H. A. Korff über das Drama des „Sturm und Drang“ und Goethes „Faust“

Hermann August Korff hat mit dem vierbändigen Werk „Geist der Goethezeit. Versuch einer ideellen Entwicklung der klassisch-romantischen Literaturgeschichte“ ein hinreißendes Buch geschrieben, das man nur noch antiquarisch bei ebay oder booklooker usw. erwerben kann. Den 1. Band (Sturm und Drang) hat die University of Toronto Library ins Netz gestellt ( http://www.archive.org/stream/geistdergoetheze01korfuoft/geistdergoetheze01korfuoft_djvu.txt); unter http://www.archive.org/stream/geistdergoetheze01korfuoft/geistdergoetheze02korfuoft_djvu.txt kann man im Text blättern (mit ie, firefox und safari, nicht mit opera!). Man kann den 1. Band auch als Datei herunterladen, siehe http://www.archive.org/details/geistdergoetheze01korfuoft, vgl. auch http://openlibrary.org/books/OL17993647M/Geist_der_Goethezeit.

Ich stelle zunächst die Grundidee des Buches vor, wie sie im ersten Kapitel der Einleitung skizziert wird: Geist der Goethezeit (Kap. I des Buchs, erster Teil der „Einleitung“)

1. Der Humanitätstraum des gebildeten deutschen Bürgertums

Dieser Humanitätstraum der gebildeten Bürger ist das Gegenbild ihres in der Arbeitsteilung verkümmerten Bürgerseins, eine Flucht in die Dichtung; der Weg zur Humanität geht über die ästhetische Erziehung der Bürger. Das führt zu einer Spannung in den bürgerlichen Dichtern selbst, in ihrer bürgerlichen Existenz: Sie leiden an ihrer Entfremdung von der Gesellschaft. Das kann zum Weltschmerz führen (Wertherkrankheit), aber auch zu einer Anklage der bürgerlichen Gesellschaft; deshalb haben sich die Dichter deshalb gern als Freunde oder in Dichterzirkeln zusammengeschlossen.

Das Urerlebnis der Goethezeit (1770 – 1830) und ihrer Dichter ist die Spannung zwischen dem Idealismus ihres Geistes und dem Realismus ihres bürgerlichen Grundes. Diese Spannung kann sich ausformen als scharfe Anklage (Lenz), als humorvoll-idealistische Rettung der Kleinbürger (Jean Paul), im Entwurf von Gegenbildern (Idyllen – romantische Ideale verlagern diese in die Vergangenheit) oder in der Idee, den humanen Menschen zu vergesellschaften (Wilhelm Meister, Faust).

2. Die philosophische Umbildung der Religion

Diese Umbildung ist der zentrale Vorgang der Goethezeit. Nachdem die „Aufklärung“ zu einer Abkehr von den Kirchen (unter Anerkennung eines Gottes: Deismus) geführt hatte, wurde nun der christliche Dualismus (Himmel-Hölle, Gott-Mensch) selbst überwunden und der Welt eine göttliche Tiefe verliehen. Das heißt dann Pantheismus: Gott ist die Seele der Welt. Die Welt ist ein werdender Gott, die Auseinandersetzung Gottes mit sich selbst. Als Weltgeist umfasst das Göttliche alle Gegensätze in sich.

Dem entspricht eine neue Weltfrömmigkeit als Gefühl. Das ist Naturvertrauen, Naturgefühl; rein äußerlich kann es im christlichen Gewand einherkommen („Vorspiel im Himmel“), aber auch andere Religionen können dieses Gewand liefern. Toleranz ist der neuen Religion wesentlich.

3. Die Religion der Kunst

Kunst dient dazu, sich ehrfürchtig in die Welt versenken zu können, und ist damit die neue Religion. Kunst ist für die Ausbildung der Humanität notwendig; erst in der ästhetischen Erziehung vollendet sich die Humanität. Kunst erlöst uns (Schiller: Das Ideal und das Leben), sie versöhnt uns mit der Wirklichkeit. Klassisch ist Kunst dann, wenn sie aus der Not erlöst und mit dem Leben versöhnt.

Richtige Dichtung ist das Werk eines wahren Dichters. Der Dichter ist nämlich der wahre Mensch, also der, dem nichts Menschliches fremd ist – der alles erleben könnte, nicht alles erlebt haben muss (Erlebnisdichtung). Er ist Genie; seine Intuition kann er sprachlich verwirklichen. Diese Intuition kommt „von oben“, meistens spricht man von der Muse. Aber diese Muse muss als Göttin der Wahrheit verstanden werden; so ist der Dichter dem Philosophen verwandt, er ist ein Weiser.

*** Im zweiten Kapitel wird die Entwicklung der Goethezeit skizziert, ehe es im 1. Teil mit dem „Sturm und Drang“ losgeht.

