Stefan Zweig: Die Welt von gestern – Vorstellung des Buchs (Besprechung)

Ende 2010, als ich an einem Lehrerheft über „Frühlingserwachen“ arbeitete, bin ich wieder auf Stefan Zweigs ‚Erinnerungen eines Europäers‘ gestoßen: In jedem vorliegenden Lehrerheft, in jeder Lektürehilfe zu Wedekinds Stück stehen Auszüge aus „Die Welt von gestern“, wenn es darum geht, die Leiden der Schüler und der pubertierenden Jugendlichen Ende des 19. Jahrhunderts zu dokumentieren. So habe ich mir ein schönes Exemplar gekauft, die Ausgabe in der „Bibliothek des 20. Jahrhunderts“ (Stuttgart o.J. – die Rechte liegen beim S. Fischer Verlag).

Zweig hat seine Erinnerungen 1941 geschrieben, im Exil in Südamerika, ohne alle Hilfsmittel und Möglichkeiten, Erlebtes zu dokumentieren. „Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Landkarte: sie ist weggewaschen ohne Spur.“ (S. 10) So kann er nur aus seiner Erinnerung „Die Welt von gestern“ beschreiben.

„Die Welt der Sicherheit“ ist das 1. Kapitel überschrieben: Wien und das Judentum, Österreich im 19. Jahrhundert. In der Ständegesellschaft gehörte Familie Zweig zu den Bessergestellten, Herr Zweig besaß eine Textilfabrik. Man lebte ruhig und genoss das Leben.

„Die Schule im vorigen Jahrhundert“ (S. 47 ff.), das war ein geist- und seelenloser Betrieb, in dem Stefan Zweig nur gelitten hat. Gegen diese dunkle Folie setzt er die  Begeisterung der Gymnasiasten für alles Künstlerische und beschreibt, wie man in Wien den Epochenumbruch um 1895 erlebte: Hofmannsthal als früh Vollendeter, Rilke als aufsteigender Stern. Dem künstlerischer Aufbruch entsprach ein politischer Umbruch (S. 81 ff.), in dem die Arbeiter sich organisierten und ihre Rechte einforderten, in dem bei den Deutschnationalen sich schon der spätere politische Rechtsruck andeutete. [Über das Gymnasium um 1905 berichtet auch Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert, Diogenes 1975, S. 18 ff., mit Zustimmung zu Wedekinds Darstellung!]

„Eros Matutinus“ (S. 89 ff.) gilt der verlogenen Sexualmoral des 19. Jahrhunderts und den Leiden jungen Menschen an Verboten und Unaufrichtigkeit – auch aus diesem Kapitel wird gern zitiert, jedoch verschweigt Zweig jede persönliche Erinnerung. Er deutet an, dass kaum mit ungetrübter Freude sich an Episoden erinnert, „wer von jener Generation sich redlich seiner allerersten Begegnungen mit Frauen erinnern will“ (S. 112 – aber muss er sich mit ungetrübter Freude erinnern?). Das Ich kommt andeutungsweise über Erinnerungen an Kameraden zur Sprache (S. 113), von denen fast jeder Probleme mit der Syphilis, mit einem unehelichen Kind oder einer Alimentenforderung und dergleichen hatte. Er preist demgegenüber die Freiheit der „heutigen“ Jugend (also der Jugend nach dem 1. Weltkrieg) – doch war die verlogene sexuelle Verklemmung im katholischen Rheinland auch nach dem 2. Weltkrieg noch nicht verschwunden, wie ich aus meiner Erfahrung weiß, um das hier korrigierend anzumerken, und am FMG sprach sie noch in den 80er Jahren aus manchen Elternvertretern (vor allem Herr F., aber auch Frau Sch. und andere), die dann den Schulleiter E. instrumentalisierten (bzw. umgekehrt). Zweig bleibt also im 3. Kapitel ganz allgemein, malt das Bild mit einem sehr breiten Pinsel.

Wirklich persönlich und lebendig wird er im 4. Kapitel „Universitas vitae“ (S. 117 ff.); er berichtet von seinen ersten Veröffentlichungen, von Theodor Herzl und dem Feuilleton der Neuen Freien Presse, von seinem verbummelten Studium, von seinem Semester in Berlin als der Zeit der großen Freiheit (Peter Hille, Rudolf Steiner), von einer Reise nach Belgien und der Begegnung mit Emil Verhaeren. Zweimal erklärt er, wie heilsam es für einen jungen Schriftsteller ist, fremde Schriftsteller ins Deutsche zu übersetzen (S. 147, S. 152). Am Ende machte er Examen bei einem verständnisvollen Professor, der Zweigs literarische Begabung kannte und wohlwollend berücksichtigte.

