Robert Musil: Die Affeninsel – Analyse

„Die Affeninsel“ gehört zu den „Bildern“, über die Robert Musil im Vorwort seines „Nachlass zu Lebzeiten“ gesagt hat, dass sie vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind und „ein Vorausblick gewesen“ sind – als Methode des Erkennens empfiehlt er, „an kleinen Zügen, wo es sich unachtsam darbietet“, das menschliche Leben zu beobachten. So sind Erzählungen entstanden, die doch „zeitbeständiger gewesen“ sind, als Musil „befürchtet hatte“ (leider, müssen wir als Opfer sagen). Schauen wir also, was er in Rom gesehen hat.
Zunächst beschreibt der Erzähler den Ort des Geschehens, den Baum im Affengehege bei der Villa Borghese (Z. 1-14; Zeilenzählung nach Ulshöfer: Arbeitsbuch Deutsch Sek II. Bd. 1: Sprache und Gesellschaft, S. 199-201). Drei Lokalitäten werden beschrieben: der Baum, die Insel, der Graben. Beim Baum fällt auf, dass der Erzähler ihn nicht nur ausdrücklich „tot“ nennt (Z. 3), einbetoniert in die Insel; in zwei Vergleichen macht er ihn ausdrücklich zu einem Ort des Todes: „kahl wie ein Schädel“ (Z. 2) ist er, „gelb wie ein Skelett“ (Z. 2 f.). Damit wird schon das spätere Thema vorbereitet, die planlos-gezielte Verfolgung kleiner Affen.
Bei der Beschreibung des Grabens fällt der Schlusssatz auf (Z. 7), dass man wohl hinein könnte, „aber zurück geht es nicht“. Diese scheinbar harmlose Bemerkung über die Konstruktion des Grabens (Z. 5-7) gewinnt vor dem Geschehen sinnloser Verfolgung eine tiefere Bedeutung. Dass durch den Graben die Affeninsel „vom Königreich Italien abgetrennt wird“ (Z. 5), stimmt politisch natürlich nicht und ist auch nicht ohne Ironie formuliert; denn in dem Königreich der Affen geht es so zu wie im Königreich Italien und in allen Reichen dieser Erde. Das wird nicht nur am Geschehen deutlich, wie unten zu zeigen ist, sondern auch in der Beschreibung der Menschen und der Affen.
Es fällt direkt auf, dass die Affen wie Menschen benannt werden: Es gibt ein Königspaar mit einem Kronprinzen (Z. 20), es gibt fünfzehn „bewegliche Burschen und Mädchen“ (Z. 16 f.), die „ein geordnetes Leben“ führen (Z. 39 f.); bei ihnen gibt es ein Mahl und die daher rührenden Küchenabfälle (Z. 43, 45) sowie eine Ordnung dessen, was sich gebührt (Z. 49 und 43 ff.). Man kann noch viele Belege für die menschliche Zeichnung der Affen finden; interessant ist jedoch, auch die Annäherung der Menschen an die Affen zu sehen; diese nimmt der Erzähler vor, als er die Möglichkeiten des Kletterns beschreibt (Z. 10 ff.): Schuhe und Strümpfe ausziehen, den Fuß an die Rundung des Astes schmiegen, fest mit den Armen zugreifen – wenn Menschen sich so bewegen, sind sie kaum von Kletteraffen zu unterscheiden.
Auch in der Gesellschaftsstruktur bilden die Affen die Hierarchie menschlicher Gesellschaften ab: Oben steht die Königsfamilie, darunter die fünfzehn ihr untergebenen Baumaffen (Z. 16 f.), darunter das zahlreiche Volk kleiner Affen (Z. 41) – eine Pyramide nach Zahl und Machtausübung. Sind die Baumaffen der Königsfamilie unterworfen, so die kleinen Affen den Baumaffen; auch im Blick der Macht (Z. 29 f. und Z. 70 ff.) und in ihrer Ausübung (vor sich her schieben, Z. 26 und Z. 54) gleichen die Baumaffen dem König, wenn sie dessen Herrschaftsallüren in ihrer Grausamkeit auch mehr als nur nachahmen.
Die Distanz des als Figur nicht erkennbaren Erzählers zu diesem Ort und dem Geschehen zeigt sich in zwei weiteren Bemerkungen, in der Distanzierung vom Touristengerede über das flotte und genussfrohe Klettern (Z. 8 f.) und in der Bezeichnung der Insel als „wundervoll“ (Z. 15); denn wundervoll geht es dort wirklich nicht zu, wie unten zu zeigen ist. Wegen des ironischen Charakters der Distanzierung möchte ich den Erzähler nur in Grenzen einen auktorialen nennen. Als er den Kronprinzen als eine lächerliche Figur beschreibt und ihn auch noch dumm und kläglich nennt (Z. 31 ff.), bewertet er diese Figur jedoch offen, also auktorial.
