Christina Stead: Der Mann, der seine Kinder liebte – kurze Besprechung

»Ei was, du Rotkopf,« sagte der Esel, »zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall…« In diesem Satz aus dem Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ ist die Einsicht der geheimen „Heldin“ Lousia formuliert, mit der sie der Hölle ihres Familienlebens entkommt: Sie entzieht sich, sie flieht; denn so schlimm wie zu Hause kann es nirgendwo sein.

Christina Stead hat mit The Man Who Loved Children (1940, deutsch 1998) einen hinreißenden Roman vom Leben der Familie Pollit geschrieben. In den ersten vier der zehn Kapitel werden anderthalb Tage im Juni 1936 erzählt: Da überwiegen die Streitigkeiten der Eheleute Samuel und Henrietta, die nach zehn Ehejahren nicht mehr miteinander sprechen; dabei macht zunächst die Mutter, eine verhärmte Frau, den erbärmlicheren Eindruck. Kap. V spielt im Herbst, Louie (Louisa) tritt in den Vordergrund: Samuels Tochter aus seiner ersten Ehe, knapp zwölf Jahre alt, häßlich und unbeholfen; sie flieht in die Welt der Dichtung und sucht da ihr Eigenes. Später führt sie noch ein Tagebuch in Geheimschrift, hängt sich an eine Freundin und vergöttert eine Lehrerin, Miss Aiden. Sie wird zunächst von ihrer Stiefmutter, dann auch von ihrem Vater gequält, von der Mutter körperlich, vom Vater seelisch. Dieser kommt sich als ein großer Fortschrittsapostel und Kinderfreund vor; er arbeitet in einem Ministerium und darf für zehn Monate an einer Expedition nach Malaya teilnehmen (Kap. VI, Frühjahr 1937), wo er sich als Freund aller Menschen präsentiert.

In Kap. VII wird nicht nur seine Heimkehr, sondern auch die Geburt des fünften Kindes Charles erzählt – und die große Krise (ab VII 4): Samuels Job ist gefährdet, die Familie muss das Haus aufgeben. Man zieht in eine ärmliche Gegend nach Annapolis; Samuel wird beurlaubt, die älteren Kinder werden ihm fremd. Louisa geht auf die High School, lernt Miss Aiden kennen und wendet sich vom Vater ab (Frühjahr 1938). Im Hintergrund spielen auch die Familien der Eheleute und die wechselseitige Abneigung gegen die jeweilige Herkunftsfamilie eine Rolle; nach dem Tod von Henriettas Vater versiegen die Zuschüsse von dieser Seite, die Familie verarmt, weil Samuel in seiner moralischen Überheblichkeit sich weder gegen seine Entlassung gewehrt noch eine neue Arbeit gesucht hat. Er spielt den großen Erzieher und kindernahen Vater und ist doch nur ein mieser Egoist. Hennie hat sich verändert (Kap. IX, Mai 1938), Sam wird 40, Louisa schreibt dazu ein kleines Stück. Die beiden älteren Kinder bemerken, wie arm die Familie geworden ist (sie besitzen nur noch ein einziges gutes Wasserglas), die Mutter hat die Spardose ihres ältesten Sohnes gefunden und das Geld genommen. Die Eltern rasten bei einem Streit vollends aus, man erwartet Mord und Totschlag. Henny trifft Bert, einen anderen Mann, der sie aber versetzt (obwohl er offenbar der Vater des letzten Kindes Henriettas ist).

In Kap. X spitzt sich die Situation zu: Samuels Schwester Bonnie bekommt ein uneheliches Kind und taucht ab, Louisa will fortgehen, was Sam verhindert; Henny will fortgehen, schafft es aber nicht. Louisa plant ihre Eltern zu vergiften, was aber nur bei der Mutter gelingt (obwohl der Vater es eher verdient hätte). Drei Wochen nach deren Begräbnis kommt heraus, wo Henrietta überall Schulden gemacht hat, damit die Familie ein bisschen zu essen hatte. Im Haus herrscht Chaos. Am 25. Juli 1938 kommt Bonnie zurück; Louisa gesteht den Mord, ihr Vater glaubt ihr nichts. Er will sie zu seinem Vorteil als Ersatzmutter der Familie installieren. In der Frühe des nächsten Tages geht sie, um niemals wiederzukommen.

Arnold Gehlen hat 1962 den Aufsatz „Asyle. Von der Zuflucht des verfolgten Menschen“ geschrieben; Louisa nutzt zwei der von Gehlen untersuchten Schutzgewalten, die der Waffe und die der Fremde. Was bleibt einem übrig, wenn das Leben unerträglich wird? Dann muss man gehen – das wusste bereits der Esel im Märchen der Brüder Grimm. Christina Stead hat ein hinreißendes Buch über zwei kaputte Menschen, einen wilden Ehekrieg sowie die Demütigung und Verfolgung der Pollit-Kinder in ihrer Familie geschrieben (wovon die Kleinen aber noch nichts bemerken), und über Louisa, die sich trotzdem nicht unterkriegen lässt. Ich bin zufällig durch eine kurze Notiz (http://www.bluetenleser.de/d/magazin/unter.php) auf das Buch gestoßen; es ist vergriffen, aber noch antiquarisch zu haben. Wer es nicht liest, lässt sich ein Werk der Weltliteratur entgehen. Ich zitiere einen Teil der Besprechung in der FAZ:

