Thomas Mann: Buddenbrooks – Übersicht: Inhalt, Geschehen, Stil

 

Während die Figuren zu Beginn mit ihrem Geschick übereinstimmen, nehmen im Fortgang des Geschehens die Brechungen zu. Diese zeigen sich nach Prof. Härle vornehmlich in fünf Bereichen:

– in der stärkeren Hinwendung zur Religion (Jean, seine Frau und Clara),

– im Hang zu grüblerischen Selbstzweifeln (der Kaufmann Thomas Buddenbrook liest Schopenhauer),

– in der Zunahme künstlerischer Neigungen (Hanno bringt nur ein bisschen Klavierspiel zustande, sein Onkel Christian ist ein verunglückter Schauspieler),

– in den zerbrechenden Liebesbeziehungen (die Option der Liebesehe tritt in Konkurrenz zur Vernunftehe, beide können aber nicht halten, was sie versprechen),

– in der Abnahme des wirtschaftlichen Erfolges (wirtschaftliche Entwicklung und Ungeschick tragen dazu bei, dass sich Misserfolge einstellen).

Vor diesem Hintergrund kann man die elf Teile des Romans kurz vorstellen:

Das große Haus und die erfolgreiche Familie Buddenbrook werden vorgestellt: Großeltern Johann und Antoinette, Eltern Jean und Elisabeth, die Kinder Thomas, Antonie und Christian; Verwandte und Freunde kommen zum Fest der Einweihung des neuen Hauses. Folie ist der Niedergang der Familie Ratenkamp, der Vorbesitzer des Hauses. Spannungen in der Familie hat Gotthold, der Sohn aus Johanns erster Ehe, mit einer unstandesgemäßen Heirat erzeugt.

II  Das Leben geht weiter: Clara, eine weitere Tochter, wird geboren; die Großeltern sterben. Gotthold versöhnt sich mit seinem Bruder Jean. Familie Hagenström taucht als geschäftlich erfolgreiche Konkurrenz auf, die bis ins Persönliche reicht. Die Entwicklung der Kinder liefert vor allem Anknüpfungspunkte für späteres Geschehen (Thomas als Kaufmann, Christian als Leichtfuß; Antonie lernt im Pensionat vornehme Mädchen kennen).

III  Die Heiratspolitik der Familie wird vorgeführt: Tony wird von den Eltern zur Heirat des ihr widerlichen, jedoch scheinbar soliden Kaufmanns Grünlich gedrängt. Dazu muss sie dem von ihr bewunderten und geliebten Medizinstudenten Morten Schwarzkopf, einer Urlausbekanntschaft, entsagen. Sie tut das schließlich wegen ihres unglaublich ausgeprägten Familiensinns und Stolzes. Thomas trennt sich freiwillig von seiner Geliebten Anna, einem Blumenmädchen.

IV  Dies ist das Grünlich/Jean-Kapitel: In Fortsetzung von III wird die Familie Grünlich darstellt. Dort ist eine Tochter geboren worden, aber Tony leidet unter der vermeintlichen Sparsamkeit ihres Mannes. Der hat in Wahrheit Bankrott gemacht. Der Schwiegervater Jean Buddenbrook weigert sich, für die Verluste Grünlichs aufzukommen, und holt Tony heim. Diese lässt sich scheiden und blüht dabei ob ihrer Bedeutung auf. Jean stirbt unerwartet.

In der Familie Buddenbrook gibt es Veränderungen: Thomas übernimmt die Firma; Christian kommt aus Chile zurück und ist psychisch im Niedergang. Die Mutter wird vollends religiös; Clara heiratet einen Pastor, Thomas dagegen die reiche Gerda Arnoldsen. Diese ist allerdings eine Künstlernatur, eine hervorragende Geigenspielerin.

VI  Die drei Geschwister gehen ihren Weg weiter: Tony heiratet, allerdings unter ihrem Buddenbrook-Niveau, Herrn Permaneder; ihr Kind stirbt gleich nach der Geburt, die Ehe scheitert. Christian wird mit seinem „Kranksein“ immer problematischer; es kommt zu einem heftigen Streit mit Thomas, worauf Christian nach Hamburg geht. Thomas ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt (VI 7.).

VII Zeichen des Erfolgs bezeugen, dass es in Wahrheit bergab geht. Nach langem Warten wird Thomas’ Sohn Hanno geboren, ein schwächliches Kind. Christian verfällt weiter, wird Vater des Kindes einer Schauspielerin und geht nach London. Thomas wird zwar Senator der Stadt, aber seine Kraft lässt nach. Er plant zur Ablenkung davon ein neues Haus. Clara stirbt, ihr Mann erschleicht deren Erbteil. Hanno ist noch ein glücklich spielendes Kind – ein Ausblick auf seine künftige Überforderung durch „das Leben“.

VIII Schwächen und Misserfolge zeigen sich: Erika, Tonys Tochter, heiratet unter Niveau Herrn Weinschenk; wegen eines Betrugs wird Weinschenk verurteilt. Die wenig glückliche Ehe, ein Projekt Tonys, ist damit gescheitert. Thomas ist mit sich nicht im Reinen; er kauft gegen seine Überzeugung die Ernte von Pöppenrade „auf dem Halm“ und verliert sie durch ein Gewitter, ausgerechnet am Tag des 100jährigen Firmenjubiläums. Hanno kann mit Anforderungen an ihn nicht umgehen, zeigt nur musikalische Neigungen und wird darin von der Mutter gefördert; er freundet sich mit Kai Graf Mölln, einem Außenseiter, an.

IX  Der Verfall setzt sich fort: Elisabeth stirbt schwer; ihr Haushalt wird aufgelöst, das Haus wird an den Konkurrenten Hagenström verkauft (eine Parallele zu I). Christian und Thomas streiten sich wegen Christians Heiratspläne.

Thomas verfällt und stirbt: Thomas spielt nur noch den eifrigen Geschäftsmann. Er scheitert mit der Erziehung Hannos zu seinem Nachfolger. Leutnant von Throta bedroht als Musiker mit seinen häufigen Besuchen bei Gerda deren Ehe mit Thomas (in dessen Sicht). Thomas findet weder bei Schopenhauer noch im Christentum seiner Kindheit eine Antwort auf seine Frage nach dem Tod. Er wird an einem kranken Zahn behandelt und bricht auf der Straße zusammen; er stirbt.

