Andersen: Die kleine Seejungfrau – kurze Analyse

Übersetzungvarianten der Überschrift (kann fürs Suchen wichtig sein): Die kleine Meerfrau (Heinrich Detering); Die kleine Meerjungfrau (Thyra Dohrenburg)

Dieses Märchen ist Andersens berühmtestes, es ist am häufigsten fortgedichtet worden (bis hin zu Walt Disneys „Arielle, die Meerjungfrau“); ob es sein bestes ist, werde ich später diskutieren.

Der allwissende Erzähler beschreibt zunächst die Ausgangssituation: Es gibt das Meervolk, der König hat sechs Töchter; die jüngste liebt rosenrote Blumen, die der Sonne gleichen, sowie eine Knabenstatue und lässt sich gern von der Menschenwelt erzählen – ihre Nähe zur oberen Welt ist von Beginn an vorhanden. Sie sehnt sich danach, im Alter von 15 Jahren erstmals auftauchen zu dürfen.

Sieben Erzählschritte braucht es, um das Geschehen zu einem Abschluss zu bringen: 1. Die ersten fünf Schwestern tauchen mit 15 ans Tageslicht auf und berichten zu Hause von ihren Erlebnissen, finden es dort jedoch am schönsten. 2. Die jüngste taucht auf (it 133, Bd. 1, S. 120 ff.), sieht ein Schiff, auf dem ein Fest gefeiert wird, und einen schönen Prinzen. Als das Schiff untergeht, rettet sie ihn und küsst ihn, was er aber nicht bemerken kann. Sie zieht ihn an Land, er kommt später zu sich, sieht sie aber nicht; sie kehrt traurig heim. 3. Sie hat Sehnsucht nach ihm und findet sein Schloss, sucht seine Nähe. Ihre Oma klärt sie über die menschliche Seele auf, welche den Angehörigen des Meervolks fehlt: „Nur wenn ein Mensch dich so lieben würde, daß du ihm mehr als Vater und Mutter wärest, wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an dir hinge“ und sie heiratete, „dann flösse seine Seele in deinen Körper über, und auch du erhieltest Anteil an der Glückseligkeit der Menschen.“ (S. 126 f.) Aber das sei unmöglich; da wird sie noch trauriger. 4. Sie beschließt, zur Seehexe zu gehen, besteht den gefährlichen Weg zu ihr und erfährt, wie sie Beine an Stelle des Schwanzes bekommen kann (dreifacher Schmerz bis hin zum Untergang). Der Preis für die Hilfe ist ihre Stimme, die sie der Hexe abgeben muss. Ihr verbleiben ihre schöne Gestalt, der wiegende Gang und die sprechenden Augen; „damit kannst du schon ein Menschenherz betören“ (S. 131), sagt die Hexe. Sie nimmt vom Schloss Abschied und schwimmt entschlossen nach oben. 5. Sie trinkt am Prinzenschloss den Zaubertrank; er findet die sprachlose Schöne, sie tanzt, sie soll bei ihm bleiben und begleitet ihn stumm. Er liebt sie wie ein Kind, er küsst sie auf die Stirn (S. 133), sie erinnert ihn an seine Retterin. 6. Der Prinz soll heiraten, sperrt sich aber gegen die vorgesehene Prinzessin. Er verspricht der Seejungfrau, sie dereinst zu heiraten, und küsst sie einmal auf den Mund (S. 134). Aber er erkennt dann in der schönen Prinzessin seine Retterin, verlobt sich mit ihr und heiratet sie. Die Meerjungfrau feiert die Hochzeit mit und weiß, dass dies die letzte Nacht ihres Lebens ist. 7. Da tauchen ihre Schwestern mit einem Messer auf: Falls sie den Prinzen ersticht und das Blut sie bespritzt, kann sie wieder zur Meerjungfrau werden und am Leben bleiben. Sie blickt ihren Prinzen an und wirft das Messer weg, worauf sie sich in Schaum auflöst – die Heirat des Geliebten war ja die Bedingung, unter der sie ihre menschliche Gestalt behalten konnte.

