Goethe: Faust I – Entstehung, Geschichte des Textes

„Faust I“ ist in mehreren Phasen entstanden. Es gibt einen sogenannten Urfaust“, nur ein Fragment (bzw. die Abschrift eines Fragments), das erst Ende des 19. Jh. gefunden worden ist. In Italien hat Goethe die alte Idee wieder aufgenommen und einige Szenen geschrieben, was zu „Faust. Ein Fragment“ im Jahr 1790 geführt hat. 15 Jahre später hat er dann das Stück vollendet – man merkt ihm an einigen Stellen die Brüche seiner langen Entstehung noch an. – Ich orientiere mich mit meiner Darstellung an Th. Friedrich – L. J. Scheithauer: Kommentar zu Goethes Faust, RUB 7177, S. 83 f. Die Legende steht unter der Tabelle.

„Es sind über sechzig Jahre, daß die Konzeption des Faust bei mir jugendlich von vorne herein klar, die ganze Reihenfolge hin weniger ausführlich vorlag.“ (Goethe an Wilhelm von Humboldt, 17. 3. 1832)

„Am sorgfältigsten verbarg ich ihm [Herder – 1770/71] das Interesse an gewissen Gegenständen, die sich bei mir eingewurzelt hatten und sich nach und nach zu poetischen Gestalten ausbilden wollten. Es war Götz von Berlichingen und Faust. […] Die bedeutende Puppenspielfabel des andern [Faust] klang und summte gar vieltönig in mir wider. Auch ich hatte mich in allem Wissen umhergetrieben und war früh genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen worden. Ich hatte es auch im Leben auf allerlei Weise versucht, und war immer unbefriedigter und gequälter zurückgekommen. Nun trug ich diese Dinge, sowie manche andre, mit mir herum und ergetzte mich daran in einsamen Stunden, ohne jedoch etwas davon aufzuschreiben.“ („Dichtung und Wahrheit“, 10. Buch, 1812; HA Bd. 9, S. 413 f.)

Ende 1774: Goethe liest Bekannten aus dem „Faust“ vor, auch 1775 in Weimar.

1775/76 Das Hoffräulein Luise von Göchhausen leiht sich Goethes Faust-Handschrift aus und schreibt sie ab; diese Abschrift wurde 1887 entdeckt und „Urfaust“ genannt.

1787 Goethe berichtet aus Rom dem Herzog von seinem Plan, im nächsten Jahr „Faust“ auszuarbeiten.

1788 Goethe macht einen Plan zu „Faust“, arbeitet einige Szenen aus.

1790 Zur Ostermesse erscheint „Faust. Ein Fragment“.

1797 Schiller treibt zur Arbeit am „Faust“ an. „Zueignung“ wird am 24. 6. fertig; Goethe schreibt an Schiller: „[Ich] bereite mir einen Rückzug in diese Symbol-, Ideen- und Nebelwelt mit Lust und Liebe vor.“ Am 5. 7. schreibt er an Schiller, er habe „Faust“ zurückgelegt, „doch habe ich das Ganze als Schema und Übersicht sehr umständlich durchgeführt“.

1798 Goethe arbeitet an „Faust“. Er schreibt am 5. 5. an Schiller: „Einige tragische Szenen waren in Prosa geschrieben, sie sind durch ihre Natürlichkeit und Stärke, in Verhältnis gegen das andere, ganz unerträglich. Ich suche sie deswegen gegenwärtig in Reime zu bringen, da denn die Idee wie durch einen Flor durchscheint, die unmittelbare Wirkung des ungeheuern Stoffes aber gedämpft wird.“

1801 Schiller bewegt den Verleger Cotta, Goethe mit einem guten Honorar zur Vollendung des „Faust“ anzutreiben.

„Schluß von Fausts I. Teil.“ (Goethe, Tagebuch 13. 4. 1806)

Zur Ostermesse 1808 erscheint „Faust. Eine Tragödie“ als Band 8 von „Goethe’s Werke“ im Verlag Cotta (heute als „Faust I“ bezeichnet).

„[Der Schauspieler] Wolf und Riemer machten einen Plan zur Aufführung des Faust, wodurch der Dichter verleitet ward mit diesem Gegenstand sich abermals zu beschäftigen, manche Zwischenszenen zu bedenken, ja sogar Dekorationen und sonstiges Erfordernis zu entwerfen.“ (Goethe: Tag- und Jahreshefte, für November 1812) Die Aufführung kam nicht zustande.

Goethes Briefe und Tagebücher sind nach „Zeugnisse zur Entstehungsgeschichte“ zitiert: Johann Wolfgang Goethe. Faust. Text. Herausgegeben von Albrecht Schöne. Deutscher Klassiker Verlag: Frankfurt am Main 1999 (4. Auflage), S. 755 ff.