„Paris, die Stadt der ewigen Jugend“ (S. 155) ist die nächste Kapitelüberschrift. Paris ist die Stadt, die ihn verzaubert hat und von der er beklagt, dass sie unter deutscher Herrschaft ihre alte Lebendigkeit verloren habe. In ihr habe es das deutsche Standesbewusstsein nicht gegeben, alle Menschen seien frei gewesen. Zweig berichtet von Freundschaften mit Léon Bezalgette, Rilke, von einer Begegnung mit Rodin, knüpft daran Betrachtungen über die Künstler und die wahren Dichter. Als das Geheimnis aller großen Kunst nennt er die totale Konzentration (S. 180), das Außer-sich-Sein, das er bei Rodin erlebt hat. Eine Episode vom Diebstahl seines Koffers flicht er ein (S. 180 ff.). Abschließend berichtet er kurz von einem Aufenthalt in London, wo er nicht warm geworden ist.

„Umwege auf dem Wege zu mir selbst“ (S. 193 ff.) heißt das 6. Kapitel. Zweig berichtet, dass er in Wien eine kleine Wohnung gefunden hatte, aber insgesamt noch in der Phase des Probierens war, auch im Hinblick auf die Frauen. Sein Hobby war es, Manuskripte und Autografen zu sammeln. „Die Insel“ wurde sein Verlag (S. 199 ff.). Zwei kleine Dramen wurden nicht aufgeführt, weil der berühmte Hauptdarsteller (A. Matkowsky, Josef Kainz) jeweils starb. Auf Moissis Bitte übersetzte er für diesen ein Stück Pirandellos, aber auch Moissi erkrankte und starb – so blieb Zweig zurück, was seine Bekanntheit angeht; aber „wie kraus und sinnlos unser Weg von unseren Wünschen abzuweichen scheint, immer führt er uns doch schließlich zu unserem unsichtbaren Ziel.“ (S. 211)

** Machen wir eine Pause und schauen, was das Netz zum Werk zu bieten hat (16. Januar 2011):

http://www.tierradenadie.de/archivo8/zweig/sz_texte_1.htm (Auszüge)

http://www.xlibris.de/Autoren/Zweig/Werke/Die%20Welt%20von%20Gestern (Rezension: „Hier wird eine konstruierte Realität vermittelt.“)

http://forum.die-leselust.de/viewtopic.php?f=7&t=1244 (eine gemeinsame Lektüre)

http://www.zeit.de/1946/05/die-welt-von-gestern (Rezension 1946)

http://www.fischerverlage.de/sixcms/media.php/308/vortragknutbeck.pdf (Vortrag)

http://www.tierradenadie.de/archivo8/zweig/sz_aleman.htm (Würdigung des Mannes)

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ2/verboten/aus/zweig_1919.html (Biografie)

http://www.spiegel.de/lexikon/57216390.html (Biografie)

http://www.bildungsserver.de/elixier/elixier.html?k=1.+WELTKRIEG& (Auszüge als AB)

„Über Europa hinaus“ (S. 212 ff.) blickte Zweig auf einen Rat Walther Rathenaus, den er als einen unglaublich klugen, aber innerlich unsicheren Mann kennen lernte (S. 213 ff.); denn erst aus der Ferne könne man Europa begreifen. Zweig machte sich nach Indien auf (S. 217 ff.) und begegnete auf dem Schiff Karl Haushofer, einem Militärattaché (S. 219 ff.), der später zum Mentor für Hitlers Schlagwort vom „Lebensraum“ wurde. In Amerika (S. 222 ff.) spielte Zweig aus Langeweile und Einsamkeit einen Einwanderer, der in zwei Tagen fünf Stellen fand, an denen er sofort zu arbeiten hätte anfangen können. Er fand ein Buch von sich in einem Laden (S. 225) und erlebte, wie der Panamakanal kurz vor seiner Vollendung stand.

