Johann Peter Hebel: Der Wasserträger (Analyse)

Den Text entnehme ich der Ausgabe J. P. Hebel: „Poetische Werke“ (Winckler, München o. J., S. 327-329). Diese Erzählung ist wie viele andere Erzählungen Hebels kaum bekannt, was aber nicht gegen die ihre Qualität sprechen muss; sie stammt aus dem Kalender „Rheinländischer Hausfreund“, den Hebel seit 1805 herausgegeben hat. [Die Erzählung eignet sich zur Analyse in der Sekundarstufe II.]

Überlegungen zur Analyse
Wie baut der Erzähler seine Erzählung auf?
* Z. 1-10; 11-14; 15-18; 19 f.; 20-26; 27 ff.; 58-61; 62. Was tut der Erzähler sprachlich?
* Du müsstest sehen: Es gibt eine Ausgangssituation, die durch den Gewinn „gestört“ wird; der eine / der andere handeln gegensätzlich mit dem unverhofft gewonnenen Geld; der zweite Wasserträger kehrt in die Ausgangssituation zurück.
Woran erkennst du, dass eine lehrhafte Erzählung vorliegt?
Welche Lehre will der auktoriale Erzähler vermitteln?
* Wo gibt der Erzähler zu erkennen, wen er selbst für den richtig Handelnden hält? (Es genügt nicht zu bemerken, dass es einen auktorialen Erzähler gibt – man muss wahrnehmen, welchen Beitrag er zum „richtigen“ Verstehen leistet!)
* Wie ist das erzählte Geschehen zeitlich vom Erzähler strukturiert: Was ist ihm wichtig, wofür nimmt er sich also viel Zeit?
* Wo ergibt sich das Gleiche aus dem Handeln der Figuren?
* Wo ergibt sich das Gleiche „aus der Sache“ selbst [im Urteil des Lesers, der die Bibel kennt]?
* Was bedeuten oder leisten die Hinweise auf den Hausfreund (Z. 25 f.; 30; 62)?
* Was ergibt sich aus der Überschrift „Der Wasserträger“? [Ist das die Sicht des Autors?]
Einzelfragen:
Es genügt nicht, die beiden Figuren unter der Alternative „Verstand – Gefühl“ zu sehen – warum genügt das nicht? Das Schlimme beim ersten Wasserträger ist ja nicht, dass er denkt, sondern dass er falsch denkt! (Bei Max Horkheimer heißt diese Art des Denkens „instrumentelle Vernunft“: Die Vernunft ist nur noch als Instrument auf die Mittel des Handelns gerichtet und prüft nicht mehr die Ziele des Handelnden!)
Wie denken die Hörer des auktorialen Erzählers über das sichere Anlegen des Geldes (Z. 21 f.)? Beachte: Sie alle kennen Luk 12,16-20!
Welche Bedeutung kommt der Ausgangssituation zu? Wie ergeht es beiden jahrelang und dem zweiten dann wieder für den Rest seines Lebens? (Was bedeuten die Diminutive im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen um 1810?)
Wieso will der zweite Wasserträger unbedingt mit dem Gewinn fertig werden (Z. 32, 53)?
Wozu ist der Erzählerkommentar (Z. 15-18) im Zusammenhang  gut?
Was ist  das Thema dieser Erzählung?
Zur Darstellung der Ergebnisse:
Wie viel „Inhalt“ musst du darstellen? (Genügt es, das Thema zu nennen?)
Wie kannst du vermeiden, zu Beginn eine kurze Nacherzählung zu geben?
Wie kannst du es vermeiden, dich am Textverlauf entlang zu hangeln? Welche „Ideen“ können dich bei deiner Darstellung leiten?
Was sollte zitiert werden? Wo genügt ein Hinweis auf den Text?

