Kafka: Vor dem Gesetz – Analysen, methodische Überlegungen

Kafka hat diese Parabel 1915 gesondert veröffentlicht, ehe er sie im Prozess-Roman zu einem Kapitel verarbeitet hat. Es wird erzählt, wie ein Mann vom Lande vergeblich versucht, in das Gesetz einzutreten oder eingelassen zu werden.
Es treten zwei Figuren auf, der Türhüter und ein Mann vom Lande; sie führen im Wesentlichen zwei Gespräche, von denen zu Beginn und am Ende der Erzählung berichtet wird. Sie treffen sich „vor dem Gesetz“, das wie ein herrschaftliches Haus einen Türhüter vor dem Eingang stehen hat; zwischen den beiden Gesprächen verbringt der Mann vom Lande sein Leben mit erfolglosen Versuchen, in das Gesetz eingelassen zu werden. Zum Schluss wird zweimal angedeutet, dass der Mann bald stirbt: „Vor seinem Tode“ stellt er die letzte Frage; der Türhüter erkennt, „dass der Mann schon an seinem Ende ist“.
Das wäre die banale Geschichte eines Scheiterns, wenn nicht viele Fragen auftauchten, die dem Leser nicht beantwortet werden: Leerstellen, die er aber füllen muss, wenn er so etwas wie „Sinn“ in der Erzählung finden will. Der Erzähler hält sich bis auf einen Kommentar zu den Fragen des Türhüters völlig zurück („teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen“); man bleibt an die Perspektive des Mannes und die Worte des Türhüters gebunden, ohne dass die beiden Figuren als Individuen aufträten, deren Perspektive man einschätzen könnte.
Gleich zu Beginn fragt man sich als Leser: In welches Gesetz kann man durch ein bewachtes Tor eintreten? Und was ist die Aufgabe des Türhüters? Dessen erste Antwort kann in vier Lesarten betont werden: er / jetzt / nicht / (Eintritt) gewähren können.
Unklar ist sodann, warum der Mann um Eintritt gebeten hat, wenn doch das Tor zum Gesetz offen steht „wie immer“. Unklar bleibt, warum er sich bückt und warum der Türhüter lacht; ebenso ist nicht klar, worauf „das” verweist, was dieser bemerkt.
Der Türhüter interpretiert seine ersten Äußerungen, wenn er nun von seinem „Verbot” spricht; offen bleibt, wieweit die aus der Perspektive des Mannes gesehenen „Schwierigkeiten” bestehen oder ob sie nur von ihm erlebt werden. Unklar bleibt vor allem, warum der Mann vom Lande sich entschließt zu warten; der Erzähler nennt als Grund den Eindruck, den der Türhüter bei genauerem Zusehen auf jenen macht, ohne den Grund genau zu bestimmen.
Die Zeit des Wartens und der vielen Versuche (worin bestehen sie?), eingelassen zu werden, reiht sich sinnvoll an das Scheitern des ersten Versuchs an. Unklar ist jedoch, worin der Mann „den unglücklichen Zufall” erblickt und ob der Glanz, den er mit seinen schlechten Augen wahrnimmt, wirklich vom Gesetz ausgeht; jedenfalls sieht er keinen der angeblich mächtigen Türhüter.
Auch das letzte Gespräch eröffnet einige Fragen: Warum streben alle nach dem Gesetz? Was erwarten sie davon, was möchte der Mann vom Lande darin? Der Türhüter beantwort die Frage des Mannes nicht richtig: Der fragt, warum niemand gekommen ist; jener erklärt, dass niemand außer dem Mann hier Einlass erhalten konnte.
Ein weiterer Widerspruch ergibt sich aus der letzten Antwort des Türhüters: Nach Auskunft des Erzählers steht das Tor des Gesetzes immer offen, jener jedoch kündigt an, es „jetzt“ zu schließen.
Das größte Paradox besteht aus dem Widerspruch zwischen seinem „Verbot” (oder dem Nichtgewähren) und seiner Aussage, dass dieser Eingang nur für den Mann vom Lande bestimmt ist oder war; durch das Zustandspassiv „war…bestimmt“ wird eine ungenannte höhere Instanz eingeführt, in deren Dienst der Türhüter zu stehen, doch deren Anordnung er nicht zu befolgen scheint. Es handelt sich um ein Paradox in den Aussagen des Türhüters, welches der Erzähler nicht auflöst und zu dessen Auflösung er auch nichts beiträgt; man fragt, ob der Türhüter die Wahrheit sagt (und die Wahrheit kennt) und ob es überhaupt eine Wahrheit und damit Antwort auf die Fragen und eine Auflösung des Paradoxons gibt.
Kafkas Erzählung scheint das Urteil meiner jüngeren Tochter Hanna über den Autor zu bestätigen: „Das ist ein Irrer,  der hat einen an der Klatsche.“ Etwas vorsichtiger formuliert könnte man sagen: Es tauchen erhebliche Schwierigkeiten auf, wenn man die so genannte „Parabel“ verstehen will; jeder Versuch einer Deutung, jeder Versuch, die Leerstellen zu füllen, muss daher sorgfältig geprüft werden, auf welchem Weg der Deutende zu seiner Deutung kommt. Ohne strengste methodische Kontrolle lassen wir, lasse ich keine Deutung gelten. – Ich stelle im Folgenden mehrere Versuche einer Deutung kurz vor.

