Mark Twain: Huckleberry Finns Abenteuer (Aufbau, Perspektive, Schluss)

Literatur:
Jefferson, Douglas W.: Mark Twain . Adventures of Huckleberry Finn. In: Der amerikanische Roman. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Lang, Hans-Joachim (Hrsg.). Bagel: Düsseldorf 1972, S. 142 ff.
Jens, Tilman: Mark Twain. Heimkehr zum Mississippi. Piper: München 1985.
Schubert, Karl: Mark Twain: ‚Adventures of Huckleberry Finn‘. In: Der amerikanische Roman im 19. und 20. Jahrhundert. Erich Schmidt: Berlin 1974, S. 70 ff.
Lebenslauf:
1835  Samuel Langhorne Clemens in Florida/Missouri geboren
1839  Umzug der Familie nach Hannibal/Missouri; die Familie verarmt, der Vater stirbt 1847.
1850  Druckerlehre bei der Zeitung, danach umhergetrieben
1857 – 1860 Lotse auf dem Mississippi, „Leben auf dem Mississippi“ (1883)
1861  in den Westen: Silbergräber, Reporter, „Durch dick und dünn“ (1872)
1864  Journalist in San Francisco, „Mark Twain“ (Lotsenkommando)
1867  Europareise, „Die Arglosen im Ausland“ (1869)
1870  heiratet er Olivia Langdon, mit der er dann mehrere Kinder hat.
1876  „Tom Sawyers Abenteuer“
1879 / 80 Europareise, „Bummel durch Europa“ (1880)
1882  große enttäuschende Reise auf dem Mississippi
1884  „Huckleberry Finns Abenteuer“; 1885  wendet er sich dem Erfinden zu.
1894  Bankrott mit dem Zeilensetzautomaten
1895  weltweite Vortragstourneen (zum Schuldenbegleichen), ab 1906 Arbeit an der Autobiographie
1910  gestorben in Redding/Connecticut.

T. Jens sieht das Leben Toms und Huckleberrys aus „Tom Sawyers Abenteuer“ (woran er 1870-76 geschrieben hat) als Gegenwelt zur biederen bürgerlichen Ehe Mark Twains; „St. Petersburg“ sei das Dorf Hannibal aus seiner Kindheit, zu den Figuren gebe es Vorbilder im Dorf. In „Bummel durch Europa“ (1880) sei die Reise auf dem Neckar ein Vorbild für die Darstellung der Reise von Jim und Huck auf dem Mississippi (Jens, S. 65 – chronologisch problematisch! N.T.). Die enttäuschenden Erfahrungen seiner Mississippireise von 1882 hätten den Traum seiner Kindheit zerstört, das spiegele sich in der Abwendung Jims und Hucks von der ‚Siwilisation‘ des Dorfes wieder (S. 68 ff. – wieder chronologisch problematisch!).
Die ersten 16 Kapitel des Romans sind 1876 geschrieben, Kap. 17 f. in 1879-1880, Kap. 19-21 vor Juni 1883, Kap. 22 nach dem 15. Juni 1883, der Rest auf einmal im Sommer 1883.

Ich habe den Roman öfter in der Sekundarstufe II des Gymansiums mit den Schülern gelesen – die Kollegen haben das zwar belächelt, aber den Roman als Satire zu verstehen fiel selbst diesen Schülern nicht leicht.

Die Perspektive des Erzählers

Perspektive: Ohne eine theoretische Diskussion anzetteln zu wollen, nenne ich in Anlehnung an Claudio Mende[1] folgende Stichwörter zur Orientierung:

Erzählperspektive

  • Sie resultiert aus dem Standort (Blickwinkel, Blickdistanz, Außen-/Innensicht), von dem aus Handlungen und Geschehen beobachtet werden, und der Haltung (Einstellung) des Erzählers.
  • Die Wahrnehmung der fiktiven Wirklichkeit wird bestimmt vom Blickwinkel (point of view) des Erzählers.
  • Die Haltung des Erzählers kann von Zustimmung, Objektivität, Skepsis bis hin zur Distanziertheit reichen.

Ich-Erzählsituation

  • Anschauung und Blickwinkel nur einer Person (=> Unmittelbarkeit/ Authentizität);
  • Erzähler steht als Figur unter Figuren der Handlung;
  • berichtende Erzählweise;
  • erzählendes Ich in zeitlicher Distanz zu erlebenden Ich;
  • Ich-Erzähler kann zu seinem vergangenen Verhalten Stellung nehmen und es kommentieren.

