Pestalozzi: Die Fressordnung im Hühnerstalle – Analyse

Diese Parabel oder Fabel stammt aus einem Buch Pestalozzis, das (nach Vorarbeiten seit 1780) 1797 unter dem Titel „Figuren zu meinem ABC-Buch oder zu den Anfangsgründen meines Denkens“ erschienen ist; die 2. Auflage 1803 erhielt den Titel „Fabeln“, die dritte, überarbeitete Auflage 1823 wieder den Titel der 1. Auflage. Ich halte mich an die Ausgabe „Fabeln“ bei dtv (München 1993), die der Kritischen Ausgabe folgt. An dieser Erzählung kann man sehr schön Prinzipien demonstrieren, nach denen fiktionale bildhafte Erzählungen (Parabeln) zu verstehen sind (vgl. „Parabeln in der Literatur“).

Prinzip: Analyse der Struktur des erzählten Geschehens; sein Gefälle verstehen
Es gibt eine Ausgangssituation, in der alles Gefiederte zugleich gefüttert wird, wobei die Schwachen gegenüber den Starken zu kurz kommen.
Eine Änderung wird durch einen alten Hahn herbeigeführt (ab Z. 5); bedeutsam ist seine Rede, mit der er die neue Ordnung begründet (Z. 10 ff. und Z. 24 ff.). Hier wird schon deutlich, dass die Erzählung vom Hühnerstall sich auf das politische Gemeinwesen bezieht, als der Hahn die Magd „die Frau Reichsvögtin unseres Gemeinwesens“ nennt (Z. 16 f.) und dazu aufruft, „mit Gerechtigkeit [zu] fressen“ (Z. 19). Es wird also ein Freßrecht nach Schnabellänge eingeführt, das unter der Aufsicht von bevollmächtigten Hütern steht, welche Übeltäter „mit rechtlichem Picken“ und Rupfen (Z. 30 f.) bestrafen dürfen.
Der Erfolg dieser neuen Ordnung ist, dass die Starken weiterhin sich durchsetzen, weil die Hüter bei ihnen ein Auge zudrücken, dass das „neue Gerechtigkeitspicken“ die Tiere zusätzlich verbittert und außerdem mehr schwache Tiere als früher sterben. Die neue Ordnung ist also schlechter als die alte, sie scheitert.
Eine erneute Änderung wird von außen herbeigeführt, als eine neue Magd angestellt wird: Sie sperrt die starken Tiere ein, wenn sie die schwachen füttert; der Erzähler weiß, dass dies „die einzige Gerechtigkeit, die im Hühnerstall möglich war,“ (Z. 54 f.) ist.
Wir haben hier die typische Ereignisstruktur „missglücktes Experiment“ vor uns: Ausgangszustand – Experiment – Rückkehr in den Ausgangszustand; der zuletzt gewonnene (Ausgangs)Zustand zeichnet sich aber dadurch aus, dass er (eher zufällig) gegenüber dem alten Zustand mit seinen Missständen verbessert ist. Zufällig ist das geschehen, weil nicht die Tiere, etwa der alte Hahn aus einer Einsicht die Änderung herbeigeführt haben, sondern eine von außen installierte neue Magd.

Prinzip: Bezug zur Zeitgeschichte herstellen
Was ergibt sich aus einem Bezug auf den historischen Kontext der Entstehungszeit dieser Parabel? Es liegen in der politischen Metaphorik Anspielungen auf revolutionäre Ideale der Gleichheit, der Gerechtigkeit, der rechtlichen Ordnung vor, welche an die Stelle der alten feudalen Vorrechte (starke – schwache Tiere) treten sollten („wir alle“; Z. 10 f., „mit Gerechtigkeit fressen“, Z. 19; Schnabelrecht, Z. 29 f., usw.). Warum scheitert das Experiment, sodass es im Sinn des autorialen Erzählers (und vermutlich auch des Autors) verworfen werden muss? Erstens verstehen die Tiere „gar nicht, was das sei, mit Gerechtigkeit fressen“ (Z. 21 f.); zweitens üben die Tiere als Vorsteher ihr Amt eben „wie Hähne und Gänse“ aus, also wie Tiere, die sich dem Gesetz des Stärkeren beugen (Z. 42 f.); drittens zeigen die Wortungetüme (Neologismen, für in sich Unmögliches:) „Gerechtigkeitsfressen, Gerechtigkeitspicken, Gerechtigkeitsrupfen“ (Z. 38, 47 f.), dass eben das Fressen und Rupfen einer anderen Dimension angehören als die Gerechtigkeit [eine Auffassung, die zu prüfen wäre, denn wo sonst als im Bereich des Kämpfens sollte man Gerechtigkeit überhaupt einführen?].

Prinzip: Position des Erzählers (Sprechers) zur Deutung heranziehen
Auch und erst recht die Stellungnahmen des auktorialen Erzählers weisen in die Richtung, in der die Bedeutung einer bildhaften Rede zu suchen ist. Hier haben wir zum Schluss drei offene Wertungen des Erzählers („Gerechtigkeitselend“, Z. 49; „zum Glücke“, Z. 52; „die einzige Gerechtigkeit…“, Z. 54 ff.). Vorher gibt es eine verhaltene Wertung, nämlich die Erwähnung der Weisheit der alten Vorsteher, welche den Vorschlag des Hahns bedenklich finden (Z. 35 f.). – Dieses Prinzip lässt sich besonders deutlich an Ebner-Eschenbachs Erzählung „Die Nachbarn“ demonstrieren, s. dort!

Prinzip: Werke des Autors als Kontext beachten
„Die Fressordnung im Hühnerstall“ trägt in der dtv-Ausgabe die Nr. 192; es gibt bei Pestalozzi eine Reihe von Erzählungen (abgesehen von seinen theoretischen Schriften, vgl. das Nachwort Josef Billens, S. 343 ff.), die die Gerechtigkeit thematisch behandeln. Eine davon ist Nr. 204: „Der allgemeine Tiervorschritt in der Gerechtigkeit“. Dort wird erzählt, wie in der „Gaukelzeit“ (!) die wilden Fleischfresser vereinbaren, sich zwar nicht des Raubens und Reißens zu enthalten, dies jedoch unauffällig zu tun – ein Rat der Füchse.
Diese Gaukelzeit wird als die Zeit identifiziert, in der eine Menge Tiere „den alten Traum vom goldenen Zeitalter wieder aufwärmten“ (Z. 26 f.); als der gleiche Zeitpunkt, wo die Katzen sich mit den Mäusen über ihren Unterhalt freundlich verständigen sollen (Z. 20 ff.); und eben auch als der Zeitpunkt, in dem der alte Hahn das Gerechtigkeitsfressen einführen wollte (Z. 31 ff.).
Hier wird die Figur des alten Hahns, der schon einmal auf dem Totenbett gelegen hat  (Nr. 192, Z. 5 f.) und den man ob seines Alters wohl für weise halten könte, neu beleuchtet; denn den widernatürlichen Rat, dass die Katzen sich mit den Mäusen verständigen sollen, gibt „eine närrische, träumerische, alte Katze“ (Nr. 204, Z. 20 f.). Alter schützt vor Torheit also nicht, eine alte Katze muss ebenso wie der gleichalte Hahn nicht nur Weisheiten von sich geben.
Wenn man Nr. 204 heranzieht, wird noch deutlicher, dass in Nr. 192 der Erzähler die neue Ordnung der Gerechtigkeit als spinnert ablehnt.

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