XI  Am Ende steht die Auflösung der Familie: Christian hat die Lebedame Aline Puvogel geheiratet und landet als geistig krank in einer Anstalt. Ida Jungmann, Haushaltshilfe und Kindermädchen zweier Generationen, ist entlassen worden. Die Firma wird aufgelöst und das Haus verkauft, beides mit Verlusten. Hanno leidet in der Schule und findet nur in der Musik Trost. Er stirbt an Typhus, weil er nicht leben will und kann. Gerda reist nach Holland zurück; es bleiben nur ein paar alte Damen in der Stadt übrig.

(Auf dieser Basis arbeite ich an einem Lehrerheft, das außerdem eine U-Reihe über „Mario und der Zauberer“ enthält.)

P.S. Das Lehrerheft ist im November 2010 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen. Ich weise noch auf die Liste der Hilfsmittel in diesem Blog hin. Eine sehr ausführliche Inhaltsangabe (-wiedergabe) gibt es hier.

Zweites P.S. Bei der Lektüre von Korff: Geist der Goethezeit, II. Teil bzw. Bd. 2, 1954, S. 322-341, ist mir klar geworden, dass man Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ erst vor dem Hintergrund von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ vertieft versteht. Meine Empfehlung für Lehrer also: Korff lesen! Für den Fall, dass Korff nicht greifbar ist, nenne ich ein paar Links, in denen man einigermaßen solide etwas über Goethes Roman erfährt:

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/washeisst/wilhmeister.htm (sehr knapp)

http://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Wilhelm+Meisters+Lehrjahre?page=0%2C0 (die gute mittlere Version)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/artikelneu/johann_wolfgang_goethe.htm (große Besprechung, Wertungen aus heutiger Sicht)

Drittes P.S. Bei der weiteren Lektüre Korffs stoße ich in Bd. III (1940, 3. Aufl. 1956, S. 55 ff.) auf das Kapitel „Künstlerleben“. Dort stellt Korff den romantischen Künstler im Unterschied zum klassischen dar: „Der humanistische Künstler, für den Goethe exemplarisch ist, lebt mit der Natur, der er selbst als höchste Blüte entstiegen ist, naturgemäß in innerer Harmonie. […] Der romantische Künstler dagegen leidet gerade an einem solchen Bruch“ mit dem Ganzen des natürlichen Lebens; er ist als Mensch eine Zwienatur, er wird zwischen Menschen- und Künstlertum zerrissen. Im irdischen Bereich leidet er, in der Kunst erlebt er überirdische Seligkeit. – Der höchste romantische Künstlertyp ist der Musiker; dargestellt hat ihn als erster Wackenroder in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1796). „Ein Brief Joseph Berglingers“ in Wackenroders „Phantasien über die Kunst für Freunde der Kunst“ wäre wunderbar für einen Vergleich mit Christians oder Hannos Erleben geeignet. – Fazit: Thomas Mann setzt die romantische Künstlerproblematik unmittelbar fort. Auch in Bd. IV (1953, 2. Aufl. 1955) taucht die Künstlerproblematik bei der Vorstellung E. T. A. Hoffmanns auf: der romantische Künstler (S. 546 f.), die Problematik der Musik (S. 548 ff.), Kapellmeister Kreisler (S. 559 ff.).

______________________________________________________________________

Da ich Härle zitiert habe, da seine Vorlesung aber nicht mehr direkt greifbar ist, will ich seine beiden Vorlesungen über „Buddenbrooks“ hier wiedergeben:

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vl_01.htm (Übersicht über die gesamte Vorlesung des WS 02/03)

= https://web-beta.archive.org/web/20070627023131/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vl_01.htm (Über die Suchmaschine https://web-beta.archive.org/ findet man auch Texte, die nicht mehr greifbar sind.)

Buddenbrooks, meine Damen und Herren, ist einer der bedeutendsten und zugleich erfolgreichsten Romane der deutschen Literatur, und sein Titel lautet – ich bitte Sie, das sich einzuprägen – Buddenbrooks, und nicht etwa hemdsärmelig-süddeutsch ‚Die Buddenbrooks’. Das betone ich nicht nur, weil ich in dieser Hinsicht pingelig bin, sondern weil es zum Charakter dieses Familienromans gehört, daß er in norddeutscher Landschaft und Geisteshaltung spielt und daß die in ihm dargestellte Familien-Geschichte die Geschichte einer Familie von höherem Stande und Ansehen ist. Denn es handelt sich, wie der Untertitel des Romans sagt, um den Verfall einer Familie, und die „Fallhöhe“ – um einen Terminus aus der Dramentheorie zu verwenden – wird natürlich in erster Linie von der Höhe des Ausgangspunktes bestimmt. Buddenbrooks sind jedenfalls alles andere als irgendwer: sie sind eine der traditionsreichsten und wohlhabendsten Kaufmannsfamilien in der Hansestadt Lübeck (deren Name im übrigen im Roman niemals vorkommt). Und ihr „Verfall“ ist ein Fall aus großer Höhe ins Nichts.

Die Geschicke von vier Generationen der Kaufmanns-Familie Buddenbrook nimmt Thomas Mann als Handlungsgerüst, um exemplarisch die Geschichte des Bürgertums des 19. Jahrhunderts zu erzählen – wie er sie sieht: als die Geschichte eines Identitätsverlustes. Die erste im Roman auftretende Generation des alten Monsieur Johann Buddenbrook (1765 – 1842) wurzelt noch tief im Geist der Aufklärung und ist sich ihrer neu eroberten Stellung sehr bewußt. Sie repräsentiert das Bürgertum, insbesondere den wohlhabenden Kaufmannsstand, der die tragende Säule der Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts ist und sich dessen noch ungebrochen erfreuen kann: „Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können“ – so lautet das Familienmotto, in dem sich geschäftlicher Ehrgeiz und Gewissensfrömmigkeit widerspruchsfrei verschränken können. Der alte Monsieur Johann Buddenbrook ist alles andere als ein Grübler, er sieht sich in heiterer Übereinstimmung mit der Welt und geht Probleme im Geiste des Rationalismus an.

