Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen – Analyse (Skizze)

Ausgangssituation: Es gibt ein Liebespaar in Falun.
1. Ereignis: Das Paar bereitet die Hochzeit am Tag St. Lucia vor.
2. Ereignis („als aber“, Z. 6): Die Hochzeit wird durch ein Unglück vereitelt.
– (Die Zeit von mehr als 50 Jahren wird überbrückt: „unterdessen“, Z. 15)
3. Ereignis („als aber“, Z. 25): Der Verunglückte wird gefunden und von der früheren Braut erkannt („aber – bis“); ihre Liebe erwacht wieder.
4. Ereignis: Die Frau begräbt den Toten („aber“, Z. 45), „als wenn es ihr Hochzeitstag (…) wäre“ (Z. 51; vgl. „als wenn…“, Z. 30 f.).
Ergebnis: Die Hochzeit ist symbolisch vollzogen (Halstuch umgelegt, sie trägt ihr Sonntagsgewand, er ist „im […] Hochzeitsbett“, Z. 53); die Frau erwartet die endgültige Vereinigung mit dem Bräutigam.

Auf der Achse der Symbole (Bedeutung) stehen gegenüber:
was vergeht (Tod):                                               – was (50 Jahre) Bestand hat (Liebe):
das Aussehen der Braut                                     – die Erinnerung der Liebenden (Z. 14)
das Leben (der Menschen)                                – die unverweste Leiche (Z. 30 f.) / die Flamme der Liebe (Z. 44 f.) / das Halstuch (Z. 49 f.)
die Weltereignisse  (Kriege, Tod, Z. 15 ff.)       – das gleichförmige Arbeiten der  Menschen (Z. 23-25)

Die Metapher „Schlaf“ und die zugehörige Zeitstruktur Tag / Nacht / Tag überbrücken den Gegensatz zwischen Liebe und Tod:
* Scheinen Liebeserfüllung und Tod anfangs Gegensätze zu sein („ohne dich…“, Z. 5 f.), so bezeugt schon das schwarze („Tod“) Tuch mit rotem („Liebe“) Rand, dass sie zusammen bestehen können; so kann die Frau den Bräutigam begraben, „als wenn es ihr Hochzeitstag… wäre“ (irrealer Vergleich, Z. 51), während sie dessen Sarg als kühles (Tod) Hochzeitsbett bezeichnet (Z. 53).
* Die Frau bekennt in ihrer Rede eine utopische Hoffnung, welche den Bestand der Liebenden (der Menschen) über den Tod hinaus glaubt und deren Schlüsselsatz lautet: „und bald wird’s wieder Tag“ (Z. 54). Sie rechtfertigt diese Sicht: Der Tod sei Schlaf (Z. 52 f.); sie komme „bald“ zu ihrem Bräutigam (ins Grab, also „ins Bett“). Wie sie selbst das Halstuch in einem Kästlein aufbewahrt hat, hat die Erde ihren Bräutigam unversehrt aufbewahrt (Z. 43 f.) und ihr wiedergegeben (Z. 55); daraus leitet sie ein Gesetz ab, wie die Erde handelt: Diese wird die Toten auch zum zweiten Mal nicht behalten (Z. 55). Ist die Erde eine handelnde Größe (wohinter „Gottes Handeln“ steht!), dann ist die Metapher Schlaf für Tod (Auferstehung) angemessen; im irrealen Vergleich (Z. 30 f.) wird diese Sicht vom Erzähler vorbereitet (vgl. auch: die Flamme der Liebe „erwacht“, Z. 45); sie wird also vermutlich von ihm geteilt.

Aufbau: Die Erzählung ist in drei Abschnitte eingeteilt:
Wie eine Hochzeit vorbereitet wird und scheitert (Z. 1-14); wie die Zeit weitergeht (Z. 15-25); wie der Bräutigam gefunden und begraben [und die Hochzeit „nachgeholt“] wird (Z. 25 ff.). Die Hauptereignisse finden jeweils an zwei aufeinander folgenden Tagen statt (Z. 6-12; Z. 25 ff.), getrennt durch 50 Jahre Z. 31).