1. Versuch
Dieser Versuch (http://www.germanistik.uni-freiburg.de/seminare/kafka/bittner.htm) stammt aus dem Hauptseminar von Prof. Günter Saße (Uni Freiburg, WS 1995/96); ich nehme an, dass der Autor dafür einen Seminarschein und somit den professoralen Segen bekommen hat. Die Arbeit von Johannes Bittner ist (vereinfacht) folgendermaßen gegliedert:
1. EINLEITUNG
2. TEXTANALYSE
3. ? [fehlt, N.T.]
3.1. Die Beziehung Türhüter-Mann
3.2. Das Leben des Mannes
4. TEXTINTERPRETATION
5. FAZIT
6. BIBLIOGRAPHIE
Bittner gibt im Wesentlichen zwei Deutungen, eine psychologische (wir kennen sie bereits von H. Harbrecht) und eine religiöse; diese stützt sich auf den „Glanz“, der aus dem Gesetz hervorbricht (vgl. meine metaphorische Deutung). Lichtglanz ist ein altes Atrribut des Göttlichen, wie wir ihn noch vom Heiligenschein auf alten Bildern kennen, der noch bei Goethe nachscheint: Wie herrlich leuchtet / mir die Natur. Ich gebe die wichtigsten Passagen der „Textinterpretation“ wieder:

„Untersucht man den Text einmal unter psychologischen Vorzeichen, so stellt man fest, daß hier die Geschichte einer Verdrängung und einer Projektion erzählt wird. Der Mann sieht sich gefangen zwischen einem „Nomos“, das er sich selber auferlegt hat und das besagt, daß er „in das Gesetz eintreten“ will, und seinen Ängsten, die genau diesem „Nomos“ zuwiderlaufen. Das Gesetz scheint offensichtlich ein Ort zu sein, der Angst auslöst: Der Türhüter spricht von „schrecklichen Türhütern“, deren Anblick nicht zu ertragen sei, der Mann blickt nur vorsichtig hinein, insgesamt ist das Gesetz als eine geheimnisvolle, unbekannte Sphäre charakterisiert. Das „Nomos“, seinen Willen, in das Gesetz einzutreten, hat der Mann deutlich geäußert. Seine Ängste werden da deutlich, wo sein Eintritt in das Gesetz scheitert: Der Mann vom Lande hat zwar alle äußeren – oberflächlichen – Vorkehrungen getroffen, die für sein Unternehmen wichtig sind, und er ist auch den weiten Weg bis hin zum Tor des Gesetzes gegangen, doch an dieser Stelle, da der „Punkt ohne Wiederkehr“ für ihn erreicht ist, zeigt sich, daß er nicht die innere Vorbereitung bzw. den tatsächlichen, inneren Willen besitzt, um wirklich in das Gesetz einzutreten.
[…]
Diese Interpretation wird gestützt durch das Ende des Textes, wo es heißt, daß der Türhüter den Eingang, der für den Mann bestimmt war, schließt. Der Eingang war tatsächlich nur für den Mann bestimmt, und es konnte auch sonst niemand dort Einlaß begehren, da der Mann diesen bestimmten Eingang (der keiner werden sollte) für sich gewählt hatte. Der Mann vom Lande hatte in der Tat jenen Eingang gewählt, weil gerade dieser Eingang ihm den Eintritt verwehren würde. Der Eingang, vor dem der Mann sein ganzes Leben verwartete, war also sein ganz individueller Ort, an dem er im Schwebezustand zwischen seinen Ängsten und dem „Nomos“ untätig verharrte.
So gesehen verrät auch diese letzte Frage, die der Mann in all den Jahren nicht an den Türhüter gestellt hatte, das verdrängte Bewußtsein um die Besonderheit seiner Lage. Die Frage offenbart, daß der Mann schon erkennt, daß seine Situation ungewöhnlich ist und daß er isoliert ist; die Frage mutet fast ironisch an, bedenkt man, daß sich der Mann dieses Tor und seine konkrete Form (mit Türhüter) selbst gewählt hat: Wie kann er angesichts dessen verwundert sein, daß niemand sonst an diesem Tor Einlaß verlangt hat?
Schließlich beantwortet die vorliegende Interpretation auch die Frage, ob der Türhüter das Tor tatsächlich schließt, ob er es überhaupt schließen kann. Der Türhüter besaß ja nur solange eine Existenzberechtigung, solange der Mann vom Lande lebte und ihn brauchte, um ihm den Eintritt in das Gesetz zu verbieten. Mit dem Tode des Mannes ist dies hinfällig geworden und der Türhüter seiner Funktion verlustig gegangen. Das ganze Tor mitsamt seinem Türhüter hat keine Bedeutung mehr, da der Mann vom Lande nicht mehr existiert; allenfalls wird es wieder neue und andere Tore, mit neuen, anderen Türhütern oder anderen Hindernissen, geben, die anderen „Männern vom Lande“ den Eintritt verweigern.
[…]
Wenden wir uns aber doch noch einmal dem Text zu, und zwar dem Problem des „Glanzes, der unverlöschlich aus der Tür des Gesetzes bricht“. Hier stellt sich die eminent wichtige Frage, wie dieser „Glanz“ zu verstehen ist: Haben wir es mit „dem Licht der Welt“ zu tun (Joh 8,12)? Dies ist bei Kafka, der von sich selbst sagte, er sei „nicht von der allerdings schon schwer sinkenden Hand des Christentums ins Leben grführt worden wie Kierkegaard und habe nicht den letzten Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetmantels noch gefangen wie die Zionisten“  kaum vorzustellen und würde den Text in Brodscher Manier für eine religiöse Deutung vereinnahmen.
Gleichwohl ist das Diktum vom Glanz im Text manifest. So ist gerade der Glanz, den der Mann im Inneren des Gesetzes leuchten sieht, so etwas wie die „Hauptfrage“ des Textes. Dies kommt nicht von ungefähr: Auch im wirklichen Leben ist wohl immer noch die „Hauptfrage“ des Menschen und der menschlichen Existenz diejenige nach Gott und Transzendenz, nach den großen Unbekannten in der Gleichung der Welt und des Lebens. So wie in unserer Realität diese Frage und ihre Beantwortung grundlegende Bedeutung besitzen, so verhält es sich auch im Text. Denn je nachdem, wie der Leser diese Frage beantwortet, wird er verschiedene andere Elemente des Textes und in letzter Konsequenz den Text selbst verschieden interpretieren. Nimmt man etwa an, der Mann habe sich nicht getäuscht und der Glanz ist „wirklich“, so wird man daraus schließen, daß sich hinter den Toren des Gesetzes tatsächlich etwas befindet, das der Mühe wert wäre, usf. Verneint man die „Realität“ des Glanzes, so wird man annehmen müssen, daß sich sehr wahrscheinlich nichts hinter der Mauer befindet und sich der Mann im Anschauen des Glanzes einem Traum- und Trugbild hingibt usf. Man gelangte so zu diametral entgegengesetzen Deutungen des Textes.“

