Epochenumbruch um 1900

Mit diesem Stichwort bzw. mit „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ wird ein thematischer Schwerpunkt des Lehrplans Deutsch der Sekundarstufe II von NRW umschrieben. Deshalb ist es nötig, diesen Umbruch zu verstehen – aber nicht nur deshalb, sondern auch aus dem Grund, weil mit diesem Umbruch „die Moderne“ beginnt, vereinfacht gesagt. Ich orientiere mich an Hermann W. von der Dunck: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. I (dt. 2004), den es in der BpB preisgünstig zu kaufen gibt oder gab, Kap. II: Das Ende einer Epoche, S. 76-243. Was Herr von der Dunk auf 165 Seiten schreibt, kann man natürlich nur verkürzt auf einigen Seiten zusammenfassen; ich schreibe im Indikativ, müsste aber als Referent eigentlich durchweg Konjunktiv I benutzen:

Das 19. Jahrhundert endete „eigentlich“ erst 1914 mit dem Beginn des Weltkriegs, wenn das Jahr 1900 auch als Schwelle empfunden wurde: gigantische Weltausstellung in Paris. Was änderte sich in dieser Zeit? Die Lebensverhältnisse in den Städten änderten sich; durch neue Verkehrsmittel konnte man am Wochenende den tristen Städten entfliehen. In den Städten wuchsen riesige Mietskasernen, in speziellen Vierteln errichtet. Schulpflicht und zunehmende Geburtenregelung führten zu einer Verbesserung der Lebensumstände. – Die Könige waren dabei, ihre Macht zu verlieren und mehr oder weniger Bilder der Macht zu sein, in den verschiedenen Ländern aber unterschiedlich stark. Der Adel verlor an Einfluss; er war dem alten Prinzip der Ehre verpflichtet, während das neue Prinzip „Leistung“ hieß; die reichen Brüger näherten sich dem Adel an. – Die Ständegesellschaft löste sich auf, es gab eine neue Elite mit politischen oder Verwaltungsaufgaben; es bildete sich eine „Intelligenz“ heraus. Insgesamt kam dem Nationalismus als Bindeglied große Bedeutung zu, er war eine Art neuer Religion. Die Situation der Arbeiter hatte sich verbessert, sie wandten sich großenteils sozialistischen Partien zu – doch blieben die verschiedenen Sozialismen national bestimmt; die Kirchen versuchten, brave christliche Gewerkschaften zu gründen.

Die Kirchen unterlagen der Säkularisierung: Der Kirchenbesuch ging zurück, die Kirchen verloren öffentliche Aufgaben an den Staat, im Inneren begehrten modernder Denkende gegen die traditionellen Dogmen auf. Es kam eine Frauenbewegung auf, die den Zugang der Frauen zum öffentlichen Leben, zum Studium und zu Teilnahme an Wahlen forderte. Das neue Jahrhundert stand auf besondere Weise im Zeichen der Jugend; der Vater-Sohn-Konflikt erhielt in der Psychologie Freuds eine zentrale Bedeutung (Ödipuskomplex). Eine pädagogische Reformbewegung wollte zur Charakterbildung und zur freien Selbstentfaltung des Einzelnen beitragen, statt aus ihm nur einen braven, nützlichen Staatsbürger zu machen.

Es entstand auch eine neue Jugendbewegung, weil Jugend sich als eine besondere Lebensphase etablierte und weil „die Jugend“ Trägerin einer hoffnungsvollen Zukunft war, die sich von der harten Welt der Erwachsenen unterschied. Es gab natürlich die kirchlichen Vereine und auch die vormilitärischen Pfadfinder, aber der Wandervogel war die richtige Jugendbewegung: Raus aus der Stadt, Gemeinschaft und Natur auf einfachste Weise erleben! Zudem kam mit der Idee des Sports eine Demokratisierung der Körperkultur auf.

In der Unterhaltungsliteratur kam die Kunst auch zur Menge; der Comic wurde erfunden, Kabarett, Revue und Film waren Kunstformen für die vielen – die elitäre Entwicklung der Kunst kriegten nur wenige mit.

