Robert Musil: Das Fliegenpapier – Analyse

Skizze meiner Lösungserwartung für das Abitur 1995
Ein Ich-Erzähler berichtet genau und ohne innere Anteilnahme, aber einfühlsam den Todeskampf von Fliegen auf einem Fliegenpapier; auf die Beschreibung des Papiers folgt der Bericht: Etappen des Todeskampfes (Z. 4 f.; 7 f.; 15; 18; 22; 32; 42; 55 f.; 61; 64; 66?); der Erzähler nimmt sich relativ viel Zeit für ein so unwichtiges Ereignis, Zeitdehnung in Z. 32-41.
Präzision: Beschreibung des Papiers (Z. 1 ff.) u.ö.; Vielzahl der Vergleiche: Bemühen um Genauigkeit? (Z. 58 ff.);
Wiederholungen, Aufzählungen;
Vergleiche mit Menschen (Z. 8 ff.; v.a. Z. 34 u.ö.);
ausdrückliche Parallelisierung mit menschlichem Erleben (Z. 8 ff. u.ö.);
Fliegen werden personifiziert (seelische Erschöpfung, Z. 42, u.ö.);
der Erzähler fühlt sich ein (Z. 23), erzählt aber doch distanziert (Z. 5; 30 f. u.ö.);
Der „Feind“ ist ein „Nichts“ (Z. 51 f.), der Kampf damit ungleich und sinnlos; der Feind ist beinahe etwas Menschliches (Z. 10 ff.).
Musil stellt in der Vorbemerkung seines „Nachlass zu Lebzeiten“ einen indirekten Zeitbezug seiner „Bilder“ her, und so wird es erlaubt sein, diesen Zeitbezug zu formulieren. Es liegt nahe, an das sinnlose Schlachten im 1. Weltkrieg zu denken.
In gewisser Weise sind Musils „Bilder“ aber auch einfach Bilder von etwas Wirklichem (das menschliche Leben beobachtet, „wo es sich unachtsam darbietet“), und man sollte nicht allzu bemüht einen „Sinn“ oder eine „Belehrung“ suchen. Die Schüler tun sich schon schwer genug, die Wirklichkeit in ihrer nuancierten Darstellung und ihrer ganzen Weite wahrzunehmen; Suche nach „Belehrung“ verstellt da leicht den Blick auf die Abgründe der Wirklichkeit.

Weitere Überlegungen zu einer Klausur 2005
Vielleicht sollte man einzelne bedeutsame Passagen würdigen, etwa
– die von der befremdlichen Empfindung (Z. 8 ff.); das „etwas“, worauf man (im Vergleich) tritt, ist schon etwas… – worin besteht „das grauenhaft Menschliche“? Darin, dass ein belangloses Etwas sich plötzlich als menschlicher Greifer erweist?
– das Emporstemmen der Fliegen, im Vergleich als „tragischer als Arbeiter es tun, wahrer im sportlichen Ausdruck der äußersten Anstrengung als Laokoon“ (Z. 30 f.) beschrieben; dieser Vergleich schreit nach einer Interpretation, weil hier die Aktionen der Fliegen über das menschliche Schuften und den höchsten Ausdruck des Leidens in der Kunst (Laokoon) gestellt werden;
– die Bemerkung, dass sie in einem seltsamen Augenblick „ganz menschlich“ sind (Z.39). In welchem Augenblick? In dem, wo sie sich in seelischer Erschöpfung (Z. 42) aufgeben, „wo das Bedürfnis einer gegenwärtigen Sekunde über alle mächtigen Dauergefühle des Daseins siegt“ (Z.32-34). Was ist hier menschlich? Dass seelische Erschöpfung über Vernunft und Instinkt siegt?
– die Analyse, wie der Feind agiert (Z. 51 ff.); dieses Feind-Nichts, das bloß abwartet und Gelegenheit gibt, in ihm zu versinken – wer ist das? Dem Hineinziehen (Z. 53) des Feindes entspricht, dass die Fliegen langsam in ihren Tod hinein versinken (Z. 64); die Phasen des Versinkens sind zu beobachten, bis zur letzten, wo nur das kleine flimmernde Organ zuckt;
– die vielen Bilder von Niederlage und Schwäche, die im Untergang der Fliegen zu einem Bild von Schwäche und Untergang der Menschen gebündelt werden.
Man kann natürlich nicht alle Vergleiche und Personifizierungen im Einzelnen untersuchen; daher sollte man sich auf einige konzentrieren, sich jedenfalls nicht mit der Trivialität begnügen, dass man sich aufgrund der Vergleiche alles genau vorstellen könne – in der bildhaften Sprache wird eine Schicksalsgemeinschaft von Fliegen und Menschen herausgestellt: im Tod hilflos zu versinken.
Erst die Konstruktion eines Ich-Erzählers macht es möglich, im Fühlen und Mitleiden diese Schicksalsgemeinschaft zu erleben.

Einige methodische Fehler in Analysen der Schüler sind mir 2005 aufgefallen:
* dass man den Aufbau der Erzählung mit den Phasen des Geschehens verwechselt; die Erzählung muss man jedoch vom Erzähler und seinem Tun her analysieren;
* dass man versucht, die Rede- oder Aufsatzkategorien „Einleitung – Hauptteil – Schluss“ auf die Erzählung anzuwenden – das geht nicht gut, ebenso nicht eine willkürliche Aufteilung in „Teile“ oder „Abschnitte“ (des Geschehens), wenn man nicht die Kriterien des Teilens nennt;
* dass zwar der Erzähler als Ich (Z. 23), der zum „wir“ der Menschen gehört (Z. 8), bemerkt, dann aber als „auktorial“ (oder als lyrisches Ich) bezeichnet wird;
* dass besagtes „wir“ (Z. 8) als „wir Leser“ umgedeutet wird.
Daneben gibt es die vielen Fehler, die in der Liste der typischen Fehler aufgelistet werden.

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