An Bittners Arbeit kann man schön erkennen, wie ein Autor beim Deuten Leerstellen des Textes füllt: Die Tür des Gesetzes wird am Ende doch geschlossen, das Hauptparadox ist damit beseitigt. Obwohl Bittner sich auf Sekundärliteratur stützt, muss er sich unsere Fragen anhören:
– Woher hat er die Psycho-Deutung? Die ist offensichtlich so verbreitet, wie man schon an Harbrechts Aufsatz sieht, dass sie unverstanden nachgebetet werden kann. Abgesehen von dem kleinen Unfall, dass Bittner „das Nomos“ anführt (wer Griechisch kann, würde „der Nomos“ sagen), klappt die Psycho-Deutung nicht ganz; denn der Türhüter wird zu einer psychischen Instanz des Mannes degradiert, während doch beide Figuren ebenso wie das Gesetz psychische Größen oder Funktionen eines Gesamtbewusstseins sein müssten.
– Noch wilder ist der zweite Versuch, der gegen das zitierte (!) ausdrückliche Diktum Kafkas eine religiöse Deutung hervorzaubert. Die Hauptfrage des Textes nach dem Glanz (wieso ist das die Hauptfrage?) wird einfach mit der „Hauptfrage des Menschen“ nach Gott kurzgeschlossen; dann wird dem Leser zugebilligt, die Frage nach Gott mit Ja/Nein beantworten zu können, wodurch Bittner die Möglichkeit gegeben sieht, „zu diametral entgegengesetzten Deutungen des Textes“ zu gelangen. Das ist insofern ein Trugschluss, als damit nur die religiöse Prämisse (!) des Lesers auf die Realität des Glanzes bezogen wird; aber die Frage, was der vom Mann erkannte Glanz besagt oder im Ganzen des Geschehens bedeutet, wird nicht einmal gestellt.
Nehmen wir einfach einmal an, der Glanz sei das Göttliche – wer ist dann der Türhüter? Warum ließe er den Mann nicht eintreten? Von welchen anderen Türhütern spräche er dann? Hier wird also eine Einzelheit des erzählten Geschehens isoliert betrachtet und „gedeutet“, wobei der Zusammenhang des Geschehens aus dem Blick gerät und sich mehr Fragen auftun, als durch die Deutung beantwortet werden.

