zu Schlink: Jeremy Adler: Die Kunst, Mitleid mit den Mördern zu erzwingen – Analyse und Erörterung

1. ANALYSE
[Zeilenzählung nach der Ausgabe der Dokumente von M. Heigenmoser, RUB 16050, S. 124 ff. – 17 Absätze, die im Folgenden so bezeichnet werden: (1) usw.]
Der Absatz (1) läuft auf die Frage hinaus, warum Schlinks Buch „Der Vorleser“ so erfolgreich ist; die Frage wird in (16 f.) beantwortet.
In (2) wirft A. (Adler) dem Buch pauschal Fälschungen vor, benennt E. Fried: Ein Soldat und ein Mädchen, als Vorläufer und knüpft seine NS-Kritik an das Motiv des Vorlesens: wie es möglich gewesen sei, dass die deutsche Kultur (Goethe, Schiller) der Barbarei (im Dritten Reich) verfallen sei.
In (3) – (5) legt A. eine erste Kritik vor: Im Vorlesen im Teil I des Romans und in Hannas eigenem Lesen in Teil III werde eine Verbindung von Kultur (Lesen) und Barbarei (Hanna) suggeriert und die Läuterung der Mörderin unterstellt, als ob durch Lesen alles gut würde. In (4) bewertet er diese Unterstellung wegen der Verführung Michaels durch Hanna als Kulturpornografie (Z. 49) und greift in (5) den eigenwilligen Schluss des Buches (III 12) an, in dem der Erzähler sich auf die unangreifbare Wahrheit seiner Geschichte berufe und ungerechtfertigt Subjektivität des Erinnerns mit allgemeiner Gültigkeit verbinde.
In (6) zählt A. einige Einzelheiten des Romans auf, um seine These von der Vielzahl von Irrtümern undd Unwahrscheinlichkeiten des erzählten Geschehens zu begründen.
In (7) – (9) wirft A. dem Erzähler vor, dass er sich auf „Emilia Galotti“ berufe, aber die Botschaft des Dramas pervertiere: Die Fragen nach der Kontrolle der Macht und der Verantwortung der Machthaber verlören ihre Bedeutung (7), der Erzähler ergehe sich in Selbstmitleid (8), stecke die Figuren in ein moralisches Vakuum.
In (9) greift A. das Stichwort „Betäubung“ auf und wirft dem Roman vor, die Posen der Täter und die Schmach der Opfer durcheinander zu bringen. Das wird zum Vorwurf der historischen Verfälschung, der damit begründet wird, dass der historisch belegte Widerstand von Opfern (10) und auch historisch bezeugte Einsicht von SS-Leuten ins eigene Verbrechen (11) geleugnet, missachtet würden. Das wird in Adlers Kritik an der Darstellung des Prozesses (Teil II) fortgesetzt (12 f.). Auch die „Einsicht“ Michaels, Hanna kämpfe für ihre eigene Wahrheit, zählt A. hierhin (14); dem stellt er die Psychologie einer tatsächlichen Mörderin gegenüber, der Hermine Braunsteiner (15). Pointiert wird Hannas Frage, was der Richter an ihrer Stelle getan hätte, als Unterstellung eines Befehlsnotstandes kritisiert.
In (16 f.) fasst A. seine Kritik zusammen (postmoderner Brei, Z. 212; Travestie der Wahrheit, Z. 214 f.) und beantwortet die Frage, warum das miserable Buch trotzdem so erfolgreich ist:
* weil es die Geschichte popularisierend vereinfache (16),
* weil wir uns mit der Anteilnahme für die Opfer begnügten (17),
* weil das Buch moralische Einsichten zu bieten beanspruche (17).
(Nach dieser ersten Analyse habe ich meine Erörterung angefertigt; die Erörterungen der Schüler beruhten meistens auf unzulänglichen Analysen – deshalb fertige ich eine 2. Analyse in einer anderen Form an, um eine Anleitung zum Analysieren zu geben:)

2. Analyse, systematisch:

Die einleitende Frage (1), warum Schlinks Roman so erfolgreich ist, wird am Schluss beantwortet (16 f.):
– die Geschichte werde vereinfacht dargestellt,
– wir begnügten uns gern mit der Anteilnahme für die Opfer,
– der Roman beanspruche, moralische Einsichten zu bieten.