Wenn man die Perspektive des Ich-Erzählers Huckleberry Finn betrachtet, fällt gleich zu Beginn des Romans seine Distanz zur bürgerlichen Welt auf:

  • Die Witwe Douglas will ihn „siwilisieren“ (alle Belege aus dem 1. Kapitel), aber ein solches Leben ist für Huck „scheußlich regelmäßig und anständig“. Als er wieder in seine Lumpen und seine Zuckertonne steigt, ist er „frei und zufrieden“.
  • Im Bericht vom geregelten Leben beklagt er, dass er pünktlich zum Abendbrot kommen musste.
  • Er hat kein Verständnis für das Tischgebet: Die Witwe beugt ihren Kopf und hat „n’bißchen über das Essen gebrummelt“.
  • Eintopf, in dem alles verschwimmt, ist ihm lieber als bürgerliches Essen.
  • Er versteht die biblische Unterweisung nicht („Moses und die Bimsen“) und hat kein Interesse an Moses, weil der „schon ’ne beträchtliche Weil tot ist“ und Huck sich für Tote nun mal nicht interessiert.
  • Dass er nicht rauchen darf, kritisiert er einmal mit Bezug auf Moses (Rauchen ist für etwas gut, Moses nicht), dann mit Bezug auf die Witwe (Sie schnupft, „aber das war natürlich richtig, weil sie’s machte“).

Huck lebt in der Gegenwart, frei von Konventionen und Sorgen. In Hucks Sicht – in Darstellung, Wortwahl und Kommentaren – erscheint das bürgerliche Leben verfremdet, es verliert den Status des Selbstverständlichen; das kann den Wert des Humors für den bürgerlichen Leser besitzen (und dann als Kinderbuch verniedlicht werden), kann aber auch zu scharfer Satire werden: etwa in der Darstellung der Grangerfords im 17. und 18. Kapitel, bei der todessüchtigen Dichtung der Tochter und der sinnlosen Fehde zwischen den „frommen“ Familien.

[1] http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/790.html; vgl.

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/erzpers/erzpers0.htm

http://www.li-go.de/definitionsansicht/prosa/erzaehltextanalyse.html (hier: Discours/Erzeugungstechniken)

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html (dort unter 9.2 Erzähltextanalyse)

Zum Abschluss von M. Twain: Huckleberry Finns Abenteuer (it 837)

Der erste Teil des Buches behandelt die Flucht Jims (S. 69) und Hucks (S. 45; 53) in die Freiheit; dabei bezieht sich dieser  abenteuerliche Teil bereits (halb-)ironisch auf Toms Abenteuerspiele (2. und 3. Kap.; vgl. auch S. 55; 68; 102 f.; 115). Der zweite Teil (ab Kap. 17) ist insgesamt als Gesellschaftssatire auf das Leben im Süden (dagegen wieder S. 322 f.!) zu sehen. Der Schluss des Buches ist „komisch“: Huck will nach innerem „Kampf“ (31. Kap.) Jim befreien und erfährt unerwartet Toms Hilfe (S. 321) – in Wirklichkeit ist Jim aber bereits frei (S. 408). Der Schlussteil scheint mir i.W. als Ironisierung des Abenteuerromans verständlich (S. 319; 408; insgesamt 330 ff.), als ironischer Ausstieg des Autors aus der Erzählung der misslungenen abenteuerlichen Flucht, Freiheitssuche und Flussfahrt.
Toms Bild ist nicht ohne Distanz gezeichnet (u.a. S. 346 ff.; 366; 368!; Jims Stellungnahme S. 373 nach der auf S. 352). Erst recht ist eine Distanzierung von Toms Einstellung zur abenteuerlichen Niggerbefreiung zu erkennen: Er möchte daraus als Held hervorgehen und eine Lebensaufgabe daraus machen (S. 352 f.); er bezahlt Jim für die dabei erlittenen Leiden (S. 412; vgl. Jims Äußerung S. 376). Hucks Einschätzung von Toms Haltung ist bezeichnend (S. 409; 331). In Tom wird auch der weiße Typus karikiert, der gern die Oberaufsicht führt (S. 368) und dabei haarspalterisch Moral und Grundsätze befolgt (S. 342 ff.; 350; 379).
In der Behandlung der Neger bleiben gesellschaftskritische Akzente spürbar (Kap. 31; S. 314; 321; 389!; 401 ff.). In der Aufklärung der Befreiungsprobleme als Irrtum und Spiel (S. 408 f.) verbinden sich die gesellschaftskritischen Aspekte mit komödienhaften Elementen der Verwechslung von Tom und Huck (S. 313 ff.) sowie der unverhofften „Rettung“ Jims. Diese komische Lösung der Sach- und Erzählproblematik ist in einer Zeit möglich, in der die Sklavenfrage rechtlich entschieden ist, also nach dem Bürgerkrieg von 1861/65. Als unpolitische Lösung bleibt sie irgendwie unbefriedigend, in einer vor 1865 im Süden spielenden Erzählung jedoch notwendig; vielleicht spricht daraus auch die Resignation Mark Twains, der auf der Suche nach Freiheit und Weite immer wieder an Grenzen gestoßen ist.

Vgl. meinen Aufsatz Huckleberry Finns Abenteuer auf dem Weg zu sich selbst, in: Deutschunterricht, 69. Jg., Oktober 5-2016, S. 36 ff.

2 thoughts on “Mark Twain: Huckleberry Finns Abenteuer (Aufbau, Perspektive, Schluss)

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