Es folgt ein Nachtrag zur eigentlich abgeschlossenen Erzählung von der großen Liebe der Meerjungfrau, die in den Tod geht, um ihren Geliebten glücklich leben zu lassen: Sie verschwindet nicht, sondern kommt zu den Töchtern der Luft. Die können sich durch gute Taten nach 300 Jahren (das war auch die Lebenszeit der Meerleute) selbst eine Seele erschaffen und in den Himmel kommen. Mit den anderen Töchtern der Luft steigt sie empor… Den Schluss bildet die Erklärung einer der Lufttöchter: Wenn ein gutes Kind seinen Eltern eine Freude macht „und wenn wir vor Freude darüber lächeln“ (S. 139), wird die Prüfungszeit der 300 Jahre um eines verkürzt; ein böses Kind jedoch lässt die Lufttöchter leiden und fügt ihrer Prüfungszeit einen Tag hinzu. [Also, liebe Kinder, was nehmt ihr euch heute ganz fest vor?]

Das Märchen ist die Geschichte einer romantischen Liebe, die sich im Verzichten vollendet. Sie geht zu Herzen und ist deshalb sicher die am stärksten weiterwirkende Märchenerzählung Andersens. Ich finde sie aber nicht seine beste und möchte vor allem drei Aspekte dafür anführen: 1. Der Nachtrag ist von der Konstruktion der Erzählung her überflüssig; mit der Auflösung in Meerschaum ist der Weg der Meerjungfrau zu Ende. Wenn sie nun als Lufttochter gerettet wird, ist das ein Trostpflaster für die mitleidenden Leserinnen, ein nachgetragenes halbes happy end. Die Verbindung der Lufttöchter mit den Taten eines Kindes, „das seinen Eltern Freude macht und deren Liebe verdient“ (S. 139), ist eine „pädagogische“ Zumutung und ein großer Quark. 2. Das Bild der romantischen Liebe, der die Meerjungfrau verfallen ist und aus der sie nicht nur viele Schmerzen erduldet und sogar ihr Leben verliert, sondern auch noch dem Geliebten das fremde Glück gönnt, ist als Ideal menschlichen Liebens schrecklich und vernebelt die Gedanken und Gefühle. Außerdem ist es (mal wieder) die Frau, die derart dienend lieben darf. 3. Eine sprachlose Liebe ist ein Unding, erstens; außerdem wird die sprachlose Meerjungfrau auf ein sexy Püppchen reduziert. Ihr bleiben gutes Aussehen, der wiegende Gang und die sprechenden Augen – damit könnte sie in Hollywood arbeiten, aber keine gleichberechtigte Partnerin eines Mannes werden, mit dem sie sich ja auch auseinandersetzen muss, und dazu braucht es nun einmal eine Stimme; man kann nicht alles im Bett oder durch Schmusen regeln. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass es höchst ungerecht ist, dass die Lufttöchter sich ihre Seele selbst basteln können, während die Meerleute quasi seelenlos bleiben müssen, obwohl sie gleichfalls 300 Jahre sprechen und fühlen können; und im Kontext christlichen Denkens ist eine selbstgebastelte Seele ein Unding, woran der liebe Gott partout keine Freude haben kann.

Mein Fazit: Die Erzählung weist mehrere Schwächen auf und reicht an die besten Märchen Andersens nicht heran.

Vgl. zum Motiv „Melusine und die kleine Seejungfrau“, einen Artikel über Wasserfrauen sowie meine Analyse von Fouqués „Undine“ (und Goethe: Der Fischer)! Vgl. außerdem (Nachtrag) noch

http://www.mythos-magazin.de/mythosforschung/mk_meerjungfrauen.pdf Meerjungfrauen in der Literatur

https://germanistik.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_germanistik/falchetto.rtf M. Falchetto: Ankertau und Kirchtürme (beachtliche Interpretation, gegen meine Lesart!)

7 thoughts on “Andersen: Die kleine Seejungfrau – kurze Analyse

  1. Ich würde das Andersenmärchen von der Seejungfrau als Erlösungsmärchen sehen und daher nicht rational kommentieren; obschon sehr klar dargestellt. Die menschliche Sehnsucht nach Erlösung ist zugleich „ein weites Feld“.
    Sehnsucht mag man mitleidend teilen oder – im Heute erwachsen – schon losgelassen haben.
    Jürgen Schlee

    • Hallo, Herr Schlee,

      auch Erlösungsmärchen dürfen rational kommentiert werden, genauso wie heilige Schriften usw.
      Man kann und muss zwischen dem von einem Menschen gemachten Text und der Hoffnung auf Erlösung unterscheiden. Wenn man das nicht tut, bekommt man wieder den Dogmatismus und die Inquisition, welche die „Erlösung“ verwaltet.

