Walter Dirks: Der singende Stotterer. Autobiographische Texte, 1983 – Besprechung

sowie Walter Dirks: War ich ein linker Spinner? Republikanische Texte – von Weimar bis Bonn. Mit einem Vorwort von Fritz Boll, 1983 – Besprechung

Die beiden Bücher habe ich 1983 für die FH besprochen, das Datum 29.10.83 steht noch auf meinem Durchschlag. Ich habe den Brief aufbewahrt, in dem Walter Dirks mir im August 1984 kurz erklärte, warum die Besprechung nicht erscheinen könne: Die „Frankfurter Hefte“ hörten Ende 1984 zu bestehen auf, für die letzten Hefte war schon zu viel Material zusammengekommen; das letzte Heft als Doppelheft sollte ohne Besprechungen erscheinen. So blieb mein kleiner Aufsatz bis heute ungedruckt. – In den Zitaten behalte ich die alte Rechtschreibung bei:

Die beiden Textsammlungen, die von der Aufmachung her einander gleichen, sind grundverschieden. Der erste Band enthält Aufsätze aus den letzten Jahren (Jahrzehnten?); hinter ihnen steht – so vermutet Fritz Boll, der Walter Dirks bei der Auswahl beraten hat – „sicherlich das vitale Bedürfnis, sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen, sich selbst gegenüber Rechenschaft abzulegen“. Sie präsentieren nach Boll „Erfahrungen des alten Mannes, der ein Jahrhundert erlebt und erlitten hat“. Was soll ich als Leser, der halb so alt wie WD ist, dazu sagen? Man kann sich ja nicht damit wie mit Sachtexten „auseinandersetzen“. So will ich herausheben, was mich persönlich berührt hat.

Am besten gefällt mir aus dem ersten Band der Aufsatz „Der singende Stotterer“. Mit dieser Formel charakterisiert Dirks, der als Kind gestottert hat, aber frei singen konnte, sich selber. Als Ursache des Stotterns vermutet er eine Vernachlässigung seitens der Mutter (der er aber später ein Denkmal setzt) oder Einschüchterung durch kirchliche Höllendrohungen; als Ursache der Befreiung nennt er die Jugendbewegung – der Stotterer Dirks tritt als Sprecher mehrerer Gaue bei einem Bundestreffen des Quickborn auf. „Es ging mir wie Demosthenes: Während ich mir keinen normalen akademischen Beruf für mich vorstellen konnte, (…) ergriff ich nun die Gelegenheit, Journalist zu werden, also mich ungefragt einzumischen, auf eigene Gefahr und Verantwortung, in einem geradezu rhetorischen Beruf.“ Er erzählt dann, wie er zur Rhein-Mainischen Volkszeitung Friedrich Dessauers gekommen ist, wie er dort Erfolg gehabt hat; er zweifelt ein wenig seine Leistung an, verweist aber auch auf Bestätigungen. „Habe ich das nicht schön gesagt, eindrucksvoll, mit einer Mischung von Bescheidenheit und Selbstbewusstsein? Habe ich da nicht gut gesungen? Das ist ein Verdacht, der mich beunruhigt, seitdem ich in die Jahre gekommen bin.“ Buße und Dank empfiehlt er als Mittel gegen das eigene Grübeln. „Der singende Stotterer wird sich über den Applaus freuen – und er wird sich seinen Teil dabei denken.“ – Vielleicht denkt er sich seinen Teil auch bei den Besprechungen seiner Bücher?