Er erzählt nun kein denkwürdiges Ereignis, sondern beschreibt die Regelhaftigkeit (Z. 22 f.; „wenn“, Z. 41, 43; oft, Z. 47), wie in der Machtpyramide die Spitze die fünfzehn Baumaffen und diese die zahlreichen kleinen Affen beherrschen. Der König, der einen „Palast“ am Fuß des Baumes bewohnt, schreitet regelmäßig langsam sein Herrschaftsgebiet, den Baum ab; schiebt dabei die untergegebenen Baumaffen in ihrer Hilfslosigkeit vor sich her; übt die Herrschaft beinahe gelangweilt aus. Auch seinem Sohn kommt, obwohl er an sich eine lächerliche Figur abgibt, eine unsichtbare Würde zu (Z. 34 f.). Rein physisch könnten die Baumaffen den Kronprinzen abwürgen; aber der Königsfamilie kommt die Aura der Macht zu (ehrfürchtig und misstrauisch, Z. 25); „alle Ehrerbietung und Scheu“ (Z. 38) kommen dem Königspaar zu – es ist die gleiche Verehrung, die Menschen Göttern entgegenbringen. Aus wessen Sicht die Ehrerbietung dem König zukommt, wird nicht angedeutet; bei der Würde des Kronprinzen wird gesagt, dass „man“ sie sehen kann (Z. 35) – es muss also wohl die Sicht der Beteiligten dargestellt sein, da ich dem Erzähler nicht unterstelle, dass er die Affen so sieht. In der Charakterisierung der Baumaffen („ein böser Bursche oder ein scherzhaftes Mädchen“, Z. 47, für die Peiniger) scheint er deren Sicht zu zitieren.
Sind die Baumaffen in ihrer Zweitposition durch Missmut und Scheu (Z. 37 f.) bestimmt, so leben sie diese Ambivalenz ungehemmt gegen die kleinen Affen aus, die nur im Graben leben dürfen (Z. 41); auch hier zeigt sich die Parallele zu den  Menschen, denen die Einordnung in ein Machtgefüge mit der Kombination von „buckeln und treten“ (sprichwörtlich: die Radfahrer) „gelingt“.
Das Schikanöse der Machtausübung zeigt sich bereits im Alltag, wo die Grabenaffen sich mit den Küchenabfällen begnügen müssen und selbst das Essen, was ihnen zugeworfen wird, nicht berühren dürfen (Z. 45 f.). Außerdem kommt es „oft“ (Z. 47) vor, dass einige Baumaffen die besagte böse-scherzhafte Jagd auf die Grabenaffen inszenieren: Sie warten hinterlistig auf deren Unvorsichtigkeit (Z. 47 ff.) und veranstalten dann die Jagd.
Die Beschreibung dieser Jagd ist der Höhepunkt der Erzählung; ich begnüge mich damit, in Stichworten festzuhalten, was mir auffällt:
– die Verfolgten klagen, das eine Opfer wimmert, die Davongekommenen rasen mit befreitem Geschrei wieder fort (Z. 51, 65);
– die Masse der Verfolgten bildet nur noch „eine Fläche von Haar und Fleisch und irren, dunklen Augen“ (Z.52 f.);
– Vergleich: „wie Wasser…“ (Z. 53 f.), gesteigert zu „Woge von Entsetzen“ (Z. 54 f.);
– Gesichter, Arme, Handflächen (menschlich) der Grabenaffen (Z. 55 f.);
– die Macht des bösen Blicks (Z. 56 f.), in Nähe zur Zauberkraft;
– der Blick nagelt den einen zufällig Ausgewählten an (Z. 60 f.);
– die Quälung dieses Opfers wird nun vollends „menschlich“, also unmenschlich beschrieben (unmöglich, das richtige Maß von Angst zu zeigen, Z. 61 f.; „wächst die Verfehlung an“, Z. 63 – wie bei Kafka – „während sich ruhig eine Seele in die andere bohrt, bis der Haß da ist“, Z. 63 f.);
– menschliches Wimmern „ohne Halt und Scham“ (Z. 64 f.);
– die anderen rasen davon, glücklich, dass es sie nicht getroffen hat (St. Florians-Prinzip).
In einem abschließenden Vergleich bewertet der Erzähler diesen Terror und stellt ihn in die Nähe menschlichen Erlebens: „wie die besessenen Seelen im Fegefeuer“ flackern die Verfolgten „lichtlos durcheinander“ (Z. 66 f.). Deutlicher als mit dem zweifachen Seelen-Vergleich (Z. 63, 66 f.) kann man die Gleichheit von Affenterror und Menschenterror nicht mehr ausdrücken.
Nach der Terrorjagd benimmt sich „der Verfolger“ (Z. 68) wie der König, der seine Macht ohne Gewaltanwendung ausüben kann: Er besteigt den Baum und blickt gelangweilt in die Welt (Z. 68 ff., parallel zu Z. 23 ff. bzw. 28 ff.).
Mir fällt auf, dass diese Erzählung einige Parallelen zu Musils Erzählung „Die Hasenkatastrophe“ aufweist, wenn dort auch die Touristen als handelnde (das „zivilisierte“ Europa repräsentierende) Größe agieren und in den Schlusskommentaren vom Erzähler deutlicher gezeigt wird, dass der schwankende Boden Europas einen Abgrund von Blutrauch und Mordlust (mit anschließender Verwertung der Beute im Hasenbraten) bedeckt. In „Die Affeninsel“ wird solcher Terror nur beschrieben, nicht expressis verbis angeklagt: Wo Menschen Götter repräsentieren und als solche andere Geschöpfe (Z. 64) behandeln.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s