Im 5. Kapitel reflektiert Bittner die Problematik seines Deutens; ich werde seine wesentlichen Aussagen zitieren und befragen:
„Die wichtigen Kernaussagen des Textes müssen jeweils in Abhängigkeit von einer Interpretation gedeutet werden, und es muß sich dann zeigen, ob sie sich harmonisch in eine Gesamtdeutung fügen oder nicht.“
Das hört sich gut an – aber woran erkenne ich die Kernaussagen?
„Die psychologische Interpretation ließe sich sicherlich auch auf Kafkas Biographie anwenden.“
Darauf verzichtet er jedoch, was uns aber nicht berühren muss.
„Zum anderen problematisiert der Text für den Leser die Kategorien des Verstehens und der Wahrheit, indem er anhand des Textes Unsicherheiten und Unentscheidbarkeiten aufdeckt und die konstitutive Anlage dieser deutlich macht.“
Das ist noch der beste Gedanke, aber von zwei grammatischen (vorsichtig gesagt) Unklarheiten getrübt: Wer ist der aufdeckende „Er“ – ist das der Text oder der Leser? Daneben fällt der Schnitzer „Anlage dieser“ statt „deren konstitutive Anlage“ nicht ins Gewicht.
„Die Koexistenz der zwei verschiedenen, sich ergänzenden Interpretationsansätze zeigt die relative Wahrheit der Deutung, welche stets auf verschiedene Aspekte eines Textes rekurrieren muß, will sie seine Vielfalt auch nur andeutungsweise zu erfassen suchen.“
Wieso ergänzen sich die beiden Deutungen? Sie haben nichts miteinander zu tun. Worin zeigt sich die relative Wahrheit einer Deutung? Das ist eine so wichtige Frage, dass sie grundsätzlich diskutiert werden müsste. „Vielfalt“ ist ein zu schönes Wort, als dass damit die Unklarheiten und Widersprüche des Textes erfasst werden könnten. Bittner setzt das letzte Zitat so fort:
„Von diesem Problem heißt es bekanntlich: „Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber“.“
Damit haben beide, der Kaplan im Dom wie Bittner, zweifellos Recht.

2. Versuch
Die beiden ersten Versuche haben die Methode metaphorischen Deutens und deren Probleme vorgeführt. Der dritte Versuch sieht die „Legende“ (Kafka) als Teil des Prozess-Romans, was wir hier aber aus Platzgründen nicht würdigen können, und stellt sie in den Kontext anderer Werke oder Äußerungen des Autors Kafka: Walter H. Sokel: Franz Kafka – Tragik und Ironie. Zur Struktur seiner Kunst (München 1964, hier nach dem Fischer-TB 1790 von 1976, S. 223 ff. zitiert).
Sokel bezieht sich zunächst auf einen Eintrag Kafkas in seinen Tagebüchern, wo es um das Stellen von Fragen und das Warten auf Antwort geht, was Kafka als das Wesen des „Klagens“ ausmacht; fragendes Warten sei sinnlos, da Fragen, „die sich nicht selbst im Entstehen beantworten, niemals beantwortet werden“ (S. 223). In dem Sinn sei der Zustand des Mannes vom Lande, seine Lebensform die Klage geworden. „Der Mann ist verantwortlich für die Vergeblichkeit seines Tuns, weil er sich darauf versteift, das Vergebliche zu tun.“ (S. 224)
Die Konsequenz einer solchen Existenz sei „ein abseitiges Leben“ (S. 224); dieses zeige sich darin, dass der Mann vom Lande auf einem Schemel in erniedrigter Position sitzt. Diese Lebensform kann wiederum als „Dasein eines Kindes“ beschrieben und mit dem „Brief an den Vater“ in Verbindung gebracht werden; das Emporblicken vom Schemel aus lässt sich mit dem Aufblicken Gregor Samsas verbinden („Die Verwandlung“, S. 224).
Dem Leerlauf des Dasein entspreche „auf der anderen Seite der Sadismus des Gesetzes“; denn der Glanz, der aus dem Gesetz hervorbricht, stelle nicht nur das Mystische des Gesetzes dar, sondern bedeute auch „eine Neckerei und Verhöhnung des Mannes“ (S. 225). Dies sieht Sokel durch die letzte Antwort des Türhüters bestätigt: „Der Türhüter spielt mit dem Mann.“ (S. 226) Dieser sei dagegen frei gewesen fortzugehen. „Er hätte sich nicht verlocken lassen müssen.“ (S. 226) Erst das Begehrtsein gebe dem Gesetz Macht über den Mann; hier zieht Sokel dann eine Parallele zum Amerika-Roman mit der Figur der Brunelda und ihrem „Türhüter“ Delamarche.

Überblickt man Sokels Vorgehen, so zeichnen sich drei Linien ab, von denen die beiden ersten bereits bei Bittner zu erkennen sind und erst die dritte den belesenen Autor zeigt:
1. Protagonist ist der Mann vom Lande; sein Leben wird als Chiffre einer verfehlten Existenzform, eines Lebensvollzugs gedeutet.
2. Einzelnen Handlungen wird eine symbolische Bedeutung zugemessen.
3. Diese symbolische Deutung wird durch Verweis auf andere Werke des Autors Kafka gestützt, was ebenso für die Deutung der Existenzform gilt. – Insofern ist schwer zu entscheiden, ob bei Sokel die symbolische Bedeutung oder der Rückbezug auf andere Werke Kafkas im Vordergrund steht; vermutlich ist diese Frage aber unwichtig.
Interessant jedenfalls ist die für den Mann vom Lande vorgesehene „Lösung“, nicht das Gesetz zu betreten, sondern fortzugehen und auf die Verlockungen des Gesetzes zu pfeifen. Diese Lösung arbeitet einerseits mit der Annahme, der Mann vom Lande lebe ambivalent (was noch nicht originell ist), widerspricht dann aber der theologisch inspirierten wie auch der bisher bekannten „psychologischen“ Deutung.