Von der Vorkriegszeit (etwa ab 1910) erzählt Zweig in dem Kapitel „Glanz und Schatten über Europa“ (S. 227 ff.). Pauschal berichtet er von der Unbefangenheit jener Zeit, vom europäischen Gemeinschaftsgefühl, auch vom Begehren der einzelnen Länder nach mehr Macht. Konkret erzählt er von der Freundschaft mit Romain Rolland (S. 236 ff.), den er 1913 kennen lernte. Zweig habe vor 1914 nicht an den Krieg geglaubt, sagt er; aber an zwei Episoden sei ihm dessen Möglichkeit sozusagen traumhaft klar geworden, in der Affäre Redl (Chef der österreichischen Abwehr als russischer Agent enttarnt, S. 241 ff.) und in einem Erlebnis im Kino von Tours, wo das Auftreten des deutschen Kaisers in einer Wochenschau vom Publikum mit Pfiffen bedacht wurde (S. 246 ff.). Dann fielen am 28. Juni 1914 die Schüsse in Sarajewo.

„Die ersten Stunden des Krieges von 1914“ (S. 251 ff.) ist das nächste Kapitel, in dem Zweig berichtet, dass nach dem Attentat zunächst niemand an Krieg dachte. Erst eine Woche nach dem Begräbnis des Thronfolgers, der unbeliebt war und um den niemand wirklich trauerte, begann eine Pressekampagne (S. 255 f.). Zweig fuhr noch nach Le Coq, ein belgisches Bad, und reiste nach der Mobilmachung zurück. Die Deutschen marschierten gegen alle Verträge in Belgien ein, der Krieg war da (S. 260 f.). Zweig reflektiert dann, warum es 1939 nicht die gleiche Kriegsbegeisterung wie 1914 gab (S. 262 ff.), und erzählt, wie er sich im Kriegsarchiv anstellen ließ (S. 267). Er beklagt pauschal das Versagen der Intellektuellen (S. 268 f.) und berichtet von Ernst Lissauer und seinem „Haßgesang gegen England“ (S. 270 ff.); schließlich erklärt er die Funktion und Wirkung der Kriegspropaganda (S. 272 ff.).

Über Versuche, Brücken der Verständigung zu schlagen, berichtet Zweig im Kapitel „Der Kampf um die geistige Brüderschaft“ (S. 277 ff.). Er konnte im „Berliner Tageblatt“ einen Aufsatz „An die Freunde im Fremdland“ veröffentlichen, worauf ihm R. Rolland antwortete; der war in der Schweiz beim Roten Kreuz damit beschäftigt, Post von Kriegsgefangenen zuzustellen. Rollands Plan einer internationalen Konferenz friedliebender Intellektueller scheiterte (S. 282 f.). 1915 bekam Zweig den Auftrag, die russischen Proklamationen im besetzten Gebiet fürs Archiv zu sammeln, und kam so in die Nähe der Front bzw. in Lazarettzüge – die Propaganda wurde durch solche Erfahrung bitter widerlegt. Zweig sah, dass er mit seinem Widerstand gegen den Krieg allein stand, und begann an einem Drama „Jeremias“ zu arbeiten: profetisch, jüdisch, pazifistisch. Das NEIN zum Krieg war „das ‚Ja‘ zu mir selbst“ (S. 295). „Jeremias“ erschien 1917 als Buch.

Das nächste Kapitel ist „Im Herzen Europas“ (S. 296 ff.): „Jeremias“ wurde verlegerisch und sachlich ein Erfolg, aus Zürich kam die Frage nach einer Aufführung. Auf der Fahrt in die Schweiz, das erwähnte Herz Europas, erlebte Zweig sofort hinter der Grenze, was der Frieden ist; in Salzburg hatte er von Plänen, einen Verständigungsfrieden ohne Deutschland abzuschließen, gehört (S. 300 ff.). Er traf R. Rolland, das moralische Gewissen Europas, und freundete sich in Genf mit Mitarbeitern der Zeitungen „La Feuille“ und „Demain“ an, traf Franz Masereel (S. 310 ff.) und Henri Guilbeaux, der in Russland scheiterte. In Zürich lernte er James Joyce kennen. Die Aufführung des „Jeremias“ wurde ein Erfolg. Den vielen Spitzeln wich er nach Rüschlikon aus; dann kam der Friede – und der Traum von einer besseren, humaneren Welt.

