Andersen: Die Galoschen des Glücks – kurze Analyse

Eine Galosche ist ein Überschuh, ursprünglich aus Leder, seit dem 19. Jahrhundert auch aus Gummi; heute nennt man abgetragene Schuhe Galoschen.

Die Erzählung ist eines der schönsten Märchen Andersens: Die Örtlichkeiten Kopenhagens und seine normalen Bewohner werden durch Zauber-Galoschen in andere Umstände gebracht. Das Motiv der Wunscherfüllung dient im Wesentlichen dazu, das Törichte vieler Wünsche bzw. die verhängnisvolle Tatsache aufzuzeigen, dass sie auf irrigen Annahmen beruhen; ein- oder zweimal wird es auch zur Belehrung der Leser verwendet. Die Geschehnisse werden von einem auktorialen Erzähler berichtet; er muss schließlich die Gefühle der Figuren bei ihrer Wunscherfüllung kennen, die Sprache der Feen, der Mondbewohner und auch der Tiere verstehen. Die Erzählung ist wunderbar durchkomponiert und endet wieder bei den beiden Feen, die zu Beginn auftauchen – die große Gesellschaft in der Österstraße spielt aber keine Rolle mehr: Wichtiger ist das Schicksal der Galoschen, die weitergereicht werden und schließlich den Besitzer wechseln – die Sorge nimmt sie mit, sie ist die wahre Herrin der (un)erfüllten Wünsche.

Ausgangssituation ist einmal eine große Abendgesellschaft in der Österstraße in Kopenhagen, in der viel dummes Zeug geredet wird; unter anderem vertritt Justizrat Knap gegen Örsted (! – vgl. „Zwei Brüder“) die Meinung, früher sei alles besser gewesen, besonders unter König Hans im 16. Jahrhundert. Der Ablauf der Ereignisse wird dann durch zwei Feen eingeleitet, die im Vorraum sitzen: das Kammermädchen einer Kammerjungfrau des Glücks und die Sorge höchstpersönlich. Der Kammerjungfrau sind ein Paar Galoschen anvertraut, die sie den Menschen bringen soll; sie verfügen über die wunderbare Eigenschaft, „daß jeder, der sie anzieht, augenblicklich an die Stelle und in die Zeit versetzt wird, wo er am liebsten sein will“ (it 133, Bd. 1, S 146). Die beiden Mädchen streiten sich kurz, ob diese Galoschen die Menschen glücklich oder unglücklich machen, und geben so die Fragestellung vor, unter der man die Erzählung lesen soll.

Als erster ergreift Justizrat Knap zufällig die Galoschen und wird ins Kopenhagen des 16. Jahrhunderts versetzt. Leute, Straßen und Sprachen sind ihm fremd; es setzt einen kleinen Seitenhieb gegen die Romane des 19. Jh., die man „Alltagsgeschichten“ nennt (S. 151). Es gibt allerlei Missverständnisse über alte Schriften, einen kürzlich beendeten Krieg und die Pest, die sich aus der Zeitdifferenz ergeben … Am Ende kriecht Knap aus dem Lokal und verliert die Galoschen, die dann der Nachtwächter findet. Der möchte ein Leutnant sein, welcher weder Frau noch Kinder hat, und als Leutnant möchte er Nachtwächter mit einer trauten Familie sein (S. 155).

Dann möchte er bloß als Seele den Mond aus der Nähe betrachten, was den Erzähler zu einem Kommentar und zur Erklärung von Entfernung und Reisegeschwindigkeit nötigt (S. 155 f.). Sein bloßer Körper auf der Erde gilt als tot, wird ins Hospital gebracht und der Galoschen entledigt … wo sie dann zufällig ein Volontär erwischt, der nicht nur kurzfristig mit seinem Kopf in einem Gitter steckt, sondern vor allem im Theater in der Kannikegasse eine Reise durch die Herzen der Zuschauer unternimmt: Das ergibt höchst reizvolle Erlebnisse. Er denkt, er wäre verrückt geworden. Über ein russisches Bad kommt er nach Hause. Die Galoschen gelangen in die Verfügung eines Kopisten (Sekretär) der Polizei, der einem Dichter begegnet (S. 163) und sich wünscht, selber ein Dichter zu sein – damit ist Andersen bei einem seiner Lieblingsthemen: Was ist Dichtung? Ein Dichter „kann die Idee und das Gefühl festhalten“ (S. 164), hören wir.

