Wie Goethe in Schulbüchern kastriert wird

Goethe war nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern auch der Herr seines Schreibens. Und er schrieb teilweise sehr eigenwillig – nicht nur deshalb, weil es noch keinen Duden und keine Kultusministerkonferenz gab. So ließ er ein Gedicht, das er 1771 an Friederike geschickt hatte, 1775 in dieser Form  drucken:

Lied, das ein selbst gemahltes Band begleitete

Kleine Blumen, kleine Blätter

Streuen mir mit leichter Hand

Gute iunge Frühlingsgötter

Tändlend auf ein lüftig Band.

 

Zephir nimm ’s auf deine Flügel,

Schlings um meiner Liebe Kleid!

Und sie eilet vor den Spiegel

All in ihrer Munterkeit.

 

Sieht mit Rosen sich umgeben

Sie, wie eine Rose iung.

Einen Kuß! geliebtes Leben,

Und ich bin belohnt genung.

 

Fühle was dies Herz empfindet,

Reiche frey mir deine Hand.

Und das Band, das uns verbindet,

Sey kein schwaches Rosenband.

Über einige Satzzeichen in Goethes Gedicht kann man noch streiten – Gerhart Pickerodt (Epochen der deutschen Lyrik, Bd. 6, 1970, S. 65 f.) steht jedenfalls dafür gerade, dass das Gedicht so in der Zeitschrift „Iris“ gestanden hat; Karl Eibl liest die 1. Druckfassung geringfügig anders, wenn man der Freiburger Anthologie glauben darf: http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=1096&spalten=1&noheader=1. (Die Fassung aus Friederikes Nachlass findet man ebenfalls hier: http://mitglied.multimania.de/spangenberg/gedichte/goethe05.html.) Aber was machen die Schulbuchverleger (und das Telekolleg von BR) daraus? Einen Text, der den Normen „der neuen amtlichen Rechtschreibregeln“ von 2006 entspricht; in Zweifelsfällen hält man sich an die gelb unterlegte Empfehlung der Dudenredaktion, nicht an den eigenen Verstand – es lebe die Aufklärung (sapere aude!).

Nun verstand sich Goethe wie seine stürmisch-drängenden Kollegen als Genie, als Originalgenie, und das drückte er auch in souveräner Verachtung von Rechtschreibregeln aus: „Er kommt mir so vor, als wenn er manchmal ein paar Glas Wein zu viel getrunken hätte“, sagte mir ein Verleger. Genau so schrieb Goethe, und das nennt man „Sturm und Drang“. Sollen die Schüler ein besseres Verständnis des „Sturm und Drang“ gewinnen, wenn man ihnen Goethe „auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln“ (Duden: Die deutsche Rechtschreibung, 24. Auflage 2006, S. 3) präsentiert? Außerdem lässt man sich die Chance entgehen, unmittelbar den Schülern vor Augen zu führen, wie Sprache und Rechtschreibung sich historisch entwickeln, ohne dass dies der Verständlichkeit wegen notwendig wäre: Der Lautbestand des Gedichts ist gleich dem heutigen, und „tändlen“ kennen die Schüler so wenig wie „tändeln“, vom Zephir, Zephier oder Zephyr ganz zu schweigen – diesen Herrn muss man ohnehin vorstellen, unabhängig von der Schreibweise seines Namens, und für „tändeln“ gibt es ein Wörterbuch. Um selbst gemachter Regeln willen wird Goethe kastriert, wird der Zugang zu ihm erschwert, finde ich jedenfalls.

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