Gegen die kapitalistische Industriegesellschaft wurde „Natur“ neu gesehen und gesetzt: das Widersinnige, Zerrissene der menschlichen Existenz. Raum und Zeit wurden neu erfahren: Beschleunigung als Prinzip der industriellen Produktion, Zerbrechen der einheitlichen Zeit- und Raumvorstellungen durch die Physik und die Erforschung fremder Völker. Das seit der Aufklärung bestimmende autonome Subjekt wurde relativiert als Lebens- und Triebwesen, als geschichtlich und sozial determiniert: Nietzsche, Bergson, Dilthey (Vitalismus, Lebensphilosophie).

Die neue Realitätsvorstellung in den Künsten:

Raum und Zeit waren problematisch geworden. Die Romanautoren J. Conrad, M. Proust, J. Joyce, Th. Mann, F. Kafka führten neue Weise des Erzählens ein – die Zeit war nicht mehr der Ordnungsrahmen eines kontinuierlich ablaufenden überschaubaren Geschehens. Im Drama räumten Strindberg, L. Pirandello, G. Kaiser, Schnitzler und F. Wedekind mit der bürgerlichen Welt- und Wertordnung auf. Die Fotografie hatte das Abbilden unternommen – so sahen sich die Maler in ihrer Existenz herausgefordert: Picasso entwickelt eine multiperspektivische Darstellung der Personen; die Dinge wurden in ihre Grundbestandteile oder -formen zerlegt und wieder zusammengesetzt; Kandinsky malte 1910 das erste abstrakte Bild. In Italien wurde das Manifest des Futurismus veröffentlicht: ein Kult des Tempos, der Kraft, der neuen Zeit. Bereits Mallarmé hatte das Wort befreien wollen, von der Bindung an die Dinge lösen, dem grafischen Zeichen eine eigene Bedeutung zuerkannt. In der Architektur ging die Veränderung langsamer vor sich (A. Loos), in der Dekoration entstand der Jugendstil. Die Musik löste sich aus dem traditionell harmonischen Rahmen (Schönberg: Zwölftonmusik), es kamen mit dem Jazz Elemente „unzivilisierter Völker“ in die Musik, Strawinsky erprobte Neues.

Diese Bewegung war nicht ohne Widersprüche: Man wollte weg von der Zivilisation und ihren Zwängen, betrieb das aber mittels einer Vergeistigung, die nur wenigen zugänglich war, und im Verbund mit den Wissenschaften. „Die Sehnsucht nach dem mythischen Erleben stand in direktem Zusammenhang mit einer Zukunftsgläubigkeit, mit der die Rebellen sich als Erben des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen.“

Die Künstler verstanden sich messianisch – als Profeten einer neuen Zeit oder Künder des großen Untergangs; insgesamt waren sie eher „links“ eingestellt. Überall wurde eine traditionelle Ordnung in Frage gestellt. Der vertraute Himmel der Kirchen wie des Erlebens verschwand, die hergebrachte soziale Ordnung (oben/unten, Adel/Bürger/Arbeiter, Mann/Frau, Erwachsene/Jugend/Kinder) ging in die Brüche, die religiöse Sinndeutung verlor an Glaubwürdigkeit – die Kunst war nicht mehr der Welt zugewandt, sondern beschäftigte sich weithin mit sich selbst, mit ihrem Material und seinen Möglichkeiten: Der Rezipient musste selber zusehen, was ihm noch Kunst war und welchen Sinn er damit verbinden konnte. [Ende des Referats!]

Fazit: Man sollte sehen,

1. dass die Literatur in einem großen Umbruch aller Künste stand;

2. dass dieser Umbruch auch seine sozialen, politischen, wissenschaftlichen Entsprechungen (oder Gründe?) hatte;

3. dass es natürlich Anknüpfung an die Tradition (Rousseau, Aufklärung) und innere Widersprüche der neuen Bewegungen gab;

4. dass es „den Umbruch“ nicht gab – es waren oft nur kleine Gruppen, zumindest in der Kunst, die solche Umbrüche vollzogen und verstanden.

