Robert Musil: Kleine Lebensreise – Analyse

Erzählt wird, wie zwei Jungen mit einem gestohlenen Ponywagen durch Wien fahren, von einem Ich-Erzähler (Z. 7), der sich als ein erwachsener Mann vorstellt (Z. 12), jedoch nur als „ein recht erwachsener Mann“; er steht emotional noch in der Nähe der Kinder (Z. 7 f.). Auch dass er noch die Grundsatzfrage stellt, wie man leben soll (Z. 42 ff.), und dabei mit der „erwachsenen“ Position der Jugendfürsorge nicht zufrieden ist („das Dümmste“, Z. 50 f.), zeigt ihn als eigenwilligen Menschen, der selbst noch auf der „Lebensreise“ ist. Das Adverbial „richtig“ (Z. 17 f.) mag die Nähe zur Sicht oder zum Erleben der Kinder bestätigen, beinahe personal erzählt. Bedeutsam ist ihm ebenso wie den Jungen das Kleine, das Pony (Z. 6, 6 f., 9).
Erzählt wird also in starker Zeitraffung: Was mehrere Stunden dauerte, wird, von bedeutsamen Kommentaren unterbrochen, in knapp zwei Minuten erzählt. Zwei Jungen im Alter von neun oder zehn Jahren fahren mit einem gestohlenen Wagen durch Wien und werden schließlich erwischt. Die Erzählung ist „Kleine Lebensreise“ überschrieben; in einem Kommentar sagt der Erzähler, die beiden Jungen seien „von einem Ende des Lebens zum anderen gefahren“ (Z. 43). Er sagt aber nicht direkt, welches die beiden Enden sind. Dies muss man aus der Art, wie von der Fahrt erzählt wird, und aus den Kommentaren des Erzählers erschließen.
Der Text beginnt mit der Feststellung: „Das Leben ist voller Wunder.“ (Z. 3) Diese noch recht unbestimmte, optimistisch-banale wird durch eine zweite resignierende Äußerung (vielleicht die Perspektive der Erwachsenen gegenüber der der Kinder) näher bestimmt: „Bloß sind sie bezahlt und gehören immer schon irgendwem.“ (Z. 4) Hier werden gleich zu Beginn die gegensätzlichen Sphären des Wunders (vgl. später: Märchen, Z. 19; Sultan, Z. 11; prächtig, Z. 10; Indianer, Z. 28 – das Wunder als Abenteuer) und der bürgerlichen Ordnung (bezahlt, gehören; Schutzmann, Z. 37; Pflicht, Z. 38; Eltern, Jugendfürsorge, Z. 40; Geschäft, Z. 48) gegenübergestellt, und zwar so, dass die Ordnung mir oder einem selbst die Wunder vorenthält. Dieser Mangel, auch das Gefühl beim Anblick eines Ponys (Z. 7 f.) und das Adverbial „richtig“ (s.o.), scheinen aus kindlicher Perspektive gesehen zu sein, ebenso das Modalverb „konnte“ (Z. 16) – der Erzähler als Verbündeter der „Märchenbuben“ (Z. 28). Er ist eben bloß recht erwachsen (Z. 12) und erlebt die Fahrt als Märchen mit (Z. 17 ff.)
Das im dritten Satz folgende „Aber“ (Z. 4) relativiert jedoch die resignierende zweite Äußerung und leitet die Erzählung eines Geschehens ein, in dem ein Wunder für die die Wunder der Welt Entbehrenden wirklich wird – zumindest eine Zeitlang (Z. 16/33). Die Diebskerle sind für diese Zeit wirklich „Märchenbuben aus einem Indianerwigwam“ (Z. 28). Das Wunder beginnt richtig wunderbar, nämlich „plötzlich“ (Z. 13), nach dem Schulbesuch der Kinder, also nach Beendigung der Pflicht oder zu Beginn ihres freien Lebens. Möglich wird es durch die kindliche Logik: Wenn niemand bei dem Wagen ist, dem er gehören kann (Z. 15 f.), dann gehört er auch niemand und steht als Wunder offen (vgl. Z. 4).