Da ich Lehrer bin, reizt mich der Aufsatz „Über das Wachsen am Widerstand: Meine Penne“. Mit seinem Freund hält Dirks nach dem Abitur fest: „Wir wußten aus frühester Erinnerung: sie war schrecklich gewesen, die Schulzeit, und in gewissen Bereichen auch die Jugendzeit, und bei dieser Erkenntnis sollte es auch bleiben.“ Nach einigen Einzelheiten resümiert er dann halb ironisch: „Wir haben Grund, unserer Penne dankbar zu sein. Indem sie uns jenes alles vorenthielt, entdeckten wir es auf eigene Faust. Wir lasen und lasen und diskutierten und diskutierten, wir lasen und diskutierten gegen die Schule an. (…) Wir sind im Widerstand gegen viel Stumpfsinn gewachsen.“ Anders kann es auch nicht geschehen, glaube ich. Nur wenige Jugendliche bringen von ihrem Elternhaus eine solche Souveränität mit, dass sie den Widerstand gegen die Schule nicht brauchen. Für normale Schüler besteht bei jedem Thema die Gefahr, dass es ihnen durch die Schule verleidet wird. Zwar soll ein guter Lehrer seine Schüler die Probleme und Lösungen entdecken lassen – aber wer ist schon gut? Und außerdem, Verstehen kann man eigentlich nicht organisieren wie Glauben und Liebe – wenn es auch immer wieder versucht werden muss. Wie zweideutig und unkalkulierbar die Wirksamkeit eines Lehrers sein kann, zeigt die Differenz Karl Korns [gegenüber Dirks] in der Einschätzung des gemeinsamen Lehrers August Preising.

Zu Lebensplänen habe die Schule nicht ermutigt, er selbst habe keine gewagt; aus all seinen Bemühungen „ergab sich allenfalls ein ungewisser Lebenstraum, ganz gewiß kein Konzept für den Beruf und für die Politik“. Mir scheint, das könne auch nicht wesentlich anders sein; die Schule hält ja vom „Leben“, von realer Arbeit, damit auch von der wirklichen Erfahrung der sozialen Welt zugunsten theoretischen Trainings fern. Sie fördert damit die genannten Lebensträume und einen unerfahrenen „Idealismus“. Das Problem scheint mir zu sein, wie man diesen Idealismus auf die richtige Weise verlieren kann, ohne ihn zu verraten.

Als „Grundpositionen“ seines Lebens beschreibt WD Ehe, Eucharistie und Sozialismus. Da dieser Aufsatz erst 1981 in den FH erschienen ist, fasse ich mich kurz. „Ehe: ein Verzicht auf Möglichkeiten zugunsten der Verwirklichung“. „Eheleute sind Freunde, die sich nicht zu trennen brauchen.“ Der Partner ist der Nächste schlechthin. Das alles ist von guter Lebenserfahrung bestimmt. Was WD zur Eucharistie sagt, erscheint mir zunächst etwas mit theologischer Tradition überfrachtet zu sein; spannend wird es, wenn er sie als „das revolutionäre Sakrament“ beschreibt. Brot und Wein sind nicht nur Gaben Gottes und Frucht der menschlichen Arbeit, „sondern auch ‚Waren’, Produkte des gesellschaftlichen Prozesses, Verdinglichungen, in denen unser gesellschaftliches Versagen steckt, Ausbeutung oder – nicht weniger schlimm – Unterlassung von Sorgfalt, Solidarität und Liebe“. Die dritte Grundposition ist „Sozialismus“. Sein Ziel lässt sich nicht genau beschreiben, da das zielbestimmte Handeln und die davon bewirkten Veränderungen eine neue Analyse der Situation und eine neue Umschreibung des Zieles erfordern. „Vom ‚Ziel’ läßt sich allenfalls sagen, daß die Sphäre der Produktion ebenso von der Herrschaft von Menschen über Menschen befreit sein soll wie die Sphäre des Staates.“ Die entscheidende Wende der Perspektive, den sozialistischen Ansatz hat Marx gefunden; er hat als erster „von Ausgebeuteten aus gedacht: sein Weltbild entworfen“.

Was Dirks „Über meine Kirche“ schreibt, verdient eine sorgfältige Lektüre der Interessierten und der Betroffenen.

Einzelne Aufsätze weisen im Verhältnis zueinander Überscheidungen auf; wenn man sie nicht wie ein Buch, sondern über einen längeren Zeitraum hin liest, wird man stattdessen eher auf Vertrautes stoßen. Dies erst recht, wenn man sich vorstellt, wie Walter Dirks sprechen würde; er kann eben singen. – An vielen Stellen hält er sich, also seine Persönlichkeit für mein Empfinden etwas zu stark zurück. Ich hätte mir weniger Diskretion gewünscht – auch dann wäre er von „Enthüllungen“ noch weit entfernt gewesen. Was ich meine, lässt sich im zweiten Band an der Darstellung des Falles Dehn zeigen: 1928 hatte der evangelische Pfarrer Günther Dehn in Magdeburg eine Predigt „Die evangelische Kirche und der Völkerfriede“ gehalten und damit einen reaktionären Proteststurm ausgelöst. Die Einzelheiten dieses Sturmes, seine Böen, die Widerstände, die Aufräumungsarbeiten – in ihren Einzelheiten sind sie lehrreicher als Sentenzen über Staat und Kirche oder Glaube und Politik; denn sie sind die Basis der Sentenzen.

