschehen sehr spannend und spukhaft abläuft, wird die Geschichte distanziert von einem neutralen Erzähler erzählt. Es kommt keine direkte und wenig indirekte Rede vor; falls die Figuren sprechen, werden ihre Sprechakte genannt (z.B. „Vergebens schickte sie Leute hinein, den Unglücklichen zu retten“, Z. 80 f.). Der Erzähler beginnt die Geschichte ohne Zeitangabe. Als Ort des Geschehens nennt er ein Schloß bei Locarno in Oberitalien; durch den Hinweis, dass man es heute noch sehen kann (Z. 2 f.), vermittelt er den Eindruck, als sei der Ort und somit die ganze Geschichte nicht fiktiv, sondern real. Zunächst nennt der Erzähler als Handlungsort ein „Schloß“, dann „weitläufige Zimmer“, schließlich „das Zimmer“ und „den Winkel“ (Z. 2-8). Der Raum wird also immer weiter zugespitzt, und zwar außerordentlich schnell, ähnlich wie das Geschehen im Verlauf der drei Nächte, die aufgrund ihrer zunehmenden Dramatik [diese könnte noch untersucht werden!] immer genauer beschrieben werden. Den Höhepunkt bildet das Geschehen der letzten Nacht, wo einzig der Hund das Gespenst zu sehen scheint, während die Menschen dem Unsichtbaren hilflos gegenüberstehen (Z. 66-70).
Die eigentliche Geschichte wird umrahmt vom Bezug des Erzählers auf die Gegenwart (Merkmal der Novelle); sowohl am Anfang wie auch am Ende verweist der Erzähler auf das Schloss, wie es „jetzt“ (Z. 2, Z. 81) ist. Bei der Schilderung der dritten Nacht, beim Höhepunkt, wird szenisches Präsens (Z. 62-77) verwendet, die Spannung gesteigert. Hier wird auch beinahe zeitdeckend erzählt, ansonsten immer nur zeitraffend, mit Annäherung an das zeitdeckende Erzählen.
Der Satzbau ist sehr verschachtelt; es werden viele Adverbiale und Teilsätze aneinandergereiht und durch Kommata abgetrennt. So macht das Erzählen einen drängenden Eindruck; es scheint, als wolle der Erzähler so schnell wie möglich die Spannung steigern, bis er am Höhepunkt angelangt ist (Z. 65 ff.). Aus diesem Grunde werden die Sätze bis zum Höhepunkt immer länger (Z. 65-71).
Mit dem Schlusssatz verknüpft der Erzähler die beiden Ereignisse, den Tod des Bettelweibs und die Vernichtung des Marquis, über die Identität des Ortes. Seinen Hinweis darauf, dass die Gebeine „noch jetzt“ da liegen (Z. 80), könnte man als eine Mahnung oder als Trost lesen, dass jedes Unrecht letztlich gesühnt wird.

P.S. Der Kollege Lennart hat darauf hingewiesen, dass sich in der Novelle auch adelskritische Aspekte finden lassen (der arrogante, brutale Marchese als Adeliger).

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