Andersen: Das Feuerzeug – kurze Analyse

„Das Feuerzeug“ beruht auf einem Volksmärchen, was man an der konsequent durchgespielten Dreizahl der Dinge und Ereignisse merkt: Drei Hunde bewachen Geld und erweisen sich als wunderbare Helfer (einer würde genügen, der letzte und größte, der das Gold bewacht), der Soldat geht in alle drei Kammern (obwohl er nur aus der letzten etwas mitnimmt, was er vorher hätte wissen können), er macht dreimal Karriere: zweimal aus der Armut zum vornehmen Herrn, beim dritten Mal vom Todeskandidaten zum König, die Prinzessin wird in drei Nächten geholt. Die Dreizahl wird vom Prinzip der Steigerung flankiert: die Größe der Hunde, der Wert der von ihnen bewachten Schätze, die Gefährdung durch die nächtlichen Begegnungen mit der schönen Prinzessin, die Karriere des Soldaten (begrenzten Gold, unbegrenztes Gold, Königreich plus Prinzessin). Auch Wiederholungen sind vorhanden: Dreimal erklärt die Hexe von jedem Hund beinahe das Gleiche; und was sie erklärt hat, wird dann genauso gemacht. Was ebenfalls auffällt, ist die Tatsache, dass die Figuren ohne jede Emotion handeln: Der Soldat erschlägt die Hexe wegen nichts, bzw. weil sie etwas nicht sagen will (es genügt anscheinend, dass sie „widerlich“ aussieht und eine Hexe ist, it 133, Bd. 1, S. 47). Alle Richter und der Rat plus Königspaar werden zerfetzt, was die Prinzessin kalt lässt; denn sie wurde Königin, „und das gefiel ihr gut“ (S. 54).

Die Figuren sind schematisch gezeichnet: Die Hexe ist potthässlich und wird vom Soldaten gleich als Hexe erkannt; die Prinzessin ist so schön, „daß ein jeder sehen konnte, es war wirklich eine Prinzessin“ (S. 51); der Soldat muss sie küssen, „denn er war ein richtiger Soldat“ (S. 51) – an diesen beiden Bemerkungen erkennt man bereits den humvorvollen Erzähler. Die Handlung läuft ohne zeitliche Strukturierung oder innere Verknüpfung und in dem Sinn ganz schematisch ab: Die Ereignisse gehorchen dem Gesetz der Dreizahl und dem wunderbaren Zufall; der Hexe begegnet der Soldat zufällig; zufällig erkennt er das wunderbare Hilfsmittel Feuerzeug; zufällig denkt er an die Prinzessin, von der er zufällig gehört hat: „Da dachte er einmal, es ist doch etwas Seltsames, daß man die Prinzessin nicht zu sehen bekommen kann.“ (S. 51) Doch da bereits prophezeit ist, dass die Prinzessin einen einfachen Soldaten heiraten wird – aber was heißt schon „einfacher Soldat“, wenn man über drei solcher Hunde verfügt? – läuft das Geschehen nach der Märchenlogik ab: Der kleine Soldat steigt dank eines „einfachen“ Zauber-Feuerzeugs zum reichen Mann und schließlich zum König auf; alle Gefährdungen des Aufstiegs werden wunderbar gemeistert. Die größte Leistung des Soldaten besteht noch darin, den Schusterjungen dazu zu bringen, ihm das Feuerzeug zu holen (S. 53).

Der Erzähler berichtet das Geschehen nicht ohne Augenzwinkern, was man an seinen Erklärungen zu den Freunden des Soldaten merkt. Als er viel Geld besitzt, hat er auch viele Freunde, die sagen, „er sei ein feiner Herr, ein richtiger Kavalier. Und das hatte der Soldat gern.“ (S. 50) Als er dagegen kein Geld mehr hatten, kommen sie nicht mehr zu ihm, „denn es waren zu viele Treppen hinaufzusteigen“ (S. 51). Als der Hund ihm erneut Geld besorgt, erscheint er wieder in schönen Kleidern. „Alle seine Freunde erkannten ihn sogleich wieder und hielten große Stücke auf ihn.“ (S. 51) Der ironische Unterton ist nicht zu überhören, auch wenn scheinbar naiv berichtet wird. Nur der Kommentar zur Unterstützung der Armen zeigt eine gewisse Begeisterung des Erzählers: „und das war hübsch von ihm; er wußte noch aus alten Tagen, wie schlimm es ist, nicht einen Schilling zu besitzen!“ (S. 51)

Die Qualitäten des Erzählers verleihen dem simplen Wundergeschehen so viel Reiz, dass man das Märchen zweimal lesen kann.

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