Allgemeine Kritik wird in (2), Einzelkritik in (6) erhoben; die Summe der Kritik steht am Anfang von (16): postmoderner Brei, Travestie der Wahrheit, pornografische Ausnutzung menschlicher Nöte.

Die Grundzüge der Kritik werden an zwei Eigentümlichkeiten des Romans festgemacht:
1. Das Leitmotiv, dass Michael in zwei Phasen seines Lebens seiner Geliebten Hanna und der verurteilten KZ-Wächterin Werke der deutschen und der Weltliteratur vorliest,
suggeriere eine Verbindung von Kultur und Barbarei (in Teil I des Romans)
und lade dazu ein, an die Läuterung Hannas (in Teil III) zu glauben (4).
Diese beiden Vorwürfe werden als Persiflage von Horkheimer-Adornos „Dialektik der Aufklärung“ und mittels der Redensart von Kuchen, den man beim Essen nicht behalten kann, bewertet; die Form des Buches sei Kulturpornografie (Z. 49).
2. Die Selbstrechtfertigung des Erzählers in III 12, der für seine Erzählung die Wahrheit beansprucht, weil er sie so geschrieben habe und weil die Version so geschrieben werden wollte,
sei ein Zirkelschluss, womit jede Kritik unmöglich gemacht
und der Erzähler von aller Verantwortung befreit werde (5).
Das sei eine wirre Ästhetik und schaffe für den Leser eine double-bind-Situation [zwischen Subjektivität des Erinnerns und Allgemeingültigkeit von Symbolen und Aussagen (5)].

Die Entfaltung der Kritik erfolgt in den vorgegebenen zwei Schritten:
1. Für den Vorleser der „Emilia Galotti“ wird die Struktur des Dramas (einschließlich der Poetik Lessings) zum Maßstab genommen [mit der Begründung, das Drama sei eine Quelle des Autors Schlink, deren Wahrheit dieser auf den Kopf stelle (7)].
Diese Kritik wird in (7) bis (9) entfaltet.
2. Dem Wahrheitsanspruch des Erzählers begegnet Adler mit historischer Kritik:
a) was die Leistungen der Opfer und die spätere Einsicht von Tätern betrifft, in (10) und (11);
b) was Hannas und des Gerichtes Agieren während des Prozesses betrifft, in (12) – (15).
Adlers Kritik, deren Fazit sich an der Kritik an Hannas Frage an den Richter festmacht, was er denn an ihrer Stelle gemacht hätte, gipfelt in dem Vorwurf, im Roman solle es offenbar „keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge mehr geben“ (14).

Reflexion der Analyse:
Die Analyse dient dazu herauszubekommen,
– was der Autor Adler eigentlich sagt (und worauf er hinauswill),
– in welchem Zusammenhang Aussagen stehen und wie sie begründet werden,
– welchen Stellenwert, welche Funktion die einzelne Aussage hat.
In meiner Analyse wird also z.B. der Vorwurf, der plot scheine einem erotischen Roman der 50er Jahre entnommen zu sein und Frieds Roman „Ein Soldat und ein Mädchen“ stelle einen Vorläufer von Schlinks Roman dar, als sekundär ausgemustert. Die Berufung auf die „Dialektik der Aufklärung“ zählt als Begründung einer Kritik schon etwas mehr. Die Grundzüge der Kritik sind aber andere, siehe oben!
Aufgabe der Erörterung ist es, die Grundzüge der Kritik Adlers zu prüfen,
a) ob sie begründet sind,
b) ob sie (auch unabhängig von Adlers Begründung) richtig sind,
c) ob sie zu ergänzen sind.
Ziel meiner Erörterung ist es, die Grundzüge der Kritik zu prüfen, dagegen einzelne kritische Anmerkungen (aus Zeit- und Platzgründen) nicht zu berücksichtigen.
Für die Analyse theoretischer Texte verweise ich auf mein entsprechendes Arbeitsblatt in „Methodisches (studio D)“ im norberto42.kulando.de-blog bzw. im Blog http://norberto68.wordpress.com; für die Konzeption der Erörterung auf Theorie und Beispiel, ebenfalls in diesen beiden Blogs, in der Rubrik „Schreiben – Aufsatz“.