Ich möchte in einigen Zitaten noch ein paar zentrale Einsichten des Buches vorstellen, um den Geschmack an der Lektüre (und evtl. am Kauf) des Buchs zu wecken: jeweils den Anfang der Ausführungen über das Drama des Sturm und Drang, über Gretchen (Faust I) und Faust selbst. Ich nenne die Seiten (des ersten Links), auf denen man den betreffenden Textanfang finden kann:

„Wir rücken nun sogleich in das Zentrum des irrationalen Dramas, wenn wir als sein eigentliches Charakteristikum die Unberechenbarkeit seiner Menschentypen und demgemäß als etwas eigentümlich Neues den ,schwachen Charakter’ erkennen, wie ihn gewisse ,Helden’ der Goetheschen Jugenddramen, Weislingen, Clavigo, Fernando usw., verkörpert zeigen…“ (S. 190)

„Auch in dieser Hinsicht [Liebe – Ehe, N.T.] ist die Sturm-und-Drang-Periode also nur die Vollendung der Aufklärung. (…) — Die klassischen Gestalten in einer dieser Hinsichten sind K l ä r c h e n und Gretchen, die Mädchen einfacher Gesellschafts- und ebensolcher Bildungskreise, die auch ohne die Formalität der Eheschließung dem Manne ihrer Wahl als etwas ganz Natürliches ihre höchste Liebesgunst gewähren: nicht im Zusammenhang mit irgendeiner bewußten Auflehnung gegen die Idee des Standesunterschiedes, dessen gesellschaftliches Recht nicht weiter in Frage gestellt wird, sondern als ein Naturrecht wahrer Liebeszusammengehörigkeit, das — und darin liegt das Entscheidende — über aller Sitte steht. Hier wird nicht wie in ,Kabale und Liebe’ der Versuch gemacht, für das Naturrecht der Liebe auch die gesellschaftliche Legitimation zu ertrotzen, hier ist die Liebe vielmehr jener Sphäre völlig entrückt, wo sie noch der gesellschaftlichen Legitimation bedarf.“ (S. 244)

„Obgleich wir somit zwischen den Faustdichtungen Müllers, Lessings und Goethes bedeutsame Zusammenhänge und daraus weiterhin erkennen, wie sehr Goethes Faustdichtung vom Geiste ihrer Zeit getragen wurde, hat nun doch schon der Urfaust Goethes jene ganz geniale, unterscheidende Wendung, durch die er seine Vorgänger weit hinter sich läßt. Was unter anderem darin charakteristisch zum Ausdruck kommt, daß alle Faustdichtungen vor Goethe mit einem Vorspiel in der Hölle beginnen, der spätere Goethesche Faust aber mit einem Prolog im Himmel, das offenbart sich innerlich in der entscheidenden Tatsache, daß jeder vorgoethesche Faust den Teufel, der Goethesche Faust aber an Stelle des Teufels den Erdgeist beschwört, nicht den Luzifer des alten Gottes, sondern den neuen Gott. Und erst der neue Gott, dessen unendliches Wesen der endliche Faust nicht zu erfassen und zu ertragen vermag, gesellt ihm, dem über das Irdische Hinausstrebenden, den zur Erde Hinabziehenden, von der christlichen Weltanschauung der ,Böse’ genannten Mephisto bei, in Wahrheit den Diener des Erdgeistes, dessen Führung sich der nach universaler Welt- und Gotteserfahrung dürstende Faust anvertrauen muß, wenn der Erdgeist seinem menschlich eingeschränkten Auffassungsvermögen zum wirklichen Erlebnis werden soll.“ (S. 293 f.)

Der 1. Band enthält natürlich viel, viel mehr; ich wollte hier nur an drei kleinen Beispielen zeigen, was man von diesem Buch erwarten darf. Im 4. Band begreift man die Idee des Ganzen erst richtig, wenn man unter Korffs Anleitung die Romantik als die Vollendung des „Sturm und Drang“ bzw. diesen als die Wurzel der deutschen literarischen Romantik versteht.

—– Vgl. zu „Faust I“ auch noch

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-magie/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-faust-und-hiob/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-aufbau-der-gretchenhandlung/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-motiv-weben/

https://norberto42.wordpress.com/2011/10/30/lieder-und-chore-in-faust-i/

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

https://norberto42.wordpress.com/2011/05/25/goethe-faust-i-entstehung-geschichte-des-textes/

4 thoughts on “H. A. Korff über das Drama des „Sturm und Drang“ und Goethes „Faust“

  1. Pingback: Epochenumbruch um 1800, Übersicht – Epochen der deutschen Literatur (Links) « norberto42

  2. Und warum nicht auch Pandeismus, der zwar einen Gott als Schöpfer der Welt annimmt, aber nicht an seine weitere Einwirkung auf sie glaubt, weil Gott in der Schöpfung/Welt aufgegangen sei?

  3. Pingback: Goethe: Faust I – Pakt und Wette, Verlauf und Funktion | norberto42

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