Henning Ritter: Notizhefte – Besprechung, fast eine Rezension

Bereits in der ersten Woche des neuen Jahres 2011 liegt das Buch in der 5. Auflage vor. Dieses Buch Ritters ist in den Buchempfehlungen der SZ zu Weihnachten gleich von vier Kritikern genannt worden. Die meisten Besprechungen im Feuilleton, eigentlich alle sind voll des Lobes; diesem Urteil kann ich mich nicht anschließen. Dabei hatte ich mir so viel von seiner Lektüre versprochen, ist Ritter doch nur ein Jahr jünger als ich, also ein Altersgenosse, der aufgrund seines Berufs die Möglichkeit hatte, viel zu lesen und zu schreiben – und von dem ich mir auch Aufschluss über meine Generation, über ihr Weltverständnis erhofft hatte. Ich bin heute mit meiner Lektüre bis S. 68 gekommen und urteile auf dieser Basis, aspekthaft und punktuell.

1. Das Wort „Stellenwert“ soll Hamann zuerst gebraucht haben, gemeint sei das Gewicht der jeweiligen Bibelstelle gewesen (S. 51). An diesen zwei Zeilen stört erstens, dass es für den angeblichen Gebrauch keinen Beleg gibt, und zweitens das Verschweigen der gängigen Einsicht, dass „Stellenwert“ im Zusammenhang der numerischen Schreibweise beheimatet ist, wo jede Ziffer durch den Platz, „den sie einnimmt, ihren Wert (Positions- oder Stellenwert) erhält“ (Meyers, 1905, Art. „Ziffer“). Im Adelung kommt das Wort nicht vor, im Grimm’schen Wörterbuch wird es in dem von mir genannten Sinn gebraucht (mit einem Beleg von Humboldt).

Das gleiche dumme Zeug ist die Bemerkung zum Sprachgebrauch von „Erinnerungen“, was zur Zeit Hamanns und Kants „Einwände“ bedeutet habe (S. 52). Ein Blick in Adelungs Wörterbuch (aus der Zeit Hamanns und Kants) lehrt Folgendes: „1. Von dem Activo erinnern. 1) Die Handlung des Erinnerns. Ich habe es auf deine Erinnerung gethan. Ingleichen, eine Ermahnung, Erinnerung an die Erfüllung einer Pflicht. Alle Erinnerungen sind bey ihm fruchtlos. Den Erinnerungen eines Freundes Gehör geben. 2) Das Mittel, uns an eine Sache, besonders an die Erfüllung einer Pflicht zu erinnern. Jemanden eine Erinnerung geben. 2. Von dem Neutro erinnern, der Zustand, da man sich einer Sache erinnert; ohne Plural. Etwas in Erinnerung bringen, es erinnern. Daher das Erinnerungsvermögen, oder die Erinnerungskraft, das Vermögen, sich gehabter Vorstellungen bewußt zu seyn.“ Im Deutschen Wörterbuch Hermann Pauls findet man den Hinweis, dass bis zum 18. Jh. das Wort meist „Mahnung, Bitte“ bedeutet hat. Ritters Pointe geht also historisch und auch sachlich völlig ins Leere: „Erinnerungen sind für uns das, wogegen Einwände nicht möglich sind.“ (S. 52) Wer das gut findet, ist es selber schuld.