Falls sich jemand mit Fried oder Horkheimer-Adorno befassen will:
http://deutsch.pi-noe.ac.at/inetsem/fried_w.htm (zu Fried)
http://www.fcsh.unl.pt/apeg/mdoohm.htm (zu Horkheimer-Adorno)
http://www.glasnost.de/autoren/blumen/utopie.html
http://www.tierrechteportal.de/Bibliothek/frames.php?url=Adorno.html

ERÖRTERUNG
Zur Strategie des Erörterns: nur das Wichtige erörtern, nicht die Nebenfragen, ob also z.B. Frieds Roman ein Vorläufer von Schlinks Roman ist… Im Bild gesprochen: nicht an den Blättern zupfen, sondern die Tragfähigkeit der Äste des Baums prüfen, selbst des Stamms! – Ich habe diese Eröterung vor der systematisch angelegten 2. Analyse geschrieben; nach der 2. Analyse würde ich die Erörterung vielleicht ein wenig anders schreiben. (Adler wird mit Zeilen, Schlink mit Seiten zitiert.)
Die erste große Frage ist die, was Vorlesen und Lesen für Hanna bedeuten, ob also dadurch eine Verbindung von „Kultur und Barbarei“ (Z. 34) suggeriert und die „Läuterung der Frau“ (Z. 40) unterstellt wird.
Als der junge Michael Hanna vorliest, soll er dies wegen seiner schönen Stimme tun (43/9 f.); Hannas Kommentare bezeugen weder kulturelles noch moralisches Verständnis (53/24 ff.), sondern kommen „aus dem Leben“ einer Frau, als ob sie über junge Frauen aus der Nachbarschaft urteilte (das wird später als Hannas unmittelbarer Zugang zur Literatur umschrieben, 179/16 ff.); auch ihr Interesse am „Taugenichts“ (56/15 ff.) kommt nicht über die Ebene der Unterhaltung hinaus.
Etwas anders liegt der Fall bei Hannas Lektüre im Gefängnis: Sie verfügt über die einschlägige KZ-Literatur (193/24 ff.), sorgfältig aufgrund einer Bibliografie ausgewählt. Daraus schließt Michael, dass sie gewusst habe, was sie Menschen im KZ und auf dem Marsch angetan hat (202/15 ff.). Anderseits weigert Hanna sich bis zum Schluss, sich vor Gericht zu verantworten (187/21 f.); nur den stummen Toten hat sie das Recht zugestanden, Rechenschaft von ihr zu fordern. – Mit diesem Widerspruch muss man Adler Recht geben, dass hier die Läuterung einer Mörderin durchs Lesen unterstellt wird, während nicht wirklich erkennbar ist, dass sie sich verantworten wollte. Vielleicht soll auch ihr Rückzug aus der Welt (S. 196) so etwas wie Läuterung signalisieren, vielleicht. – Da ich also Adler nur im zweiten Teil seines Vorwurfs zustimme, möchte ich sein Schimpfwort „Kulturpornografie“ nicht übernehmen.