Bereits in der ersten Szene des Romans, in der sofort die ersten drei Generationen der Familie auftreten, wird diese Einstellung des Großvaters mit den sich allmählich verändernden Haltungen der mittleren und der jüngeren Generation konfrontiert und kontrastiert. Thema ist der protestantische Katechismus, aus dem der Großvater sein Enkelkind Antonie, genannt Tony, abhört, wobei er sich als rationalistischer Aufklärer über deren naives Nicht-Verstehen der komplizierten religiösen Aussagen der Glaubensbekenntnisses lustig macht. Sein Sohn, der Vater der kleinen Tony, der im ersten Handlungsjahr des Romans 1835 ca. 37 Jahre alt ist, stimmt zwar „aus Respekt“ in das Lachen seines Vaters über den Katechismus ein, erwidert aber doch „mit einem Gemisch von entgegenkommendem Lächeln und Vorwurf in der Stimme“ ‚Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal über das Heiligste!’“

In dieser Eröffnungsszene des Romans spannt Thomas Mann bereits leitmotivisch das Prinzip des Verfalls aus. Während zu Beginn des Romans und in der nach und nach erzählten Vorgeschichte plastisch hervortritt, daß die handlungstragenden Figuren ohne Probleme und Brüche mit ihrem Geschick übereinstimmen, nehmen die Brechungen fortwährend zu. Sie zeigen sich vornehmlich in fünf Bereichen:

  1. in der zunehmenden Hinwendung zur Religion (am Schluß des Romans wird noch eine Art melancholischer Jenseitshoffnung beschworen),
  2. im wachsenden Hang zu grüblerischen Selbstzweifeln (der Kaufmann Thomas Buddenbrook liest Schopenhauer und verliert sich darin),
  3. in der Zunahme an künstlerischen Neigungen (der Stammhalter Hanno Buddenbrook bringt auf der Welt nichts mehr zuwege als ein bißchen Klavierspiel, sein verrückter Onkel Christian verplempert sein Erbe mit zwielichtigen Schauspielerinnen),
  4. in den schwieriger werdenden und zerbrechenden Liebes-Beziehungen (die Option der Liebes-Ehe tritt in Konkurrenz zur alten Form der Vernunftehe, beide können aber nicht halten, was sie versprechen, nämlich Erfüllung und Dauer [Thomas – Gerda, Tonys Ehen, Erika – Weinschenk]),
  5. in der Abnahme des wirtschaftlichen Erfolges (allgemeine Wirtschaftsentwicklung und persönliches Ungeschick tragen dazu bei, daß immer weniger Geschäftsvorgänge erfolgreich sind; ein aggressiv-kapitalistisches Geldbürgertum verdrängt den eingesessenen „Geld-Adel“)

Auf diese Interpretationslinien werde ich nächste und übernächste Woche eingehen; Sie sollten sie jedoch im Hinterkopf behalten, damit Sie sich immer bewußt sind, daß hier nicht eine private Familiengeschichte, sondern eine exemplarische Geschichte des Bürgertums erzählt wird – ganz in dem Sinn, den ich letzte Woche erläutert habe: als Modell einer symbolischen Weltdeutung, in der die erlebte chaotische und zufällige Wirklichkeit mit Sinnmöglichkeiten unterlegt wird.

Der eigentliche „Held“ des Romans ist die ganze Familie; Buddenbrooks ist wie gesagt ein Familienroman, nicht der Roman eines Einzelhelden. Dabei erzählt Thomas Mann den „Verfall“ dieser Familie in minutiösen und detailreichen Einzelporträts einiger Familienmitglieder, in deren äußerem Lebenslauf und vor allem deren Seelengeschichte sich immer der Verfall symbolisch abzeichnet.

Es ist weidlich bekannt, daß Thomas Mann für die Konzeption und Ausführung dieses Romans auf seine eigene Familiengeschichte zurückgegriffen hat. Mehrere Jahre lang hat er in alten Familiendokumenten recherchiert, hat sich bei Verwandten über Einzelheiten kundig gemacht und hat schließlich die Geschichte des Handelshauses Johann Siegmund Mann in Lübeck umgestaltet zur Geschichte der Kaufmannsfamilie Buddenbrook. Ich will diese Umformungen, die ein bedeutendes Strukturmerkmal des Romans darstellen, mit einer Gegenüberstellung der beiden Stammbäume verdeutlichen und dabei die im Roman entwickelten Verfallslinien, die ich Ihnen das letzte Mal genannt habe [Folie!], anhand der wichtigsten Figuren – ihrem Leben und Sterben – nachzeichnen.

Schon der erste Blick auf die beiden Genealogien macht sichtbar, daß der Stammbaum der Familie Buddenbrook im Vergleich zu dem der Familie Mann wesentlich vereinfacht worden ist. Er ist weniger verzweigt und läuft bereits nach der 3. Generation wieder auf eine Ausdünnung zu: in der 4. Generation existieren nur noch zwei, in der 5. Generation schließlich nur eine Vertreterin der Buddenbrooks, womit bereits rein quantitativ der „Verfall“ der Familie versinnbildlicht wird.

Die größten Übereinstimmungen zwischen Romanfamilie und realer Familie bestehen zwischen den jeweils 3. Generationen; im Roman ist dies die handlungstragende Generation, deren Angehörige – insbesondere Tony Buddenbrook – von Beginn bis Ende der Romanhandlung präsent sind. Die Porträt- und Charaktervorlagen für diese Figuren hat Thomas Mann aus der Generation seines Vaters gewonnen: hier handelt es sich um die Geschwister Elisabeth, [Thomas Johann] Heinrich, Olga und Friedrich Mann, wobei Thomas Mann die Geburtenfolge zugunsten des Stammhalters und gemäß der Wichtigkeit der Figuren verändert. In dieser Vertauschung liegt nicht nur der Hinweis auf die historische und soziale Tatsache, daß im 19. Jahrhundert eine Frau nicht die Rolle des Stammhalters und Firmenerbes antreten konnte. Thomas Mann zeit damit auch, daß er im Roman die historische Genauigkeit um einer bestimmten erzählerischen Tendenz und Absicht willen verändert, hier z.B. um der Absicht willen, den Mythos des erstgeborenen Sohnes in dieser Familiengeschichte neu zu erzählen.