2. Auf S. 68 findet man eine Bemerkung zu Malraux‘ Begriff „imaginäres Museum“, der angeblich ein (normales,) alle Regionen und Stile umfassendes Museum bezeichnet. Wenn man sich schlau macht (wer hat schon Malraux gelesen oder erinnert sich an das, was er bei Malraux gelesen hat?!), findet als Hintergrund die Diskussion um die Bedeutung der Fotografie: „Malrauxs Museum ist imaginär, weil es nicht an einen Ort gebunden ist: Die fotografische Reproduktion zwingt nicht nur »zu einer Auseinandersetzung mit allen Ausdrucksmöglichkeiten der Welt […]« – wie das Museum, sondern überschreitet jenes noch, weil es auch Kunstwerke enthalten kann, die an (unverrückbare) Architektur gebunden sind – wie zum Beispiel Fresken. Zudem mussten Kunstkenner zuvor herumreisen, um die Werke  zu vergleichen – ein Vergleich zwischen Bild und Erinnerungsbild, der laut Malraux eine »gewisse Zone der Unbestimmtheit« herbeiführte. Demgegenüber stünden heutzutage dem Studierenden eine Fülle farbiger Reproduktionen nach den meisten Hauptwerken zur Verfügung. / Die fotografische Reproduktion (und die damit einhergehende Diaprojektion) erlaubt also, Werke aus verschiedensten Zeiten nebeneinander auf einem Tableau zu präsentieren. (…) So entsteht – sehr vereinfacht gesagt – die Kunstgeschichte als eine »Kunst der Fiktion«, das heißt als ein Archiv intervisueller Relationen.“ (http://www.medienkunstnetz.de/themen/foto_byte/archiv_post_fotografisch/4/ und 5, 10. Januar 2011)

Bei Ritter läuft die Überlegung auf die Pointe hinaus, in der Vorstellung der Totalität der Bilder würde sich die Idee der Menschheit konkret erfüllen. Wie bitte?

3. Darwin erstaunte auf seiner Reise erschrocken über einen Trupp Feuerländer, der ihn an unsere Vorfahren erinnerte; er hat auch die Evolutionstheorie formuliert. Daraus macht Ritter: „Der Darwinismus ist eine Antwort auf das Erschrecken über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.“ (S. 55) Die Theorie der Evolution entfesselte (!) also „eine Manie der Dissoziation und Datierung, die auf eine Bewertung der Lebensansprüche hinauslief“ (S. 55). Dazu fällt mir nichts mehr ein.

Ähnlich großzügig geht er mit einem Brief Norberto Bobbios um, der seinen Ergebenheitsbrief von 1935 an Mussolini als nicht zu entschuldigen bezeichnet: „Was man sich hat zuschulden kommen lassen, ist unauslöschlich, und eines Tages muß man dafür bezahlen.“ (S. 54) Daraus formuliert Ritter die Anklage, dass Bobbio darauf verzichte, einzelne Handlungen zu rechtfertigen – was gerade die Aufrichtigkeit Bobbios in der Sache ausmacht, denke ich; Rechtfertigungen nazistischer Jugendsünden haben wir schon genug gehört. Bobbio vermeidet es, im Hinblick auf das Lebenswerk einzelne Handlungen zu relativieren; Ritter liest daraus, dass jede einzelne Handlung absolut für sich steht (gegen Bobbio: „Handlungen, die sich untrennbar aneinander reihen“). Ich denke, er hat Bobbio nicht sorgfältig genug gelesen.

4. Manches ist derart abstrakt, dass man kaum den Sachgehalt erfasst – oder ihn bestreiten möchte: Maximen „streben auch keine sachliche Richtigkeit an, sondern eine Gültigkeit, die an der Sprache sich ausweist“ (S. 49). „Der knappe Ausdruck vertraut auf die Sprache als absoluten Evidenzgrund …“ Ich lese Maximen immer auch auf sachliche Richtigkeit hin – am sprachlichen Spiel habe ich (nur) Gefallen, es beweist nichts; und einen absoluten Evidenzgrund gibt es nicht, erst recht nicht in der Sprache. Soll ich Herrn Ritter die Lektüre von Hans Alberts Büchern über kritischen Rationalismus empfehlen?