Die nächste Frage, unmittelbar mit dem Lesen zusammenhängend, ist die, ob der Autor Schlink „seine Quellen“ ernstnimmt (Z. 121 f.), obwohl der Erzähler die Botschaft der „Emilia Galotti“ auf den Kopf stelle. Hier kann ich Adler nicht folgen, weil „Emilia Galotti“ nur als Unterhaltungslektüre dient (s.o.) – d.h. der Anschein, hier werde große Literatur verstanden, ist anmaßend; als „Quelle“ Schlinks kann man das Drama jedoch nicht ansehen.
In dem Kontext sollte man aber Michaels Bemerkung bedenken, die von ihm später auf Kassette gesprochene Literatur drücke „ein großes bildungsbürgerliches Urvertrauen“ aus (176/1 f.). In dieser Formel wird das Attribut ausgespart und schöne Unbestimmtheit erzeugt: Urvertrauen in was? „Urvertrauen“ hört sich gut an – als ob hier Defizite frühkindlicher Sozialisation durch Literatur ausgeglichen werden könnten; de facto sollte, wenn bürgerliches Urvertrauen bestände, Vertrauen in die bürgerliche Institution des Gerichts vorhanden sein – das Gericht aber wird von Hanna abgelehnt (S. 187, s.o.), wobei die Darstellung eines lächerlichen Prozesses mit dummen oder geifernden Anwälten und einem überforderten („irritierten“) Richter ihr Recht zu geben scheint (Teil II des Romans).
Michael schließt sich dieser Ablehnung des Gerichts als Institution an, was sich einmal aus seiner Bemerkung ergibt, Hanna habe um ihre eigene Wahrheit und Gerechtigkeit gekämpft (128/24) und nur nicht gewusst, wie man sich taktisch geschickt vor Gericht aufführen soll (105/24 ff.); zum anderen ist seine Weigerung, selber im Gerichtswesen tätig zu werden (III 4), in der inneren Ablehnung des bürgerlichen Justizwesens begründet. Hier sehe ich eine große Lüge des Erzählers, dass der Jurist Michael vom bürgerlichen Urvertrauen spricht, aber die realen bürgerlichen Institutionen ablehnt! Hier ist „Urvertrauen“ ein sozialpädagogischer Kiki. [Nachträglich: Hinweis auf die Bedeutung des Richters und des Vaters, vgl. http://logos.kulando.de/post/2007/03/15/]

Zur Darstellung des Gerichts sind zwei grundsätzliche Überlegungen angebracht, welche auch für weitere Aspekte von Bedeutung sind:
1. Die Kritik Adlers an Michaels Zirkelschluss (Z. 52 ff.), seine Erzählung sei wahr, weil er sie so geschrieben hat (und dass auch der Prozess so richtig beschrieben, also so abgelaufen ist), ist berechtigt: Michaels Theorie ist an Naivität nicht zu überbieten. – Damit kann man auch Michaels Darstellung, in den 60er Jahren habe es keine relevante KZ-Literatur gegeben und man habe sich kein Bild von den Vorgängen im KZ machen können, als „subjektiv“ und sachlich falsch zurückweisen (vgl. meinen Aufsatz über die Aufarbeitung der Vergangenheit) – solche Behauptungen sind nicht durch Berufung auf die eigene Erinnerung und das eigene Schreiben zu rechtfertigen.
Damit stimme ich auch – gegen Michaels seltsame Theorie von der Betäubung – Adlers Vorwurf zu, Schlinks Erzähler bringe die Posen der Täter und die Schmach der Opfer durcheinander (Z. 117 ff.). Die Theorie von der autopoietischen Betäubung ist ein Schmarren sondergleichen; dadurch wird wirklich über den Widerstand von Opfern und die Einsicht einiger Täter gelogen (Z. 128 ff.).
2. Natürlich kann man aus methodischen Erwägungen den Erzähler Michael nicht mit Schlinks eigenen Überzeugungen gleichstellen; aber zu fragen ist doch, wie das Buch gelesen wird – ob es also als Äußerung eines fiktionalen beschränkten, wenn auch studierten Michael oder als Darstellung einer „wahren“ oder menschlichen Möglichkeit des Umgangs mit den NS-Verbrechen und -Verbrechern gelesen wird. Vermutlich – das wäre empirisch noch zu untersuchen – ist die zweite Möglichkeit wirklich vorhanden (gewesen), und dann muss Schlink für Michaels Dummheiten geradestehen. Dann kann man Adlers Vorwurf zustimmen, hier werde Geschichte vereinfacht (Z. 218 ff.).