Das Motiv der doppelten Eheschließung, das in der Realität ebenfalls vorgebildet ist, behandelt Thomas Mann im Roman mit unterschiedlichen Intentionen: im Fall des alten Monsieur Buddenbrook rückt er es zum einen aus der 2. Generation in die erste, um damit zum einen das Handlungszentrum überschaubarer zu gestalten und zum anderen das alte biblisch-mythologische Motiv der zwei Ehen in die „Urgeschichte“ der Familie zu verlegen – das Motiv wird uns insbesondere im Josephs-Roman wieder begegnen. Im Fall der Antonie Buddenbrook nutzt er das Motiv zur dramatischen Raffung der Verfallslinie: während aus den beiden scheiternden Ehen seiner Tante Elisabeth insgesamt 4 Kinder und einige Enkelkinder hervorgegangen sind, reduziert Thomas Mann die Bemühungen Tony Buddenbrooks um Erhalt des Familienbestandes auf ein Kind aus erster und eine Totgeburt in zweiter Ehe; Tonys Enkeltochter Elisabeth ist geistig behindert und außerstande, anderes als „knarrende Laute“ hervorzubringen.

Die gewiß folgenreichste Straffung der genealogischen Vorlage nimmt Thomas Mann in der 4. Generation vor, seiner eigenen. In dieser Konzeption kann man einen Überrest der ursprünglichen Erzählkonzeption erkennen, die eigentlich auf eine „Knabennovelle“ ausgerichtet war, in der Thomas Mann vermutlich in identifikatorischer Nähe zu seinem Helden die Geschichte des lebensuntüchtigen Helden oder Anti-Helden erzählen wollte. In die Figur des Hanno, einziges Kind des zentralen Ehepaares Thomas und Gerda Buddenbrook, hat Thomas Mann viel von seiner eigenen Kindheitserfahrung gelegt; insbesondere seine träumerische Leidenschaft für die Musik, seine homoerotischen Sehnsüchte und sein Schulversagen haben hier ihren bleiben Ausdruck gefunden.

Für die gesamte Roman-Konzeption zeigt der Vergleich, daß Thomas Mann die Ereignisse enger zusammenschiebt: die erste Generation des Romans kommt später zur Welt als die entsprechende „reale“ Generation und alle Figuren des Romans leben kürzer als ihre realen Vorbilder. Auf diese Weise erreicht der Autor eine dichtere Vernetzung der Ereignisse, er vermeidet allzu lange eintönige Zeitstrecken und er kann die Geschehnisse in der 4. Generation (also die erzählte Zeit) von der Erzählzeit und seinem eigenen Leben weit genug wegschieben, um die erzählerische Distanz zu bewahren: während Thomas Mann selbst 1875 geboren wird, stirbt Hanno Buddenbrook bereits 1877. Auch im Hinblick auf die Finanzverhältnisse der realen und der Romanfamilie verfährt Thomas Mann raffend und verdichtend: er recherchiert sehr genau, erhöht jedoch das Finanzvolumen der Buddenbrooks zu Beginn und kann damit auch die Mißerfolge höher drastischer erscheinen lassen als sie in er Firma Johann Siegmund Mann tatsächlich waren.

Der Handlungszeitraum des Romans im engeren Sinn erstreckt sich über die Jahre 1835 bis 1877; Aspekte der Vorgeschichte werden durch Figurenrede nachträglich einbezogen; der weitere Verlauf wird im letzten Kapitel knapp antizipiert. Zu Beginn befindet sich die Familie Buddenbrook auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, sie wächst an Ansehen, Wohlstand, Macht und auch an Mitgliedern. Zum Ende hat sie ihr Vermögen verloren, die Stammlinie ist ausgestorben und noch lebenden Familienmitglieder versinken im Schatten der Bedeutungslosigkeit.

Bereits in der zweiten Generation, der des Konsuls Johann (oder auch Jean) Buddenbrook, ist es mit der Widerspruchsfreiheit zwischen Individuum und Gesellschaft, die die erste Generation noch ausgezeichnet hatte, nicht mehr zum besten bestellt: Während die Familie und identisch mit ihr die Firma noch an Vermögen und Ansehen gewinnen, deutet sich im Inneren schon ein erster Bruch an: dem auf Erwerb gerichteten Kaufmannssinn tritt ein deutlicher Zug zu Innerlichkeit, Sentimentalität und pietistischer Frömmigkeit gegenüber. In einer Szene verschränkt Thomas Mann diese beiden Haltungen: Clara, das jüngste der Buddenbrook-Kinder der 3. Generation, ist am Morgen des 14. April 1838 zur Welt gekommen. Während sein Großvater, der alte Monsieur Buddenbrook, an der Wiege sitzt und ein drolliges Liedchen trällert, beugt sich sein Sohn, Konsul Johann Buddenbrook, der Vater des Kindes, im Nebenzimmer über die Familienchronik und macht eine Eintragung, in der er voll ausschweifenden Glücks Gott preist für Segen, Wohlstand und Nachwuchs. [Buddenbrooks, 2. Teil, 1. Kap.]

Bei allem Widerstreit der Gefühle bleibt Konsul Johann Buddenbrook jedoch immer Geschäftsmann genug, um seine Religiosität nicht über seinen Erwerbssinn siegen zu lassen; im Zweifelsfall geht die Besitzmehrung vor, mit kühlem Kopf stellt er die Interessen der Firma in den Vordergrund: für ihn sind – ganz im Sine des calvinistischen Protestantismus – das Wohl der Familie und das Heil der Seele vollkommen identisch [sehr schön wird dies sichtbar, als Johann Buddenbrook anläßlich des Todes seines Vaters seinem enterbten Stiefbruder Gotthold begegnet: „’Heute Nacht ist er heimgegangen!’ sagte der Konsul bewegt und ergriff die Hand des Bruders […]. ‚Er, der beste Vater!’ Gotthold senkt die Brauen so tief, daß seine Lider sich schlossen. Nach einem Schweigen sagt er nachdrücklich: ‚Es ist nichts geändert worden, bis zum Schlusse, Johann?’ Und sofort ließ der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine Stufe zurück, und während seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden, sagte er: ‚Nichts’“ (GW I, S. 74) – In dem Moment, in dem es ums Finanzielle geht, werden die gefühlvoll und warm verdunkelten Augen „klar“, die Nähe verwandelt sich in Distanz, der Ton wird knapp und kühl.

