Andersen: Der Tannenbaum – kurze Analyse

Dieses Märchen ist recht lehrhaft, eine Art Parabel davon, wie jemand in der Hoffnung auf die künftige Herrlichkeit das gegenwärtige Schöne nicht zu schätzen weiß; wie er dessen inne wird, dass er sein Leben verpasst hat und zum Schluss erkennt: „Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!“ (it 133, Bd. 1, S. 321) Die Geschichte ist ganz systematisch aufgebaut, sogar schematisch, und poetisch nicht so reizvoll wie die wirklich großen Märchen Andersens. Beim zweiten Lesen verliert sie vom Reiz, den sie noch ausstrahlt, wenn man sie nicht kennt.

Von der ersten Etappe des Tannenbaum-Lebens werden drei Stationen gezeigt: dass er als kleiner Baum immer größer werden möchte, um dann endlich richtig zu leben – weit blicken und Nester tragen, gar ein Mastbaum auf einem Schiff werden, ein geschmückter Weihnachtsbaum werden (vom Mastbaum und vom Weihnachtsbaum haben ihm Vögel erzählt). Freude am gegenwärtigen Leben hat er nicht, obwohl er oft genug die Botschaft hört: „Freue dich deiner Jugend!“ (S. 314) „Freue dich unser! freue dich deiner frischen Jugend …“ (S. 315) Er lebt nur für die von ihm imaginierte Zukunft, die er weithin nur vom Hörensagen kennt.

Der Wechsel tritt nach fünf Jahren ein, als er gefällt wird, um Weihnachtsbaum zu werden; er leidet an den Schlägen, leidet an der Trennung von den Kameraden und an der Reise (S. 315). Aber dann freut er sich auf den Heiligen Abend. „Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Wald kommen und mich sehen?“ (S. 316) Am Heiligen Abend wird er geschmückt, dann geplündert und nicht weiter beachtet. Er hört, wie der Großvater das Märchen von Klumpe-Dumpe erzählt, der die Treppe hinunter fiel und trotzdem die Prinzessin bekam, und genau das erhofft er dann auch für sich – ein weiteres Missverständnis – und freut sich auf den nächsten Tag. Aber am nächsten Tag wird er entsorgt und auf einen dunklen Boden gestellt.

Dort denkt er viel nach – die dritte Etappe seines Lebens – und beginnt sich voller Sehnsucht zu erinnern, wie schön das Leben im Wald war. Er spricht mit den Mäusen und erzählt aus seinem Leben; die Mäuse staunen, wie viel Schönes er erlebt hat. „Wie glücklich du gewesen bist!“ (S. 319) Und er muss immer wieder erzählen und wird dessen inne, dass es doch schöne Zeiten waren – hofft dann jedoch, dass sie noch einmal wiederkommen und dass er wie Klumpe-Dumpe eine Prinzessin bekommt. Aber den Ratten gefällt die Geschichte von Klumpe-Dumpe nicht, sie wollen lieber Speisekammergeschichten hören. So bleiben schließlich die Zuhörer weg und der Baum erkennt, „wie glücklich ich war“ (S. 320). Und auch dass die Mäuse ihm zugehört haben, empfindet er nachträglich als „ganz hübsch“ (S. 320). Aber auch das ist vorbei; er verspricht sich jedoch einiges davon, wenn er wieder hervorgeholt wird, schätzt also seine Zukunft völlig falsch ein.

„Nun beginnt das Leben wieder!“, dachte er, als man ihn ins Freie warf (S. 320) – die letzte Etappe seines Lebens. Er sieht, wie frisch draußen im Frühling alles ist – nur er nicht; er merkt, dass er alt geworden ist, und gedenkt seiner guten Zeiten: „Vorbei! vorbei! Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei! vorbei“ (S. 321) Er wird dann zerhackt und verstocht. Er denkt noch an schöne Erlebnisse, dann ist er verbrannt. Der Erzähler meldet sich zum Schluss mit einem unspezifischen Kommentar zu Wort, dass es nun mit dem Baum vorbei ist „und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei – und so geht es mit allen Geschichten!“ (S. 322)

Der Baum ist die einzige denkende Figur der Erzählung und auch ihr Held – aber nicht ihr tragischer, sondern ihr dummer Held, der beinahe bis zum Schluss sein Leben verfehlt. Der Kontrast zwischen dem, was der Baum denkt, und dem, was der Leser weiß (und auch einige Wesen ihm sagen), bestimmt die Erzählung; dieser Kontrast ist so deutlich, dass der allwissende Erzähler nichts zu kommentieren braucht. Die vier Etappen bestehen aus seinem Aufstieg zum Weihnachtsbaum und dem Abstieg zum Brennholz; als er entsorgt wird, beginnt er, seinen Lebensweg zu verstehen – aber er beginnt nur damit und gibt seine törichten Hoffnungen erst auf, als er zerhackt wird. Und dann spricht er die Schlüsselworte „Vorbei! vorbei!“ aus, die von da an die Erzählung bis zum Schlusskommentar bestimmen. – Die Dauer des Geschehens ist zu Beginn stark gerafft worden; Weihnachten und der letzte Lebenstag bekommen relativ mehr Erzählzeit, ebenso die Zeit auf dem dunklen Boden, insgesamt also die Zeit, in der sich die Hoffnungen des Baums erfüllen sollten: Da ist Zeit nötig, um von den Enttäuschungen und Irrtümern zu erzählen.

Die Tendenz der Geschichte vom Tannenbaum ist gegenläufig zu der der Erzählung „Die Kröte“.

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