In einer Biografie Zweigs heißt es: „Er zieht mit Friderike von Winternitz in das bereits 1916 erworbene Haus am Kapuzinerberg in Salzburg, sein »Haus am Hügel«, das zwanzig Jahre lang Zentrum seines Lebens und Arbeitens sein sollte, von dem aus freilich auch der Blick hinüber auf den Salzberg bei Berchtesgaden fiel, »wo ein damals völlig unbekannter Mann namens Adolf Hitler mir bald gegenüber wohnen sollte«.“ Von dieser Friderike sagt er im nächsten Kapitel seiner Erinnerungen, „Heimkehr nach Österreich“ (S. 326 ff.), kein Wort, nur zweimal sind „wir“ erwähnt (S. 334). Ganz allgemein beschreibt er die Rückfahrt, auf der er allerdings erlebte, wie der letzte Kaiser das Land verließ, und vor allem die Not nach dem Krieg (das alles weiß man aus Berichten längst). Konkret ist der Plan des Henri Barbusse, Autor von „Le Feu„, eine internationale Künstlervereinigung namens Clarté zu gründen; aber Barbusse sei ins Kommunistische abgedriftet. Von seinen Arbeiten erwähnt er „Amok“ und „Brief einer Unbekannten„. „Die Mitte des Lebens war erreicht, das Alter der bloßen Versprechungen vorüber; jetzt galt es, das Verheißene zu bekräftigen und sich selbst zu bewähren oder sich endgültig aufzugeben.“ (S. 351) Nach diesem programmatischen Schluss ist für das nächste Kapitel einiges zu erwarten.

Im Kapitel „Wieder in der Welt“ (S. 352 ff.) erzählt Zweig zunächst von einer Italienreise, der Begegnung mit alten Freunden, aber auch dem Aufmarsch einer faschistischen Truppe. Auf einer Reise an die Nordsee traf er noch einmal Rathenau, kurz vor dessen Ermordung. Er schildert die Inflation und die gekonnte Bereicherung des Herrn Stinnes (S. 360 f., sehr pauschal!) und erklärt, wie die in der Demokratie gewährte Freiheit den Deutschen nicht bekommen konnte (S. 362 f.). Danach berichtet er von seinen literarischen Erfolgen: „Drei Meister“ in der Reihe „Baumeister der Welt“; Sternstunden der Menschheit, vgl. auch http://www.literaturschock.de/buecher/3596205956.htm; Bearbeitung des Volpone. Zweig erklärt sich seinen Erfolg aus seiner Abneigung „gegen alles Weitschweifige und Langwierige“ (S. 369 – na, ja); seine eigentliche Arbeit sei die „des Kondensierens und Komponierens“, nicht des Schreibens (S. 369 – mir wären manchmal Einzelheiten lieber). Er berichtet von dem Übermaß an Übersetzungen seiner Werke in andere Sprachen und davon, wie er mit seinem Erfolg umgegangen ist.

Sonnenuntergang„, die nächste Kapitelüberschrift (S. 376), ist metaphorisch aufgeladen. Zweig erzählt, dass er auf seinen Reise für die geistige Einigung Europas warb. 1928 machte er eine größere Reise nach Russland, aus Anlass von Tolstois 100. Geburtstag (S. 378 ff.), wo er auch „jene geheimnisvolle russische Entzündung der Seele“ (S. 382 f. – was mag das sein?) erlebte. Ein ihm anonym zugesteckter Brief belehrte ihn darüber, dass alle seine Aktivitäten überwacht würden. Freundschaft mit Gorkij (S. 390 ff.). In Neapel besuchte er Benedetto Croce. Mussolini erfüllte ihm bald darauf halbwegs die Bitte, einen zu Unrecht verurteilten Arzt zu begnadigen (S. 395 ff.). Salzburg war inzwischen Festspielstadt geworden (S. 397 ff.). Zweig berichtet breit von seiner Autographen- und Manuskriptsammlung (S. 400 ff., vgl. S. 194 ff.) und erwähnt zum Schluss, dass er mit anderen noch eine Kunst zu lernen hatte, „die des Abschiednehmens von allem, was einstens unser Stolz und unsere Liebe gewesen“ (S. 407), ein kontrastierender Vorgriff auf sein Heute. Aus Anlass seines 50. Geburtstages 1931 (S. 407 ff.) bemerkte er, dass er auf dem Gipfel stand und dass ihn doch „ein geheimnisvolles Unbehagen“ (S. 409) erfasste, sozusagen der Wunsch, es möchte etwas geschehen – was bald darauf dann auch über ihn hereinbrach (S. 410). – An solchen Stellen denke ich, dass Zweig sich nicht wirklich an dieses Unbehagen oder den Wunsch erinnert, sondern dass von ihm aus dem „heutigen“ Wissen der Übergang zum nächsten Kapitel, zum kommenden Geschehen geschaffen wird; das ist Literatur, kunstvolle Kontrastierung.