Der neugebackene Dichter staunt über sich selbst, über seine Art, die Welt zu erleben. „Ich habe einen klaren Blick für alles, fühle mich so aufgeweckt …“ (S. 165). In diesem poetischen Rausch möchte der Dichter eine Lerche sein; statt der Galoschen hat er Krallen, aber er singt und jauchzt – und wird eingefangen und verkauft.In der Gothersstraße trifft er auf einen eingebildeten Papagei, der fortwährend sagt: „Laßt uns Menschen sein!“, was natürlich unnatürlich ist. Ein Kanarienvogel lässt die Lerche frei, sie fliegt in ihr eigenes, d.h. des Kopisten Zimmer, spricht den Papageienspruch nach und wird wiederum verwandelt.

Die letzte Episode bietet dann den positiv lehrhaften Teil: Ein Theologiestudent leiht sich die Galoschen; er möchte seine Sehnsucht durch eine Reise in die Schweiz und nach Italien stillen, was ihn freilich in höchst widerliche Lebensumstände und einige Sorgen führt. Er rettet sich mit einem ganz unbestimmten Wunsch; der Körper möge ruhen, der Geist dagegen fliegen – er „will zu einem glücklichen Ziel, dem glücklichsten von allen“ (S. 173). Da liegt er zu Hause in einem offenen Sarg, „in seinem tiefen Todesschlaf“ (S. 173). Diese End-Station nutzt der Erzähler zu einem Kommentar: „Preise niemanden glücklich, bevor er in seinem Grabe ist, waren die Worte des Sokrates“ (S. 173) [man muss die Worte aber vermutlich anderes lesen!]. „Jede Leiche ist eine Sphinx der Unsterblichkeit“, sagt der Erzähler.

Den Schluss bildet eine Unterhaltung der beiden Feen; die Sorge bestreitet, dass dem Quasi-Toten ein dauerndes Gut zuteil geworden ist: „Selbst ging er fort, er wurde nicht gerufen! Seine geistige Kraft war nicht stark genug, um die Schätze hier zu heben, die er seiner Bestimmung nach heben muß! Ich will ihm eine Wohltat erweisen!“ (S. 174) Sie zieht im die Galoschen aus und nimmt sie selber in Verwahrung.

Der Erzähler ist, wie gesagt, auktorial (s.o.). Er wendet sich bei der ersten Belehrung anlässlich der Mondreise direkt an seine Hörer („Seht“, S. 155) und zählt sich dabei zum „wir“ der Menschen (S. 156: „Was uns Menschen betrifft …“). Bei den Berichten von der Gesellschaft in der Österstraße und vom Papagei spürt man eine ironische Distanz zum vornehmen Betrieb, wie sie bei Andersen öfter zu finden ist. Andersen meint vermutlich, er wende sich als Autor an die Leser; aber er kann mit der Einführung zweier Feen nur als Erzähler auftreten und sich somit an fiktive Hörer wenden – als Autor wäre er bloß ein Lügner.

Während das Motiv der Wunscherfüllung in Märchen („Drei Wünsche“ bei J. P. Hebel, bei den Brüdern Grimm: Der Arme und der Reiche. „Drei Wünsche hast du frei“, lautet die klassische Formel.) normalerweise dazu dient, den gierig oder unbedacht Wünschenden zu belehren, vielleicht sogar zu bestrafen, dient es bei Andersen einmal dem gekonnten poetischen Fabulieren, dann auch der Belehrung darüber, wie grundlos unsere Wünsche sind und worin das höchste Glück eines jeden Menschen besteht: in der freien Reise der Seele nach dem Tod, ins Jenseits, in die Herrlichkeit. Da diese religiöse, nämlich weltverneinende Sicht sich hier aber der Galoschenreise-Phantasie unterordnet und nicht so penetrant wie sonst oft bei Andersen vorgetragen wird, und da das Galoschentragen den Menschen zum Schluss durch die Fee Sorge erspart bleibt, rundet sich das Ganze zu einer wunderbaren Erzählung.

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