Ach ja, und wir leben „in der Zeit der Verabschiedung der Surrogate Gottes“, meinte Ernest Gellner, nicht mehr in der Zeit, in der es Mode gewesen sei, vom Tod Gottes zu reden (S. 47). Was die Surrogate Gottes sind, weiß ich nicht; ich lebe noch in der Zeit nach dem Tod Gottes. Was das heißt, kann man bei Nietzsche nachlesen (z.B. „Die Fröhliche Wissenschaft“, Nr. 108).

Abstrakt bleibt auch das in der Regel (und eben auch von Ritter) pur zitierte Wort Goethes: „Es gibt wenige Menschen, die sich mit dem Nächstvergangenen zu beschäftigen wissen…“ (S. 25) Goethe hat diesen Spruch in einen Kontext gestellt (Die Wahlverwandtschaften, 2. Teil, Anfang 8. Kap.); dann versteht man auch, was damit gemeint ist.

Und was ist der (dem Faschismus zugerechnete) „Dritte Humanismus“? Ich wusste es nicht; im Internet gibt es kaum Belege dafür, aber immerhin eine Kapitelüberschrift in einer Dissertation, wo der Begriff auftaucht. Daraus eine Überlegung von allgemeiner Gültigkeit zu machen, ist vielleicht etwas leichtfertig.

5. Zum Schluss gebe ich zu, dass einige Überlegungen auch zum Nachdenken reizen. Aber – und das sei heute mein letztes Wort – viele von Ritters Notizen sind Abfallprodukte sehr spezieller Lektüren, die ob ihrer Kargheit den Charakter des arg Speziellen nicht verlieren; den hätten sie aber verlieren sollen, sollten sie tragfähig sein. Ein Bild meiner Generation, etwa von der Art, wie sie das 20. Jh. und den Beginn des 21. erlebt oder in Gedanken bewältigt hat, habe ich nicht gefunden.

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Heute, am 11. Januar, habe ich die Lektüre Ritters fortgesetzt; ich habe mich öfter zu Internetausflügen bei den Stichworten verleiten lassen, bei denen ich anderer Meinung als Ritter oder schlicht unwissend war. Diese Ausflüge waren für mich erhellender als die Lektüre der „Notizhefte“. Ich berichte von einigen Überlegungen und Funden:

1. Zu Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“ schreibt Ritter, inzwischen habe das Bild aufgehört, Abbild zu sein (S. 68). Das halte ich für falsch – der dargestellte Mann interessiert uns als Individuum nicht mehr, jedoch als Typus. Damit hat die Kunst auch nicht „den Bezug zur gegenständlichen Welt verloren“ – „um in ein polemisches Verhältnis zu ihr zu treten“ (S. 68): Was heißt das überhaupt? Ohne einen erklärenden Satz verstehe ich die Äußerung nicht; der erklärende Satz Ritters folgt aber nicht.

2. Josef Popper-Lynkeus kannte ich nicht, von seinem Buch „Phantasien eines Realisten“ hatte ich nie gehört; von ihm und seinem Verhältnis zu Freud (bzw. umgekehrt) spricht Ritter zweimal (S. 71 f., S. 73 f.). Ritter vermutet, Freud habe bei P.-L. gar nicht das Verfahren der Traumdeutung wiedergefunden, sondern die Möglichkeit, eine Welt der Aufrichtigkeit zu schaffen (S. 74), und Freud selbst habe dem von P.-L. geschilderten besonderen Menschen geglichen, für den Wachen wie Träumen dasselbe sind. Beide Aussagen sind falsch. Was Freud an P.-L. gefunden hat (und was es mit dem luziden Menschen auf sich hat), findet man sehr schön auf dieser Seite dargestellt; dass Freud beileibe kein luzider Mensch war, ergibt sich aus diesem Abriss seiner Biografie – der Autorin Ann-Kathrin Scheerer sei Dank, und der Link ist ein Fund (eine Zeitschrift)!

