Andersen: Des Kaisers neue Kleider – kurze Analyse

Ausgangssituation ist die Tatsache, dass es „vor vielen Jahren“ (irgendwo) einen Kaiser gab, der so ungeheuer viel auf hübsche Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab.

Das Geschehen kommt dadurch in Bewegung, dass zwei Betrüger auftauchen (it 133, Bd. 1, S. 140), die zweierlei behaupten: 1. wunderbare Kleider weben zu können, welche 2. mit der wunderbaren Eigenschaft versehen seien, „daß sie für jeden Menschen unsichtbar wären, der nicht für sein Amt tauge oder unverzeihlich dumm sei“. Das wird ihnen im erzählten Geschehen geglaubt, womit sie eine unangreifbare Position bekommen: Die Fähigkeit des Webens kann man eigentlich überprüfen, aber durch „die wunderbare Eigenschaft“ wird die Prüfung unmöglich – ein Zirkel des Pfuschens ist eröffnet. Die Leser entkommen ihm, weil der auktoriale Erzähler die Männer als Betrüger eingeführt hat und auch in seinen Erklärungen später deutlich macht, wie sie pfuschen: Sie tun so, als arbeiteten sie, haben dabei aber nicht das Geringste auf dem Webstuhl (S. 140), usw. Diese beiden Männer treffen auf einen Kaiser, der schöne Kleider liebt, aber sich auch die wunderbare Eigenschaft der neuen Kleider zunutze machen will: Er könne so „dahinterkommen, welche Männer in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen“ (S. 140). An eine so simple Möglichkeit der Überprüfung zu glauben ist allerdings ein Zeichen erheblicher Dummheit. Und so wird der Kaiser schließlich mit Notwendigkeit der Dummheit überführt.

Aber er ist es nicht allein, nein, „alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei“ (S. 141). Damit ist die Voraussetzung für den Ablauf des Geschehens geschaffen: Jeder hält nur den anderen, nicht aber sich selbst für potenziell dumm (was bereits ein Zeichen von Dummheit ist!) – und ist es außerdem mit dem Glauben an die wunderbare Fähigkeit der neuen Kleider. Das beginnt beim Kaiser, der zwar für sich selbst glaubt, nichts befürchten zu müssen, aber doch zuerst einen anderen schicken will … – da wird ein leiser Zweifel des Kaisers angedeutet; aber er ist zu leise, als dass er zu einem vernünftigen Wort führte.

Das Geschehen wird dann im Dreischritt des Märchens durchgespielt: Besichtigung durch den ersten Minister, den zweiten Minister, den Kaiser; Anprobe und Prozession, vor der die Kavaliere in ihrem Wahn bestärkt werden („Es ist so leicht wie Spinnwebe, man sollte glauben, man habe nichts auf dem Leibe“, S. 143). Alle bejubeln die prächtigen Kleider, bis ein Kind ruft: „Aber er hat ja nichts an!“ Das Kind ist noch nicht in der Angst befangen, als dumm zu gelten, wenn es bestimmte Sprüche nicht macht; es traut seinen Augen und spricht aus, was es sieht – eine notwendige, wenn auch nicht immer hinreichende Voraussetzung für die Erkenntnis der Wahrheit. Dem Kaiser scheint so, dass das stimmt, / aber er denkt bei sich, er müsse durchhalten. / „Und so hielt er sich noch stolzer…“ (S. 145) Damit wird er bloßgestellt, weil er als einziger sich der offenkundigen Wahrheit verschließt, als er versucht, sein Gesicht zu wahren.

Eine schöne Parabel in Märchenform – von den Leuten, wie sie sind, wie sie auf dummes modisches Geschwätz hereinfallen, was doch offensichtlich falsch ist, was aber eine Immunisierung gegen kritisches Denken mitliefert. Eines der großen, schön erzählten Märchen Andersens, wenn es auch kein Märchen im strengen Sinn ist.

Interpretationen:

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=1634 (politisch, mit Verweisen auf die Vorgeschichte des Stoffs)

http://www.systemagazin.de/bibliothek/texte/buchinger_des_Kaisers_neue_Kleider.pdf (wirtschaftlich: die Berater)

http://www.kungfutius.de/html/macht_2.html (auf die Zeitgeschichte des 19. Jh. bezogen)

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