Während sich somit in der 2. Generation bereits der Bruch zwischen Individuum und Gesellschaft andeutet, der aber noch überbrückt werden kann, verwandelt sich in der 3. Generation, die die Haupthandlung des Romans trägt, die ursprüngliche Identität von individuellem Schicksal und Fortschritt der Firma in unlösbare Dilemmata. Antonie Buddenbrook beispielsweise, die älteste Tochter, ist zwar voller Selbstlosigkeit bereit, ihr persönliches Glück dem Firmenwohl zu opfern, aber ihr Opfer trägt keine Früchte, ja ist geradezu kontraproduktiv. Sie verzichtet auf die Realisierung ihrer jugendliche Liebe zu Morton Schwarzkopf und heiratet „standesgemäß“ den scheinbar wohlsituierten Bankier Bendix Grünlich; es stellt sich aber bald heraus, daß diese Ehe weder persönlich glücklich noch gesellschaftlich erfolgreich ist: Grünlich entpuppt sich als „Filou“, als Spitzbub, der sein eigenes Vermögen und die reiche Mitgift seiner Gattin verschleudert und als Bankrotteur endet. Gesellschaftlich gesehen ist die Scheidung der Ehe ein Schandfleck auf dem Familiennamen, finanziell stellt Grünlichs Bankrott auch einen schweren Schlag für die Firma Buddenbrook dar. Einige Jahre nach der Scheidung heiratet Tony Buddenbrook den scheinbar grundsoliden Münchener Kaufmann Alois Permaneder, doch auch dieser Versuch, das Ansehen wieder herzustellen, verfehlt sein Ziel, die tatsächliche oder vermeintliche „Schande“ aus der Familienchronik zu tilgen und Tony läßt sich zum zweiten Mal scheiden; das trostlose Scheitern wird zusätzlich symbolisiert durch die Tatsache, daß aus dieser Ehe ein Kind hervorgeht, das bereits tot zur Welt kommt. In einer weiteren Zuspitzung dieser „Verfalls-Linie“ muß sogar Tonys Tochter aus erster Ehe, Erika Grünlich, das Elend ihrer Mutter wiederholen: ihr Töchterchen Elisabeth ist nur eingeschränkt lebensfähig, und Erikas Gatte, der Versicherungskaufmann Hugo Weinschenk, wandert wegen Betrugs ins Gefängnis. Das vermeintliche Aufblühen, Wachsen und Gedeihen der Familien-Genealogie schlägt also um in ein Austrocknen und Versickern der Lebenslinien.

Christian Buddenbrook, der jüngere Sohn, entpuppt sich früh als Tunichtgut und leicht anrüchiger Bummelant, der seinen Kapitalanteil aus der Firma zieht und verschleudert. Nach einer völlig unstandesgemäßen Eheschließung mit der Tingeltangel-Künstlerin Aline Pufogel beendet er seine Laufbahn in einer Irrenanstalt. Clara, die jüngste Tochter, entzieht der Firma ebenfalls durch ihre Eheschließung mit dem Rigaer Pastor Tiburtius ihre Kapitalanteile und stirbt mit nur 27 Jahren an einem Gehirntumor.

Und selbst Thomas Buddenbrook, Stammhalter und zentrale Figur des Romans wie der Familie, in dessen Person der Familien- und Firmen-Erfolg zu seinem Höhepunkt gelangt, als er zum Senator der Hansestadt gewählt wird, selbst und gerade Thomas Buddenbrook, der Chef der traditionsreichen Firma, ist vom Zweifel seiner Existenz angeknackst. Nach Außen hin verkörpert er den Erfolg, er baut ein neues, prächtiges Palais, übernimmt politische Verantwortung im Stadtsaat und tritt mit großer Autorität auf. Doch dies alles muß er sich abringen, es fällt ihm nicht mehr als Selbstverständlichkeit zu, und auf dem Höhepunkt seines Ansehen stirbt er mit nur 49 Jahren – scheinbar an einer Nichtigkeit, an einem verfaulten „Zahne“, in Wahrheit aber an innerer Schwäche und Auflösung. Anläßlich seines Todes erweist sich, daß auch die Firma nicht mehr so recht auf der Höhe war: die allgemeine wirtschaftliche Rezession und kaufmännische Mißgriffe hatten das Vermögen bereits erheblich dezimiert; die „innere“ Wirklichkeit der „Firma“ ist ebenfalls „angefault“.

Johann Kaspar Buddenbrook – genannt Hanno – schließlich, der einzige männliche Sproß in 4. Generation, vereinigt in seinen beiden Vornamen sein zwiespältiges Schicksal: zum einen ist er der Träger der genealogischen Last, die im Traditionsnamen „Johann“ liegt, zum anderen ist er ein heimat- und sprachloser und verlorener Sohn, dessen zweiter Vorname „Kaspar“ an Kaspar Hauser gemahnt. Dieser letzte Buddenbrook, dem die besondere Empathie des Erzählers gilt, ist schon von früh an mit dem Signum des Scheiterns gebranntmarkt: er ist schlaff, kränklich, lebensuntüchtig, seine gesamte (geringe) Energie fließt in seine schwärmerische Liebe zu seinem Freund Kai und zur Musik. Enttäuscht muß sein Vater erkennen, daß durch diesen „schlaffen Träumer“ kein neuerliches Erblühen der Firma und der Familie zu erwarten ist. Bereits zwei Jahre nach dem frühen Tod des Vaters stirbt auch Hanno, erst 16 Jahre alt, an einer Typhus-Erkrankung, von der der Erzähler jedoch keinen Zweifel läßt, daß sie nur der körperliche Ausdruck einer seelisch tief verwurzelten Lebensunfähigkeit ist.