Problematisch ist das Verfahren, sich auf andere Textstellen aus Kafkas Werk zu beziehen, insofern, als damit zumindest die Deutung der dafür ausgewählten Textstellen klar sein muss; dieser Unterstellung wird der 4. Versuch widersprechen. Problematisch ist auch das Verfahren, von einzelnen menschlichen Gesten, Positionen und Handlungen des Mannes aus die Widersprüche des erzählten Geschehens auflösen zu wollen; problematisch ist das Verfahren, die Widersprüche als psychische Ambivalenz des Mannes vom Lande zu deuten und dann diese – wohin auch immer: Beide Seiten werden ja in Betracht gezogen! – aufzulösen.
Friedrich Nemec: Kafka – Kritik. Die Kunst der Ausweglosigkeit. W. Fink Verlag: München 1981, untersucht „Vor dem Gesetz” im Kontext folgender Erzählungen: Kleine Fabel; Das nächste Dorf; Der Aufbruch; es folgen „Vor dem Gesetz”, „Von den Gleichnissen” und „Prometheus”, worauf Nemec zum Gleichnis als Methode u.a. schreibt, es diene bei Kafka allein dazu, „um die von vornherein unterstellte Irrationalität alles Wirklichen zu demonstrieren, das Wirkliche als Täuschung zu behaupten, der gegenüber nicht einmal der platonische Ausweg des Aufstiegs zur Idee bleibt, sondern allein deren Affirmation als Täuschung” (S. 43). Seine Analyse von „Auf der Galerie” zeigt anschließend die betrachtende Haltung als Schicksal, die von „Das Urteil” den Gewinn des Scheiterns.

Fazit: Je mehr Kafka-Literatur man kennt, desto klarer wird es, dass der Deuter sich auf viele „Parallelen“ im Werk Kafkas stützen kann und dass für die Probleme des Mannes vom Lande sowohl eine Lösung (oder sogar deren zwei, nämlich die entgegengesetzen) als auch die Unausweichlichkeit des Scheiterns als „Lösung“ gesehen werden können. Welcher Weg des Verstehens aber lässt sich rechtfertigen? Und vor welcher Instanz? Ja, was heißt überhaupt: verstehen?

3. Versuch
Dieser ist unter http://www.kafka.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka3467.html?Rubrik=interpretationen&Punkt=gesetz (vgl. auch die ganze Kafka-Seite http://www.kafka.uni-bonn.de/index.shtml sowie die Deutsche Kafka-Gesellschaft) zu finden. Dieser Aufsatz bietet eine Reihe interessanter Unterpunkte, die unsere bisherige Diskussion ergänzen (Form; Parabel; Deutungsmöglichkeiten). Ich referiere hier den Unterpunkt „Kafkas Paradox“:
„Die Darstellung paradoxer und scheinbar auswegloser Situationen ist charakteristisch für Kafkas Texte. Aber gerade durch eine Beschreibung unlogischer, widersprüchlicher und unlösbarer Situationen fordert Kafka den Leser zu einer gedankliche Auseinandersetzung.“
Zunächst wird der Begriff des Paradoxons eingeführt, im Anschluss daran der von Gerhard Neumann für Kafkas Paradoxien geprägte Begriff des gleitenden Paradoxes, der einen Kreislauf beschreibe, welcher sich niemals auflösen lässt:
„Gerhard Neumann erklärt die Struktur des „gleitenden Paradox“ am Beispiel der Beziehung von Suchen und Finden. Die Aussage „Wer sucht findet.“ wird zunächst in ein paradoxes Verhältnis gesetzt d. h. umgekehrt. „Wer sucht findet nicht.“ Kafka ergänzt dies nun durch eine weitere Möglichkeit, die Hartmut Binder mit dem Begriff der Ablenkung bezeichnet. Bei Kafka heißt es „Wer sucht findet nicht, aber wer nicht sucht wird gefunden.“ Er erweitert das Paradox also um die Negation und die passive Variante. Die Ablenkung, deren Ergebnis der unauflösbare Kreislauf immer neuer Widersprüche ist, begründet den Begriff des „gleitenden Paradox.““
Dann wird kurz nachgewiesen, dass dieser Begriff die Paradoxien von Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“ erfasst. Daraus ergibt sich als Folgerung: „Durch die Struktur seiner Paradoxien erreicht Kafka, daß der Leser jede Möglichkeit des Verständnisses, jede Interpretation immer wieder aufs neue in Frage stellen muß, weil es letzten Endes keine Lösung gibt. Durch das zwanghafte und provozierte Mißverstehen, ist der Rezipient gezwungen, immer neue Erklärungen zu suchen, die jedoch immer nur als Möglichkeiten gelten können. Jede Auslegung sollte also immer nur als Versuch verstanden werden.“

