Andersen: Die Kröte – kurze Analyse

Die Geschichte spinnt das Motiv des Edelsteins im Krötenkopf aus. Es gibt den Volksglauben, sagt der Poet in der Erzählung, „daß dieKröte, das allerhäßlichste Tier, oft den schönsten Edelstein in ihrem Kopfe birgt“ (it 133, Bd. 3, S. 149), Und er überträgt das gleich auf die Menschen: „Welchen Edelstein barg Äsop in sich und gar Sokrates?“ [Dabei wird vorausgesetzt, dass beide hässlich waren, was mir nur von Sokrates bekannt ist.]

Die Vorgeschichte beginnt in einem Brunnen, in den eine Kröte gefallen ist und wo sie mit ihren Jungen neben Fröschen lebt. Die Kröten glauben daran, dass sie zwar hässlich sind, aber einen Edelstein im Kopf tragen. Die Jungen fragen dann ihre Mutter, worauf sie eigentlich stolz sind und was ein Edelstein ist; aber die Alte weiß es selber nicht. „Es ist etwas, womit man zu seinem eigenen Vergnügen umhergeht und worüber sich die andern ärgern. Aber fragt mich nicht, ich antworte nicht!“ (S. 143)

Das Geschehen beginnt damit, dass die kleinste Kröte nicht an den Edelstein glaubt, aber beschließt, an den Brunnenrand hinaufzukommen und über ihn hinauszuschauen. Sie lässt sich im Eimer hochziehen und gelangt unter Lebensgefahr in die Brennesseln, auf die Landstraße und in einen Graben, wo sie einen Schmetterling für eine losgerissene Blume hält. Sie wandert weiter zu einem Teich und trifft dort Frösche. Dort wird sie zu einem Familienkonzert eingeladen: „große Begeisterung und dünne Stimmen; das kennen wir“, kommentiert der Erzähler. Sie fühlt den Drang zu etwas Besserem, ist von großer Unruhe erfüllt und hält gar den Mond für einen Eimer, mittels dessen sie in die höhere Welt gelangen kann. So kommt sie in einen Kohlgarten.

Ihr Aufenthalt dort wird ironisch zu einer Episode der Begegnung mit einer beschränkten Kohlraupe ausgebaut; auch die Raupe will höher hinauf, nämlich zurück auf ihr Kohlblatt, wovon ein Huhn sie herabgepickt hatte. „Es gibt nichts Schöneres als das Eigentum. Aber ich muß höher hinauf!“ (S. 148)

Die nächste Episode ist die Begegnung mit zwei Studenten, einem Forscher und einem Poeten (eine typische Alternative bei Andersen), nun aus deren Sicht erzählt; der eine möchte die Kröte in Spiritus legen, der Poet verhindert das und spielt auf den Volksglauben vom Edelstein im Krötenkopf an, und von dort kommt er auf Äsop und Sokrates, siehe oben.

Die Kröte ist froh, dass sie den Edelstein nicht im Kopf hat – da beginnt die nächste Episode von den Störchen, wobei der Vater zunächst eine gewaltige Rede über die Minderwertigkeit der Menschen hält, während die Mutter von Ägypten spricht. Da erwacht in der Kröte der Wunsch und die Zuversicht, nach Ägypten zu kommen: „All die Sehnsucht, all die Lust, die ich empfinde, ist freilich besser, als einen Edelstein im Kopfe zu haben.“ (S. 150 f.)

Dieses Krötenwort veranlasst den Erzähler zu einem großen Kommentar: „Und dabei besaß gerade sie den Edelstein: die ewige Sehnsucht und Lust, aufwärts, immer himmelwärts!“ (S. 151) Da kommt der Storch geflogen und packt die Kröte, woran sie stirbt. Der Erzähler fragt logischerweise: „Aber der Funke aus ihren Augen, wo blieb er?“ (S. 151) Der Sonnenstrahl nahm ihn, sagt er, „der Sonnenstrahl trug den Edelstein aus dem Kopfe der Kröte. Wohin?“ (S. 151)

Darauf gibt er eine eher unklare Antwort, in der er auf das märchenhafte Geschehen in der Natur hinweist, das der Naturforscher durchaus kenne, „und du selber weißt es auch, denn du hast es gesehen“ (S. 151) Er greift die letzte Frage noch einmal auf, da er sie nicht beantwortet hat, und schließt mit zwei Aufforderungen: „Suche ihn in der Sonne! Sieh ihn, wenn du kannst!“ (S. 151) – Das ist letztlich die platonische Antwort von der Sonne als dem Licht, in das man nicht sehen kann, und von den Schatten auf der Höhlenwand, die wir Gefangenen für die Wirklichkeit halten. Aber davon spricht der Erzähler nicht mehr. Deshalb klingen seine Aufforderungen nach einer Verlegenheitslösung – im Denken war Platon weiter als Andersen.

Wir haben eine Erzählung vor uns, in die verschiedene Episoden eingeschoben sind und die durch das Motiv vom Edelstein im Kopf der Kröte zusammengehalten wird. Dieses Motiv wird erklärt und bereits von den beiden Studenten metaphorisch auf die Menschen übertragen, auf die Großen der Geschichte. Der Erzähler löst es von seiner Bindung an den hässlichen Körper (vielleicht schon bei Äsop?) und trägt seinem mit „du“ angesprochenen Zuhörer auf, selber den Edelstein zu suchen, das heißt, sich auf seine Sehnsucht nach Höherem einzulassen – man kann den Edelstein ja nicht finden, nur suchen! Der Erzähler hält sich bis auf einige Erklärungen und Kommentare zurück; aber in seinem Kommentar zum Besitz des Edelsteins und in den Aufforderungen zum Schluss kommt er auktorial überaus deutlich zu Wort. Wie er die pädagogisch-lehrhafte Geschichte, die ein Krötenleben umfasst, in der jedoch die Zeitangaben fehlen, aufbaut, ist oben bereits dargelegt. Trotz ihrer Tendenz sind viele Einzelheiten schön ausgesponnen, sodass man sie auch zwei- oder dreimal lesen kann. Sie ist ein Beispiel dafür, wie ein Motiv aus dem Volksglauben (Kröten trugen im Kopf angeblich einen Edelstein, der als Mittel zum Aufspüren von Gift sehr geschätzt wurde. Adlige, die um ihr Leben fürchteten, trugen in dem Glauben, sie würden sie vor Giftanschlägen warnen, häufig Ringe mit einem solchen Juwel zur Schau.) aufgegriffen und literarisch entfaltet werden kann – eine Anleitung fürs produktive Schreiben.

Die Tendenz dieser Erzählung ist gegenläufig zu der der Erzählung „Der Tannenbaum“.

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