Abschließend will ich diese Linie noch einem wichtigen Motiv nachzeichnen, dem des Todes. Ich hatte Sie ja im Seminar gebeten, auf Entdeckungsreise zu gehen und herauszufinden, wie und woran die Figuren des Romans sterben. Ich stelle es Ihnen anhand der wichtigsten Todesfälle vor:

  1. Generation:

Madame Antoinette Buddenbrook, 71 Jahre, 2. Teil, 4. Kapitel (GW I, S. 72):

Der Tod wird in einem halben Satz erzählt: „Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und kampflosen Seufzer getan hatte; […]“

Monsieur Johann Buddenbrook, 77 Jahre, 2. Teil, 4. Kapitel (GW I, S. 73):

Wenige Sätze zur Sterbeszene, die Familie erscheint am Sterbebett, zu jedem sagt der Sterbende einen Satz, dann: „– worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten ‚Kurios!’ nach der Wand kehrte …“

  1. Generation:

Konsul Johann Buddenbrook, 57 Jahre, 4. Teil, 11. Kapitel (GW I, S. 244-249)

Der Konsul stirbt alleine an seinem Schreibtisch, während die Familie in einem anderen Raum beisammen sitzt und ein schweres Gewitter sich über der Stadt entlädt; das Wetter wird zur symbolischen Spiegelung des Todeskampfes

Konsulin Elisabeth Buddenbrook, 67 Jahre, 9. Teil, 1. Kapitel (S. 555- 568)

Langer, qualvoller Todeskampf, detailliert erzählt; hier wird sichtbar, daß auch der religiös-pietistische Glaubenshintergrund keine Garantie für ein „seliges Ende“ bietet.

  1. Generation:

Senator Thomas Buddenbrook, 49 Jahre, 10. Teil, 7. – 9. Kapitel (GW I, S. 672-693)

Sturz auf der Straße nach einem Zahnarztbesuch, der Sterbende wird mit Straßenkot besudelt nach Hause getragen, dort mehrtägiger Todeskampf

  1. Generation:

Hanno Buddenbrook, 16 Jahre, 11. Teil, 3. + 4. Kapitel (GW I, S. 751-759)

Mehrwöchiges Sterben an Typhus, erzählt in Montage-Technik: Thomas Mann montiert einen Artikel über Typhus aus einem medizinischen Lexikon in den Roman ein; der letzte Teil der Sterbeszene (Kais Besuch beim sterbenden Hanno) wird aus der Rückschau kurz vor Ende des Romans erzählt.

Auch in der Gestaltung des Todes-Motivs läßt sich die Verfallslinie nachzeichnen:

  • die Figuren sterben immer jünger
  • die Selbstverständlichkeit des Sterbens weicht einem immer qualvolleren Todeskampf
  • Trost gewähren weder Erfolg noch Religion
  • die erzählerische Ausmalung wird drastischer und detaillierter
  • die Idee des „würdevollen Abgangs“ aus dem Leben wird ersetzt durch elendes und entlarvendes Siechtum, in dem sich nicht die Erfüllung des Lebens, sondern seine Leere offenbart.

http://www01.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-03.pdf

(Die Datei ist noch im Cache von goggle vorhanden.)

Die großen Romane Thomas Manns. Auseinandersetzung mit den epischen Hauptwerken (4. Vorlesung, 07.11.2002)

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,

Am vergangenen Donnerstag haben wir die allgemeinen Konstruktionsprinzipien von Thomas Manns Erzählkonzept von Buddenbrooks kennen gelernt: zum einen die seiner eigenen Familiengeschichte entlehnten Anleihen aus der Realität, die sowohl den Gesamtverlauf der Handlung als auch die Charakteristika einzelner Figuren bestimmen; zum anderen den Prozess der Fiktionalisierung und Symbolisierung dieser Familiengeschichte, durch den Thomas Manns Roman sich trotz aller autobiographischen Entlehnungen deutlich von einem autobiographischen Roman unterscheidet.

Buddenbrooks, so sahen wir, erzählt nicht die Geschichte der Familie Mann in verschlüsselter Form; der Roman erzählt vielmehr die Geschichte des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert – so wie Thomas Mann diese Geschichte sieht: als die Geschichte des Verlustes von Sinn, Identität und Vitalität. Hierfür dienen ihm familiengeschichtliche, autobiographische und persönliche Reminiszenzen als Material, dem er die symbolische Bedeutung zuordnet.

Dies haben wir sowohl an der Gesamtstruktur des Romans – der Verdichtung der Zeit- und Generationenfolge – als auch exemplarisch an der Behandlung des Sterbens im Roman – als einer aussagekräftigen Fall-Linie – erarbeitet. Darin wurde deutlich, dass die individuell gestalteten Charaktere ungeachtet ihrer Tiefendimension zugleich auch Träger der Verfalls-Symptomatik sind, deren Merkmale sie in je typischer Weise an und in sich tragen. Thomas Mann Figuren, das lässt sich jetzt schon über den ersten Roman hinaus festhalten, sind gleichermaßen realitätsnahe, unverwechselbare Individuen und zugleich die „Symptomträger“ der Gesellschaft [bei der Behandlung des Zauberberg wird uns dieser Gedanke besonders beschäftigen]; in ihrer geistigen, seelischen und körperlichen Verfassung verkörpern sie mögliche Erscheinungsweisen des Menschseins in einer bestimmten Konstellation, Umgebung oder Epoche.

Damit haben wir bereits zentrale erzählerische Mittel Thomas Manns benannt, um die es im Weiteren vertieft gehen soll. Dabei werden wir so vorgehen: wir lesen einige Textpassagen aus Buddenbrooks vor, damit auch einmal der Roman selbst zu Wort kommt, und danach stellen wir an den zitierten Textstellen jeweils einige charakteristische Erzählmerkmale dar:

Ironie

Ein wichtiges Stilmittel Thomas Manns ist und bleibt in allen seinen Werken seine Fähigkeit zum ironischen, bisweilen zum grotesk-komischen Erzählen. Die einfachste Erscheinungsweise dieses Stilmittels finden wir zunächst in den „sprechenden Namen“, mit denen er viele seiner Figuren ausstattet. Und so heißen beispielsweise ein vornamenloser Hilfsarbeiter „Grobleben“, eine nicht gerade tugendhafte Frau „Aline Pufogel“ und der absolute Klassenstreber „Adolf Todtenhaupt“ – eine Manier, die Thomas Mann oft den Vorwurf allzu billiger Effekthascherei eingetragen hat.