Für mein (N.T.) Empfinden versteht man die neuen Entwicklungen in der Literatur am besten, wenn man parallel die Entwicklung in der Malerei verfolgt: Die ist anschaulich zu (be)greifen; da kann man etwas intensiver hinschauen, ohne gleich das Ganze der Kulturgeschichte packen zu müssen.

* Schau dir Bilder von Francis Picabia an! Das ist ein Hinweis Heißenbüttels; ich würde schon auf Bilder von Braque, Léger (z.B. Contrastes de Formés, 1911), Picassso oder Juan Gris nach 1910 hinweisen [später: Marcel Duchamp!]. Fragmentation ist der Titel, unter dem solche Bilder im Centre Pompidou in Paris zusammengestellt sind. Wenn Andreas Beyer („Der souveräne, freie Blick“, SZ vom 21. Oktober 2006) recht hat, hat Paul Cézanne den entscheidenden Schritt zum konstruktiven Sehen getan und Picasso 1907 mit seinem Bild „Demoiselles d’Avignon“ das erste Bild der Moderne gemalt. Auch die Bilder im Arbeitsheft Kubismus sind aufschlussreich.

Aber die Schlagworte Naturalismus / Impressionismus / Fin de Siècle / Symbolismus / Jugendstil / Expressionismus sollte man schon „drauf haben“ und inhaltlich ein bisschen füllen können. Vgl. diesen Artikel (dort „Unterrichtseinheit: Lyrik des Expressionismus“) und die 1. Lektion von https://norberto42.wordpress.com/2013/01/13/deutsche-lyrik-1945-1960-unterricht/. Dort steht: Vielleicht ist der Überblick über die Geschichte der deutschen Lyrik, die Eberhard Hermes in seinem Buch „Abiturwissen Lyrik“ (Klett, 1985 = 9. A. 2000, S. 103 ff.) gibt, geeignet, einige Merkmale der Moderne (dazu S. 135 ff.) zu erfassen: Das Problem der Moderne besteht darin, dass die überlieferten Ausdrucksmittel der Sprache nicht mehr auf die erlebte Wirklichkeit passen. (1) Ein erster Lösungsversuch habe darin bestanden, „das alltagssprachlich vermittelte Oberflächenbild einer zusammenhängenden Realität zu durchstoßen, um der Wirklichkeit unmittelbar zu begegnen“. Beispiel dafür wäre A. Lichtenstein: Ein dicker Junge spielt… (2) Der nächste Schritt sei dort erfolgt, „wo zum Zeilenstil die Häufung der Bilder und ihre Isolierung voneinander dazukommt“. Beispiel dafür wäre Hans Arp: Ein Tag fällt vom Lichtbaum ab… (3) Die letzte Stufe der Auflösung „wäre dann der Verzicht auf Sprache überhaupt“, z.B. in Hugo Balls „Wolken“: elomen elomen lefitalominal…. [Hieran schließt Hermes seine Ausführungen über die hermetische Literatur Ingeborg Bachmanns und Paul Celans an.] – Damit sind drei Merkmale expressionistischer Lyrik beschrieben, die in den 20er Jahren endete und deren „Fortführung“ 1933 politisch verhindert wurde. http://www.xlibris.de/Epochen/VJahrhdt/VJhdrt1.htm bietet einen Überblick über die Literaturgeschichte 1900 – 1933 und damit in den Beginn der Moderne – zugleich ein Beitrag zum sogenannten Epochenumbruch von 1900.

Vgl. „Kunst & Kultur“ im Kaiserreich

Historischer Kontext der Literaturgeschichte ab 1880

Der Begriff „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ (auch: der E. um 1800) ist eine Erfindung der Leute, die die Richtlinien NRW und das segensreich darauf abgestimmte TTS bei Cornelsen machen. Wenn man in die Wörterbücher schaut, findet man

1. im Metzler Lexikon Literatur (2007) die Begriffe „Avantgarde“ und „Moderne“,

2. im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie (2004) die Begriffe „Avantgarde“, „Epochenschwelle“, „Moderne“ und „Modernismus, Literaturtheorien des“.

