Goethe: Dornburg, September 1828 – Analyse

Erläuterungen:

Überschrift: Dieses Gedicht ist Anfang September 1828 in Dornburg entstanden; es ist quasi die Fortsetzung von „Dem aufgehenden Vollmonde“. Es zeigt, dass Goethe den Tod des Freundes Carl August innerlich bewältigt hat.

V. 9 [sich] weiden: Nahrung zu sich nehmen, speisen; (im übertragenen Sinn) „Stoff zum Vergnügen darreichen, und finden, am häufigsten von den Augen“ (Adelung);

V. 10 reiner Brust: (Genitiv als Adverbialbestimmung) mit/aus reiner Brust;

V. 10 die Große, Holde: das ist vielleicht die Natur, die Welt insgesamt; grammatisch wäre es auch möglich, die Sonne (aus V. 11) als die Große, Holde zu bezeichnen.

Das Gedicht besteht aus einem einzigen Satz. Der Sprecher beschreibt zwei Morgensituationen und spricht am Schluss aus, was er für den Abend erwartet. Er selbst tritt ganz zurück, meldet sich allenfalls schüchtern mit seinem „sehnlichsten Erwarten“ (V. 3), vielleicht auch mit dem Pronomen „du“ zu Wort (3. Str.); doch kann man „du“ auch als „wir alle“ oder „man“ lesen.

Es werden zunächst zwei frühmorgendliche Situationen beschrieben: Der Nebel verzieht sich, die Blumen gehen auf; ein Ostwind vertreibt die Wolken und kündigt so einen Sonnentag an (1. und 2. Str.). In diese Beschreibung ist die Erwartung eines Zuschauers hineingewebt: Die Blumenkelche füllen sich „dem sehnlichsten Erwarten“ (V. 3), wobei der Gegenstand der Erwartung noch nicht genannt wird. Erst in der 2. Strophe kann man ihn erahnen: Das Licht wird erwartet, die blaue Sonnenbahn (V. 8). Dass diese Ahnung richtig ist, wird in V. 9 f. bestätigt: Du dankst dann, am Blick des kommenden Sonnentages dich weidend, der Großen, Holden. Das alles wird jedoch nicht einfach beschrieben, sondern ist konditional formuliert (zweimal wenn-Strophe, dann konditional V. 9 f.), aber doch so, dass von Anfang an die zeitliche Bedeutung in den Vordergrund tritt: Früh (V. 1) geschieht das, der Nebel weicht (V. 2 ff.), die Wolken werden vertrieben (V. 7 f.), „dann“ dankst du (V. 9) – wenn das alles geschieht, dann kannst du erwarten (Futur: wird, V. 11), dass am Abend die Sonne in großer Pracht (vergolden, V. 12) langsam untergeht. Auch in der 3. Strophe ist der Zuschauer in das Geschehen einbezogen: Er dankt „reiner Brust“, weil er sich am Anblick des Lichtes, des Sonnentages stärkt, neu belebt.

Es liegt ein vierhebiger Trochäus vor, immer mit klingendem Ausgang (weiblich), sodass der Fluss des Sprechens über die ganze Strophe nicht gehemmt wird. Dem kommt auch der Satzbau entgegen; die beiden ersten Strophen sind jeweils ein einziger (Neben)Satz, die 3. Str. besteht aus Neben- und Hauptsatz. Im Kreuzreim sind passende Sinnabschnitte aneinander gebunden: Nebelschleier sich enthüllen / Blumen bunt sich füllen (V. 2/4) usw. Vielleicht sollte man auch auf die fünf betonten o-Vokale der letzten drei Verse hinweisen.

Die beiden Dornburger Gedichte [Dem aufgehenden Vollmonde / Dornburg] gehören eng zusammen, nicht nur in der Länge (12 Verse in drei Strophen) oder der Entsprechung der Nacht- und Tagesthematik und in der Symbolik des beseligenden Lichtes. Auch im Aufbau lassen sich Parallelen finden: Die ersten acht Verse bieten (nach John Williams) eine Schilderung des Landschaft und des seelischen Zustandes. In der 3. Strophe ändert sich die Stimmung als Erwiderung auf das Vorhergehende, wobei die adverbialen Genitive (reiner Bahn / Reiner Brust) jeweils in V. 10 stehen.

Beide Gedichte sind bezeichnend für Goethes Alterslyrik; sie bieten eine Synthese von Geschautem und Empfundenem, von Erleben und dessen symbolischer Bedeutung. Das Gegebene wird dankbar angenommen, das Leben als ganzes bejaht. Sie leben auch aus den typischen Motiven Goethes, gerade des alten Dichters: Sonne/Mond, Tag/Nacht, Licht/Finsternis, Klarheit/Nebel. Erst am Ende des Erlebens findet es zu seiner Fülle und Erfüllung; bis zum Ende seines Lebens bleibt Goethe trotz mancher Anfechtung der Erde und ihrer Schönheit treu. —– Analysen vieler Goethe-Gedichte findet man unter „Gedichte 18.Jahrhundert“ bzw. „Gedichte 19. Jahrhundert“ (siehe die Kategorien am linken Bildrand!), dort auch „Dem aufgehenden Vollmonde“.

2 thoughts on “Goethe: Dornburg, September 1828 – Analyse

  1. Hallo, Mike,

    es gibt hier keine echte Parallele mit dem Leben der Menschen, weil es um die Analyse eines Textes geht.
    Außerdem ist das Leben der Menschen vielfältig und unterschiedlich, der zu analysierende Text aber ein einziger: Vielleicht erlebst du also einen Septembertag anders als ich, anders auch als das hier sprechende Ich? Wie soll da eine Parallele hergestellt werden?

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