3. Dass den Psychoanalytikern das Organ des Misstrauens fehle, weil sie an Fehlleistungen und Versehen interessiert seien (S. 75), ist eine sinnlos zugespitzte Behauptung: Das Gebiet des Richtigen verschiebt sich ihnen, was Ritter für Freuds Traumdeutung ja auch ausdrücklich feststellt. Ob man dazu aber „Sieg der Philologie“ sagen muss?

„Das Schöne an Freud ist: daß er alles sagt, wenn man es ihn nur sagen läßt.“ (S. 75) Ja, was heißt das? Worauf stützt sich diese Äußerung? Und wenn ich den Namen Freud durch einen anderen ersetze (Goethe – nein, das täte Ritter nicht, also etwa Lessing, Nietzsche, sonstwer)?

4. Ist das Zeitalter der Emanzipationsbewegungen heute erkennbar an sein Ende gelangt, wie Ritter (S. 76) behauptet? Hat Selbstverwirklichung einen anderen Charakter angenommen, als Kompensation für übergeordnete Sinnverluste (S. 76)? War sie das nicht vielleicht schon immer? – Sprachlicher Schnitzer S. 77, Zeile 2: „was“ muss durch „was zu sein“ ersetzt werden.

5. Mythos des Rheintals bei Bingen (S. 77 f.) – dazu kann ich nichts sagen, man findet Bilder unter „Rhein Bingen“. Aber dass man sich vom Mythos nicht entfernt, dass man ihm immer gleich nah bleibt (S. 78), bezweifle ich.

6. Mehrere Äußerungen gibt es zu Boswell – was interessiert mich Boswell? Was Ritter zu dessen freimütigen Tagebuchschreiberei äußert (z.B. S. 79 f.), bedarf einer dicken Einklammerung: Boswells Tagebücher aus dem 18. Jh. sind erst nach 1920 veröffentlicht worden, wie man der englischen Wikipedia entnehmen kann.

7. War die moderne Kunst vom „letzten Bild“ besessen (S. 82), gibt es da auch noch eine Parallele zur Propaganda vom „letzten Krieg“?

8. Jacob Bernays kannte ich nicht, ich gestehe es; es gibt über ihn gute Lexika-Artikel, u.a. im Kirchenlexikon; dass Ritter ihn zu einem Wächter der Aufklärung macht (S. 85), finde ich bei einem derart orthodoxen Juden fragwürdig, der mit seinem Bruder brach, als jener sich zum Christentum bekehrte. Was Bernays schließlich über Gibbon sagte, ist so abseitig, dass es mich nicht interessiert.

9. Der Trieb zum Bewahren sei an das Medium Buch geknüpft und gehe im Zeitalter elektronischer Speicherung verloren (S. 88 f.) – weit gefehlt, Herr Ritter! Ich weiß, was ich selber schon im Netz verloren habe (mein erstes Weblog, einfach futsch) und wie schnell wichtige Links nicht mehr da sind.

10. Die Situationisten (S. 90) – ich gestehe, ich kannte sie nicht. Unter „Situationistische Internationale“, auch unter „situationisten“ findet man mehrere gute Textsammlungen (Links) und Artikel im Netz, auch Bücher von Guy Debord. Ob man im schlichten Verstand sagen kann, ihren Aktionen habe die Überzeugung zugrunde gelegen, „daß die Gesellschaft als ganze zur Unterhaltung würde“ (S. 90), wird man nach der Lektüre einiger Artikel zumindest differenzieren. Errieten sie, „daß die Zukunft der Unterhaltung gehören würde“ (S. 90)? Wenn ja, dann sicher nicht im Sinn dessen, was uns auf RTL, Viva usw. vorgesetzt wird.

11. Die Bemerkung über die Bedeutung des Nachruhms (S. 92) halte ich schlicht für falsch – schon die Griechen wollten in ihrem Namen überleben, wie Herakles am Scheideweg demonstrierte. Und was Ritter zu Voltaire schreibt, zeigt gerade, dass diesem der Nachruhm weniger (!) als eine gute Verdauung bei Lebzeiten wichtig war. Ritters Logik schlägt da einen Purzelbaum.

