Kehlmann: Die Vermessung der Welt – Selbstbezüglichkeit des Romans

Unter dieser Überschrift möchte ich einige Beobachtungen zusammenfassen. Mehrfach äußern sich Figuren des Romans über das Romanschreiben bzw. sogar über diesen Roman Kehlmanns.

Der erste ist Gauß, der auf der Fahrt nach Berlin Eugen erklärt, was für ihn die Zufälligkeit der Existenz bedeutet: Man ist im Vorteil gegenüber der Vergangenheit, wird jedoch zum Clown der Zukunft (9/4 ff.). Das erläutert er dann am Beispiel: Sogar er selbst hätte in ferner Vergangenheit oder am Orinoko – ein Seitenhieb gegen Humboldt! – „nichts zu leisten vermocht, wohingegen jeder Dummkopf in zweihundert Jahren sich über ihn lustig machen und absurden Unsinn über seine Person erfinden könne“ (9/12 ff.). Hier thematisiert der Roman Kehlmanns einfach sich selbst (bzw. die Figur Gauß den Roman: als potenziell absurden Unsinn, in seiner Perspektive).

Humboldt spricht mit Lichtenberg über das Romanschreiben, es „erscheine ihm als Königsweg, um das Flüchtigste der Gegenwart für die Zukunft festzuhalten“, weshalb es Unfug sei, „wenn ein Autor, wie es jetzt Mode werde, eine schon entrückte Vergangenheit zum Schauplatz wähle“ (27/23 ff.). Hier wird gerechterweise ausgeglichen, dass der Autor Humboldt als einen überspannten Kümmerling darstellt – Humboldt darf Kehlmann als Autor eines Romans über die entrückte Vergangenheit um 1800 beschimpfen, bzw. Kehlmann rechtfertigt sich selbst, da Humboldt ja von allem außer Vermessen keine Ahnung hat, und selbst dabei denkt er nicht genug, wie Gauß weiß (224/9 f.).

Humboldt äußert sich auch gegenüber Pater Zea kritisch über das beständige Erzählen der Eingeborenen: „Wozu dieses ständige Herleiern erfundener Lebensläufe, in denen noch nicht einmal eine Lehre stecke?“ (114/17-19) Der Pater gibt ihm Recht und verweist darauf, dass es in allen Kolonien verboten sei, erfundene Geschichten aufzuschreiben – aber man sei machtlos. Erneut darf Humboldt sich kritisch über das Romanschreiben äußern, aber eben Humboldt!

Humboldt offenbart sich vollends selbst im Gespräch mit Gauß in Berlin: Ihm selbst habe Literatur nie viel gesagt, Bücher ohne Zahlen langweilten ihn (221/16 ff.). Erfundenes verwirre die Menschen, Stilisierung verfälsche die Welt – dazu gehörten auch „Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde“ (221/22-28). Schlimmer kann Kehlmanns Werk nicht mehr verurteilt werden – aber es wird von einem Banausen verworfen und steht deshalb umso besser da.

Der letzte, der sich äußern darf, ist Daguerre. Im Gespräch mit Gauß mokiert er sich über Humboldts Bücher, die nur Messergebnisse enthielten, nichts Persönliches, praktisch keine Abenteuer (239/17 f.) „Der arme Mann habe einfach keine Ahnung, wie man ein Buch schreibe!“ (239/21 f.) Damit ist einmal Humboldts Kritik am Romanschreiben zurückgewiesen, anderseits Kehlmanns Art des Schreibens rehabilitiert.

Ob man Bonplands Bemerkung, die Deutschen hätten keinen Humor (111/20), außer auf Humboldt auch auf Kehlmanns Roman beziehen darf, bezweifle ich.

Welche Funktion hat diese Rückbezüglichkeit des Romans? Sie dient einmal der Illusionsbrechung: He, Leute, ihr lest hier einen Roman! Darin gleicht sie dem alten „Spiel im Spiel“ des Theaters (http://www.li-go.de/uebungsansicht/dramaalt/spielimspielillusionsbrechungALT.html). Ferner erweist sich Kehlmanns Roman damit als einer, der der Postmoderne angehört, zu deren Kennzeichen eben solche Selbstreferenz des Werks gehört (http://www.uni-kassel.de/iag-kulturforschung/selbstreferenz_in_medien.htm; vgl. noch die Links zum Begriff Selbstbezüglichkeit). Dass einige der genannten Stellen auch in die Humboldt-Kritik des Romans passen, sei abschließend noch festgehalten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

http://www.schmidt.uni-halle.de/konzepte/texte/noeth1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Autoreflexivit%C3%A4t

http://www.humnet.unipi.it/slifo/vol4.2/Eichinger_4.2.pdf (L. Eichinger: Das rechte Maß. Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ als ein Beispiel zeitgemäßer Schriftlichkeit)

http://othes.univie.ac.at/16728/1/2011-11-03_0502298.pdf (L. Buchinger: Gattungsuntypische Strategien in den historischen Romanen von Sten Nadolny und Daniel Kehlmann. Magisterarbeit 2011, dort S. 52 ff.)

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