Robert Musil: Hasenkatastrophe – Analyse (kurz)

(Ich orientiere mich am Text in Robert Musil: Nachlass zu Lebzeiten, rororo 500 (1962), S. 26-29. Diese Analyse soll zeigen, wie man sich vom Textverlauf lösen kann, dass man also verschiedene Elemente zu einer Gesamtgestalt des Sinns zusammenstellen (d.h. denken) muss, wenn man einen methodischen Ansatz für sein Verstehen findet.)

In dieser Parabel wird erzählt, wie Touristen auf einer Insel zufällig beobachten, dass ein Hund einen kleinen Hasen jagt und fängt. Der Ich-Erzähler, der selber zu der Touristengruppe gehört (Z. 49 f.), begleitet und unterbricht seine Erzählung mit Beschreibungen und Reflexionen. Auf eine Analyse des Aufbaus wird hier verzichtet; ich gehe von dem Kontrast zwischen „Triumph“ und „Katastrophe“ – dazwischen liegt der Wendepunkt der Erzählung (Und da erkenne ich… Ich fühle mein Herz…, Z. 64 ff.), sofern man in einer von den Metaphern des Todes bestimmten Erzählung von einem „Wendepunkt“ sprechen kann – sowie von dem Verhältnis des Ich-Erzählers zu den anderen Badegästen aus. Man könnte ebenso davon ausgehen, dass das erzählte Geschehen kommentiert (Z. 33-44, neu gefasst in Z. 50-57; 71-73; 80 f.; 88-90; 98-100) wird, oder vom Verhältnis der Menschen zur Natur (Kontrast: die Dame, Z. 1 ff., vs. Heroismus der Insel, Z. 13 f.; damit wird der Schlusskontrast vorweggenommen: das Unergründliche – der feste Boden Europas).
Was zunächst wie „der erste große Triumph der Hundewelt” (Z. 60 f.) aussieht, erweist sich als „die Hasenkatastrophe“ (Z. 69): der Hund fängt und tötet den kleinen Hasen. Den Triumph der Hundewelt erleben „wir“ (Z. 49), „zu unserem Erstaunen“ (Z. 57), „man“ (Z. 59); die Hasenkatastrophe sieht nur das erzählende Ich (Z. 64), das dem Hasen genau zuschaut und ihn als „Hasenkind” (Z. 66) erkennt, sich also aus dem anonymen Man der Gruppe löst und den personifizierten, also dem Menschen verbundenen (verwandten?) Hasen voller Mitgefühl erblickt (Z. 67).
Damit ist eine Differenz zwischen dem Ich und der wir-Gruppe, der es angehört, gesetzt, und diese Differenz macht es dem Ich möglich, den Vorgang zu erzählen und zu reflektieren; die allgemeine Reaktion ist ja ganz anders, nämlich schweigen, Unverstandenes reden und essen (Z. 93 ff.). Ohne diese Differenz wäre es dem Ich nicht möglich, aus dem Schweigen auszubrechen.
Das Ich ist der Gruppe doppelt verbunden, in der geschniegelten Kleidung und im Blutrausch (Z. 5 ff.; 49 f.; 45 f.; 57 ff.; 79 ff.). Wie das zusammen-passt, Mode und Blutrausch, ist das Geheimnis Europas (Z. 100). Die wir-Gruppe  ist also doppelt bestimmt; im Blutrausch gehört auch der Terrier dazu („der erste von uns…“, Z. 81 f.)
Die Kleidung nach der Mode verdeckt, was ein Mensch in Wahrheit ist – aus dem Gerippe der Dame macht sie ein Püppchen (Z. 1 ff.), und erst die ungebändigte Kraft des Windes, der Natur, zeigt, was die Dame, welche die Gruppe der Touristen repräsentiert, in Wahrheit ist: ein Gerippe, ein Gestell des Todes (Z. 9), klein, dumm, machtlos (Z. 9 ff.; 25 ff.). In dieser Verkleidung ist das Ich (im „man“, Z. 5) mit seiner Gruppe verbunden, ist als „Zuschauer“ (Z. 10 f.) aber bereits distanziert und stellt seine scheinbare Wahrheit nicht ohne Ironie dar („natürlich“, Z. 11).