12. Zu Joseph Brodskys Äußerung „Mein lieber Horaz“ (S. 96), die angeblich auf seiner Annäherung über die Verwendung der Versfüße beruht: „Guten Tag, ich bin das Böse, wie geht es Ihnen?“ (Brodsky) Brodsky tat sich wohl leicht, sich in Figuren einzufühlen.

13. Interessant wird es, wenn man Ritters Spott über Kammerers „Gesetz der Serie“ (S. 99) aufgreift und dazu einen halbwegs ernsten Aufsatz lesen kann. Man stößt auch auf die Karrierebibel mit 20 amüsanten Gesetzen.

Wenn man übrigens den Ursprung von Goethe: „Es gibt wenige Menschen, die sich mit dem Nächstvergangenen zu beschäftigen wissen …“, sucht, stößt man u.a. auf die schöne Sammlung von Zitaten usw. mit dem Namen operone, die ich aber schon kannte. Da kann man leichten Herzens wunderbare Aphorismen abschreiben.

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Heute, am 13. Janaur 2011, habe ich noch einmal 30 Seiten in Ritters Buch gelesen. Es ist oft viel, was ich zu einem der kurzen Abschnitte sagen möchte; das zu tun lohnte aber nur, wenn ich zu einem Zuhörer spräche, der mir antwortete; oder wenn ich zu Herrn Ritter spräche, der sich erklären könnte. Ich begnüge mich deshalb mit einigen Anmerkungen zu einigen Abschnitten, welche übrigens von zwei Zeilen bis zu anderthalb Seiten lang sind.

1. „Wissenschaft kann zwischen Wichtigem und Unwichtigem nicht unterscheiden.“ (S. 101) Erstens würde ich das „nicht“ hinter „kann“ setzen. Zweitens kann die Wissenschaft sowieso nichts, nur Wissenschaftler können etwas. Drittens können diese sehr wohl zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden, sowohl privat wie bei ihrer beruflichen Arbeit – die Frage ist nur, ob sie selber später die alte Unterscheidung immer noch billigen, ob andere deren Unterscheidung billigen. „Mensch, hättest du doch damals lieber …“

Was soll also der Aphorismus Ritters überhaupt, wozu sagt er etwas so scheinbar Tiefsinniges, was doch kaum etwas bedeutet?

2. Auch zum folgenden Abschnitt über Darwins Atheismus wäre viel zu sagen; ich fasse mich kurz und behaupte,

– dass die Erschütterung des Fassaden-Glaubens weniger heftig zu spüren ist als die Erschütterung eines ungebrochenen Glaubens,

– dass nicht zu erweisen ist, dass Darwins Atheismus heftiger als der Nietzsches ist,

– dass Materialisten mitnichten die Ausflucht zulassen, Gott stecke im Detail,

– dass die Natur nicht abstoßend ist und dass selbst abstoßende Erscheinungen nicht verböten, sie in eine religiöse Ordnung einzufügen (zu S. 101 f.).

3. Was Stendhal (+ 1842) für die Zeit „in ein paar Jahrhunderten“ angekündigt hat, kann 2010 noch nicht als widerlegt gelten (zu S. 102).

Usw., solche Einwände erspare ich mir ab sofort.

4. Die Intensität, mit der die Philosophen im 18. Jh. der christlichen Kirche entgegentraten (S. 103), erkläre ich mir nicht aus dem christlichen Charakter des Jahrhunderts, sondern aus dem unchristlichen Gebaren der offiziellen und inoffiziellen Christen.

5. Es sind immer die anderen, die sterben (S.104), murmelt es angeblich in jedem, der vor einem Grab steht. In mir murmelt es nicht so, ich setze mich immer zum Alter und zum Geburtsjahrgang von Verstorbenen in Beziehung und bedauere manchmal die, die weniger Lebenszeit als ich hatten. Ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist.