Und dann „Incipit Hitler“ (S. 411 ff. – für Nichtlateiner: Hitler fängt an; es geht mit Hitler los). Zweig berichtet von den ersten Auftritten der Sturmtruppen, von der Machtergreifung, vom Verbot des Films „Brennendes Geheimnis“ und seiner gleichnamigen Novelle, auf der der Film beruhte, nach dem Reichtstagsbrand. Die nächste Episode ist seine Zusammenarbeit mit Richard Strauss (S. 422 ff.) ab ca. 1930, die zur Oper „Die schweigsame Frau“ führte (1933), welche 1934 trotz des Namens Werfel von Hitler persönlich genehmigt wurde. Nach der zweiten Aufführung wurde sie abgesetzt. Darauf berichtet Zweig vom Ausgreifen der Nazis nach Österreich (S. 433 ff.), von einer Fahrt nach England (S. 435 ff.), von der Annäherung an die Schutzmacht Italien und dem Aufstand im Februar 1934 (S. 438 ff.), von einer pro-forma-Hausdurchsuchung (S. 443 f.) und der Abreise zwei Tage später nach London.

„Die Agonie des Friedens“ (S. 447 ff.) ist das letzte Kapitel des Buchs. Zweig mietete in London eine Etagenwohnung (flat) und hielt sich politisch zurück. Auf einer Reise erlebte er in Vigo die Bewaffnung junger Spanier; er war in ständiger Sorge um den Bestand Österreichs. Er reiste noch einmal nach Wien, ohne Verständnis für seine Ängste zu finden. Kurz nach der Annexion Österreichs verstarb seine Mutter. In London bekam er einen Staatenlosenpass (S. 467 f.). Daran anknüpfend beklagt Zweig den Verlust der persönlichen Reisefreiheit, die es vor 1914 gegeben hatte (S. 469 ff.). Er berichtet vom Münchener Abkommen 1938 (S. 473 ff.) und charakterisiert Freud anlässlich dessen Emigration (S. 480 ff.). Zweig zog nach Bath, um sich dort in die Arbeit zu stürzen. Sein Antrag auf Eheschließung, am 1. September 1939 gestellt, wurde wegen des Kriegsbeginns aufgeschoben. Damit endet das Buch,

bzw. es endet mit einem Metaphernspiel: „Wie ich heimschritt, bemerkte ich mit einemmal vor mir meinen eigenen Schatten, so wie ich den Schatten des anderen Krieges hinter dem jetzigen sah. Er ist durch all diese Zeit nicht mehr von mir gewichen, dieser Schatten, er überhing jeden meiner Gedanken bei Tag und bei Nacht; vielleicht liegt sein dunkler Umriß auch auf manchen Blättern dieses Buches. Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.“ (S. 499) Vielleicht verdankt Zweig seine Erfolge als Schriftsteller solchen Passagen, die in ihrer Metaphorik nicht viel besagen, aber doch Menschen zu trösten vermögen – ihn selber haben sie nicht getröstet, er hat sich am 22. Februar 1942 mit seiner Frau das Leben genommen. Oder folgende Stelle: „Aber vielleicht ist es gerade des Judentums letzter Sinn, durch seine rätselhaft überdauernde Existenz Hiobs ewige Frage an Gott immer wieder zu wiederholen, damit sie nicht völlig vergessen werde auf Erden.“ (S. 490) Was soll man zu solchem Tiefsinn sagen? Erinnerungen an Episoden des eigenen Lebens Stefan Zweigs wären mir lieber gewesen; das gilt auch für die vielen Kontrastierungen und das Malen mit dem dicken Pinsel, wie man es im 2. und 3. Kapitel findet. Immerhin kann ich diese Darstellungen jetzt besser einschätzen, als wenn ich sie nur auszugsweise in Lektürehilfen zu „Frühlings Erwachen“ gelesen hätte.

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