Analyse
Es liegt eine lehrhafte Erzählung vor; das ergibt sich aus dem Konstrast der beiden Hauptfiguren, die genau Gegensätzliches mit dem unerwartet gewonnenen Reichtum tun. Beide handeln exemplarisch („unsere zwei Wasserträger“, Z. 19); doch die Überschrift „Der Wasserträger“ nennt nur den, der richtig handelt. An zwei Stellen wird das überraschende Handeln des Helden kommentiert: vom Wasserträger („Gottlob“, Z. 52 f.), indirekt von Erzähler („wieder so lustig und zufrieden, wie vorher“, Z. 58 f.). Auch die Beglaubigung des Erzählten, das bis an die Gegenwart der Leser („jetzt“, Z. 25 und 58) und die Zeugenschaft des Hausfreunds (Z. 25 f.) herangeführt wird, entspricht dem lehrhaften Charakter der Erzählung.
Der auktoriale Erzähler erklärt (Präsens) zunächst den Lesern des Kalenders, wieso es in Paris keine Brunnen gibt und was die Wasserträger dort zu tun haben (Z. 1-10). Dann beginnt er vom normalen Leben zweier solcher Wasserträger zu erzählen (Z. 11 ff.); sie spielen nebenher auch in der Lotterie (Z. 13 f.).
„Lotterie“ ist das Stichwort, das der Erzähler angepeilt hat; er nutzt es zu einem Kommentar über die Dummheit des Lotteriespielens (Z. 15 ff.), im Geschehen löst es eine Veränderung im Leben der beiden Wasserträger aus: den Gewinn von 100.000 L. (Z. 18-20). Im Folgenden geht es darum, wie die beiden mit diesem unverhofften Gewinn umgehen: was der eine (Z. 20 ff.) und was der andere tut (Z. 27 ff.), bis sie sich zum Schluss wieder begegnen (Z. 59-61).
Es fällt auf, dass die Überschrift „Der Wasserträger“ heißt, obwohl doch von zweien erzählt wird; der eine, der nachdenkt und sein Geld klug anlegt, ist dem Erzähler nur gut sechs Zeilen wert; der andere jedoch ist der wahre Held der Erzählung. Sein Tun wird zuletzt und viel breiter (gut 30 Zeilen) erzählt; auch er denkt nach (Z. 27 ff.), plant über ein Vierteljahr ein Leben ins Saus und Braus („alle Tage“ Z. 33, 34, 37; zwei Reihen, Z. 40; sechs Bediente, Z. 46; überall, Z. 47: Signale seines verschwenderischen Lebens), bringt sein Geld jedoch schneller durch (Z. 49 ff.), macht sich noch einen lustigen Tag (Z. 53 ff.) und nimmt sein normales Leben wieder auf (Z. 56 ff.). Die großen Anreden an den Reichen klangen ohnehin recht hohl (Z. 47-49).
Da das Leben des wahren Helden „wie vorher“ (Z. 58, wiederholt in Z. 59) weitergeht, erweist sich das große Ereignis des Lotteriegewinns als ein wahres Nicht-Ereignis, dessen Folgen der Held nach eigener Einsicht „gottlob“ bald überwunden hat. Das Leben, das er vorher wie nachher führt, ist ja auch nicht schlecht: harte Arbeit, aber doch genug zu essen, und sonntags reicht es sogar für ein Schöpplein Wein (Z. 11 f.).
Sein Gegenspieler hat sich paradoxerweise wegen seines Reichtums gefragt: „Wieviel darf ich des Jahrs verzehren…?“ (Z. 22-24), mit dem Ziel, so viel zu bekommen, dass er es „nimmer zählen kann“. Aber wozu er so viel Geld braucht, weiß niemand; der wahre Held tut also das, was der Leser auch tun soll, er „lacht ihn aus“ (Z.61). Er beschämt ihn sogar, indem er ihn umsonst mit Wasser beliefert, und zeigt so eine Lebensweisheit, die „Der Schatzgräber“ Goethes (1797) erst unter Lebensgefahr erwirbt: Geld ist nur ein Mittel zum Leben, und mehr als leben kann man nicht.

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