Dieser Versuch besticht deshalb, weil er einen Universalschlüssel für das Verständnis aller Werke Kafkas anbietet. Sein Nachteil besteht darin, dass er Türen aufschließt, hinter denen eigentlich nichts zu finden ist („letzten Endes keine Lösung“). Bestenfalls sind Kafkas Werke dann so etwas wie ein Rorschach-Test: Die Deutung sagt mehr über den Leser als über den Text und dessen „Bedeutung“; jeder sieht etwas, jeder sieht etwas anderes, aber letztlich ist da nur ein Klecks.
Der Begriff des gleitenden Paradoxes wäre zu prüfen: ob denn wirklich alle Texte Kafkas gleichermaßen unverstehbar sind; ob wirklich überall ein Kreislauf immer neuer und damit unauflösbarer Widersprüche besteht. Zumindest für die „Kleine Fabel“ könnte man das bezweifeln; der Rat der Katze ist als Zynismus des Überlegenen verständlich.
Ferner könnte man versuchen, in der Produktion nichtverstehbarer Erzählungen einen Sinn zu finden; aber eigentlich hätte Kafka sich damit begnügen können, einen größeren nichtverstehbaren Text zu schreiben – es sei denn, er habe die Artistik des Schreibens geliebt oder habe zwanghaft unverstehbare Literatur produzieren müssen.

Im Anschluss an Neumanns Begriff des gleitenden Paradoxes tauchen einige Fragen auf:
Was ist überhaupt eine Parabel, und sind Kafkas Erzählungen Parabeln?
Was heißt einen Text verstehen, was heißt Widersprüche verstehen?
Besagt der Begriff des gleitenden Paraxes nicht, dass auch das Unverständliche als solches verstehbar ist?
Wozu schreibt jemand und liest ein anderer unverstehbare Texte?

4. Versuch
Als Repäsentanten dieses Versuchs nenne ich Bert Nagel: Kafka und die Weltliteratur. Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Darmstadt 1983. Nagel sieht in den Gestalten Kafkas, speziell im Mann vom Land (und in Josef K.) eine psychologische Interpretation des antiken Helden Sisyphus (S. 142 ff.); Kafkas Helden scheiterten an einem Zuviel, einem „Überengagement, das sie in dringlichen Augenblicken keinen Ausweg sehen läßt, sondern blind macht für Alternativen oder dritte Möglichkeiten. Was ihnen fehlt, ist das innere Gleichgewicht, die nötige Distanz zu den Dingen.“ (S. 148) Der „Ödipus“ des Sophokles sei das krasseste Beispiel solcher tragischen Ironie (S. 149). Doch stellten Kafkas Figuren Selbsterlebtes, nicht Angelesenes dar; sie seien „Urerlebnisse, nicht Bildungserlebnisse“ (S. 149).
Mit dieser Einreihung in die Motive der Weltliteratur ist Kafka als ein großer Autor gewürdigt – und sind seine Erzählungen „verstanden“. Ohne die Annahme, dass sie verstehbar sind, kann man sie nicht in die Weltliteratur einordnen.

Hier tauchen folgende Fragen auf:
Wie erkennt und bestimmt man ein literarisches Motiv? Dazu müsste man sich intensiv etwa mit Elisabeth Frenzels Buch „Motive der Weltliteratur“ und ähnlichen Werken befassen.
Gibt es nun das gleitende Paradox (Neumann) oder nicht? Schließt das gleitende Paradox eine Deutung im Sinne Nagels nicht aus? Ist nicht die Unverstehbarkeit einer Erzählung Kafkas nicht etwas anderes als die Tragik eines menschlichen Lebensweges, wie ihn Sisyphus oder Ödipus gegangen sind?

Fazit
Die methodischen Fragen, die sich an Deutungen von Kafkas erzählung „Vor dem Gesetz“ anschließen, sind so vielfältig und kompliziert, dass sie hier nicht beantwortet werden können. Die einzelne Deutung müsste so angelegt sein, dass sie vor diesen Fragen zu rechtfertigen ist.
Wenn man Kafka für so außerordentlich schwer, wenn überhaupt verstehbar hält, sollte man seine Texte vielleicht nicht Schülern zur Deutung in einer Klausur vorsetzen; Kafka streifen, ja, aber für die Klausur sollte man – mein didaktisches Fazit – vielleicht lieber verstehbare Texte wählen: Musil, Anders, Kunert, Brecht, allesamt intelligente Autoren guter Texte. Ich verweise auf meine Ausführungen zur Parabel-Analyse oder auf die Analyse einzelner Parabeln (s. Namen der Autoren oder das Suchwort „Parabeln“ hier in diesem Blog).
Ich kenne allerdings eine verbreitete „Lösung“ für die Interpretation von Kafkas Texten: Die Schülern lernen schematisch vier verschiedene „Deutungsansätze“ auswendig und wenden sie auf Biegen und Brechen bei jedem Text an: den psychologischen, den biographischen, den existenzialistischen, religiösen, sozialkritischen, zeitgeschichtlichen, marxistischen… usw., bei etwas gutem Willen findet man noch mehr Deutungsansätze, die je nach der Mode oder dem Geschmack des Lehrers auftauchen. Es kommt dann für die Schüler darauf an, den Deutungsansatz zu finden, der nach Geschmack des Lehrers der jeweils beste ist; manche Kollegen begnügen sich aber auch damit, mehrere durchspielen zu lassen, mit dem Fazit, was oben schon bei Bittner und Neumann zu lesen ist und was man bereits vorher kannte.