Wenn Steads Buch beginnt, befindet sich die Ehe zwischen Sam Pollit und Henriette geborene Collyer bereits im fortgeschrittenen Zustand des Verfalls. Was immer auf den nahezu sechshundert Seiten weiterhin geschehen wird – auf Läuterung, Versöhnung und glückliches Ende ist das nicht angelegt: „Der ganze zehnjährige Bürgerkrieg toste in ihren hitzigen Worten, wenn sie einander voller Zorn anschrien; alle Schlangen des Hasses züngelten und zischten.“ Denn das „Fleisch dieser Ehe“ ist „voll von Krebsgeschwüren der Beleidigung, Lepraknoten der Desillusionierung, Abszessen des Grolls, Gangränen des Nimmermehr, Fieberschüben der Scheidung und all den wuchernden Leiden, schwärenden Wunden und eitrigen Schrunden.“ Eine kleinbürgerliche Hölle wird in diesem Romananfang ausgemessen, in der sich dann alles Weitere bis zum tödlichen Ende abspielt.

Bei solch fortgeschrittenem Zustand interessiert nicht mehr, aus welcher gegenseitigen Verkennung, aus welchen gesellschaftlichen Nötigungen oder Mißverständnissen diese Hölle entstanden ist. Kein analytisches Drama entfaltet sich, das verstehen will, sondern sprachmächtig wird die Geschichte eines Zerfalls beschrieben, der über alles Begreifen geht. In den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts spielt sich zwischen Washington und Baltimore eine antike Tragödie ab, und ein Chor von sechs Kindern umsteht die erwachsenen Protagonisten, die es fertigbringen, innerhalb dieses Krieges noch ein weiteres in die Welt zu setzen.

Es liegt auf der Hand, daß dieser Roman keine gefällige Lektüre ist; das ließe sich auch von Dostojewskis Romanen nicht sagen. Dort wie hier jedoch vollzieht sich Ungeheures unter ganz gewöhnlichen Menschen. Man weiß, daß das Böse banal sein kann, aber das Banale trägt in sich auch den Keim zum Bösen. Das erweist sich vor allem an jener einen Gestalt, die das ganze Buch beherrscht und mit der Christina Stead die Weltliteratur um einen Archetyp bereichert hat: Sam Pollit, der Weltverbesserer und „ein ganz alltäglicher, subalterner Bürokrat“ bei einer Behörde in Washington. Er ist der Mann, der Kinder liebt, weil er bei ihnen am ehesten auf widerspruchslose Zustimmung rechnen und am leichtesten über sie Macht ausüben kann.

Dieser Inspektor im Amt für Fischereiwesen nennt sich einen „realistischen Träumer“. Ihm schweben die „Vereinigten Staaten der Menschheit“ als „ein neues Goldenes Zeitalter“ vor, für das freilich zunächst „alle degenerierten Sonderlinge“ ausgemerzt werden müssen, sei es durch freiwillige „Euthanasie“, sei es „mit Hilfe der Todeskammer“ für einzelne oder durch „Gasangriffe“ auf ganze Gebiete, „sozusagen eugenische Konzentrationslager“. Daß Utopie und der Wunsch zu totalitärer Machtausübung in engem Zusammenhang stehen, weiß man aus der Geschichte dieses Jahrhunderts zur Genüge. Es gehört zu den Überraschungen des Buches, daß diese finsteren Visionen zu einem Zeitpunkt niedergeschrieben wurden, als deren Umsetzung in blutige Wirklichkeit noch ins fast Undenkbare gehörte.

Dabei ist dieser Sam, dieser „Pappmessias“, kein rüder Finsterling, sondern einer von denen, die sich viel auf ihren Humor zugute halten. Gern zeigt er sich als lustiger Plauderer, voller Erfindungsgabe, was das Spielen mit Namen und Worten angeht. Immer ist er geneigt, in eine selbstverkleinernde, kindertümelnde, reduktive Sprache zu verfallen und jedermann seine Spinnereien in schier unendlichen Variationen vorzutragen. Nur hat er in Wahrheit keine Ahnung, wovon er redet, wenn er Projekte entwirft, und er hat auch keine Ahnung von Kindern, Frauen oder von der Liebe. Denn bei aller scheinbaren Leichtigkeit seines Wesens besitzt dieser bekenntnissüchtige Kinderfreund und Moralist ein „schwarzes, grausames Herz“, wie seine Frau ihm einmal vorwirft. Selbstverkleinerung wie Selbstmitleid sind nichts als die Medien einer sanften Grausamkeit. Kurzum: Man kennt diesen Sam Pollit und fragt sich nur immer wieder, wo man sein Ebenbild getroffen hat, in Amerika, Australien, unter den Deutschen oder ganz einfach überall.

Zwei weibliche Gestalten läßt Christina Stead ihrem Helden gegenübertreten: Henriette, seine Frau, und Louisa, die Tochter aus erster Ehe. Die eine – aus der „alten Welt“ einer reichen, behüteten Kindheit stammend, „ein sanftmütiges, neurotisches Wesen“, das in die Welt tritt wie ein Kind, das „in einem Harem aufgewachsen ist“ – wird jung noch zur alten Frau, vom Machtrausch des Mannes, seiner Dummheit, seiner Gier entstellt und zerbrochen: „Ein schmutziger, gesprungener Teller, das bin ich.“ Die andere, junge entflieht und bricht „zu einem Spaziergang um die ganze Welt“ auf. (über http://www.buecher.de/shop/buecher/der-mann-der-seine-kinder-liebte/christina-stead/products_products/detail/prod_id/24349330/)

Zwei weitere Besprechung:  http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-7026276.html und http://www.zeit.de/1998/50/199850.schlachthaus_fam.xml

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