Im Metzler Lexikon Literatur findet man Folgendes:

Die Avantgarde ist ein Teil der Moderne im engeren Sinn (etwa ab 1900); den Beginn markiert das Futuristische Manifest F.T. Marinettos (1909). Abgelehnt wird Kunst als Imitation (Nachahmung der Natur oder der maßgebenden Autoren); es werden die Techniken der Montage und der Collage eingesetzt. Die Utopie einer neuen Kunst meint die Überwindung des Grabens zwischen Leben und Kunst und meint damit die Utopie einer neuen Gesellschaft.
Der Begriff der Moderne ist unklar; er kann die „Neuzeit“ seit der Renaissance meinen, die mit der Frühromantik beginnende Moderne (etwa seit 1795) oder eben die Moderne ab 1900. Diese letzte, an das Fin de Siècle geknüpfte Moderne kämpft gegen den Naturalismus und für eine Autonomie der Kunst und Literatur, für ihre Unabhängigkeit von der industriellen Zivilisation und der gesellschaftlichen Realität. Neben den besonderen Ausprägungen in Berliner, Wiener und Münchener Moderne stehen die „Richtungen“ oder Bewegungen des Ästhetizismus, Symbolismus, der Décadence, der Neuromantik und Neuklassik – und dann eben die bereits genannte Avantgarde.

Nachtrag:

In einem bemerkenswerten Aufsatz über „Die ästhetische Moderne und ihre Ursprünge im Okkulten“ (Untertitel des Aufsatzes „Totale Innerlichkeit“, SZ 24. November 2009) hat Thomas Steinfeld vorgeschlagen, gerade die Wende zur Abstraktion als „Konsequenz einer entschlossenen Esoterik“ zu verstehen. Gestützt auf viele Buchtitel (u.a. Christoph Türcke: Fundamentalismus, 2003) findet er hinter der entschieden modernen Abstraktion die Hoffnung, „sich zu einer totalen Innerlichkeit vorkämpfen zu können, zu Begegnungen von Seele mit Seele von so unmittelbarem Charakter, dass nichts in der herkömmlichen, irgendwie ‚figurativen’ Kunst sich damit hätte messen können“. Das sei ein religiöses Motiv, Ausdruck einer Theologie ohne Kirche.

Je mehr jedoch die Künstler sich in diese Hoffnung verrannten, desto mehr sahen sie sich dazu „gezwungen zu tun, was sie zuvor unbedingt vermeiden wollten: sich zu erklären, zu Worten und Texten zu greifen, zu verdeutlichen, was doch von allem Anfang an hätte evident sein sollen“. Denn die neue Wahrheit habe sich nicht geoffenbart, die Hoffnung auf den Ursprung der Kunst im Glauben an das Überirdische habe getrogen.

Diese Analyse Steinfelds wird durch eine Bemerkung Alfred Döblins bestätigt. In seinem Aufsatz „Bekenntnis zum Naturalismus“ (1920) wendet sich Alfred Döblin gegen die expressionistische Manier des Schreibens: „In der Dichtung wird seit einer Anzahl Jahren das ‚Beschreiben’, ‚Schildern’ als kunstfeindlich perhorresziert. Es wird in eine Linie gestellt mit dem ‚Abmalen’ in der Malerei. Die Ablehnung des ‚Beschreibens’ stammt aus dem allgemeinen Gefühl, daß die Vergeistigung zurzeit der wichtigste elementarste Antrieb der Künste ist; überall wird der materielle ‚realistische’ Ballast über Bord geworfen; es besteht das unbändige Verlangen, lebendige Seele unmittelbar zu geben, um sich den anderen Seelen zu nähern.“ (zitiert nach W. F. Schoeller: Alfred Döblin. Ein Biographie, 2011, S. 245 f.)