Ironie wird auch bei der tieferen Charakterisierung einiger Figuren angewendet, u.a. durch die leitmotivische Wiederholung einer Redewendung oder Eigenheit bzw. eines „Ticks“. Gut lässt sich das an der Figur Christian Buddenbrook aufweisen, den sein beständiges Kommentieren seiner Schluckbeschwerden beim Essen und die indezenten Hinweise auf seine „Qual“, die darin bestehe, dass an seiner „!linken Seite alle Nerven zu kurz“ seien, unmissverständlich als Hypochonder abstempeln, dessen Leiden nicht ernst zu nehmen sind. Auch Tony Buddenbrooks Marotte, ihren Kopf in den Nacken zu legen und dabei doch das Kinn auf die Brust zu drücken – probieren Sie diese Haltung einmal aus! – ist als ein ironischer Verweis zu lesen:

Zitat:

Tony Buddenbrook am Sterbebett ihres Bruders (10. Teil, Kap. 8, GW I, S. 684-685): „Um fünf Uhr ließ Frau Permaneder sich …. nichts als das agonierende Gurgeln Thomas Buddenbrooks zu vernehmen.“

Hier wird mittels dieser oft zitierten Geste Tonys auch die Nutzlosigkeit ihres Versuchs, sich in die Religion zu flüchten und in ihr Trost zu suchen, ironisch gebrochen: Tony bleibt schon in der 1. Strophe des Kirchenliedes stecken, weil es ihr doch nicht mehr vertraut ist, wie sie erwartet hatte; deswegen kann sie sich nur in ihre überlegene Haltung flüchten, die damit zugleich auch als hilflose und sinnentleerte Geste, als leere Hülse, demaskiert wird: denn Tony ist ja alles andere als überlegen in diesem Moment, Körperausdruck und innere Verfasstheit stehen in diametralem Gegensatz zueinander.

Nicht nur zur Charakterisierung einzelner Figuren und ihrer symbolischen Gebrochenheit nutzt Thomas Mann das Mittel der Ironie, sondern auch zur karikierenden Darstellung politischer Verhältnisse. Im folgenden Zitat markiert zum einen der Dialekt des Hafenarbeiters Carl Smolt den sozialen Abstand zwischen den Arbeitenden und den Besitzenden, wobei Konsul Buddenbrook sich vorübergehend – und mit deutlich manipulativer Absicht! – auf die Ebene des Plattdeutschen einlässt. Wir befinden uns in der Zeit der großen Revolutionen in Europa, die schließlich in der lahmen deutschen Revolution von 1848 enden wird. Auch die Speicher- und Hafenarbeiter in Lübeck haben aufrührerische Ideen, sie rotten sich zusammen. um ihre Forderungen zu stellen; Konsul Buddenbrook tritt ihnen entgegen:

Zitat:

  1. Teil, 3. Kap., GW I, S. 192 f.: „’Corl Smolt!’ fing der Konsul wieder an, ….. bis die ganze Menge der Republikaner in breitem und gutmütigem Gelächter stand.“

Genüsslich wird die begriffliche Unbeholfenheit Smolts ausgemalt: er identifiziert die revolutionären Ideen mit dem Begriff der „Republik“ und macht sich dabei nicht bewusst, dass der Stadtstaat Lübeck verfassungsrechtlich auch eine „Republik“ (wenn auch eine oligarchisch regierte Patrizier-Republik) ist. Sein gedanklicher Lapsus, der in der Forderung „Tja, Herr Konsul, dann wollen wir eben nocheine [Republik]“ gipfelt, wird zum Katalysator einer grundsätzlichen ironischen Kritik des Erzählers an allem „Aufständischem“ und „Revolutionärem“, insofern in der Figur Carl Smolt die politisch aktiven Angehörigen der Unterschicht als Dummköpfe bloßgestellt werden, die noch nicht mal wissen, wofür oder wogegen sie in den Kampf ziehen.

Tempuswechsel

In der ersten Vorlesung dieser Reihe wurde kurz skizziert, dass die Romanform sich als Mischform entwickelt hat, die in ein und demselben Textzusammenhang die Merkmale unterschiedlicher Textsorten und Intentionen in sich vereinen kann. So enthält auch Buddenbrooks Passagen mit lyrischen Texten, andere Passagen mit Montagen aus Sachtexten (Hanns Tod z.B.) und wieder andere, in denen dramatische Textformen vorkommen. Auch der Umgang mit dem Erzähltempus ist relativ frei; Thomas Mann macht an einigen Stellen von der Möglichkeit Gebrauch, das epische Präteritum zugunsten eines aktualisierenden und zuspitzenden Präsens zu verlassen:

Zitat:

Christians schockierende Anfälle (2. Teil, 3. Kap., GW I, S. 69 f.): „Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen zu setzen …. Allein Christian ißt wirklich längere Zeit keinen Pfirsich mehr. –“

Mit diesem plötzlich einsetzenden Präsens nimmtder Erzähler den Rezipienten mitten ins Geschehen hinein, er unterbricht das genüsslich sich entfaltende epische Erzählen im Präteritum (es „waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffungen zu setzen“, „Christian neigte zur Komik“ …) zugunsten der dramatischen Gegenwartsform, die uns gewissermaßen vor die Bühne des Familiendramas stellt, in dem denn auch folgerichtig die Dialoge dominieren („Man sitzt bei Tische …“)

Erzählte Zeit – Erzählzeit l

Überhaupt gestaltet Thomas Mann den Umgang mit dem Phänomen „Zeit“, das ihn sein ganzes Schriftstellerleben lang fasziniert hat, in besonders vielfältiger und differenzierter Weise. Zur Erinnerung: mit dem erzähltext-analytischen Terminus der „Erzählten Zeit“ wird der Zeitablauf bezeichnet, mit dem die Handlung fortschreitet; „Erzählzeit“ ist der Terminus für den Zeitraum, der beim Erzählen selbst (also in der Regel beim Lesen des Textes) verstreicht. Das Verhältnis von Erzählter Zeit zu Erzählzeit ist für die Textanalyse von besonderer Bedeutung.

Exkurs: Zum Beispiel setzt der in Märchen häufig vorkommende Satz „Und übers Jahr gebar die Königin ein Kind“ eine relativ lange „Erzählte Zeit“ (1 Jahr) ins Verhältnis zu einer ziemlich kurzen Erzählzeit (1 Satz): dies nennt man zeitraffendes Erzählen oder in diesem Fall auch „Zeitsprung“. Der umgekehrte Fall ist das „zeitdehnende Erzählen“, bei dem für das Erzählen selbst erheblich mehr Zeit verstreicht als der Handlungsverlauf in Anspruch nimmt. Als „zeitdeckend“ bezeichnet man das ausgewogene Erzählzeit-Verhältnis; es tritt vor allem in Dialogen in Erscheinung.