      Freundlichen Gruß, N. T.

  2. Oh je, das ist eine harte Kritik für ein Märchen, dessen Hintergrund Ihnen offenbar nicht bekannt ist. Dieses Märchen war ein Liebesbrief von Hans Christian Andersen an einen anderen Mann. Die Meerjungfrau verkörperte Andersen selbst – Ein seelenloses, nicht-menschliches Wesen, das nicht geliebt wird. Und zwar steht die Flosse in dem Sinne für die fehlende Weiblichkeit, die Seelenlosigkeit dafür, dass Homosexuelle angeblich des Teufels sind und niemals den Himmel betreten werden. Nicht-menschlich, weil man Homosexuelle zumindest zu seiner Lebzeit nicht unbedingt wie einen Menschen behandelt hat. Er hat die Meerjungfrau bewusst auf ihren Körper reduziert, denn das war offenbar alles was zählte: Ein Körper, den ein Mann lieben kann, also der Körper einer Frau, denn egal wie schön der Geist eines Mannes ist, er wird damit keinen heterosexuellen Mann dazu bringen ihn zu lieben. Die Schmerzen erduldelt sie, so wie er, denn in seiner Zeit war „schwul sein“ ein endloser Leideweg. Das Stumm-Sein – Muss man wohl kaum erklären, hätte er offen gesagt, dass er sich eher zu Männern hingezogen fühlt, hätte ihm weiß Gott welches Schicksal geblüht.

    Außerdem muss ich sagen, dass ihr Kommentar über das „Schmusen“ ziemlich diskriminierend gegenüber stumme/taubstumme Menschen war. Natürlich kann man so einen Menschen lieben, es gibt mehr als die Stimme um sich auszudrücken. Man kann sich nicht anschreien oder lautstark diskutieren, aber das solche Leute nur „schmusen“ ist ja wohl völliger Blödsinn.

    Sicher werden Sie sagen, dass Sie diese Geschichte nur als Geschichte bewertet haben und damit die Hintergründe egal sind. Aber die sind nie egal. Wenn man nur an Kafkas „Verwandlung“ denkt, merkt man, wie unheimlich wichtig es ist, den Hintergrund einer solchen „sinnlosen“ Geschichte zu kennen, denn die kann einem in vielen Punkten die Augen öffnen. Hinter dem „sexy Püppchen“ steckt nämlich mehr, als man mit einem desinteressierten, raschen Blick erkennen kann.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Ingo Rösner.

    • Herr Rösner,

      würden Sie bitte belegen, dass das Märchen ein Liebesbrief an einen anderen Mann war und dass ihre Lesart nicht nur eine interessierte Deutung ist? Wer war denn dieser Mann? Und woher wissen Sie, dass Andersen schwul war?

      Ihre allegorische Deutung überzeugt mich nicht – einzelne Züge des Märchens passen in Ihre “Deutung”, viele andere nicht: Wie kann die fehlende Weiblichkeit (also etwas Nichtvorhandenes) entfernt werden? Wozu soll der Prinz ermordet werden? Wieso kriegt die Seejungfrau nach 300 Jahren wieder eine Seele?
      Allegorische Deutungen sind hilflose Versuche, dem Text einen fremden Sinn zu unterschieben, der im Text nicht vorhanden ist – das können Sie bereits bei der allegorischen Deutung des Gleichnisses vom Sämann (bitte Markus 4 ganz lesen, vgl. http://www.neutestamentliches-repetitorium.de/inhalt/markus/Markus4.pdf; https://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-nt/gleichnisse/allegorie-und-allegorese/) sehen.

      Was Sie zum Schmusen schreiben, ist mir gegenüber unfair: Ich habe natürlich nur über normale Menschen geschrieben, was Sie mir dann als Diskriminierung Taubstummer anlasten – so geht es einfach nicht! Hier sieht man, wie gesucht ihre Kritik ist, wie Sie also „selbstverständliche“ Prämissen nicht beachten: „Das Frauenbild, das Andersen hier dem Leser vermittelt, ist eine von der patriarchalischen und kleinbürgerlichen Mentalität des Biedermeiers deformierte Vorstellung: Die Frau ist ihrer Sexualität und ihrer Stimme beraubt worden, und ihre Weiblichkeit läßt sich nur noch durch Enthaltsamkeit, Opferbereitschaft, Unterwürfigkeit und Schamhaftigkeit definieren, die zusammen das biedermeierliche Ideal der Mütterlichkeit darstellen. (…) Das Schicksal der Nixe diente somit auch zur Kindererziehung: eine Erziehung, in der das Kind bzw. das Mädchen immer als harmloses und androgynes Wesen beschrieben [wurde], das nie geschlechtlich wirken durfte und die, wie Helga Trüpel-Rüdel bemerkt, als Andersens Abkehr von der ihn bedrohlichen Weiblichkeit gedeutet werden muß.“ (I. G. Koester)