Die Distanzierung vom Blutrausch erfolgt deutlicher – im Willen zu helfen (Z. 70 ff.) und zu strafen (Z. 90 ff.); aber sie gelingt nicht, weil das Ich selber zerrissen ist, sowohl aus „Wille“ (Z. 71, personifiziert, also verselbständigt) wie aus Bügelfalten und Sohlen besteht (Z. 72), die nicht im Ich aufgehen, sondern ein Eigenleben führen. So ist das Ich gespalten, hilflos, verstört, vielleicht ein bißchen verrückt. Verrücktheit erkennt das Ich aber nur in der vormenschlichen Natur, als „Leere der unvollendeten Schöpfung“ (Z. 38 f.), als unmenschliche Verlassenheit (Z. 52) – undeutlich erkennt es sie aber auch an den Menschen, die „Tollhausjacken“ zu tragen sich vorschreiben lassen (Z. 50), ein Hinweis auf die wahren Verhältnisse. Das Verrückte der Menschen besteht darin, dass diese teils niedlich (Z. 2 ff.), teils akkurat (Z. 6 f.) gekleideten Menschen in einen Blutrausch verfallen können (man beachte das ganze Wortfeld des Todes ab Z. 9!), ohne mit dieser Spaltung, diesem Widerspruch, dieser Ambivalenz umgehen zu können. Sie sind „bewegungslos und verlegen“ (Z. 86), als sie ihre Zugehörigkeit zur Hundewelt erkennen, und während der Hund noch (dazu als erster!) Selbsterkenntnis zu haben scheint (Z. 81 ff.), flüchten sich die Menschen in Scheinerklärungen (Z. 86 ff.) – diese täuschen erklärende Tiefe nur vor, sind in Wahrheit aber „seicht“, wie der Erzähler in einem Vergleich sagt (Z. 88-90).
Auch der Erzähler selber ist hilflos, könnte nur mit den Methoden der Hundewelt seine Herzensempörung ausdrücken, nämlich schlagen (Z. 90 ff. mit 67 ff.), und verfällt in der Erkenntnis, dass dies unangemessen ist, zunächst ins Schweigen – was er immerhin erzählen kann, aufgrund seiner Distanzierung und seines Reflektierens. Im Schweigen aller (Z. 93 f.) zeigt sich, dass niemand die Ambivalenz menschlichen Lebens versteht, niemand sie im Wort oder Begriff feststellen kann, sich ihr (und damit sich selbst) stellen kann.
Einer handelt, scheint Mitgefühl mit dem toten Hasen zu bezeugen (Z. 96) und bringt ihn fort – aber in die Küche, damit ein Braten aus ihm werde. Der Erzähler wertet in einem großen Schlußsatz, dem Höhepunkt der Erzählung, dieses Handeln: „Dieser Mann stieg als erster aus dem Unergründlichen und hatte den festen Boden Europas unter den Füßen.“ (Z. 98-100). Man beachte, dass es ein „behaglicher Herr“ (Z. 95) ist, der derart dem Blutrausch entkommt. Der feste Boden Europas, das ist die Verwertung von Leichen durch behagliche Herren und niedliche Damen, der Genuss des zu Tode gejagten Hasen. Der Herr stieg „aus dem Unergründlichen“, so muss man wohl den Schlußsatz lesen, um es schnell zu vergessen – der feste Boden Europas ist ganz unstabil, er ruht auf einem Abgrund. [1939 erschien Alfred Döblins Buch „Bürger und Soldaten 1918“, jetzt u.a. als dtv 1389 (1978) vorliegend. Darin sagt der Erzähler, dass Barrès 1914 den Kriegsbeginn in Paris erlebte: „das Aufbrechen eines Abgrundes unter dem dünnen Boden des bürgerlichen Menschseins“ (S. 341). Diese Wendung ist geeignet, den Schluss von Musils Erzählung verständlicher zu machen; vielleicht ist sie von Musils Erzählung angeregt?]
Wenn wir dieses „Bild“ Musils lesen, können wir das zwar auch nicht ändern, aber verstehen. Oder, anders gesagt: Durch Lektüre von Parabeln, durch Betrachten von „Bildern“ ändern wir (noch) nichts – das Handeln gehört einer anderen Dimension an, für die ein Schriftsteller keine Anweisungen geben kann.

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