Riehl-Heyse: Das tägliche Gegengift. Reportagen und Essays 1972 – 2003 (2008)

Herbert Riehl-Heyse (* 2. Oktober 1940 in Altötting als Herbert Riehl; † 23. April 2003 in Eichenau) war ein deutscher Journalist und Autor. Nach Abschluss des Gymnasiums in Burghausen studierte Riehl-Heyse zunächst Rechtswissenschaften und legte beide juristische Staatsexamina ab. Seine ersten Schritte als Journalist unternahm er 1968 im Rahmen eines Volontariats beim Münchner Merkur. 1971 wechselte er zur Süddeutschen Zeitung. Als leitender Redakteur und Kolumnist, (u.a. im Streiflicht) prägte er mit seiner subtilen Satire und Ironie wesentlich den Stil der Zeitung.

Diese Zeilen findet man am 14. April 2011 in Wikipedia über Riehl-Heyse (RH). Was nicht in der Wikipedia steht: dass ich ihn gemocht und geschätzt habe. Das hing daran, wie er schrieb und was er schrieb. Jedenfalls habe ich ihm 1989, als es in der Redaktion der SZ wohl Knatsch gab und RH als Chefredakteur (bloß für ein Jahr, wie sich dann zeigte) zum STERN ging, einen Brief geschrieben und ihm nicht nur meinen Respekt, sondern auch meine Solidarität bekundet.

Ich habe mich ihm auch deshalb verbunden gefühlt, weil er nur knapp anderthalb Jahre älter war als ich und ebenso wie ich eine Halbwaise; sein Vater wurde in den letzten Kriegstagen von der SS hingerichtet, wie RH 1985 in seiner Geschichte „Mord in unserer kleinen Stadt“ berichtet hat. Einige seiner großen Reportagen habe ich als Zeitungstexte aufbewahrt, die über die Ermordung des Vaters, die über das Playmate vom Hasenbergl oder Ute Lemper zum Beispiel. Ich besaß bereits zwei Bücher von ihm, „Die Weihe des Ersatzkaisers und andere Geschichten“ (1986 – einige aus den 70-er, die meisten aus den 80-er Jahren) sowie „Bestellte Wahrheiten“ (1989 – Texte ab 1987). 2008 hat Gernot Sittner eine große Sammlung von Essays und Reportagen von 1972 – 2003 herausgegeben, „Das tägliche Gegengift“, erschienen in der SZ Edition. Dieses Buch, das mir meine Kinder vor einigen Tagen geschenkt haben, möchte ich kurz vorstellen.

Wovon handeln die Essays und Reportagen dieses Buches? Von den großen oder groß gewesenen Politikern und den Parteien, von der feinen Gesellschaft und den Ladendieben, von der überfüllten Uni München und arbeitslosen Akademikern, von der deutschen Einheit und Erich Honeckers Verteidigungsrede, von einem kölnischen Büttenredner und dem Kultur- und Literaturbetrieb, von den Medien und den Journalisten, von Uli Hoeneß und Celibidache, und zuletzt von unserem Streben nach Ruhm. Es ist ein Buch, das vergangene Geschichten unseres Landes und Lebens wieder in Erinnerung ruft, das darin die Strickmuster zu erkennen sucht und zum Nach-denken anregt. Es ist zweitens ein Buch, das hervorragende Beispiele für das liefert, was RH als theoretische „Poetik des Journalismus“ einfordert. Es ist drittens ein unterhaltsames Buch, dessen Autor nicht nur scharf und distanziert-teilnehmend, sondern auch liebevoll die Menschen betrachtet hat. Es ist also, summa summarum, ein lesenswertes Buch – lesenswert für die, die Deutschland nach Kiesinger erlebt haben und sich noch einmal in die Vergangenheit versenken wollen, welche nicht nur „Fundament“ der Gegenwart ist. Ob es für die jungen Leute wie etwa meine Kinder lesenswert ist, weiß ich nicht – vermutlich ja, aber weniger als für mich, weil sie sich nicht an die vergangenen Figuren und Ereignisse erinnern.

Was fehlt in diesem Buch? Es fehlt die RAF, es fehlt die Welt der Wirtschaft, es fehlen das Kino und der Hörfunk. Ich werde die beiden älteren Bücher noch einmal lesen, zumindest überfliegen, um zu sehen, ob solche Themen dort vorkommen, aber auch um weitere Texte von RH zu genießen und mich in das zu vertiefen, was auch mein Leben ausgemacht hat (bzw. ausmacht). Der Ruhm ist etwas Flüchtiges, wie RH im letzten Kapitel darlegt, auch wenn wir alle danach streben; RH fragt deshalb zum Schluss, „wie viel Kraft wir sinnvollerweise einsetzen sollten im Kampf für unseren Nachruhm“. Er legt die Antwort nahe, dass dieser Kampf eigentlich nicht lohnt. Solange ich lebe, werde ich allerdings seinen Lorbeerkranz in meinem Gedächtnis tragen. – Einen angemessenen Kranz hatte ihm Evelyn Roll bereits 2003 in der SZ-Serie über große Journalisten geflochten, der Aufsatz soll deshalb hier verlinkt werden.

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