Jacob Grimm: Über den Ursprung der Sprache (1851) – Inhalt

Ich referiere den Inhalt i.W. aus der Perspektive Grimms und halte mich dabei an die Ausgabe in „Selbstbiographie. Ausgewählte Schriften, Reden und Abhandlungen“. Hrsg. und eingeleitet von Ulrich Wyss, München 1984. Die vierte Auflage (1858) des 1851 erschienenen Werks ist als ebook greifbar: http://www.archive.org/details/berdenursprungd00grimgoog (darin blättern: „read online“ anklicken).

Die Sprachwissenschaft ist heute wesentlich besser ausgebildet als zu Herders Zeit; die indogermanische Sprachfamilie ist durch das Sanskrit in den Blick gekommen, wie auch das Gesetz der deutschen Sprache historisch entfaltet worden ist. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf den allgemeinen Verlauf der menschlichen Sprache ziehen, vielleicht sogar auf ihren Ursprung.

Trotz mancher Bedenken ist festzuhalten, dass die Sprache als Produkt menschlicher Freiheit, anders als die von Gott geschaffenen Wesen, eine Geschichte hat; sie ist erlernbar. (S. 154-159)

Es ist weder anzunehmen, a) dass die Sprache von Gott geschaffen ist, noch b) dass sie von ihm gleich zu Beginn der Menschheit offenbart worden ist (S. 159 ff.; ebook S. 11 bzw. 12 ff.). Denn a) sie muss erlernt werden. Von den Lauten der Sprache sind a, i, u durch den Bau der Stimmorgane vorgegeben; aber die Sprache ist nicht angeboren. Und b) scheidet trotz scheinbarer biblischer Belege aus; denn die entsprechenden Geschichten sind mythisch, wir können uns Gott nicht (mit den Menschen) redend vorstellen, weil er keinen Körper hat (bis S. 169). (Diese Passage zu lesen ist reizvoll, weil man hier sieht, wie sich ein gläubiger Sprachforscher im 19. Jh. mit der Bibel herumschlagen muss.)

Der Mensch ist (idg.) Manes: der Denkende = der Sprechende; denken und sprechen müssen wir in einem lernen und üben (S. 170 ff.). Wäre der sagenhafte Versuch des Psammetich durchgeführt worden, hätten die Kinder eine neue Sprache erfinden müssen.

Zum Ursprung der Sprache (S. 173 ff.):

Vermutlich hat es mehr als ein erstes Menschenpaar gegeben. Wir kennen zwei Sprachtypen, die demnach auf einen dritten Urtypus zurückgehen müssen. An Sanskrit und Zend sehen wir, dass ihre Entwicklung vom Gesetz der Abnahme des Formenreichtums und vom Schwund der Flexion bestimmt ist. Wir haben uns drei Stufen vorzustellen: die Entstehung der Wörter, der Flexion und des Gedankenausdrucks.

(Die folgenden Seiten sollte man selber lesen: S. 177-182, im ebook S. 39-46:)

– die Gesetze der Lautentwicklung,

– die Entwicklung der Wörter aus Pronomina und Verben,

– die Ausbildung von genus, casus und numerus,

– die Entstehung der Partikeln.

Die Geschichte der Sprache ist trotz des Formenschwundes ein Fortschritt; es sind drei Epochen (S. 182-184) auszumachen.

Das Englische hat als Sprache die größte Kraft und Stärke (S. 184 f.), es ist die einzige Weltsprache.

Nach einem Lob der Sprache geht es um das Verhältnis von Sprache und Musik: Der Gesang ist aus der Sprache entstanden; aus dem Gesang hat sich dann einerseits die Dichtkunst (mit dem Epos als Krone), anderseits die Musik entwickelt (S. 187 f.)

Grimm sieht den Anfang der Entwicklung so, „dass ich kunstlose einfachheit sinnlicher entfaltung als sein merkmal setzte“ (S. 187).

Ein Lob von Herders Intuition bildet den Schluss des Vortrags. – Ein Auszug aus Grimms Theorie über die Entstehung der Sprache:

Jeder laut hat seinen natürlichen, im organ das ihn hervorbringt gegründeten und zur anwendung kommenden gehalt. Von den vocalen hält a die reine mitte, i höhe, u tiefe; a ist rein und starr, i und u sind flüssig und der consonantierung fähig, offenbar muss den vocalen insgesamt ein weiblicher, den consonanten insgesamt ein männlicher grund beigelegt werden.