P.S. Bei Giorgio Agamben: Homo sacer, Suhrkamp 2002, S. 60 ff., stoße ich auf Überlegungen zum Verständnis der Erzählung. (12. Juli 007)

Bei https://norberto42.wordpress.com/2013/09/14/kafka-der-prozess-inhalt-interpretation-unterricht-links/ finden sich auch einige Links zur Parabel Vor dem Gesetz.

5 thoughts on “Kafka: Vor dem Gesetz – Analysen, methodische Überlegungen

  1. Vielfach ist man heutzutage geneigt in einen Text nur das zu sehen was man will. Dies kann in meineen Augen nicht legitim sein.
    Somit finde ich z.B. den Ansatz „Untersucht man den Text einmal unter psychologischen Vorzeichen“ unfair dem Text gegenüber, werden doch verschiedene nicht passende Textstellen einfach ausgeblendet.

    Von daher freue ich mich ein aktuelles Werk gefunden zu haben, welches dieses Anliegen verfolgt: „Kognitive Hermeneutik“ von Peter Tepe.

    Mal reinzulesen schadet sicher nicht !
    Mir hat es für mein Studium geholfen🙂

    Gruß Thomas

  2. In meinem alten Blog http://www.bloghof.net/norberto42 war die Kafka-Analyse 2006 veröffentlicht worden. Dazu gab es 2011/12 drei Kommentare, die ich dort stehen lasse, aber auch nach hier kopiere, weil ich sie für wichtig halte:

    Lieber noberto42,
    mit viel Eifer habe ich Ihren Eintrag gelesen und war erstaunt mit wie viel Aufwand Sie diesen Essay erarbeitet haben.
    Mir stellt sich gerade die gleiche Problematik wie Ihnen. Ich möchte einer Klasse Kafka näher bringen und muss mit Erschrecken feststellen, dass Kafka eigentlich mehr Arbeit benötigen würde als wir es in einer Oberstufe leisten können. Dennoch ist Kafka selbstverständlich ein Stück Literatur, das einem Schüler nicht vorenthalten werden sollte.
    Ihrem geringschätzenden Worten nach sind sie mit der Lösung der Interpretationsfreiheit nicht recht zu Frieden. Aber welchen anderen Ausweg aus dem Dilemma würden sie denn für sinnvoll erachten?
    Eine Patentlösung gibt es bei der Interpretation Kafkas ja nicht (wobei sich die Frage aufdrängt ob es diese überhaupt gibt?). Eine Akzeptanz jeglicher Interpretationen finden sie auch nicht sinnvoll, sodass ich mich gerne mit der Frage an sie richten möchte was sie denn jetzt Ihren (hypothetischen) Schülern raten wollen?
    Herzliche Grüße
    John V.

    Lieber John V,
    ich habe mich dagegen gewandt, dass auswendig gelernte „Interpretationsansätze“ schematisch und gedankenlos jedem Text übergestülpt werden, sodass bei allen Texten das Gleiche herauskommt – egal, was im Text wirklich steht.
    Ich würde den Schülern raten, intensiv zu lesen und nicht gleich alles zu „deuten“. Aber vielleicht sollte man mit Schülern heute wirklich in der Regel nicht mehr Kafka lesen? Man liest in der Schule ja auch nicht den „Mann ohne Eigenschaften“, obwohl der wirklich groß ist! Vielleicht auch weil er wirklich groß ist?
    Ich habe einmal versucht, mit guten Schülern „Der grüne Heinrich“ zu lesen, weil ich davon begeistert war – ein Fiasko. Ich habe zweimal versucht, mit Schülern Lems „Memoiren gefunden in der Badewanne zu lesen“ – ein Fiasko. Warum also unbedingt Kafka? Schüler sind mit 17, 18 (erst recht im G8-Gymnasium!) meistens nicht so weit, dass sie Kafka verstehen können. Na, und?
    Gruß, norberto42