  3. Aufgrund von Herrn Rösners Kommentar habe ich mich im Internet umgeschaut:

    1. Ob Andersen tatsächlich homosexuell und nicht eher insgesamt von Begehren und Sehnsucht unsäglich gequält war, ist umstritten:
    http://www.deutschlandfunk.de/mehr-asketisch-als-sexuell.700.de.html?dram:article_id=82234
    „In der Wissenschaft wird kontrovers diskutiert, ob Andersen homosexuell gewesen sei. Diese Diskussion begann schon im 19. Jahrhundert und wurde 1901 mit dem Artikel Hans Christian Andersen: Beweis seiner Homosexualität von Carl Albert Hansen Fahlberg (Albert Hansen) in Magnus Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen erstmals vertieft. Jüngere Untersuchungen haben versucht, in Andersens Märchen und Romanen insbesondere das Thema der homoerotischen Maskierung herauszuarbeiten.“ (wikipedia: Andersen)
    http://www.abendblatt.de/kultur-live/article316532/Verknallt-in-Andersens-Maerchen.html (Hella von Sinnens Deutung: Ist die Evidenz ihrer Einsichten wirklich evident?)
    http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-8788214.html (pro Homosexualität)
    http://www.gazette.de/Archiv2/Gazette5/Hildebrandt.pdf (pro Homosexualität)

    2. Die Deutung (Interpretation) des Märchens geht eher in eine andere als die von Herrn Rösner gewiesene Richtung:
    http://www.erzaehlkarawane-ammersee.de/geschichtenundinterpretationen/kunstmaerchen/diekleineseejungfrau/diekleineseejungfrau_interpretation.php (eher willkürliche Interpretation von Einzelheiten, methodisch nicht besser als Rösner)
    http://gerthans.privat.t-online.de/49851/58078.html (Interpretation von Archetypen aus – zu schematisch?)
    http://mythos-magazin.de/mythosforschung/mk_wasserfrau.pdf (hier S. 20 ff.)
    http://www.schule-ratgeber.de/materialien/download/598-umgang-mit-maerchen-im-unterricht.html
    http://www.fage.es/actas/congreso3/igutierrez.pdf (hier S. 7 ff.)
    http://www.germanistik-im-netz.de/museumstrauhof/nixen_wegleitung.pdf (hier S. 26 ff.)
    Andreas Krass: Der Sündenbockmechanismus. Ein Queer Reading von Hans Christian Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau. In: Queer zur Norm: Leben jenseits einer schwulen oder lesbischen Identität. Hrsg. von Volker Weiß und Bodo Niendel. Männerschwarm Verlag 2012, S. 86 ff., problematisiert bzw. widerlegt die „schwule“ Lesart des Märchens methodisch (als google-book teilweise einsehbar).

    Ich selber hatte nur eine Analyse, keine Interpretation des Märchens vorgelegt – die simple allegorische Deutung, wie Herr Rösner sie vertritt, findet man nirgends. Wenn Herr Rösner recht hätte, läse man aus allen Märchen Andersens im Grunde dasselbe heraus: Andersen war schwul und hat darunter gelitten; und das wäre doch ein bisschen dürftig, finde ich.

  4. Sie schreiben hier folgendes: „Ich habe natürlich nur über normale Menschen geschrieben, was Sie mir dann als Diskriminierung Taubstummer anlasten – so geht es einfach nicht!“. Meine Frage wäre: Was sind denn normale Menschen? Wäre alleine diese Aussage nicht noch diskrimierender?

    • Normal ist es, nicht behindert zu sein – ist das so schwer zu begreifen? Mit Ihrer Diskriminierungsallergie helfen Sie keinem einzigen Taubstummen, sondern tun nur etwas für Ihr Selbstwertgefühl („Ich bin toll!“) und erheben sich moralisch über mich – na, dann ein frohes Überheben!

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