 

Die derzeitige Fülle der Publikationen über den Zusammenhang zwischen Okkultismus und Moderne zeige, dass hier etwas historisch zu werden beginnt; dass die ästhetische Moderne nach hundert Jahren ihrem Ende entgegengeht. – Das Gleiche ergibt sich meines Erachtens aus der Tatsache, dass „der Epochenumbruch um 1900“ in NRW Abiturthema bzw. ein leitender Aspekt für Themen im Fach Deutsch ist. Wortreich dürfen Schüler sich (in der Nachfolge von Hofmannsthals Chandos-Brief) darüber auslassen, welch gewaltige Sprachnot die Menschen bedrängt – ohne dass sie verstanden hätten, welche Wünsche sich hinter dieser „Sprachnot“ verbergen. (29.11.2009)

2. Nachtrag:

Stefan Zweig (1881 – 1942) hat in seinen Lebenserinnerungen „Die Welt von gestern“, einem charmanten Buch, das er 1941 geschrieben hat, im zweiten Kapitel „Die Schule im vorigen Jahrhundert“ (S. 47 ff.) behandelt. Darin erzählt er einmal von der geist- und seelenlosen Paukerei im österreichischen Gymnasium seiner Zeit [übrigens nicht die ganze Wahrheit, wenn man Freuds Erinnerungen berücksichtigt: Zur Psychologie des Gymnasiasten]; dagegen grenzt er die maßlose Begeisterung der Gymnasiasten für alles Künstlerische ab, dessen sie in Wien habhaft werden konnten. In diesem Zusammenhang zeichnet er mit einem groben Pinsel ein Bild vom sogenannten Epochenumbruch (S. 63 ff.) in der Kunst, dem dann auch ein politischer Umbruch entspricht (S. 81 ff.). Die strahlendste Gestalt des Neuen, der jugendlich revolutionären Künstler war für ihn Hugo von Hofmannsthal (S. 66 ff.), ein von Anfang an Vollendeter; Rilkes Entwicklung zum Künstler dagegen bezeugte ihm und seinen Kameraden, dass man „wie Rilke tasten, versuchen, sich formen, sich steigern“ konnte (S. 74). – Zweig zeichnet viele feine Linien aus seiner Erinnerung in das Bild des Aufbruchs, der sich gegenüber dem Beständigen und Honorigen der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts ca. ab 1895 in Wien abzuzeichnen begann. Ich beziehe mich auf die Ausgabe in der „Bibliothek des 20. Jahrhunderts“, die im Deutschen Bücherbund o.J. erschienen ist. Es lohnt sich, das Buch in Ruhe zu lesen und nicht nur Belege für den Epochenumbruch im Din A4-Format herauszuschnippeln. (15. Januar 2011) In Fontanes Roman Der Stechlin wird der Übergang vom Alten zur neuen Zeit direkt thematisiert. Auch die Galgenlieder Christian Morgensterns zeigen, dass sich etwas Neues tut. (8. September 2013)

3. Nachtrag: Epochenbruch durch den 1. Weltkrieg

Wie aber lässt sich die Geschichte dieses Krieges heute noch erzählen? Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs lassen sich im Nachhinein nicht mehr einholen. Ihren Wertverlust im Krieg hatte schon Walter Benjamin 1933 festgehalten: „Die Erfahrung ist im Kurs gefallen und das in einer Generation, die 1914-1918 eine der ungeheuersten Erfahrungen der Weltgeschichte gemacht hat.“ Was die Väter ihren Söhnen zu sagen hätten, gelte nichts mehr, deshalb müssten diese in ihrer Erfahrungsarmut wieder ganz von Vorne anfangen. […]

Bei den Siegermächten gab es über alles Leid hinweg im Sieg der Idee der liberalen Demokratien eine letzte Antwort auf die Frage, wofür die Opfer gut gewesen waren. Etwas hält sich auch heute noch durch, über alle Fremdheit zwischen den Generationen, die auch dort eingetreten ist. In Deutschland dagegen versuchen wir vergeblich, über den Geschichtsbruch des Ersten Weltkriegs hinweg die Grundlagen des Fühlens und Denkens der Zeitgenossen, ihre Erfahrungen und Wertungen in uns wieder zu beleben. Alles Verstehen dieser Zeit ist deshalb trügerisch – geht es doch von Kenntnissen, Wertungen und Weltbildern aus, die damals noch nicht bestanden.

Die Geschichtswissenschaft stellt dies, nicht erst heute, vor die Aufgabe, das Unverständliche zu verstehen. Dazu ist es notwendig, die Natur moderner Geschichtsbrüche zu begreifen. Mit einem Geschichtsbruch beginnt nicht nur eine neue Epoche, es wird nicht einfach ein neues Kapitel im Geschichtsbuch aufgeschlagen.