Den Vorwurf der historischen Verfälschung möchte ich nicht überprüfen, weil das zu viel Arbeit erforderte. Lassen wir deshalb auch Frau Braunsteiner beiseite und wenden uns wieder dem Roman Schlinks zu: Adler hat mit seinen drei Annahmen für den Erfolg des Buches Recht (Z. 217 ff.). Aus meiner Sicht kommt ein weiterer wichtiger Grund hinzu, den ich im Aufsatz über Hannas Weltvergessenheit entfaltet habe: Hanna und Michael repräsentieren den modischen Typus des Menschen, der fühlt und aus dem Bauch (aus dem Körper) lebt und nicht kopflastig durchs Leben wankt. Sie leben zwischen Grün und Feminismus, echt betroffen (Michael, an seiner Liebe leidend, S. 163); deshalb trägt er auch das deutsche „Schicksal“ (163/9) und kann nicht begreifen, dass Geschichte von Menschen gemacht wird; deshalb weigert er sich, Geschichte mitzugestalten – es ist ja Schicksal, wie die Betäubung kommend und gehend… (vgl. meine „Analysen“ zum Roman!).
Literarisch genügt es Schlink deshalb, wenn er Konkretheit andeutet (was Michael alles riechen kann – er weiß sogar, wie alte Frauen riechen, 185/8 ff.); man braucht nichts zu beschreiben, etwa wie Michael oder Gertrud aussehen oder wie es bei der letzten großen Liebesnacht war; man kann sich mit Begriffen aus der Wellness-Literatur begnügen. [Über literarische Mängel habe ich mich am Ende meiner „Analysen“ ausgelassen; deshalb erspare ich mir hier Einzelnachweise.]
Noch einen letzten Grund für den Erfolg möchte ich nennen: „Wenn sie auf mir eingeschlafen war, im Hof die Säge schwieg, die Amsel sang, in der Ferne das Posthorn ertönte, die Grille betörend zirpte und der Pastor, sein Brevier murmelnd, an der Seite des Herrgotts segnend durch die Felder ging…“ (44/3 ff.). Na, ich habe bei diesem Zitat ein bisschen geschummelt, aber nur ein bisschen; zu Deutsch, Schlink hat Kitsch produziert. Da freut sich die Seele des einfachen Menschen, dass man noch so vollkommen glücklich sein kann (44/6 f.). Auch das unsägliche Gedicht Michaels (S. 57) verdient hier genannt zu werden – es ist zwar das Gedicht eines 16jährigen, okay, aber der 50jährige müsste es ja nicht zitieren! Sich öffnen, versinken, vergehen in Liebe und Lust, das ist etwas Schönes! Da kann man auch als ausgewiesenes Sensibelchen, das nicht so selbstgerecht ist wie die anderen (163/1: echt Pharisäer, vgl. Luk 18,9 ff.: Herr, ich danke dir, dass ich kein Achtundsechziger bin!), ruhig die Tausende vergessen, die in den KZs „vergangen“, also ermordet worden sind, solange man nur selber richtig in Liebe vergeht.

Fazit: Insgesamt ist Adlers Kritik an Schlinks Roman berechtigt; zwar ist „Emilia Galotti“ keine Quelle Schlinks, sondern für Hanna nur Unterhaltungsliteratur (wie Hanna ja auch gern von Forsythien, Vögeln und Gewittern spricht, wenn sie sich zur Literatur äußert, siehe Stichwort „Kitsch“, wobei sie „erstaunlich sicher“ über die Autoren der Weltliteratur urteilt, 179/11 ff. – jedoch nur über die Autoren, nicht über Literatur!) – aber gerade das könnte man Schlink vorwerfen, denke ich: dass die mühsam gewonnenen Maßstäbe bürgerlicher Vernunft (wegen antiintellektueller Gefühligkeit und allgemeiner odysseischer Vergeblichkeit, vgl. III 4 und meine Aufsätze über Hannas Weltvergessenheit und das Odyssee-Motiv) für Michael nicht gelten; dass das eigene Körper-Sein (41/25) mehr zählt als die bürgerlichen Institutionen, weshalb das Körper-Sein der anderen ohne Bedauern beendet werden kann, solange man sich von dessen Beendigung kein „Bild“ machen kann (S. 142), weil „die Phantasie“ sich dem verweigert (S. 143). Es ist halt alles Schicksal, deutsches Schicksal! Und gegen das Schicksal ist man bekanntlich machtlos, oder?
Vielleicht sollte Michael eine kleine Kolumne in der BILD betreuen? Das kann man nämlich selbst dann, wenn man regelmäßig nichts zu sagen weiß (73/5 f.; 74/2 f.; 74/11 f. und so weiter).

(2007)

Vergleiche auch https://norberto42.wordpress.com/tag/schlink/

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