Karl Korn: Lange Lehrzeit (1975) – Besprechung

Was lange währt, wird manchmal gut: Karl Korns Erinnerungen „Lange Lehrzeit“ sind 1975 erschienen; ich habe sie damals gekauft, weil sie in der FAZ glänzend besprochen waren – dieser Tage habe ich das Buch gelesen. Je länger ich gelesen habe, desto stärker hat Korn mich fasziniert; Korn gehört der Generation meiner Eltern an – von ihm erfahre ich etwas über deren mögliche, nicht wirkliche (wirklich gewordene) Lebensräume. Der 1908 Geborene erzählt sein Leben bis 1941, welches er unter dem Begriff der Lehrzeit zusammenfasst. Das letzte Kapitel unter der Überschrift „Kann brauchen, was er gelernt hat – 1936-1941“ relativiert den Aspekt der Lehrzeit und begrenzt diese auf das Ende seiner zweijährigen Tätigkeit beim „Berliner Tageblatt“.

Mich persönlich hätte auch Korns Tätigkeit in der frühen FAZ interessiert. Deren Anfänge werden im Netz kurz dargestellt:

http://www.wipog.de/%C3%BCber-uns/gr%C3%BCndung-der-faz/

http://www.tagesspiegel.de/medien/dahinter-steckte-otto-klepper-ein-kluger-kopf/1621834.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44438969.html

Über den für die FAZ wichtigen Mitbegründer Erich Welter gibt es nicht viel Material im Netz: http://ketupa.net/faz.htmhttp://www.lagis-hessen.de/en/subjects/idrec/sn/bio/id/6046

Was mich an dem Buch interessiert hat, ist einmal die persönliche Entwicklung Karl Korns: seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen im Rheingau; sein Studium mitsamt seiner Emanzipation aus den Verhältnissen der Kindheit, die ihn doch dauerhaft geprägt haben; sein Aufstieg durch Leistung und zufällige Bekanntschaften. Einige Hinweise auf gescheiterte Möglichkeiten diverser Karrieren sind denkbar knapp und nicht immer deutlich. Der ganze Bereich seiner erotischen Erfahrungen ist dezent übergangen, wenn man von wenigen anekdotischen Kindheitserinnerungen absieht. Der zweite für mich interessante Aspekt ist die Arbeit eines Nazigegners als Journalist im Dritten Reich. Das ist das erste Thema, zu dem ich jetzt ausführlicher Stellung nehme.

Im Wikipedia-Artikel „Karl Korn“ kann man am 28. April 2011 lesen: „1934 bis 1937 arbeitete er als Redakteur beim Berliner Tageblatt, danach bei der Literaturzeitschrift Neuen Rundschau. Im Mai 1940 wurde er Feuilletonredakteur der Goebbels-Wochenzeitung Das Reich. Hier schrieb er eine positive Filmrezension des Nazi-Propagandafilms Jud Süß.

Korn schrieb 1940 in seiner Zeitung:

Dawider spricht nicht die Tatsache, daß Paris die Hochburg des sogenannten Antifaschismus war und als solche gelten wollte. Was in Paris bewußte Ablehnung war, ist in der französischen Provinz glattes Unvermögen des Verstehens. Das konservative Frankreich hat nicht bloß die Revolutionen der jüngsten Zeit nicht verstanden, sondern auch das ganze Jahrhundert noch nicht erlebt. Französische Provinz ist im weitesten Maße neunzehntes Jahrhundert. Die Provinz insgesamt ist alt und greisenhaft wie ihre starre Weisheit. Sie hemmt das Neue und Junge. War es nicht einer der ungeheuerlichsten Widersprüche, daß das zu asiatischer Starre und Unbeweglichkeit erstarrte Frankreich Europa unter das Strukturgesetz seiner erstarrten Provinz zwingen wollte?

Frankreich würde sich der gegenwärtigen, zukunftsweisenden Entwicklung, also dem Nationalsozialismus, somit aus Trotteligkeit verweigern.

Aufgrund einer Gemäldebesprechung wurde Korn im Oktober 1940 entlassen und mit zwei Jahren Berufsverbot belegt.

1941 wurde er zur Wehrmacht eingezogen.