1. Phase: Urfaust (1775 – die Verszahlen beziehen sich auf die Fassung von 1808)

Nacht (V. 354-597, 602-605)

Mephisto und Schüler (V. 1868-2050)

Auerbachs Keller (Prosa)

Straße (V. 2605-2677)

Abend. Zimmer (V. 2678-2804)

Allee (= Spaziergang, V. 2805-2864)

Der Nachbarin Haus (V. 2865-3024)

Straße (V. 3025-3072)

Garten (V. 3073-3148, 3153-3204)

Gartenhäuschen (V. 3205-3216)

Gretchens Stube (V. 3374-3413)

Marthens Garten (V. 3414-3543)

Am Brunnen (V. 3544—3586)

Zwinger (V. 3587-3619)

Dom (V. 3776-3834)

Nacht (V. 3620-3645, 3650-3659, 3342-3369)

Trüber Tag. Feld (Prosa)

Nacht. Offen Feld (V. 4399-4404)

Kerker (Prosa)

2. Phase: Fragment (1790 veröffentlicht)

Nacht

Studierzimmer II (V. 1770-1850, 1851-1867 + „Mephisto und Schüler“)

Auerbachs Keller (V. 2073-2336)

Hexenküche (V. 2337-2604)

Straße

Abend. Zimmer

Spaziergang

Der Nachbarin Haus

Straße

Garten

Gartenhäuschen

Gretchens Stube

Marthens Garten

Am Brunnen

Wald und Höhle (V. 3217-3373, davon 3342-3369 alt)

Zwinger

Dom

Nacht

Trüber Tag. Feld (Prosa)

Nacht. Offen Feld

Kerker (Prosa)

3. Phase: Faust (I, 1808)

Zueignung (V. 1-32)

Vorspiel auf dem Theater (V. 33-242)

Prolog im Himmel (V. 243-353)

Nacht (+ V. 598-601, 606-807)

Vor dem Tor (V. 808-1177)

Studierzimmer I (V. 1178-1529)

Studierzimmer II (+ V. 1530-1769)

Auerbachs Keller

Hexenküche

Straße

Abend. Zimmer

Spaziergang

Der Nachbarin Haus

Straße

Garten (+ V. 3149-3152)

Gartenhäuschen

Wald und Höhle

Gretchens Stube

Marthens Garten

Am Brunnen

Zwinger

Nacht (+ V. 3646-3649, 3660-3775)

Dom

Walpurgisnacht (V. 3835-4398)

Trüber Tag. Feld (Prosa)

Nacht. Offen Feld

Kerker (V. 4405-4612)

Legende: Was jeweils gegenüber der (oder den) vorhergehenden Fassung(en) neu ist, ist blau markiert; was von Goethe umgestellt (oder verändert) worden ist, ist unterstrichen. Die durchgestrichenen Szenen fehlen im Fragment.

Text des Urfaust: http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Goethe/goe_uf00.html oder

http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Dramen/Faust+%5Bin+ursprünglicher+Gestalt%5D/%5BStücktext%5D

Text von „Faust. Ein Fragment“: http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Goethe/goe_ff00.html

Text des „Faust“: http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Dramen/Faust.+Eine+Tragödie

http://www.anja-adrian.de/downloads/faust.pdf (Auswertung der Textgeschichte)

http://www.scribd.com/doc/21705231/Seminar-Entstehungsgeschichte-Faust (ähnlich)

http://www.klett.de/sixcms/media.php/229/faust2.pdf (die Figur Faust)

http://www.landestheater-detmold.de/fileadmin/theaterpaedagogik/Mappen/Materialmappe_Urfaust.pdf (kurz S. 15, Stoffgeschichte S. 7 ff.)

http://www.mobilestheaterspunk.de/site/wp-content/uploads/entstehungsgeschichte_doktor_faust_puppenspiel.pdf  (zum Puppenspiel)

http://de.wikipedia.org/wiki/Fauststoff (Fauststoff)

http://www.mydarc.de/dk5gt/Referate/Der%20Fauststoff%20in%20der%20Literatur.pdf (Fauststoff)

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/faust.htm (ebenso)

http://www.heim2.tu-clausthal.de/~kermit/faust.shtml (Tabelle zur Stoffgeschichte, mit Bildern)

http://www.peter-matussek.de/Pub/A_09.pdf (Artikel über „Faust“ von P. Matussek))

—– Vgl. zu „Faust I“ auch noch

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-magie/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-faust-und-hiob/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-pakt-und-wette-verlauf-und-funktion/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-aufbau-der-gretchenhandlung/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/02/goethe-faust-i-motiv-weben/

https://norberto42.wordpress.com/2011/10/30/lieder-und-chore-in-faust-i/

https://norberto42.wordpress.com/2011/02/01/h-a-korff-uber-das-drama-des-sturm-und-drang-und-goethes-faust/

https://norberto42.wordpress.com/2012/03/10/goethe-faust-i-erste-analysen/

4 thoughts on “Goethe: Faust I – Entstehung, Geschichte des Textes

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