Erzählt wird nun, wie die Fahrt in Märchenlogik, also prächtig (Z. 19, vgl. Z. 10) abläuft; schon ein kleiner Teil dieser langen Fahrt hätte genügt, um das Märchen wirklich werden zu lassen, wird im Kommentar gesagt (Z. 26-28).
Mit einer Frage (in Z. 29) wird das Ende des Märchens eingeleitet; es gab „den unvermeidlichen Streit“ (Z. 30). Mit diesem Attribut übernimmt der Erzähler die Sicht der Erwachsen, die das Leben kennen, und zählt strittige Fragen auf: Wohin fahren? Was tun mit dem Pferd? Einer der beiden beginnt geschäftlich zu denken („verkaufen“, Z. 32). „Damit war das Wunder aus.“, kommentiert der Erzähler (Z. 33).
Beinahe kindlich, nämlich so stark vereinfacht, dass es fast ironisch wirkt, erklärt er die Möglichkeit, unterschiedlich zu wählen und zu handeln, als Grund des Übels (Z. 33-37); dieses Wählenkönnen steht im Kontrast zu der Notwendigkeit, mit der das Märchengeschehen abläuft (Z. 19 ff. dreimal „müssen“); wo es individuelle Wahl, persönlichen Vorteil (Z. 34 f.) und rücksichtsloses Ausspielen von Stärke (gegenüber dem gemeinsamen Handeln, V. 36 f. vs. V. 17 ff.) gibt, ist eine bürgerliche Ordnung nötig, die das Recht auf Eigentum regelt („bezahlt“, Z. 39) und dafür Ordnungshüter einstellt (Z. 37).
Zum Schluss wird in einem Kommentar die Grundsatzfrage diskutiert, was die Jugendfürsorge den beiden Buben sagen soll: Soll sie ihnen zu einem Leben, das „aus ganzer Seele“ (Z. 45) als Abenteuer gelebt wird, raten, oder soll sie wegen der dabei unvermeidlichen Enttäuschungen (Z. 46 f., vgl. Z. 30) zu einem Leben raten, in dem seelenlos alle Dinge als Gegenstände möglicher Geschäfte angesehen werden (Z. 45 ff.)? Der Erzähler lässt die Frage offen, vermutet aber, dass die Fürsorge dieser Frage ausweicht; vielleicht kann sie als Institution der bürgerlichen Ordnung die Alternative „Abenteuer“ auch gar nicht zulassen, gar nicht ernsthaft erwägen. Wenn sie dann ausweicht, kann sie „Verständnis und Güte“ zeigen und die Jungen milde tadeln (Z. 52); doch in den Augen des Erzählers ist dies „das Dümmste“ (Z. 52), weil die entscheidende Frage übergangen, das Problem verschwiegen wird, also auch kein Verständnis für die Jungen und ihre (vom Erzähler geteilte, vgl. Z. 7 ff.) Sehnsucht vorliegt.

Was also sind die beiden Enden des Lebens? Geht man von der Reise der Jungen aus, wird man sie als Wunder/Polizist, Logik des Abenteuers/Streit, Märchen/bürgerliche Ordnung bestimmen können. Die Märchenbuben sind im Streit auseinander gegangen und zwangsläufig beim Ordnungshüter gelandet; das war ihre kleine Lebensreise durch Wien. Ihr Abenteuer ist gescheitert, zumindest zu Ende gegangen. Im Herzen des Erzählers lebt aber noch die Fähigkeit, das Abenteuer zu erhoffen.
Was soll ich als Vater meinen Kindern sagen? Das Leben „geht nicht“ ohne bürgerliche Ordnung, aber „ohne Seele“ ist es nicht lebenswert. Vielleicht erscheinen die Wunder des Lebens auch denen, die sie herbeisehnen, größer und märchenhafter, als sie tatsächlich sind: in alltägliche Vollzüge eingebettet, in einer bürgerlichen Ordnung gesichert. Das kann man in Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ nachlesen, wenn man schon nicht begriffen hat, warum der Märchenerzähler zu erzählen aufhört, wenn der Mann die Prinzessin endlich zur Frau bekommt und heiratet, also die beiden als Paar in eine Ordnung eingefügt werden.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s