In diesem Wikipedia-Beitrag wird der Eindruck erweckt, Korn sei der nazistischen Ideologie verfallen gewesen. Es empfiehlt sich, im Vergleich dazu Korns Ausführungen S. 296 ff. zu lesen: wie die Wochenzeitung „Das Reich“ gegründet wurde und wie man jonglieren musste, um in einem der Sprachregelung angepassten Text ein paar kritische Töne unterzubringen. Das flotte Urteil des Wikipedia-Autors zeugt von historischer Unkenntnis und mangelndem Fingerspitzengefühl. Das folgende Beispiel soll zeigen, wofür man 1940 als Journalist Berufsverbot bekam: In einer vorsichtig distanzierten Besprechung der Münchener Kunstausstellung 1940 hatte Korn folgenden Satz über das Bild einer nackten Frau eingebaut: „Kunstkenner, die auf das Technische achten und einen unserer Zeit angemessenen Stil fordern, mögen sich an der verbrauchten malerischen Technik dieses Bildes vielleicht stoßen und den vom Maler gewollten Effekt als fragwürdig empfinden.“ (S. 311) Dieses Bild ließ sich jedoch der Gauleiter Münchens vom Führer zu seiner (zweiten) Hochzeit schenken; der kritisierte Maler des edelpornografischen Bildes setzte es beim Führer durch, dass Korn seinen Job verlor, weil er die deutsche Kunst verunglimpft habe. – So viel zum Thema Töne und Untertöne in der Presse von 1940. Korns Bericht über seine Tätigkeit als Journalist (S. 240 ff.) kann einem zu einem differenzierteren Urteil über damalige Artikel (und über die Wochenzeitung „Das Reich“) verhelfen.

Das Zweite, worüber ich bei der Lektüre des Buches nachgedacht habe, sind Parallelen zwischen Korns und meiner Entwicklung: Warum hat Karl Korn an der Uni so viel mehr gelernt als ich? Warum konnte er leichten Herzens zwei Jahre nach Frankreich gehen, was ihm persönlich und sachlich gut getan hat (es waren „die glücklichsten Jahre meines Lebens“)? Tilmann Mosers Buch „Gottesvergiftung“ (1976) liefert den Schlüssel zum Verständnis eines ganzen Komplexes von Behinderungen junger Männer: Ich spielte als Jugendlicher und junger Mann mit dem Gedanken, ich sei von Gott vielleicht, gar vermutlich zum Priester „berufen“ – und wenn man diese Berufung verfehlte, also berufen war und dem Ruf nicht folgte, verging man sich gegen GOTT selbst und die eigenste Bestimmung. Dieses Gedankenspiel war nun alles andere als ein Spiel, und nicht ich spielte damit, sondern man spielte mit mir: die Mutter, der Pastor, der Religionslehrer. So verspielte ich die Einsicht, dass ich durch Ausbildung und eigene Leistungen statt durch „Berufung“ (quasi eine Seinsqualität) vorankommen könnte – als Berufener war man schon a priori ein Erhöhter, der die Leiter nach oben nicht durch exaktes Arbeiten zu ersteigen brauchte – solche Aussichten schmeicheln auch der egozentrischen Arroganz begabter Jungs. Durch himmlische „Berufung“ wird der Mensch seines Eigenen beraubt und fremder Bestimmung unterstellt: der Bestimmung durch GOTT, und da dieser nichts sagt, der Bestimmung durch dessen Sprachrohre und „Diener“, die aufgrund „göttlicher“ Legitimation selbst in ihrer Beschränktheit oder Eitelkeit unangreifbar werden. Der ganze Komplex ist von Moser brillant analysiert worden, ich verzichte deshalb hier auf weitere Erklärungen. Ohne Hilfe von außen wird man kaum von diesem Komplex geheilt – wie das im Einzelnen geht oder gegangen ist, braucht hier nicht erzählt zu werden. / Bei Ludwig Marcuse lese ich (über die Jugend des 1. Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts auf dem Gymnasium: „Schiller wurde unser Führer ins Gebiet des Wackeren, soweit wir uns verführen ließen; und wir ließen. […] Wir waren noch mit zwanzig – Kinder.“) Auch diese Beobachtung verdient, beachtet und bedacht zu werden.

Der Berufung durch GOTT kann man im säkularen Staat nach außen entgehen; der Berufung durch den FÜHRER konnte man im totalitären Staat nach innen ausweichen, wenn man nicht emigrierte oder aktiv Widerstand leistete. Der „Berufung“ zu entgehen ist notwendig, wenn man sich nicht unterwerfen will. Karl Korn hat sich, soweit ich das beurteilen kann, im Dritten Reich nicht dem Führer unterworfen und es trotz prominenter dringender „Einladung“ abgelehnt, in die Partei einzutreten (S. 314). Diese Entscheidung verdient unseren Respekt.

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