6. Lässt uns die Wichtigkeit von Gegenständen (Hausschlüssel) diese verlegen? Kaum, wir brauchen sie oft und verlegen sie daher manchmal. Lässt uns die Wichtigkeit von Themen diese nachlässig behandeln? Kaum, ich verstehe weder diese Behauptung noch die Analogie zu den wichtigen Gegenständen (zu S. 105).

7. „Am Anfang jeder Kultur steht die Unterscheidung und an ihrem Ende die Unfähigkeit dazu.“ (S 106) Wieder einer dieser unverständlichen Sätze: Wie kann man den Anfang einer Kultur bestimmen? Unterscheidung zwischen wem und wem? Wieso machen solche Unterscheidungen Anfang und Ende aus? Es blubbert aus Ritter heraus.

8. Über das Verhältnis von Opfern und Tätern zu Vergessen und Erinnerung (S. 108 f.): Nicht die Täter sprechen sich gegen das Vergessen der NS-Untaten aus (im Gegenteil), sondern die Nachkommen der Täter; da nützt es auch nichts, diesen Schnitzer mit der Formel „Täter im weiteren Sinne“ zu kaschieren. – Identifikation der Deutschen mit den Opfern? Ich identifiziere mich nicht mit ihnen; ich lese und schaue betroffen. Es gibt zudem eine Faszination des Grauens, des grauenhaften Geschehens. Und am Ende hat Ritter alles vergessen, was er im ersten Absatz über das jüdische Gedächtnis für die eigenen Verfehlungen gesagt hat.

9. Gut ist die Einsicht in den unsinnlichen Charakter der modernen Kunst, die unter der Herrschaft abstrakter Gedanken und Kommentare steht (zu S. 110).

10. Die Bewegungsfreiheit zehre sich heute selber auf (S. 111). Vergleiche dazu meinen 1. Kommentar heute.

11. Der Kreuzestod Jesu sei ohne Zuschauer geblieben, „die für Furcht und Mitleid empfänglich waren“ (S. 112), sagt Ritter im Anschluss an Blumenberg. Erstens ist das nach Lukas 23,27 fragwürdig. Zweitens ist die Erwartung absurd, wenn man ein bisschen von einem Evangelium versteht und es nicht mit einer STERN-Reportage oder einem Drama verwechselt, das im Theater aufgeführt wird: Der Hauptmann, der Jesus „auf diese Weise“ (lies dazu Mk 15,33-38: Finsternis im ganzen Land, Vorhang des Tempels riss entzwei usw.) sterben sah, sagte: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Markus 15,39) Wie kann es angesichts eines solchen (Glaubens)Zeugnisses Mitleid mit dem „armen“ Jesus geben, wo doch im nächsten Kapitel der Engel verkündet: „Er ist auferstanden, er ist nicht hier. (…) Er geht euch voraus nach Galilä, wie er es euch gesagt hat.“ (Mk 16,6 f.)? Auf dieses letzte Kapitel hin ist das Evangelium angelegt, auf Glaube und Bekenntnis der Leser, nicht auf Furcht und Mitleid der Zuschauer.

Und dann die Folgerung: „Das Christentum verhärtete sich gegen alles von Gott zugeteilte Leiden.“ (S. 112) Nein, man beugte sich vor der undurchschaubaren Vorsehung: „O, mein Christ, lass Gott nur walten …“

Und zu der seltsamen Theorie, Paulus habe als erster Mitleid für die vom Heilsplan Ausgeschlossenen, zitiere ich dessen Römerbrief 11,32: „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen.“ Im Kontext (Röm 11,25 ff.) kann man lesen, dass Israel und die Heiden in Vollzahl das Heil erlangen werden. Aber in den Römerbrief brauchte Herr Ritter nicht zu schauen, er hat ja Blumenberg gelesen, das musste genügen.