Wenn die Geschichte bricht, dann bricht der ganze geschichtliche Horizont zusammen, in dem sich Menschen existenziell verorten: Worauf man bisher glaubte bauen zu können, erweist sich als brüchig. Und selbst die Vergangenheit stellt sich ganz anders dar als zuvor. Geschichtsverläufe über Geschichtsbrüche hinweg lassen sich nicht verstehen, sondern nur in ihrer Unverständlichkeit beschreiben.

Im Ersten Weltkrieg ist in Deutschland das gemeinsame Band der Geschichte zwischen den Generationen, aber auch zwischen den Tätern und Opfern des kriegerischen Gemetzels gerissen. Der Verlust des Vertrauens, einer gemeinsamen Geschichte und Gesellschaft anzugehören, schleppt sich seither über die Jahrzehnte fort.

Wir begegnen den Symptomen im Verstummen der aus dem Krieg Heimgekehrten gegenüber dem Leid auf den Schlachtfeldern, in den traumatischen Erfahrungen der Opfer des Krieges und der ethnischen Verfolgungen, in der Unfähigkeit der Kriegsgeneration, den Jüngeren die Umstände klar zu machen, unter denen sie selbst gehandelt und empfunden haben.

(Lucian Hölscher: Ein Riss in der Zeit – der ganze Aufsatz ist lesenswert.)

4. Nachtrag: angrenzende Epochen 

Naturalismus (ab 1880)

https://de.wikipedia.org/wiki/Naturalismus_(Literatur)

http://oregonstate.edu/instruct/ger341/natural.htm

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/naturalismus.htm

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/naturalismus.htm

http://www.literatur-hausarbeiten.com/deutsche-literatur/Naturalismus.php

Expressionismus (ab 1910)

http://www.seilnacht.com/Lexikon/Express.htm (als Kunstrichtung: Malerei)

https://de.wikipedia.org/wiki/Expressionismus_(Literatur)

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/expressionismus.htm

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/expressio.htm

http://www.schule-bw.de/unterricht/faecher/deutsch/unterrichtseinheiten/epoch2/expressionismus/

Neue Sachlichkeit

https://norberto42.wordpress.com/2012/09/22/neue-sachlichkeit-in-kunst-und-literatur-links/ (Linksammlung)

In der Praxis (Abitur NRW) wird auch die Neue Sachlichkeit zum Epochenumbruch um 1900 gezählt. – Vgl. auch meine Darstellung zum Epochenumbruch um 1800 (mit Links von Übersichten über die ganze deutsche Literaturgeschichte): https://norberto42.wordpress.com/2011/01/31/epochenumbruch-um-1800-ubersicht-epochen-der-deutschen-literatur-links/, wo auch der bürgerliche Realismus berücksichtigt ist, der zusammen mit dem Naturalismus den Hintergrund bzw. die Vorgeschichte des sogenannten Epochenumbruchs um 1900 bildet.

6 thoughts on “Epochenumbruch um 1900

  1. Pingback: Epochenumbruch um 1800, Übersicht – Epochen der deutschen Literatur (Links) « norberto42

  2. Pingback: Georg Heym: Die Stadt; Der Gott der Stadt « norberto42

  3. Ich habe bereits bei ihrem anderen Blog kommentiert, aber bemerkt, dass dieser wohl inaktiv scheint.
    Zum einen möchte ich mich bedanken, Ihre Zusammenfassung war ziemlich hilfreich, zum anderen möchte ich Sie fragen, ob Sie auf Thomas Steinfeld’s Aufsatz „Totale Innerlichkeit“ noch zurückgreifen können und ob es Ihnen möglich ist, diesen zu veröffentlichen oder mir per Mail zu zusenden.

    grüße

    julian

  4. Pingback: Neue Sachlichkeit in Kunst und Literatur – Links « norberto42

  5. Pingback: Deutsche Lyrik 1945 – 1960 (Unterricht) « norberto42

  6. Pingback: Fontane: Der Stechlin – statt einer Besprechung « norberto42

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