Vier Themen möchte ich aus dem zweiten Band eigens nennen. Das erste ist der Begriff der faschistischen Konstellation, mit dem WD 1931 das Zusammengehen von Militärs, Kapital („die mächtigste Komponente der faschistischen Konstellation“) und Nazis als die eigentliche Gefahr beschrieben hat. Das nächste Thema ist „Die Zweite Republik“ – oder die Notwendigkeit, Koalitionen einzugehen. Die Zweite Republik „war in der Tat ein Bündnis der Arbeiter-Mehrheit, der Links-Bürger und der Katholiken, das den Weimarer Staat möglich machte, eine Zeitlang trug und ausfüllte. Nur aber, leider, die Beteiligten merkten es nicht.“ Hätten sie es gemerkt, hätten sie die Republik vielleicht verteidigen können. Sie hätten dazu allerdings die Berufsoffiziere in ihr Bündnis aufnehmen, die Offizierskaste mit eigenen Leuten durchsetzen müssen…

„Der restaurative Charakter der Epoche“, 1950 in den FH veröffentlicht, analysiert Restauration im Allgemeinen und die deutsche nebst ihren Ursachen im Besonderen. „Die Reaktion wird als rechter Flügelmann der Restauration hoffähig.“

Vielleicht am besten gefällt mir der FH-Artikel (11/1982) über „Die Krise, unsere Parteien und ihre Geschichte“. Da ist manches Wissenswerte aus der Vorgeschichte unserer Parteien zu lesen, dessen Anamnese nützen kann; aber ich muss noch etwas weiter ausholen, um den Wert dieses Aufsatzes zu erläutern. Ich muss an Dirks’ Legitimation zu schreiben anknüpfen, die er 1981 vorgetragen hat, als er den Romano-Guardini-Preis erhielt. Dort hat er sich noch einmal um die Bestimmung des journalistischen Berufs bemüht, die er in Kritik und Vermittlung erblickt. „Vermittlung und Kritik setzen einigermaßen den Status quo voraus, einen langsamen Gang der Geschichte.“ WD wäre nun nicht er selbst, wenn er dabei stehen bliebe – aber immerhin, er nennt die beiden Bestimmungen und ihre Voraussetzung. So, und nun kann ich erklären, warum ich den Aufsatz über die Parteien so gut finde. Da mischt Walter Dirks sich ein, recht kräftig sogar, da kritisiert und vermittelt er, ohne aus seinen Sympathien einen Hehl zu machen. Aber eben – er vermittelt, er ist nicht Parteigänger. Das hat denn auch wohl dazu beigetragen, dass er für diesen Band den Geschwister-Scholl-Preis 1983 erhalten hat. Herzlichen Glückwunsch!

Walter Dirks ist Ende Mai 1991 gestorben, vor zwanzig Jahren. Ich möchte die Besprechung seinem Gedächtnis widmen.

Ich habe ihn kennengelernt, als er 1961 oder 1966 im WDR anlässlich seines Geburtstags einen Kommentar gesprochen hat, über die Irrtümer eines Kritikers: drei Grundirrtümer seines Lebens. Das fand ich so bemerkenswert, dass jemand nicht von seinen richtigen Einsichten, sondern von seinen Irrtümern berichtete, dass ich ihm begeistert geschrieben habe – daraus ist dann unsere Bekanntschaft entstanden. Gelegentlich habe ich ihn besucht, habe mit ihm die Katholikentags-Rede eines Ministerpräsidenten ausgearbeitet und bin durch diese Bekanntschaft zum FH-Autor geworden, der 50 Beiträge für die Frankfurter Hefte geschrieben hat. Nach dem Ende der FH haben wir uns dann aus den Augen verloren; ich wollte ihn in seinen letzten Lebensjahren in Ruhe lassen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s