12. Die Aufklärung als letzte imitatio Christi (S. 116)? Welch abseitiger Gedanke: Kant, der imitatio Christi verpflichtet. – Der Schlusssatz des Abschnitts ist in seiner Logik wieder unnachahmlich.

13. „Auf der Welt ist alles natürlich, ausgenommen die Welt selber.“ (Jean Paul, zitiert S. 116) Falsch, lieber Jean Paul, lieber Henning Ritter: „die Welt selber“ ist nicht auf der Welt! Auf der Welt sind alle einzelnen Dinge, „die Welt“ ist ein Grenzbegriff, der nichts bezeichnet. Es gibt „die Welt“ nicht. Wie man von der Welt sprechen darf, muss sprachanalytisch sehr sorgfältig erwogen werden. Man kann zwar fragen, was vor dem Beginn der Zeit war oder hinter dem Ende der Welt liegt – aber die Fragen sind unsinnig.

Was hat Gott getan, ehe er die Welt schuf? Er ist bekanntlich in den Wald gegangen und hat Stöcke geschnitten – für Leute, die dumme Fragen stellen.

14. Was Ritter mit Bezug auf Jean Pauls Wolkenbeobachtungen und -gedanken über die Identität der Menschen sagt („eine Relation“, S. 118), hätte er bei Peter L. Berger ganz unmetaphorisch und ausführlich nachlesen können. Ich empfehle ihm: Berger, Einladung zu Soziologie.

15. Gut ist das, was Ritter zur sogenannten Political Correctness schreibt (S. 119), mit das Beste, was ich von ihm gelesen habe: dass hier die Freiheit zugunsten der Gleichheit abgeschafft wird, dass die Freiheit der Rede mit Verboten und machtbezogenen Regelungen durchsetzt wird. Und das Opfer der Freiheit hilft der Gleichheit nicht einmal auf, sondern bezeugt nur die Macht der Sprachwächter. Liebe Steuerhinterzieherinnen und Steuerhinterzieher, verehrte Sexualstraftäterinnen und Sexualstraftäter …

16. Die eigentliche Tragik ist nicht die der nicht erkannten Begabung, sondern die der zu spät erkannten Begabung (gegen S. 125).

17. Seltsame Erklärung des französischen Brauchs, Brot mitzubringen, wenn man eingeladen war: als wenn man in der Revolution die Bäcker so gut wie ausgerottet hätte (S. 126). Wozu hätte man die Bäcker und nicht die Maurer ausrotten sollen? Was Brot den Menschen bedeutet (hat), kann man in zahllosen Sprichwörtern nachlesen, z.B. unter www.aphorismus.de.

18. Interpretation des Goethewortes „Es gibt eine Art von milder und friedlicher Anarchie …“ (S. 127): Goethe spricht ausdrücklich von der „Entwicklung seiner individuellen Sehweise“; das ist etwas ganz anderes als vollständige Entwicklung aller eigenen Fähigkeiten, Herr Ritter. Bitte sorgfältiger lesen!

19. Wenn Freud dazu anleitet, die Sexualität überall zu suchen, ist das viel klüger als Renards Rat, das Lächerliche überall zu suchen (gegen S. 127). Denn was lächerlich ist, ist durchaus unklar; „lächerlich“ ist an eine Perspektive gebunden. Was jedoch Sexualität ist, ist weit weniger unklar, und sie überall zu suchen, verlangt bzw. ermöglicht eine Schärfung des Blicks!

20. „Eine Stimme sagt: Kümmere dich nicht um das, was andere gesagt haben, sag, was du selbst sagen willst.“ (S. 130) Mich würde zwar interessieren, wessen Stimme das gesagt hat. Aber ich lasse es mir nicht zweimal sagen, Herr Ritter. Ich klappe jetzt Ihr Buch definitiv zu. Vielleicht sollten Sie sich ebenfalls weniger um das, was andere gesagt haben, kümmern?

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