    Warum Kafka?
    Weil er zur Auseinandersetzung anregt. Die Texte machen neugierig, sie geben Rätsel auf, das macht Spaß.
    Als Leistungsüberprüfung allerdings schwierig, da gebe ich Ihnen recht.
    Zu Ihren Ausführungen … Zuerst einmal, vielen Dank!
    Sodann: Im Zitat („Hand des Christentums … Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetmantels“) kommt m.E. Kafkas Bedauern zum Ausdruck über fehlende Wurzeln/ festere Verankerung in einer Glaubensgemeinschaft. Gesetz steht schon für Glaube (vgl.“Glanz“), aber nicht Christentum oder Judentum, eher persönlicher Weg zum Glauben, den jeder für sich finden kann (oder auch nicht). Es gibt da diesen Aphorismus vom „persönlichen Gott“ (No.50)
    In der Parabel „Vor dem Gesetz“ kommt der Wunsch nach Schutz und Geborgenheit zum Ausdruck unter dem Dach des Gesetzes/Glaubens. Die Frage ist, was macht der Mann vom Lande falsch? „Es ist ja möglich … aber nicht jetzt“
    Ich glaube nicht, das der Text eine definierte verborgene Lehre enthält (im Sinne der Parabel). Trotzdem gibt es die Bildebene, der eine abstrakte Gedankenebene zugrundeliegt, die wiederum von Kafkas Vorstellungen über die menschliche Existenz gespeist wird. In diesem Sinne sind sowohl religiöse, psychologische, biografische und existenzialistische Deutungsversuche gerechtfertigt. Allerdings gehen die meisten davon einseitig vor und laufen dadurch relativ schnell in die Irre.
    „immer neue Erklärungen … , die jedoch immer nur als Möglichkeiten gelten können.“ … weil die Antwort nicht im Text enthalten ist. Die Lehre ist noch eine Leere, die der Leser vielleicht füllen kann, Kafka konnte es jedoch nicht. Er hatte keine Lösung! Sonst hätte er den „Prozess“ doch zu Ende geschrieben!
    Kafkas Intension war m.E. dieser Gedankenwelt bildhaft Ausdruck zu geben, sie damit neu zu ordnen (für sich) und sich damit ein Stück davon zu befreien. Gleichzeitig wollte er seine Leser damit konfrontieren.
    Die Lehre ist keine Antwort, sondern es sind Fragen, die der Text aufwirft. Es ist m.E. eine Frage, und zwar die Frage nach dem richtigen Leben, das ein religiöses Leben, wie auch immer geartet, einschließt. Jeder glaubt an irgendetwas (so etwa).
    Kafkas Antwort ist nur in der Negation vorhanden. Kafka schildert, was der Mann falsch gemacht hat. Wie er richtig hätte handeln können oder müssen, steht nicht da. Die für uns alle so interessante Antwort steht verdammt nochmal nicht da! Verstehen Sie? Es gibt keine Antwort – Kafka schweigt, er wusste es nicht oder er wollte es nicht verraten, damit sich jeder selbst „ne Platte“ machen muss. Was auch immer …
    Der Witz ist, es reizt zur Auseinandersetzung und führt uns zu wichtigen Fragen unseres Lebens, wenn wir realitätsbezogen und sensibel mit dem Text umgehen und uns vor allzu einfachen Schlüssen hüten. So wie sie das gemacht haben. In diesem Sinne ist Kafka für Heranwachsende ein guter Lesestoff (theoretisch! die traurige Praxis haben Sie ja geschildert.)

  3. Lieber noberto42,
    ich bin erstaunt, dass Sie und auch einige Ihrer Kommentatoren Kafka für eine Leistungsüberprüfung als nicht geeignet ansehen. Aber geht es nicht gerade darum, dass die Schüler beweisen, dass sie einen Text intensiv lesen, sich mit vorhandenen Fragen auseinandersetzen und für sich zu einem Verständnis kommen. Kriterium für eine gute Leistung sollte doch ohnehin nicht die Treffsicherheit einer vermeintlich richtigen Lösung sein, sondern vielmehr die plausible, textgestützte, in sich schlüssige Begründung des eigenen Verstehens, oder? Ich jedenfalls mache gute Erfahrungen damit – auch, wenn es natürlich etwas arbeitsintensiver ist, sich mit einem selbst zunächst fremden Deutungsideen auseinanderzusetzen.

    Dennoch vielen Dank für Ihre ausführlichen Darstellungen, die auch mein Bild dieses Textes erweitert haben!

    Viele Grüße
    eine Deutschlehrerin

    • Liebe Frau Kollegin Da St,

      wenn Sie die These vertreten, die Schüler sollten beweisen, „dass sie einen Text intensiv lesen, sich mit vorhandenen Fragen auseinandersetzen und für sich zu einem Verständnis kommen“, dann frage ich ganz simpel: ‚Ok, aber warum soll man dazu einen Kafka-Text nehmen?‘ Das von Ihnen angestrebte Ziel kann man auch mit ausgezeichneten anderen Texten erreichen, oder?

      Trotzdem vielen Dank für Ihren freundlichen Kommentar – Freundlichkeit ist im Netz nicht selbstverständlich, wenn man eine kritische Bemerkung macht. Viele Grüße,
      N. T.

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