Von den consonanten wird l das linde, r das rauhe  bezeichnen. wahrzunehmen ist, dass in vielen Wörtern  der ältesten sprache r waltet, wo die jüngeren l setzen, während das s der älteren dem r der jüngeren weicht. niemals aber gehn s und l in einander über. entweder wollte der sprachgeist eine entsprungene lücke  ausgleichen, oder was richtiger scheint, beiderlei r sind  auch in der ausspräche schon verschieden, jenes dem l nahe rein und rollend, dieses mit s verwandte heiser und unrein.

Alle consonantverdoppelungen sind der ältesten  spräche ab zu erkennen, und erst allmälich durch assimilation verschiedner consonanten und zumal häufig aus anstossendem i entsprungen. Consonantlautabstufung, die sich am aller deutlichsten und zu zweien malen in den verschiebungen der deutschen sprache ereignete, pflegt mit wundervollem instinct, indem sie  alle stummen laute verrückt, ihnen doch jedesmal wieder die rechte stelle anzuweisen. haben irgendwo in  der sprache naturtrieb, und freie kraft zusammen gewirkt, so geschah es in dieser höchst auffallenden erscheinung.

Der ursprache waren e und o fremd. wenn diphthonge und brechungen dem zweiten Zeitraum, dem  dritten umlaute und noch andere vocaltrübungen gemäss sind, so wird man dem ersten vorzugsweise fast nur kurze vocale und einfache consonanten beizumessen haben.

Doch die natur der einzelnen laute zu erörtern liegt mir hier nicht ferner ob; dies würde mehr da an seiner stelle sein, wo jene leibliche anlage unsers organismus auf die sprache sorgfältig angewandt werden soll.

Hebel aller wörter scheinen pronomina und verba. das pronomen ist nicht bloss, wie sein name könnte glauben machen, vertreter des nomens, sondern gerade zu beginn und anfang alles nomens. wie das kind dessen denkvermögen wach geworden ist ‚ich’ ausspricht, finde ich auch im Jadschurveda ausdrücklich anerkannt, dass das ursprüngliche wesen ‚ich bin ich’ spreche und der mensch, wenn er gerufen werde ‚ich bin es’ antwortete. Alle verba und nomina, das persönliche verhältnis an sich bezeichnend, fügen pronomina ein, wie sie in der dritten sprachperiode äusserlich dazu ausgedrückt werden. Als der mensch das  erstemal sein ich, das im sanskrit aham lautet, sprach, stiess er es aus voller brust im geleit eines kehlhauchs, und alle urverwandten zungen sind sich hierin gleich geblieben, nur dass sie das reine a schwächen oder die gutturalstufe verschieben. im obliquen casus tritt ein halb zurück weisendes labiales m vor. das deutende t der angeredeten zweiten person muss hingegen im casus rectus und obliquus haften. grössere manigfaltigkeit als die beiden ersten sich gegenüberstehenden personen fordert aber die fernere dritte, und ihr hauptkennzeichen war entweder s oder f, jenes vorzugsweise zur bezeichnung des flüssigen reflexivbegriffes, der sich auch dem verbum suffigiert.

Ausser dem belebenden pronomen liegt die grösste und eigentliche kraft der sprache im verbum, das fast alle wurzeln in sich darstellt.

Alle verbalwurzeln, deren anzahl im ersten sprach zeitraum beim beginn nicht über einige hundert hinaus gereicht zu haben braucht, aber äusserst schnell wuchs, enthalten sinnliche Vorstellungen, aus welchen unmittelbar auch analoge und abstracte knospen und [zweige?] sich erschliessen konnten, wie z. b. dem begrif des athmens der des lebens, dem des ausathmens der des Sterbens entspriesst. es ist ein folgenschwerer satz, dass licht und schall aus denselben wurzeln fliessen.

Alle verbalwurzeln wurden aber mit dem einfachsten aufwand an mitteln erfunden, indem ein consonant dem vocal vor oder nachtrat. ob aus blossem vocal wurzeln bestehn können, darf noch in zweifel gezogen werden, da nach dem vorhin vom wesen der vocale und consonanten überhaupt gesagten die zeugung einer wurzel von dem sich vermählen beider geschlechter abhängig scheint.

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