Das Handeln des Erzählers könnte genauer untersucht werden: Verwendung der Kontraste und ihrer Überwindung, der irrealen Vergleiche, der Zeitstruktur geht z.T. auf sein Konto, z.T. auf das des erzählten Geschehens. Entsprechend ist die Frau als Hauptakteurin, von der erzählt wird, zu würdigen.

Was Hebels Erzählkunst aus dem Stoff gemacht hat, sieht man im Vergleich mit einer anderen dichterischen Gestaltung des gleichen Stoffs, der Ballade „Des Bergmanns Leiche“ von Trinius.

Kannitverstan / Unverhofftes Wiedersehen: Überlegungen zur möglichen Intention des Autors um 1810

In beiden Erzählungen klingen christliche Motive ebenso wie Schlagworte der Entstehungszeit an:
dass nach dem Todesschlaf ein neuer Tag anbricht,
dass wir nur Gast (Fremdling) auf Erden sind,
dass wir paradoxerweise (also durch Erlösung) durch unsere Irrtümer zur ewigen Klarheit und Wahrheit kommen.
Eine kirchenkritische Pointe liegt in der Tatsache, dass der Fremde in Holland durch eine unverständliche Predigt mehr gerührt wird als durch manche deutsche (Z. 112-114); die Rührung stammt aus dem wehmütigen Gefühl, „das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht“ (Z. 85-87). In diesem Gefühl ist der Handwerker ein guter Mensch, in diesem Gefühl stellt er die richtige Betrachtung über den Gang des Lebens an (Z. 100 ff.). Als er dagegen nur gefühllos auf seinen Verstand gesetzt hat, hat er die wesentliche Gleichheit der Menschen (angesichts des Todes) übersehen und nur die Unterschiede zwischen Armen und Reichen bemerkt (Z. 70 f.). Hier bezieht der Autor zwischen dem Vertrauen auf die Vernunft (Aufklärung, 18. Jahrhundert) und der Betonung des Gefühls (Romantik, etwa 1790-1830) Position, ebenso zwischen dem Gleichheitspathos der Revolution (1789) und dem christlichen Schöpfungs- oder Erlösungsglauben, der zum politisch Konservativen neigt.
Man könnte auch auf die Nähe des Theologen Hebel zum schwäbischen Pietismus verweisen, wo die Herzensfrömmigkeit (gutes Herz, Gefühl) höher als das Bekenntnis der „richtigen“ Glaubenssätze geschätzt wird; die Geschichte (inklusive Fr. Revolution) ist nur Hintergrundmusik auf dem Weg der (liebenden) Menschen zur ewigen Vollendung.
Indirekt liegt auch eine Kritik an dem reichen Beerdigungsteilnehmer vor, der sogar beim Begräbnis noch kalkuliert, wie er seine Gewinne steigern kann; dieser Erzkapitalist blickt nicht auf das, was letztlich Bestand hat, und geht so in die Irre – er ist die unbelehrte Gegenfigur des „einsichtigen“ schwäbischen Handwerkers.
Es ist auf Grund zweier Erzählungen nur mit Vorsicht zu sagen, was des Autors Hebel Intention bei seinem literarischen Schaffen ist; doch ist zu erkennen, welches „konservative“, antiaufklärerische Wirkungspotenzial in den Erzählungen liegt. Es ist auch zu verstehen, dass die Kultusminister („die Regierung“) nichts dagegen hatten, dass gerade diese beiden Erzählungen immer wieder in deutschen Lesebüchern abgedruckt wurden. [Trotzdem sind es gute Erzählungen!] – Die tatsächliche Wirkung der Erzählungen müsste mit viel Aufwand empirisch erforscht werden.
Vgl. den Artikel „Schatzkästlein…“ in: Hauptwerke der deutschen Literatur. Bd. 1 (Kindlers Neues Literatur Lexikon), 1994, S. 413 f., und den Artikel „Schatzkästlein…“ im alten KLL; vgl. auch „Text und Kritik“, Heft 151 (Juli 2001), über J.P. Hebel. Ferner: „Kalendergeschichten“ im Wörterbuch, ebenso die Epochenstichworte (s.o.).

4 thoughts on “Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen – Analyse (Skizze)

  1. können sie mir sagen welche zeitgestalltung,raumgestaltung,figurengestalltung und erzaehlhaltung ist vielen dank.

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