Andersen: Das hässliche junge Entlein – kurze Analyse

Übersetzungsvariante des Titels: Das hässliche Entenküken (Thyra Dohrenburg)

Diese rührende Erzählung ist zuerst die großartige Geschichte davon, wie der Andersartige gemobbt wird, dann die Geschichte von der Selbstfindung des Andersartigen. Diese Selbstfindung ist das entscheidende Ereignis, welches der Erzähler kommentiert; wir werden uns damit noch zu befassen haben.

Ausgangssituation: Beschreibung des Sommers, des mehr oder weniger geduldiges Brütens einer Ente (it 133, Bd. 1, S. 301 f.). Mit dem Adverb „Endlich“ (S. 302) beginnen die erzählenswerten Ereignisse: Die Jungen schlüpfen aus den Eiern, nur aus dem letzten größeren nicht. „Endlich platzte das große Ei.“ (S. 303) Der erste Gedanke der Entenmutter, personal erzählt, ist: „Es war so groß und häßlich!“ (S. 303) Dieser disqualifizierende Blick begleitet das Küken über ein halbes Jahr und treibt es fast in den Tod; es wird von allen Verwandten und Bekannten gemobbt – was im Einzelnen herrlich erzählt wird und auch den poetischen Reiz der Geschichte ausmacht. Es rettet sich nur durch viermalige Flucht über den Zaun (S. 305), zum Bauernhof (S. 307), hinaus in die weite Welt (S. 309), ins Moor (S. 310 f.) und hätte dabei sehr wohl zu Tode kommen können, etwa als es im Eis festgefroren war (S. 310).

Die Fremdheit des Andersartigen, d.h. die unsinnige Sitte, das hässliche Entlein an ihm fremden Kriterien zu messen, zeigt sich exemplarisch wunderbar daran, wie Kater und Henne seine Lust zu schwimmen beurteilen (S. 308 f.), wie sie Eierlegen und Funkensprühen als die höchsten Möglichkeiten des Lebens preisen. „Ich meine es gut mit dir. Ich sage dir Unannehmlichkeiten, und daran kann man seine wahren Freunde erkennen!“ (S. 309) Beschränkter, egozentrischer geht es wirklich nicht mehr.

Die Verwandlung deutet sich dreifach an: in der Sehnsucht bei der ersten Begegnung mit Schwänen (S. 309 f.), in der Entdeckung im Frühling, fliegen zu können (S. 311), und in der Traurigkeit bei der zweiten Begegnung mit Schwänen (S. 311); sie ist vollendet und wird dem Schwan beim Blick in das spiegelnde Wasser bewusst (S. 312). Das hässliche Entlein hat sich zum Schwan gemausert, das ist seine Verwandlung; es wird auch nicht mehr vom Blick der anderen („so groß und häßlich“) bestimmt, sondern vom eigenen Blick auf sich selbst.

Es folgt der bedeutsame Kommentar des Erzählers: „Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!“ (S. 312) Der Schwan gibt dem Erzähler darauf Recht: „Es war ordentlich froh über all die Not und Widerwärtigkeit, die es ausgestanden hatte …“ [Übersetzungsvariante: „Es fühlte sich ordentlich erfreut über all die Not und die Drangsal, welche es erduldet.“]

Der Schwan erkennt sein Glück, wird von den Schwänen und den Kindern als schön anerkannt: „Der neue ist der Schönste.“ (S. 312) Er ist beschämt und gar nicht stolz; „denn ein gutes Herz wird niemals stolz“, kommentiert der Erzähler (S. 312). Den Schluss bildet der Jubel des neuen Schwans: „Soviel Glück habe ich nicht erträumt, als ich noch das häßliche junge Entlein war.“ (S. 312)

Zuerst möchte ich mich mit dem großen Kommentar des Erzählers und der Möglichkeit der Selbstfindung befassen. Diesen Kommentar halte ich für irreführend und ideologieverdächtig; normalen Menschen schadet es sehr wohl, in einem Entenhofe geboren worden zu sein. Denn ihre Entwicklung wird nicht nur wie bei einem Schwan durch die Gene bestimmt, sondern durchaus von den Blicken der anderen, besonders der Mutter auf ein so potthässliches Küken (die Mutter ist sogar bereit, es ins Wasser zu stoßen, selbst wenn es nicht schwimmen kann, S. 303). Jede Entwicklung wird beeinträchtigt durch andauerndes Gemobbtwerden; nur die Flucht des hilflosen Entleins lässt es mit viel Glück überleben. Das Zweite ist die Möglichkeit der Selbstfindung: Man findet sich in der Tat, wenn man sich vom falschen Blick der anderen befreit; aber das geht nicht durch einen Blick in den Spiegel, sondern dadurch, dass neue Andere einen anders anblicken, liebevoll und anerkennend. Und selbst dann findet man sich selbst oder die eigene Meinung nicht ohne Konflikt oder ohne Krise, wie man zum Beispiel bei Otto F. Bollnow nachlesen kann. Die Reihenfolge ist also bei Andersen unglücklich vertauscht (Selbstfindung / Anerkennung) – nein, so geht es nicht! Auch dass das Entlein über seine frühe Verfolgung froh ist, kann mir nicht einleuchten; und der Kommentar, dass ein gutes Herz niemals stolz wird, ist bei Andersen häufig zu riechender Moralinsenf; denn es hat im erzählten Geschehen überhaupt keinen Hinweis auf ein gutes Herz gegeben – das gute Herz dient hier lediglich der moralischen Abrundung, der „Erklärung“ dessen, dass der neue Schwan nicht stolz ist, obwohl er bewundert wird. Man spürt förmlich den erhobenen Zeigefinger: „Und so dürft auch ihr nicht stolz sein …“

Dieser üble Schluss mit den beiden Kommentaren beeinträchtigt den Wert der Erzählung, der in der poetisch gelungenen detaillierten Darstellung der Verfolgung besteht, des gnadenlosen Umgangs mit dem „Hässlichen“, dem Andersartigen. Der Erzähler ist auktorial in seinen Kommentaren, sonst zurückhaltend; in den Kommentaren kommt der christlich-ideologische Autor Andersen zu Wort, auch wenn hier statt eines Engels die eigenen Gene die Rettung bringen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s