Im folgenden gekürzten Textauszug nutzt Thomas Mann vor allem die Möglichkeiten des zeitdehnenden Erzählens, um die dem Anlass entsprechende Spannung aufzubauen; es handelt sich um das berühmte Weihnachtskapitel im 8. Teil des Romans:

Zitat:

  1. Teil, 8. Kap., GW I, S. 529-537 [Auszüge]: „Dann endlich kam der Abend des 23. Dezembers heran …… ein Stückchen daraus, das er behalten, zum Erklingen zu bringen.“

In den meisten Passagen herrscht das zeitdehnende Erzählen vor; es unterstreicht die Spannung vor der großen Weihnachtsbescherung: So heißt es bald zu Beginn des Textausschnitts „Ein Blick hätte genügt, zu bemerken …“, und dann wird sehr ausführlich erzählt, was in diesem einen „Augen-Blick“ alles an Menschen, Gedanken, Gefühlen und Ängsten im Raum versammelt ist – ohne dass eigentlich Handlungszeit verfließt (GW I, 530 f.). Ähnlich funktioniert das zeitdehnende Erzählen in dem Moment, in dem sich die Flügeltür zum Bescherungszimmer öffnet und sich der geschmückte Saal auftut: auch hier ist es auf der Ebene der Erzählten Zeit eineinziger Augen-Blick, auf der Ebene der Erzählzeit sind es mehrere Abschnitte, in denen der Erzähler sowohl das Interieur des Raums als auch die inneren Wahrnehmungen der Figuren in diesem Moment schildert. Einbrüche in diese, von der Konsulin mit großer Energie aufrecht erhaltene christlich-sentimentale heile Welt ereignen sich in einem anderem Erzähltempo, nämlich in der dramatischen und zeitdeckenden Erzählweise des Dialogs: „Gleich darauf erschien Christian“ … (GW I, 532)

Auktoriales Erzählen und Erlebte Rede

In weiten Teilen des Romans herrscht die auktoriale Erzählperspektive vor, also die Sicht- und Erzählweise des allwissenden Erzählers. Ein sehr anschauliches Beispiel, in dem auch andere Erzählformen integriert sind, stellt das 7. Kapitel des 1. Teils dar. Es erzählt vom Einweihungsmenu nach dem Einzug der Familie in das neue Haus; Freunde und Familie sitzen beisammen und haben sich in geradezu bewundernswerter Weise überfressen:

Zitat:

  1. Teil, 7. Kap. ganz (GW I, S. 36-38)

Zunächst erzählt der auktoriale Erzähler in der „Draufsicht“ auf die Szene – und was er da erzählt, bedeutet nicht viel anderes, als dass sich hier eine ganze Gesellschaft geradezu zu Tode frisst. Dies wird erzählerisch dadurch ausdifferenziert, dass die Erzählung aus der Außensicht in die Innensicht des Arztes wechselt: Dr. Friedrich Grabow durchschaut als illusionsloser Fachmann, was sich hinter der Fassade des wohlgenährten Körpers wirklich abspielt – nämlich die langsam aber sicher voranschreitende Vergiftung und Verfettung. Erzählt wird dies nicht in beschreibender und nicht in monologisch-dozierender Erzählweise, sondern in der Form der „Erlebten Rede“, einer Variante des Inneren Monologs, die vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommt und sich wegen ihrer größeren Dynamik und Beweglichkeit durchsetzt: „Doktor Grabow lächelte vor sich hin [..]. Oh, er würde schon wieder essen, der junge Mann! Er würde leben wie alle Welt. …“ (GW I, 37)

Personales Erzählen und Perspektivenwechsel

Die personale Erzählperspektive wird insbesondere für die Figuren Thomas und Hanno Buddenbrook verwendet. Passagen, in denen eine dieser Personen im Zentrum steht, sind oft aus ihrer Sichtweise und unter Einbeziehung ihrer Innensicht erzählt. Interessant ist sowohl für die Psychologie dieser Vater-Sohn-Konstellation als auch für die spezifische Erzählweise der bekannte Abschnitt im 8. Teil, in dem Hanno anlässlich des großen Firmenjubiläums seinem Vater ein Gedicht von Ludwig Uhland aufsagen soll – und dabei kläglich versagt.

Zunächst wird die Szene auktorial und in der Außenperspektive geschildert, wir sehen das Familienzimmer vor uns und blicken von Außen auf Hanno. Dann aber wechselt die Perspektive und wir nehmen an Hannos Innenleben teil, erleben den Handlungsverlauf aus seiner Perspektive: „Er wußte wohl, was geschehen würde. Er würde weinen müssen …“ Aber der Erzähler nimmt nicht nur Partei für Hanno; zwar stellt er den Vater noch deutlich als grausamen Pädagogen bloß, der sadistisch am Sohn herummäkelt und diesen schließlich ins bereits antizipierte Versagen treibt, aber der Erzähler bietet schließlich auch den Perspektivenwechsel zum Vater hin an, er lässt uns auch am Innenleben Thomas Buddenbrooks teilhaben, an seinen Intentionen, an seiner Verachtung, an seiner enttäuschten Hoffnung – dem impliziten Leser werden unterschiedliche Angebote zur Einfühlung und Identifikation gemacht, der Perspektivenwechsel stellt zugleich eine Perspektivenvielfalt bereit, die uns vor einer eindimensionalen Lesart bewahrt:

Zitat:

  1. Teil, 5. Kap. (GW I, S. 483-486 [mit Auslassungen]): „’Einen Augenblick, Thomas … Du weißt, ……….. halb zärtlich tröstend auf ihn einsprach, ging er ins Eßzimmer hinüber.“

https://web-beta.archive.org/web/20070627051722/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-04.pdf (Auch diese Datei ist im Cache bei google vorhanden; aber man muss sie mit einem Stück Text aufrufen – und woher soll man diesen kennen?)

Und hier die Vorlesungen zum Zauberberg:

https://web-beta.archive.org/web/20070627051756/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-05.pdf (Der Zauberberg)

https://web-beta.archive.org/web/20070627051819/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-06.pdf (dito)

https://web-beta.archive.org/web/20070627051731/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-07.pdf (dito)

Advertisements

One thought on “Thomas Mann: Buddenbrooks – Übersicht: Inhalt, Geschehen, Stil

  1. Pingback: Mann: Buddenbrooks – Inhalt: Übersicht | norberto42

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s